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Deutschland ist nicht der Weltmittelpunkt #UNSicherheitsrat

Die verlorene Wahl zum UN-Sicherheitsrat ist keine nationale Demütigung. Sie ist eine Erinnerung an alte Bonner Tugenden: Maß, Respekt, Institutionenvertrauen und die Kunst, sich selbst nicht größer zu machen, als man ist.

Deutschland hat verloren. Nicht an Schurkenstaaten, nicht an eine Weltverschwörung, nicht an eine globale Undankbarkeit gegenüber deutscher Großzügigkeit. Deutschland hat eine Wahl verloren gegen Österreich und Portugal. Man muss diesen einfachen Satz einen Augenblick lang gegen die Erregung der Hauptstadt halten. Gegen das Wort von der Blamage. Gegen die schnelle innenpolitische Ausschlachtung. Gegen die Gewohnheit, jedes internationale Votum zunächst als Kommentar zur Berliner Regierungsfähigkeit zu lesen.

Portugal erhielt 134 Stimmen, Österreich 131, Deutschland 104; gewählt wurden neben den beiden europäischen Staaten auch Kirgistan, Trinidad und Tobago sowie Simbabwe für die Amtszeit 2027/2028 im UN-Sicherheitsrat. Die deutsche Bewerbung war in der westlichen Regionalgruppe keine Formsache. Österreich hatte seine Kandidatur bereits 2011 bekanntgemacht, Portugal folgte 2013, Deutschland stieg erst 2020 in das Rennen ein. Diese Chronologie allein sollte das Pathos dämpfen. Wer spät antritt, darf verlieren, ohne daraus gleich eine Staatskrise zu machen.

Die Kränkung einer Mittelmacht

Das Merkwürdige an den deutschen Reaktionen ist nicht die Enttäuschung. Merkwürdig ist der Unterton, als habe die Weltgemeinschaft eine Pflicht versäumt. Als sei ein Sitz im Sicherheitsrat eine Art moralischer Dauerauftrag zugunsten der Bundesrepublik. Als könne ein Land, weil es zahlt, mahnt, vermittelt, liefert und deklariert, am Ende Anspruch auf Zustimmung erheben.

Internationale Politik funktioniert anders. Sie kennt Dankbarkeit, aber sie organisiert sich nicht nach Dankbarkeit. Sie kennt Vertrauen, doch dieses Vertrauen entsteht nicht allein aus Selbstbeschreibung. Und sie kennt Respekt, auch gegenüber Ländern, die in Berlin gern als freundliche Nachbarn wahrgenommen werden, solange sie deutsche Erwartungen nicht durchkreuzen.

Österreich und Portugal haben diese Wahl gewonnen. Das verdient Anerkennung. Wien und Lissabon sind keine diplomatischen Platzhalter, die Deutschland ungebührlich den Weg versperrt hätten. Österreich verfügt über eine lange Tradition der internationalen Vermittlung, über Wien als Ort multilateraler Institutionen, über eine außenpolitische Grammatik, die im globalen Süden oft weniger belehrend wirkt als deutsche Weltverbesserungsprosa. Portugal wiederum hat historische, sprachliche und politische Verbindungen, die in Afrika, Lateinamerika und im atlantischen Raum Gewicht besitzen. Lissabon spricht in manchen Weltregionen nicht als verspäteter Oberlehrer Europas, Lissabon spricht als alter Seefahrer, als postimperiales Land, als europäischer Staat mit anderen Resonanzräumen. Deutschland sollte diese Resonanzräume nicht unterschätzen. Die Welt besteht nicht aus Fußnoten zur deutschen Debatte.

Bonner Maß gegen Berliner Reizbarkeit

Vielleicht ist der eigentliche Verlust nicht der Sitz im Sicherheitsrat. Vielleicht ist der eigentliche Verlust die Fähigkeit, Niederlagen politisch zu verarbeiten, ohne sofort in Selbstanklage oder Selbstüberhöhung umzuschlagen. Die Bonner Republik, bei allen Legenden, die sich später um sie legten, besaß eine Kunst des Maßes. Sie wusste um Begrenzung. Sie wusste, dass Deutschland nach 1945 keine außenpolitische Bühne betrat, auf der es mit großen Gesten glänzen sollte. Es trat ein in ein System aus Bindungen, Korrekturen, Westintegration, europäischem Ausgleich, parlamentarischer Kontrolle und historischer Verantwortung.

