
Winfried Felser stellt uns vor eine Frage, die fast epischen Charakter hat: Ist der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, nur eine temporäre Anomalie, ein historischer Irrweg, der dringend reformiert werden muss? Oder verbirgt sich in ihm das Potenzial, sich zu transformieren, hin zu einer neuen DNA der Ökonomie? Felser spricht von einer „Kompetenten Netzwerk-Gesellschaft“, in der Egoismus und Altruismus nicht länger als Gegensätze gedacht werden, sondern harmonisch zusammenwirken. Er fordert, dass „Profit und Verantwortung, ROI und CSR“ in einem vernetzten, nachhaltigen Kontext neu ausbalanciert werden.
„Der kreative Kapitalismus à la Gates und Buffett ist ein erster Schritt, aber er bleibt an der Oberfläche“, sagt Felser. „Wir müssen weiterdenken. Mäzenatentum darf nicht der Zuckerguss auf einem maroden System sein. Es braucht eine grundlegende Neuausrichtung, eine DNA, in der Netzwerke, Kompetenz und Partnerschaftlichkeit zentral sind.“
Felser argumentiert, dass diese Kompetente Netzwerk-Gesellschaft nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und ökologische Probleme lösen könne. „Wir müssen lernen, jenseits von einfachen Gegensätzen zu denken: Freiheit versus Gerechtigkeit, Egoismus versus Altruismus. Diese Dichotomien sind überholt.“
Altmanns Vermächtnis und die Machtstrukturen von Netzwerken
Mein guter Freund Rüdiger Altmann, der langjährige Strategieberater von Ludwig Erhard, sprach in seinen Arbeiten oft über die Bedeutung von Ordnung und Struktur, ohne die Visionen in der Praxis scheitern. Altmann hätte vermutlich darauf hingewiesen, dass Netzwerke allein keine Garantie für Offenheit und Gerechtigkeit bieten. Seine Kritik an Machtkonzentration und intransparenten Entscheidungsprozessen könnte auch auf heutige Netzwerke zutreffen.
Ein passendes Beispiel für Altmanns Skepsis ist das von Christian Stegbauer in seiner Abhandlung „Wikipedia – Das Rätsel der Kooperation“ untersuchte Netzwerk. Wikipedia wird oft als Symbol für Schwarmintelligenz und Graswurzeldemokratie gesehen, doch Stegbauer zeigt auf, dass eine kleine Gruppe besonders aktiver Nutzer nicht nur die Hauptarbeit leistet, sondern auch die Richtung des Projekts bestimmt. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen‘ bleiben Probleme mit ‚schwierigen Personen‘, die dem Projekt nur schaden und daher ausgeschlossen werden“, schreibt Stegbauer. Diese Dynamik führe dazu, dass Neuankömmlinge es schwer hätten, in den inneren Kreis vorzudringen. „Statt ermüdender Diskussionen mit kritischen Geistern führt oft eine kleine Oligarchie-Clique, was in das Lexikon kommt und was nicht.“
Altmanns Denken hätte Stegbauers Analyse unterstützt: Netzwerke neigen zur Vereinsmeierei, wenn sie sich nicht bewusst gegen Exklusivität absichern. „Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind anstrengend“, hätte Altmann wohl gesagt, „und Netzwerke dürfen nicht zur Komfortzone für eine aktive Minderheit werden.“
Hans Albert: „Seien Sie skeptisch, Herr Felser!“
Hans Albert, der prominente Vertreter des kritischen Rationalismus, würde Felsers Konzept wohlwollend, aber mit deutlicher Skepsis betrachten. „Theorien sind immer Hypothesen. Ihre Stärke zeigt sich erst, wenn sie der Realität standhalten“, könnte Albert anmerken. Seine Wissenschaftstheorie mahnt uns, jede noch so verführerische Vision immer wieder zu hinterfragen.
Albert könnte einwenden: „Die Kompetente Netzwerk-Gesellschaft ist ein faszinierendes Konstrukt. Aber wie wollen Sie die Grenzen zwischen Vernetzung und Bürokratie ziehen? Wer bestimmt, welche Kompetenzen tatsächlich zählen und welche nicht? Und wie verhindern Sie, dass das Konzept zur Rechtfertigung alter Machtstrukturen wird, nur unter einem neuen Namen?“
Albert könnte auch kritisch fragen: „Herr Felser, Ihr Ansatz klingt oft so, als könnten Netzwerke allein das Problem lösen. Aber vergessen wir nicht: Auch das Internet, das wir als ultimatives Netzwerk feiern, hat zugleich Überwachungskapitalismus hervorgebracht.“
Felser im Kontext: Ein visionärer Denker, aber…
Felser selbst sieht die Kompetente Netzwerk-Gesellschaft als notwendige Antwort auf die systemischen Schwächen des gegenwärtigen Kapitalismus. „Ein System, das nur kurzfristige Gewinne maximiert, zerstört sich langfristig selbst“, erklärt er. Indirekt fordert er von uns, über die Verantwortung von Unternehmen neu nachzudenken: „Es geht nicht nur darum, Gewinne zu verteilen, sondern darum, die Art und Weise, wie Gewinne erzielt werden, grundsätzlich zu überdenken.“
Er insistiert darauf, dass Netzwerke nicht nur soziale Geflechte sind, sondern ökonomische und ökologische Machtstrukturen verändern können. „In einer vernetzten Gesellschaft“, sagt Felser, „zählt nicht mehr, wer die meisten Ressourcen kontrolliert, sondern wer sie am intelligentesten nutzt.“
Synthese: Eine Vision mit Hindernissen
Altmanns und Alberts Einwände zeigen die Schwächen von Felsers Konzept auf. Netzwerke allein garantieren keine Lösung; sie bedürfen einer sorgfältigen Gestaltung. Die Kompetente Netzwerk-Gesellschaft ist nicht automatisch ein Paradigmenwechsel, sondern könnte genauso gut zur Bestätigung bestehender Machtstrukturen werden.
Doch Felser gibt uns eine Richtung vor, die wir nicht ignorieren können: eine Wirtschaft, die Kompetenz, Verantwortung und Vernetzung als Grundlage hat. Der Weg dahin bleibt steinig. Wie Altmanns Werk zeigt, ist es die Kunst der Umsetzung, die Visionen Wirklichkeit werden lässt. Und wie Albert mahnt, bleibt die kritische Reflexion der beste Schutz vor Selbsttäuschung.

