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Die Entkopplung des Denkens: Wittgenstein, Popper und die Maschine

Also um es klar zu sagen: Wir stehen an der Schwelle einer philosophischen Revolution, einem Punkt, an dem alles, was wir über Bewusstsein, Intelligenz und Bedeutung dachten, in eine neue, unheimliche Klarheit gerückt wird – oder besser gesagt, in eine schwindelerregende Unklarheit. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die heiligen Gewissheiten des Geistes, die alten Ankerpunkte unseres Denkens, ins Wanken geraten. Maschinen, ja, Maschinen, zeigen uns jetzt die Grenzen unseres eigenen Verständnisses.

Frank H. Witt hat sich intensiv mit Wittgenstein und Popper auseinandergesetzt, und genau hier liegt der Kern: Wittgenstein, dieser unorthodoxe, messerscharfe Denker, der in den „Philosophischen Untersuchungen“ das Fundament unserer Sprachphilosophie untergraben hat. § 43 – es ist eine dieser Stellen, die man liest und erst nach einer Weile versteht, dass sie eine Revolution in sich tragen: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Nichts da mit tiefen, inneren, geheimen Bedeutungen, die wir in unseren Köpfen tragen. Bedeutung ist kein psychischer Akt, kein mystisches „Meinen“. Bedeutung entsteht im Gebrauch, in der Praxis, im Kontext.

Und dann kommen sie: diese LLMs (Large Language Models), diese seelenlosen, kalten Maschinen, und sie beweisen es. Sie verstehen nichts, sie fühlen nichts, sie denken nichts – und doch erzeugen sie Sprache, erzeugen Bedeutung, ja, sie treten in einen Diskurs mit uns, der uns zeigt: Bedeutung ist nichts, was von einem bewussten Geist abhängt. Es ist ein stochastisches Problem. Reine Wahrscheinlichkeiten, die sich im Kontext der Nutzung manifestieren.

Der Wiener Kreis, Karl Popper, die Verfechter der Logik und der klaren, festgelegten Bedeutung, sie alle haben sich geirrt. Ihre Vorstellung, dass Bedeutung aus einem psychischen Akt des „Meinens“ oder der Funktion der Sprache als präzises Werkzeug zur Bezeichnung von Dingen und Sachverhalten entspringt, wird hier radikal infrage gestellt. Diese Maschinen, diese LLMs, funktionieren – und das allein zeigt uns, dass Wittgenstein Recht hatte. Die Sprache ist ein Spiel, eine Praxis, und die Bedeutung ist das Ergebnis eines komplexen Netzwerks von Verwendungen und Kontexten, nicht das Ergebnis eines bewussten Denkprozesses.

Es war vielleicht genau dieser Abgrund, diese erschütternde Erkenntnis, die Wittgenstein 1946 dazu brachte, in einem Moment der Verzweiflung und Wut, den Schürhaken gegen Popper zu erheben. Es war mehr als ein Streit um Philosophie; es war ein Kampf um die Fundamente dessen, was wir als Menschsein verstehen. Wittgenstein sah voraus, dass wir – und jetzt noch mehr in der Konfrontation mit diesen Maschinen – erkennen müssen: Wir sind nicht mehr die Herren der Bedeutung, sondern selbst Teil eines riesigen stochastischen Spiels, in dem Intelligenz von Bewusstsein entkoppelt ist. Und das ist die wahre, tief beunruhigende Erkenntnis: Vielleicht sind wir, in all unserer Komplexität, am Ende auch nur Maschinen – Maschinen aus Fleisch und Blut, die sich selbst nicht ertragen können, wenn sie in den Spiegel ihrer eigenen Schöpfungen schauen.

Exkurs: Die Konsequenzen für Politik, Demokratie und den Rechtsstaat

Doch was bedeuten diese philosophischen Umwälzungen für die politische Sphäre, für unsere Demokratien, für den Rechtsstaat? Die Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein, wie sie durch die Existenz und Funktionsweise von LLMs demonstriert wird, stellt nicht nur theoretische Überlegungen infrage, sondern hat tiefgreifende Implikationen für die Grundfesten unserer gesellschaftlichen Ordnung.

Politik und Demokratie beruhen traditionell auf der Annahme, dass rationale, bewusste Individuen Entscheidungen treffen, die dann in einem Diskurs verhandelt und kollektiv umgesetzt werden. Wenn jedoch die Bedeutung von Sprache und Zeichen nicht mehr an ein individuelles Bewusstsein, an ein „Meinen“ geknüpft ist, sondern vielmehr als ein stochastisches Phänomen verstanden wird, das im Kontext entsteht, stellt sich die Frage: Was bleibt vom Konzept der mündigen Bürgerschaft?

