
Im Adenauerhaus in Berlin, der Zentrale der Christlich-Demokratischen Union, wo gewöhnlich über Parteiprogramme, Wahlstrategien und Zukunftskoalitionen gesprochen wird, klang an diesem Tag etwas anderes: Zukunft als Arbeitssystem, nicht als Schlagwort. Dominic von Proeck, Gründer von Leaders of AI, trat dort auf der Jahresversammlung des cnetz auf – jener Initiative, die seit Jahren versucht, digitale Vernunft mit politischem Gestaltungswillen zu verbinden.
Proeck sprach nicht über die nächste App, sondern über die nächste Organisationsform. Über ein Unternehmen mit zehn Menschen und mehr als fünfzig KI-Assistenten, die eigene Namen, Rollen und Zuständigkeiten tragen. Über einen digitalen Vorgesetzten, der andere KIs steuert. Über eine Arbeitsteilung, in der Maschinen nicht mehr bloße Werkzeuge sind, sondern strukturierte Mitspieler. „Prompting ist sowas von 2024“, sagte er. „Unsere KIs prompten sich längst selbst.“
Man kann das als Übertreibung lesen – oder als Versuch, die Gegenwart beim Schopf zu packen. Denn was Proeck vorführt, ist kein technischer Exzess, sondern ein ökonomisches Experiment: Wie lässt sich Wertschöpfung denken, wenn menschliche und maschinelle Intelligenz ineinander greifen?
Europa hat die Erzählung von der KI lange verschlafen. Während Amerika Plattformen baute und Asien Produktionsketten perfektionierte, diskutierte man hier über Regulierung und Risiko. Der Auftritt im Adenauerhaus zeigte, dass sich das Blatt wenden kann – wenn man begreift, dass Souveränität nicht im Verzicht liegt, sondern im Verständnis.
Proeck nutzt keine amerikanischen Modelle mehr, sondern europäische und deutsche Systeme – nicht aus Ideologie, sondern aus Pragmatismus. Er will die Wertschöpfung dorthin holen, wo sie politisch, kulturell und ökonomisch verankert werden kann: nach Europa. Das Ziel ist nicht, alles selbst zu entwickeln, sondern das Entscheidende zu behalten – Daten, Wissen, Prozesse. Wertschöpfung entsteht dort, wo Kompetenz und Kontrolle zusammenfallen.
In diesem Sinn ist sein Ansatz fast ordoliberal: Die Regeln, nicht die Player, sichern die Freiheit. Seine KI-Belegschaft arbeitet nach einem Prinzip, das an die soziale Marktwirtschaft erinnert – Kooperation unter klaren Bedingungen. Die Künstliche Intelligenz wird nicht zum Gegner des Menschen, sondern zu seinem produktiven Gegenüber.
Dass Proeck seinen Vortrag im Adenauerhaus hielt, ist symbolisch: Dort, wo einst über den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder gesprochen wurde, geht es heute um den Wiederaufbau einer digitalen Selbstständigkeit. Wenn Deutschland und Europa zum „KI-Anwendungsweltmeister“ werden wollen, dann nicht durch technologische Selbstüberschätzung, sondern durch institutionelle Klugheit. Wir müssen nicht alles erfinden, aber wir müssen wissen, was wir tun – und wem wir dienen, wenn wir es tun.
Proecks Modell ist dabei mehr als eine technische Spielerei. Es ist der Versuch, die alte Logik des „Arbeitnehmers“ und „Arbeitgebers“ in eine neue Dialektik von Mensch und Maschine zu überführen. Nicht Entlastung durch Automatisierung, sondern Erweiterung durch Kooperation.
Das ist die eigentliche Pointe seines Auftritts: Die Zukunft wird nicht von jenen gestaltet, die Künstliche Intelligenz programmieren, sondern von denen, die sie integrieren. Vom Mut, diese Systeme als Mitdenkende zu behandeln, hängt ab, ob Europa ein Akteur oder ein Zulieferer bleibt.
So endet dieser Berliner Nachmittag mit einem Satz, der weniger nach Technik als nach Verantwortung klingt:
„Wir brauchen keine KI, die uns ersetzt“, sagt Proeck. „Wir brauchen eine, die mit uns arbeitet.“
Man könnte hinzufügen: Wir brauchen eine Gesellschaft, die versteht, dass das eine politische Aufgabe ist – keine technische. Denn die Arbeitsteilung der Intelligenz entscheidet über nichts Geringeres als über die Zukunft unserer Wirtschaft.

