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Die Krankheit der Selbstoptimierung – Thema für die Zukunft Personal Nord in Hamburg #ZPNord

Man tritt hinaus ins Licht des frühen Vormittags, der Frühlingswind vom Hamburger Hafen her ist kühl, aber klar. Zwei Tage Zukunft Personal Nord stehen bevor. Eine Messe, die sich dem widmet, was man in den Führungsetagen „Human Resources“ nennt, was aber in Wahrheit oft nicht mehr ist als eine raffinierte Maschinerie zur Verarbeitung von Lebenszeit. Und es gibt da eine Krankheit, über die gesprochen werden muss. Nicht am Rande, sondern im Zentrum: Die Krankheit der Selbstoptimierung.

Es ist eine stille Krankheit, eine höflich auftretende Plage, deren Taktgeber nicht der Puls des Herzens, sondern die Pulsuhr ist. Kein Fieberthermometer, sondern die Schlaftracking-App entscheidet, ob wir ausgeruht sind. Kein Gespräch, keine Intuition, kein empathischer Blick – sondern Diagramme, Statistiken und Scores. Die Menschen, so scheint es, haben begonnen, sich selbst wie Maschinen zu behandeln. Und schlimmer noch: sie bauen an der Idee, dass sie als Maschine scheitern könnten. Ein schlechter Schlafwert, ein zu hoher Ruhepuls, ein verfehltes Schrittziel – und schon nagt die Angst am Morgen.

Der Sympathikus schlägt Alarm

„Darf ich da ein Beispiel aus unseren Kliniken bringen?“, fragte Fritjof Nelting, Geschäftsführer der Gezeiten Haus Klinik, während einer Paneldiskussion auf der Zukunft Personal Nord – und es war eines jener Beispiele, die haften bleiben. Nelting, der 2009 die Gezeiten Haus Akademie gründete und 2013 die erste Klinik in Bonn übernahm, leitet heute ein Klinikverbund mit vier Standorten und rund 400 Mitarbeitenden.

Er berichtete von Menschen, die sich regelmäßig und mit wachsender Panik ihren Blutdruck messen lassen wollen – aus Angst vor dem eigenen Körper. Sie stürmen die Treppen hinunter zum Pflegeteam, gehetzt, aufgeregt, das Herz rast, der Blutdruck steigt. Der Sympathikus, das Alarmsystem des Körpers, ist längst aktiviert. In solchen Momenten, sagt Nelting, sei es Aufgabe des Pflegepersonals, nicht zu messen – sondern zu raten: „Gehen Sie doch eine halbe Stunde in den Wald. Kommen Sie dann zurück. Dann schauen wir gern nochmal.“

Wenn Erwartung die Messung beeinflusst

Der Gedanke ist bestechend einfach – und radikal menschlich: Der Körper braucht keine dauerhafte Kontrolle, sondern Vertrauen. Denn das Tracken selbst erzeugt Erwartung. Und Erwartung beeinflusst die Werte. Wer ständig auf die Uhr schaut, wie hoch der Blutdruck ist, wie der Herzschlag steht, wie die Schlafqualität ausfiel – der erzeugt eine Spannung, die sich nicht mehr auflöst. Und diese Spannung, so Nelting, macht krank.

„Wir unterschätzen, wie sehr wir uns selbst unter Druck setzen“, warnt Nelting. Aus ambitionierten Menschen im Arbeitsleben, die alles im Griff haben wollen, werden Athleten der Selbstkontrolle – auch beim Sport, bei der Ernährung, selbst in der Meditation. Alles muss leistungsfähig sein. Selbst das Abschalten wird optimiert.

Vom Körper zur Karikatur

Was dabei entsteht, ist eine neue Form des Leidens: der hypochondrische Selbstoptimierer. Zwei Typen, so wurde diskutiert, treten besonders häufig auf: die einen, die alles tracken – Essen, Schritte, Herzfrequenz, Kalorien – und die anderen, die sich stundenlang durch Google-Analysen wühlen und bei jedem Zwicken den Krebs wittern. Eine digitale Melancholie, kalibriert auf die Angst vor dem Unvollkommenen.

Und genau hier öffnet sich der Abgrund: Menschen investieren ihre gesamte Energie nicht mehr in das Leben, sondern in die Aufrechterhaltung der Fassade. „Irgendwann“, so Nelting eindringlich, „geht es nur noch darum, halbwegs normal auszusehen – damit niemand merkt, wie schlecht es einem geht.“ Ein Satz, der tief trifft. Und an das Schicksal des Fußballers Robert Enke erinnert, ohne es direkt zu benennen.

Arbeitgeber im Dilemma – zwischen Gamification und Verantwortung

Was also tun? Unternehmen tragen Verantwortung – nicht nur als Arbeitgeber, sondern auch als Verstärker dieses Optimierungswahns. Doch es gibt Ansätze, die Hoffnung machen. So etwa in der Session „HR-Strategien für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz: Do’s and Don’ts“ (26. März, 12:00 Uhr, BBGM-Forum), wo Strategien vorgestellt werden, die nicht auf Kontrolle, sondern auf Unterstützung setzen.

Auch die Veranstaltung „Psychische GBU – Buch mit sieben Siegeln oder Erfolgsstrategie?“ (26. März, 10:40 Uhr, BBGM-Forum) will mit einem Image aufräumen: Die psychische Gefährdungsbeurteilung ist kein bürokratischer Fremdkörper, sondern – richtig verstanden – ein Weg, den Druck zu erkennen, bevor er krank macht.

Ein Vorschlag zum Schluss

Warum nicht das Smartband ablegen? Warum nicht dem Wald wieder mehr trauen als der Watch? Warum nicht dem Teamgeist mehr als der Challenge-App? Die Krankheit der Selbstoptimierung wird nicht durch bessere Technik geheilt, sondern durch einen Wechsel der Perspektive: vom Messen zum Vertrauen, vom Tracking zum Verstehen, vom ständigen „Höher, weiter, besser“ zum einfachen „Da sein“.

Denn, wie Fritjof Nelting sagte: „Wir haben noch nicht einmal begonnen, einen echten Gesundheitsstandard zu entwickeln – und sind schon mittendrin im Biohacking.“ Ein Satz, der mehr ist als eine Diagnose. Er ist ein Weckruf.

Zukunft Personal Nord, 26. und 27. März 2025 in Hamburg. Vielleicht ist es an der Zeit, dort nicht nach der nächsten Optimierung zu suchen – sondern nach dem, was wirklich fehlt: Maß, Miteinander und Mut zur Pause.

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