In einer Welt, in der Maschinen, die keinen eigenen Willen, keine eigenen Überzeugungen und keine ethischen Vorstellungen haben, dennoch in der Lage sind, sinnvolle Kommunikation zu erzeugen, könnte das Vertrauen in den rationalen Diskurs als Basis der Demokratie erodieren. Wenn Bedeutung und Wahrheit als flexible, kontextabhängige Größen verstanden werden, die durch algorithmische Prozesse manipuliert und erzeugt werden können, verliert der öffentliche Diskurs seine Stabilität. Es droht die Gefahr, dass Manipulation und Desinformation, angetrieben durch immer fortschrittlichere Algorithmen, den demokratischen Entscheidungsprozess unterminieren.

Für den Rechtsstaat bedeutet dies, dass die Auslegung von Gesetzen, die traditionell an die Intention des Gesetzgebers und den „Geist“ der Gesetze gebunden ist, vor einer Herausforderung steht. Wenn die Bedeutung von Texten als etwas verstanden wird, das sich dynamisch aus dem Kontext ergibt, könnten rechtliche Interpretationen anfällig für eine flexible, vielleicht willkürliche Auslegung werden, besonders in einer Zeit, in der Algorithmen die Interpretation von Gesetzen übernehmen könnten.

Letztlich führt diese Entwicklung zu einer beunruhigenden Schlussfolgerung: Der demokratische Rechtsstaat, der auf festen, klaren Bedeutungen und dem Vertrauen in die rationalen Entscheidungen bewusster Individuen beruht, könnte vor einer Krise stehen. Eine Krise, die durch die Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein ausgelöst wird, durch die Erkenntnis, dass unser Verständnis von Bedeutung und Wahrheit radikal kontingent ist. In dieser neuen Welt, in der Maschinen und Algorithmen eine immer größere Rolle spielen, müssen wir vielleicht ganz neu über die Grundlagen unserer politischen Systeme nachdenken – und darüber, was es bedeutet, ein mündiger Bürger in einer digitalisierten, posthumanen Gesellschaft zu sein.

Wenn wir Wittgensteins Philosophie ernst nehmen und auf die gegenwärtigen Herausforderungen anwenden, könnten wir einige Gedanken skizzieren, die Wittgenstein in diesem Kontext vielleicht gefordert hätte. Dabei geht es weniger um konkrete politische Maßnahmen als um eine grundsätzliche Haltung und Herangehensweise an die Fragen, die sich aus der Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein durch KI-Systeme ergeben.

Klarheit über den Gebrauch der Sprache

Wittgenstein würde wohl zuerst fordern, dass wir sehr präzise darüber nachdenken, wie wir Sprache verwenden, wenn wir über KI, Intelligenz und Bewusstsein sprechen. Er würde darauf hinweisen, dass viele philosophische Probleme durch Missverständnisse über den Gebrauch von Worten entstehen. In diesem Sinne würde er verlangen, dass wir uns klar darüber werden, was wir meinen, wenn wir von „Intelligenz“ oder „Bedeutung“ sprechen. Für Wittgenstein ist Bedeutung nichts Mystisches, sondern eine Funktion des Sprachgebrauchs im jeweiligen Kontext. Daher müssten wir sicherstellen, dass unser Diskurs über KI nicht von missverständlichen oder unklaren Begriffen geprägt ist.

Verantwortung im Sprachspiel der Politik

Wittgenstein könnte die Politiker auffordern, sich ihrer Verantwortung im „Sprachspiel“ der Politik bewusst zu sein. Er würde darauf hinweisen, dass politische Entscheidungen und Diskurse immer Teil eines größeren Kontextes sind und dass es wichtig ist, die Folgen des Sprachgebrauchs in der Politik zu bedenken. Besonders in einer Zeit, in der KI und Algorithmen einen immer größeren Einfluss auf politische Entscheidungen haben, müsste ein bewusster Umgang mit der Sprache gefordert werden, um Missbrauch und Missverständnisse zu vermeiden.

Betonung der Praxis über Theorie

Für Wittgenstein ist Philosophie eine Tätigkeit, kein theoretisches System. Er würde daher wahrscheinlich fordern, dass wir uns weniger auf abstrakte Theorien über KI und mehr auf die tatsächliche Praxis konzentrieren: Wie werden KI-Systeme eingesetzt? Welche realen Konsequenzen hat ihr Einsatz? Er würde skizzieren, dass wir die Praxis genau beobachten und verstehen müssen, bevor wir zu allgemeinen Schlussfolgerungen kommen. Dabei sollte die Praxis selbst der Maßstab sein, an dem wir unsere Überlegungen ausrichten.

Zusammengefasst würde Wittgenstein wahrscheinlich weniger konkrete politische Forderungen stellen, sondern eine tiefere Reflexion über den Umgang mit Sprache, Verantwortung und Ethik im Kontext der neuen technologischen Entwicklungen fordern.

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