
Es gibt Orte, die mehr sind als bloße Schauplätze. Sie sind Knotenpunkte einer Ära, Erinnerungsorte, an denen Geschichte greifbar wird. Die Druckerei Dressler in Berlin-Kreuzberg war so ein Ort. Hier, auf einem Hinterhof zwischen Hausbesetzern, entstand nicht nur die von mir gegründete Schülerzeitung „Grotesk“ in der Oberstufe, sondern auch die legendären Bände des Merve-Verlags. Beide Projekte verbanden mehr als der Produktionsort: der Geist der Subversion, die Lust am Experiment, der Mut zum Neuen.
Dressler: Wo Subversion Gestalt annahm
In den 1970er Jahren war Dressler nicht nur eine Druckerei, sondern ein Mikrokosmos der Berliner Gegenkultur. „Hier zu drucken, war eine bewusste Entscheidung“, erinnerte sich Peter Gente. „Es war ein Ort, der die Energie unserer Zeit einfing.“ Die Druckmaschinen ratterten im Rhythmus des intellektuellen Aufbruchs. Bücher, die bei Dressler entstanden, waren Manifestationen eines Denkens, das sich nicht an Konventionen hielt.
„Wir wollten keine glatten Produkte, sondern Werkzeuge“, sagte Gente. Diese Werkzeuge sollten Lesende ermutigen, ihre Wahrnehmung zu erweitern. „Wir waren nie darauf aus, Antworten zu liefern. Unsere Bücher sollten Fragen stellen.“
Mitten hinein: Der Sprung ins Denken
Der Merve-Verlag wurde zu einer Denkbewegung. Gente und seine Partnerin Heidi Paris schufen keinen Verlag im traditionellen Sinne, sondern ein Laboratorium. „Wir haben uns nie als Verleger gesehen“, so Gente. „Wir waren Leser, die das teilen wollten, was uns begeisterte.“ Und diese Begeisterung war grenzenlos: von Foucault über Deleuze bis hin zu Cage und Barthes. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Wir hatten keine Ahnung, ob das irgendjemand lesen wollte.“
Der Stil über die Wahrheit
Für Gente war Stil alles. „Die Frankfurter Schule hatte ihre Wahrheiten. Wir hatten unseren Stil.“ Der Verlag stand im Gegensatz zu den Dogmen und Absolutheitsansprüchen, die viele intellektuelle Diskurse prägten. „Es ging uns nicht darum, recht zu haben. Es ging uns darum, zu inspirieren.“ Diese Haltung zog sich durch das gesamte Programm des Verlags: von den Themen bis zur Gestaltung der Bände.
Eine andere Position: Nicht normativ, sondern deskriptiv
„Wir wollten keine neuen Normen schaffen“, erklärte Gente, „sondern die Welt beschreiben, wie sie ist.“ Diese deskriptive Offenheit stand im Kontrast zur Frankfurter Schule, die Merve als normativ und moralisierend empfand. „Wir hatten kein Interesse daran, Lehrmeister zu sein. Wir wollten Möglichkeiten aufzeigen.“
Kunst als Werkzeugkasten
Der Merve-Verlag erweiterte den Begriff der Kunst. „Für uns war Kunst nicht abgeschlossen. Sie war dynamisch, offen, lebendig“, so Gente. Die Merve-Bände waren keine Monografien, sondern Werkzeugkästen. „Wir wollten, dass unsere Bücher benutzt werden, um neue Perspektiven zu entwickeln.“ Ob Goya, Kandinsky oder Kippenberger – Merve verband Kunst mit Theorie, Leben mit Denken.
Ein Ort der Beziehungen
Merve war nicht nur ein Verlag, sondern ein Netzwerk. „Wir waren Teil der Szene“, erinnerte sich Gente. „Wir kannten unsere Autoren persönlich, diskutierten mit ihnen, stritten mit ihnen.“ Diese Nähe prägte die Veröffentlichungen. Foucault, Deleuze und Guattari waren nicht nur Namen auf Buchdeckeln, sondern Teil eines lebendigen Dialogs.
Die Einladung: Springt mitten hinein!
Der Merve-Verlag bleibt ein einzigartiges Kapitel der deutschen Verlagsgeschichte. Seine Bände sind mehr als Bücher; sie sind Artefakte einer Zeit, die das Denken feierte. „Wir wollten keine Leser haben, die uns zustimmen“, sagte Gente. „Wir wollten Leser, die mit uns streiten.“
Peter Gente und Heidi Paris hinterließen kein starres Vermächtnis, sondern eine Einladung. Mitten hinein zu springen, zu experimentieren, zu fragen. Denn nur so bleibt Denken lebendig.
Lektüreempfehlung ganz klar: Philip Felsch, Der lange Sommer der Theorie, Geschichte einer Revolte 1960 – 1990.

