
Es gibt eine besondere Spezies in der politischen Debatte: die Ex-post-Schlaumeier. Jene, die nach jeder historischen Zäsur aus ihren Büros und Twitter-Blasen kriechen, sich das Jackett zurechtzupfen und verkünden: „Genau so habe ich es vorhergesagt!“ Nur dummerweise finden sich in ihren alten Interviews und Artikeln oft andere Aussagen – manchmal sogar das exakte Gegenteil.
2014, als Putin die Krim annektierte, war die Ukraine für sie noch ein zerrissenes Land, das sich am besten selbst zerlegen sollte, um den „Konflikt zu entschärfen“. Heute verkünden dieselben Stimmen mit professoraler Strenge, dass es ein fataler Fehler war, Europa nicht rechtzeitig auf eine militärische Konfrontation mit Russland vorzubereiten.
https://twitter.com/berthoppe/status/1899170766400208998
Blöd nur, dass die Archive das Gegenteil belegen.
Hinterher ist man immer klüger – oder tut zumindest so
Es sind dieselben Leute, die jahrelang in Talkshows dozieren durften, dass Putin ein rational kalkulierender Staatsmann sei, mit dem man verhandeln könne. Dass Wandel durch Handel keine schlechte Strategie sei. Dass Aufrüstung eine Eskalation darstelle, während diplomatische Zurückhaltung „deeskalierend“ wirke.
Und als die Panzer über die Grenze rollten?
Als Putins Drohkulisse zu mörderischer Realität wurde?
Da kamen sie aus ihren Löchern und erklärten uns, dass sie es immer schon gewusst hätten.
Das Problem ist nur: Andere haben es wirklich gewusst.
Der Unterschied zwischen Irrtum und Heuchelei
Ich selbst habe mich 2022 geirrt – und es sofort eingeräumt. Am 25. Februar 2022, einen Tag nach Putins berüchtigter Rede, schrieb ich: „Sorry für meine Fehleinschätzung: Ich hatte Putin noch ein Stückchen KGB-Ratio zugetraut – was bin ich doch für ein naiver Trottel.“
Öffentlich, klar, ohne Relativierungen. Weil Erkenntnis bedeutet, Irrtümer zuzugeben. Weil es nichts bringt, aus falsch verstandener Eitelkeit an alten Analysen festzuhalten, die die Realität widerlegt hat.
Andere waren klüger. Walter Kohl, zum Beispiel, der früh die Zeichen der Zeit erkannte. Der verstand, dass Putin kein normaler Staatsmann, sondern ein Autokrat mit imperialen Ambitionen ist. Dass die deutsche Naivität gegenüber dem Kreml nicht nur wirtschaftlich, sondern sicherheitspolitisch ein Desaster war.
Die ewige Rückwärts-Weisheit
Doch die Ex-post-Schlaumeier ticken anders. Sie haben nie geirrt – weil sie sich nie festgelegt haben.
Ihre Analysen sind stets flexibel genug, um nachträglich passend gemacht zu werden. Und wenn jemand sie an ihre alten Aussagen erinnert? Dann war das alles „missverständlich formuliert“, „aus dem Kontext gerissen“, „eigentlich ganz anders gemeint“.
Dabei wäre es so einfach:
- Einsehen, dass man sich geirrt hat.
- Daraus lernen.
- Beim nächsten Mal mit mehr Demut an die Sache herangehen.
Doch das wäre ja fast schon Wissenschaftlichkeit.
Und die liegt den Ex-post-Schlaumeiern einfach nicht im Blut.