Bonn stand für die Einsicht, dass Demokratie nicht durch permanente Selbstinszenierung lebt. Sie lebt durch Institutionen, durch Verfahren, durch verlässliche Sprache, durch das Wissen um die eigene Geschichte. In Bonn entstanden die Sicherungen gegen Weimarer Verhältnisse: repräsentative Demokratie, Verhältniswahlrecht, Fünf-Prozent-Klausel, föderale Architektur, Bundesrat, Bundesverfassungsgericht, die Unterscheidung zwischen Mehrheit und Macht. Die Republik lernte, dass Demokratie nicht bloß aus Abstimmungen besteht. Sie braucht Formen, Schranken, Geduld, Vermittlung.

Joachim Gauck hat in seiner Abschiedsrede 2017 das vereinte Deutschland als „das beste, das demokratischste Deutschland“ bezeichnet, das es je gegeben habe. Dieser Satz war kein Triumphgesang. Er war eine Verpflichtung. Er sagte nicht: Wir sind fertig. Er sagte: Wir wissen, was auf dem Spiel steht.

Hennis und die drei Prüfsteine

Wilhelm Hennis, der große Leser der politischen Antike und der modernen Verfassungskunst, hätte in dieser Lage vermutlich nicht zuerst nach Empörung gefragt. Er hätte gefragt, ob die Gesetze klug genug sind, ob das politische Personal seinem Amt gewachsen ist und ob die Bürger eine republikanische Selbstbeherrschung besitzen. In der Tradition von Thukydides, Aristoteles und Tocqueville wird Stabilität nicht aus moralischer Lautstärke gewonnen. Sie entsteht aus Institutionenkraft, Personalqualität und Bürgertugend. Das klingt altmodisch. Gerade deshalb ist es aktuell.

Denn die überhitzte Reaktion auf die New Yorker Abstimmung verrät eine gefährliche Verschiebung. Außenpolitik wird zur Projektionsfläche innenpolitischer Erregung. Die einen wollen in der Niederlage den Beweis sehen, dass Deutschland moralisch versagt habe. Die anderen erklären sie zur Folge finsterer Intrigen. Wieder andere nutzen sie als Material für das tägliche Geschäft der Verächtlichmachung demokratischer Institutionen. So redet eine Republik, die sich selbst zu wenig zutraut und zugleich zu wichtig nimmt.

Die Republik braucht weniger Gekränktheit

Natürlich muss Deutschland aus dieser Wahl lernen. Es sollte prüfen, ob die Kampagne zu spät, zu schwerfällig, zu selbstgewiss geführt wurde. Es sollte verstehen, dass seine Nahostpolitik in vielen Regionen anders gelesen wird als in Berlin. Es sollte registrieren, dass Entwicklungspolitik, humanitäre Hilfe, Ukraine-Unterstützung, Israel-Verantwortung und wirtschaftliche Interessen international nicht in getrennten Schubladen liegen. Es sollte die Stimmen des globalen Südens nicht erst dann ernst nehmen, wenn sie bei geheimen Abstimmungen fehlen.

Doch Lernen beginnt mit Respekt. Respekt gegenüber Österreich. Respekt gegenüber Portugal. Respekt gegenüber den Staaten, die anders votiert haben. Respekt auch gegenüber der Tatsache, dass Deutschland eine wichtige Macht ist, aber kein natürlicher Mittelpunkt der internationalen Ordnung.

Die Bonner Republik wusste noch, dass Größe im deutschen Fall nicht in der Geste liegt. Sie liegt im Verzicht auf Geste. In der Fähigkeit, verlässlich zu sein, ohne sich ständig als unverzichtbar zu erklären. In der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ohne aus Verantwortung einen moralischen Überlegenheitsanspruch abzuleiten.

Der falsche Triumph der Agitatoren

Gerade deshalb sollte man die Niederlage nicht den völkisch gesinnten Agitatoren überlassen, die jede außenpolitische Schwierigkeit als Beleg für den angeblichen Untergang der Republik ausgeben. Diese Kräfte wollen nicht bessere Diplomatie. Sie wollen die Bundesrepublik delegitimieren. Sie interessieren sich nicht für Portugal, Österreich oder die Vereinten Nationen. Sie interessieren sich für den Affekt, der aus Kränkung Verachtung macht.

Demokratische Politik darf ihnen diesen Affekt nicht liefern. Sie muss die Lage erklären. Sie muss Fehler benennen. Sie muss Zurückhaltung üben. Sie muss zeigen, dass eine Niederlage in New York kein Beweis gegen die Republik ist, wohl aber ein Hinweis auf die Notwendigkeit politischer Selbstkorrektur.

Deutschland ist nicht der Nabel der Welt. Dieser Satz ist keine Demütigung. Er ist eine Befreiung. Wer ihn ausspricht, kann international glaubwürdiger auftreten. Wer ihn versteht, gewinnt vielleicht beim nächsten Mal nicht automatisch mehr Stimmen, aber er gewinnt etwas, das in der Weltpolitik mindestens so wertvoll ist: Maß.

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