
Die Trümmer der Nachkriegszeit erzählen eine Geschichte von Verlust und Aufbruch, und Jutta Sohn, geboren 1930, wuchs inmitten dieser Umbrüche heran. Berlin war zerstört, das Leben hart. „Man nahm, was übrig war“, sagte sie später und erinnerte sich daran, wie sie gemeinsam mit anderen Holzreste aus zerbombten Häusern sammelte, um wenigstens ein wenig Wärme in den eisigen Wintern zu haben. Es war ein Überlebenskampf, aber auch eine Schule des Pragmatismus, die sie prägte.
„Die Volksschule reichte aus, dann kam die Arbeit“, erzählte sie trocken, als sei das alles, was zählte. Doch ihre Ausbildung beim „Telegraf“, einer SPD-nahen Tageszeitung, war mehr als nur Pflicht. Sie war der Einstieg in eine Welt der Organisation, der klaren Worte und der Entschlossenheit, Dinge zu bewegen.
Das Gespräch um die Lehrstelle war kein leichtes. Es waren zwei Chefs, bei denen sie darauf drängte, angenommen zu werden. „Ich habe die Chefs mit meinen blauen Augen überzeugt“, lachte sie verschmitzt, „dabei war ich einfach nur hartnäckig.“ Sie nannte die beiden mit einem Augenzwinkern „Osho“ und „Asho“ – Spitznamen, die aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen entstanden. Diese Hartnäckigkeit wurde ihr Markenzeichen. Ob in ihrer Ausbildung oder später im Berufsleben beim Deutschen Gewerkschaftsbund, sie zeigte, dass Beharrlichkeit manchmal wichtiger war als große Worte. Diese Eigenschaft begleitete sie, als sie Jahre später zusammen mit ihrem Mann Dieter in der Kleingartenkolonie Friedland III einen historischen Kampf führte.
Widerstand im Grünen
Die 1980er Jahre brachten die Bundesgartenschau nach Berlin. Der Britzer Garten sollte ein Aushängeschild werden, ein Ort der Erholung für die breite Bevölkerung. Doch das bedeutete, dass viele Kleingartenkolonien weichen sollten. Auch Friedland war bedroht. „Sie wollten unsere Gärten plattmachen“, sagte Jutta später mit fester Stimme. „Aber wir haben uns das nicht gefallen lassen.“
Was folgte, war eine orchestrierte Kampagne aus Briefen, Demonstrationen und symbolischen Aktionen. „Wir haben Kohlköpfe verschenkt, riesige Kohlköpfe“, erinnerte sie sich mit einem Anflug von Stolz. Der Kohl war ein Statement, eine Mischung aus Humor und Protest. „Die Politiker wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Manche haben gelacht, andere haben uns ernst genommen. Aber sie haben uns gehört.“
Neben den symbolischen Aktionen wurde auch strategisch gearbeitet. Ihr Mann Dieter leitete die Aktionen, während Jutta nachts Briefe tippte. „Ich habe im Büro vom Auto Club Europa (ACE) gearbeitet und die Schreibmaschine genutzt, wenn alle anderen weg waren. Niemand hat es gemerkt.“
Die Proteste gipfelten in einem Autokorso, der durch die Straßen Berlins zog. Hupende Autos, Schilder mit Aufschriften wie „Rettet Friedland!“ und eine unerschütterliche Gemeinschaft – das war ihre Antwort auf die Bedrohung. „Wir waren nicht viele, aber wir waren laut und entschlossen“, sagte Jutta.
Ein Garten für die Gemeinschaft
Die Bemühungen trugen Früchte. Statt einer Abrissbirne kamen die Architekten, und gemeinsam wurde ein Konzept entwickelt, das den Britzer Garten und die Kleingärten miteinander verband. „Die Wege wurden breiter, es kamen Bänke, und die Menschen konnten endlich durch unsere Gärten spazieren“, erklärte Jutta. „Es war nicht nur ein Sieg für uns, sondern für alle Berliner.“
Die Bundesgartenschau 1985 wurde ein Erfolg, und Friedland III, die Kolonie von Jutta und Dieter, spielte eine zentrale Rolle. „Wir hatten einen Biergarten, haben Kaffee und Kuchen verkauft und sogar Erbsensuppe gekocht“, erzählte sie mit einem Lächeln. „Die Vereinskasse war noch nie so gut gefüllt wie damals.“
Doch es war nicht nur das Geld, das zählte. Es war das Gefühl der Gemeinschaft, das durch den Kampf entstanden war. „Wir haben gezeigt, dass man zusammen stark ist. Und das ist eine Lektion, die ich nie vergessen werde“, sagte sie.
Die Erinnerung bleibt
Heute sind die Spuren ihres Einsatzes noch immer sichtbar. Die Wege, die Bänke, die offenen Tore – all das erzählt von einem Kampf, der mehr war als nur der Erhalt eines Gartens. Es war ein Kampf um Respekt, um Gemeinschaft und darum, gehört zu werden.
„Ein Baum für Dieter“, murmelte sie leise, als sie auf den kleinen See im Britzer Garten blickte. Dieser Baum, der einst als Dank gepflanzt werden sollte, kam nie. Doch in ihren Augen war das nicht wichtig. Der wahre Dank lag in den Erinnerungen, die sie teilte, und in den Spuren, die sie hinterließ. „Vielleicht pflanzen wir ihn selbst. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir etwas auf unsere Weise machen.“
So bleibt Jutta Sohn nicht nur eine Stimme der Kleingärtner, sondern ein Symbol dafür, dass selbst die kleinsten Stimmen Großes bewirken können. Ihr Leben, voller Tatkraft und Wärme, zeigt, dass Widerstand nicht immer laut sein muss, aber immer entschieden.

