
Es war einmal eine Öffentlichkeit, die war nicht perfekt, aber strukturiert. Es gab einen politischen Diskurs, es gab Deutungskämpfe, es gab Hierarchien der Relevanz. Die Medien – so beschreibt es Stephan Porombka – verstanden sich als „Beobachter der Macht“ und als „kritische Instanzen“, die durch das Einschleusen intellektueller Stimmen ein Stück utopischen Überschuss erzeugten. Doch diese Ordnung ist dahin. Heute leben wir im Zeitalter der vielen Öffentlichkeiten, verstreut über Plattformen, Filterblasen, Foren und Feeds – hyperpersonalisiert, emotionalisiert, algorithmisch sortiert.
Was Porombka 2017 noch tastend als neue Herausforderung beschrieb – die „rechte Öffentlichkeit“ als Produkt niedriger Eingangsschwellen im Netz –, hat sich längst als neue Normallage erwiesen. Es ist keine Episode, sondern eine epochale Verschiebung. Die Macht, Diskurse zu setzen, liegt nicht mehr bei Redaktionen oder Parlamente, sondern bei den Interaktionen von Usern, den Setzungen von Plattformarchitekturen und den maschinellen Feedback-Schleifen, die daraus entstehen.
Diese Entwicklung lässt sich mit einem medienarchäologischen Blick weiterführen: Öffentlichkeiten sind nie nur soziale Phänomene, sie sind auch technische Arrangements. Was früher die Zeitung war, ist heute der TikTok-Algorithmus. Die Theorie der öffentlichen Meinung – etwa bei Walter Lippmann – basierte auf dem Vertrauen, dass es eine gemeinsame Symbolwelt gibt, die durch journalistische Filterstrukturen geordnet wird. Diese Symbolwelt existiert nicht mehr. Was wir stattdessen haben, sind isolierte symbolische Feedback-Zellen, in denen sich Affekte zirkulieren, aber keine Argumente.
Die Logik hat sich verschoben: Öffentlichkeit ist kein Ort mehr, an dem gegensätzliche Meinungen aufeinanderprallen, sondern ein Raum, in dem Signale verstärkt werden – je nach viraler Tauglichkeit. Das Doppelte Meinungsklima (Noelle-Neumann) hat sich in ein unüberschaubares System multipler Mikroklimata aufgelöst. Jeder Nutzer ist sein eigener Sender, jede Äußerung ein potenzieller Trigger, jede Reaktion ein Datensatz für die nächste Entscheidung des Algorithmus.
Porombkas Hinweis auf das „dauerhafte Experimentieren“ – nicht nur im Bereich der Kunst, sondern in der gesamten politischen Kommunikation – gewinnt in dieser Logik eine neue Tiefe. Denn auch der Diskurs selbst ist experimentell geworden: nicht mehr als kohärenter Dialog, sondern als Aufeinanderprallen inkompatibler Frames, deren virale Relevanz den Diskurswert ersetzt.
Was folgt daraus? Vielleicht eine Wiederbelebung der politischen Theorie mit medientechnischer Sensibilität. Vielleicht ein neues Verständnis von Öffentlichkeit – nicht mehr als Agora, sondern als Rechenvorgang. Vielleicht aber auch nur die Einsicht, dass wir uns nicht mehr in einem demokratischen Diskursraum befinden, sondern in einem performativen Ökosystem, in dem Affekte, Identitäten und Codes zirkulieren – und wo der Begriff „Meinung“ seine Form, nicht aber seine Wirkung verloren hat.
Porombkas Aufruf, Begriffe „feiner zu schleifen“, ist somit nicht nostalgisch, sondern revolutionär. Wer Sprache präzise halten will, muss heute nicht nur politisch argumentieren, sondern auch technisch denken. Nur wer versteht, wie Öffentlichkeiten programmiert werden, kann sie auch wieder gestalten. In diesem Sinne beginnt der demokratische Kampf der Gegenwart nicht in Talkshows oder Leitartikeln – sondern im Code.
Weiterentwicklung meiner Gedanken zum gestrigen Posting: https://ichsagmal.com/die-gekaperte-utopie-macht-plattformen-und-der-rueckschritt-im-fortschritt/
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