
Was tun mit einem Vortrag, der sich in einer Melange aus kirchenväterlicher Theologie, technikpessimistischer Prophetie und poetischem Pathos selbst vergöttert? Jan Juhani Steinmanns Vortrag „Techne und Theosis“ auf der Tagung der Ernst und Friedrich Jünger Gesellschaft in Bad Saulgau ist ein Exzess, nicht in der von ihm beschworenen phänomenologischen Tiefe, sondern im Überschwang eines Denkens, das seine eigenen Prämissen mit Weihrauch bedampft. Die Rede vom drohenden Maschinenkrieg, von der Dehumanisierung der Jugend durch TikTok und von der Technik als dunklem Gott, der Mensch und Welt ins Inferno stößt – das alles riecht mehr nach stilisierter Untergangslust als nach ernsthafter Analyse.
Steinmanns Hauptbezugspunkt, Friedrich Georg Jünger, wird dabei zur Projektionsfläche eines metaphysischen Kulturpessimismus gemacht, der heute vor allem eins leistet: Er entmündigt. Es ist kein Zufall, dass Steinmann in seinem Vortrag die steigende Suizidrate Jugendlicher in einem Atemzug mit Social Media nennt. Diese Kausalität zu behaupten, ohne differenzierte Studienlage, ist nicht nur unredlich, sondern gefährlich.
Man muss nicht Apologet des Silicon Valley sein, um zu sehen, dass hinter der digitalen Welt nicht nur Dämonen, sondern auch demokratische Potenziale schlummern. Wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen pointiert formulierte: Wer ständig von Manipulation durch Algorithmen spricht, setzt das mündige Subjekt außer Kraft. Wer das Subjekt zum willenlosen Objekt von TikTokisierung stilisiert, unterläuft den Geist der Aufklärung.
Die von Steinmann beschworene „Cyborgisierung“ des Menschen ist weniger Schicksal als Rhetorik. Das Bild vom Menschen, der sich nur durch Verschmelzung mit der Technik erhalten kann, ist eine Schimäre – ebenso wie der angeblich determinierte Weg in die Selbstzerstörung. Was uns hier begegnet, ist die theologisch grundierte Fortschrittsangst einer gebildeten Elite, die ihre kulturelle Deutungsmacht schwinden sieht. Und genau da greifen die Schimären: Wo das Elitäre in der Pose der Weltdeutung verharrt, verliert es seine Welthaltigkeit.
In Wahrheit ist die Technik nicht der neue Gott – sie ist Werkzeug, ambivalent wie der Mensch, der sie benutzt. Und mit ihr lassen sich Bildungsbarrieren überwinden, wie der Physiker und Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke schon vor Jahrzehnten erkannte. Künstliche Intelligenz kann Kindern aus Berlin-Neukölln Perspektiven eröffnen, die bisher den Söhnen aus Blankenese vorbehalten waren. Das ist keine Theosis, das ist praktische Aufklärung.
Steinmanns Geste der Weltüberhöhung ist auch deshalb problematisch, weil sie keinen Ausweg kennt außer Poesie und Sakralisierung. Doch wo bleibt die Politik? Wo das Institutionelle, das Alltägliche, das Normative? Der Mensch, den Steinmann beschwört, ist ein Monolith aus Idealität – er geht unter, sobald er in der Welt handelt.
Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die Apokalyptiker mit ihren Exzessszenarien, auf der anderen Seite die leisen Revolutionen der Lernmaschinen, die nicht in die Hölle führen, sondern aus den Klassenschranken hinaus. Vielleicht ist das die eigentliche Provokation für eine Denkschule, die sich im Hochton der Klage gefällt: Dass Technik nicht zur Dehumanisierung führt, sondern zur Entprovinzialisierung.
Wir sollten die Poesie der Autonomie zurückfordern, wie Pörksen sie einmahnt. Nicht in Form eines Gedichts über Dantes Höllentor, sondern als nüchternes Recht auf Zukunft, unabhängig von Herkunft und Habitus. Die Schimären der Eliten leben vom Nebel. Es wird Zeit, dass wir das Licht einschalten.
Kleiner lyrischer Exkurs:
Steinmanns Gedicht am Ende seines Vortrages ist ein bemerkenswertes Stück – allerdings weniger wegen seiner literarischen Qualität als wegen seiner Funktion im Vortrag. Es trägt den Titel „Dantes Höllentor“, und was sich darin entfaltet, ist ein exaltierter, rhythmisch zersplitterter, fast rauschhaft-visionärer Text, der sich irgendwo zwischen postapokalyptischem Oratorium und sprechender Parabel auf die Weltmaschine bewegt.
Formal erinnert das Gedicht an eine Mischung aus Dadaismus, Lautpoesie und einem expressionistischen Nachhall Hölderlins oder Trakls – allerdings ohne deren sprachliche Ökonomie oder Tiefe. Man kann das Ganze als lyrische Überspitzung der zuvor entworfenen Technik-Dystopie lesen. Die Welt brennt, zerschellt, explodiert. Maschinenleiber, Ascheregen, Bombenkot. Der Mensch wird zum Geopferten der eigenen Hybris. Was uns hier begegnet, ist eine Endzeitliturgie, in der Sprache selbst zerspringt – als wäre ihre Form dem Inhalt nicht mehr gewachsen.
Aber gerade darin liegt das Problem. Das Gedicht soll das Unsagbare zeigen, bleibt dabei aber in einem Bildrausch stecken, der kaum mehr transportiert als: Alles ist verloren. Diese Ästhetik des Totalverlusts ist stilistisch ambitioniert, aber inhaltlich redundant – sie wiederholt in dunklerer Tonart, was Steinmann zuvor schon im Vortrag behauptet hat.
Was hier ertönt, ist eine ästhetisch eskalierende Sinnflucht. Es ist ein Gedicht, das nichts erklärt, sondern sakralisiert – ganz im Sinne der „Theosis“, von der Steinmann spricht: Der Mensch möge im Angesicht der Technik nicht nur denken, sondern beten. Man könnte auch sagen: Er möge kapitulieren, aber bitte schön pathetisch.
Im Maschinenraum der Theosis
O du großer Prozessor,
der du bist im Server,
geheiligt werde dein Algorithmus.
Dein Ranking komme,
dein Wille geschehe
als Scroll auf Erden
wie im Feed.
Unsere tägliche Panik gib uns heute
und vergib uns unsere Daten,
wie auch wir vergeben unsern Influencern.
Denn dein ist die Plattform,
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