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Deutschland hat ein Haarlackproblem

Thorsten Frei hat der Republik eine Zahl zugerufen, die hängen bleibt: Deutschland habe seit sieben Jahren kein Wirtschaftswachstum mehr. Ganz wörtlich stimmt das nicht. Einzelne Jahre brachten Zuwächse. Der Befund trifft dennoch den wirtschaftlichen Zustand. 2024 lag die preisbereinigte Wirtschaftsleistung gerade einmal 0,3 Prozent über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Für 2025 meldete das Statistische Bundesamt ein Wachstum von 0,2 Prozent. Sieben Jahre Arbeit, Investitionen, Subventionen, Gipfel und Regierungserklärungen haben Deutschland kaum vom Fleck gebracht.

Frei fügte einen klugen Satz hinzu. Eine Regierung werde nicht dafür gelobt, dass sie einen Koalitionsvertrag abarbeite. Zustimmung entstehe erst, sobald sich die persönlichen Lebensverhältnisse verbessern. Damit verabschiedet er zumindest für einen Augenblick die Berliner Vorstellung, Politik lasse sich wie eine Liste erledigter Vorgänge führen. Zwölf Gesetze, acht Verordnungen und drei Gipfeltreffen ergeben noch keinen Aufschwung.

Als Aufgaben nennt Frei Pflege, Rente, Arbeitsmarkt, Steuern und Bürokratieabbau. Das klingt vollständig und bleibt doch eigentümlich blass. Jedes Ministerium findet darin seine Zuständigkeit. Jede Koalitionsfraktion kann einen Arbeitskreis bilden. Der Wirtschaft fehlt weiterhin der Grund, ausgerechnet in Deutschland neues Kapital zu riskieren. Onkel Dagobert würde keine Arbeitsgruppe einsetzen. Er würde den Vertriebsleiter einbestellen.

Der Kunde kauft den günstigeren Lack

In der Geschichte „Die Hetzjagd nach dem Harz“ erreicht Dagobert eine beunruhigende Nachricht: „Der Verkauf meines Haarlacks ‚Haarhart‘ stagniert!“ Seine Reaktion fällt frei von kommunikationspolitischen Umwegen aus. Er will wissen, was der Konkurrent besser macht.

Die Antwort ist für den reichsten Mann Entenhausens schwer zu ertragen. Der konkurrierende Haarlack besteht aus nahezu identischen Zutaten, kostet weniger und findet deshalb mehr Käufer. Der Kunde, erklärt ihm ein Mitarbeiter, schätze den günstigeren Preis.

Diese Sprechblase enthält einen brauchbaren Kommentar zur deutschen Wirtschaftspolitik. Ein Land kann ein hervorragendes Produkt anbieten und trotzdem Marktanteile verlieren. Entscheidend bleibt das Verhältnis von Preis, Leistung, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit. Unternehmen rechnen. Sie vergleichen Strompreise, Steuern, Genehmigungszeiten, Netze, Fachkräfte und politische Risiken. Anschließend bauen sie ihre nächste Fabrik dort, wo die Rechnung aufgeht.

Deutschland reagiert auf diese Lage gern mit einer Kampagne für den Standort Deutschland. Dagobert würde die Kampagne aus dem Fenster werfen. Ein teures Produkt verkauft sich durch bessere Erläuterungen nur selten besser. Der Preis muss sinken, die Leistung steigen oder das Angebot muss etwas leisten, das anderswo fehlt.

Freis Hinweis auf die persönlichen Lebensverhältnisse führt deshalb weiter als die Klage über mangelhafte Regierungskommunikation. Menschen bemerken Wachstum an ihrem verfügbaren Einkommen, an sicheren Arbeitsplätzen, bezahlbarem Wohnen und funktionierender Infrastruktur. Bleibt all das aus, hilft auch die schönste Broschüre über beschleunigte Verfahren wenig.

Ein gedrosseltes Flugzeug gewinnt kein Rennen

Dagobert entdeckt bald, dass sein Haarlack von einem seltenen Harz abhängt. Er steigt in sein Privatflugzeug, um die Lieferquelle zu sichern. Der Konkurrent startet ebenfalls. Nun verlangt Dagobert vom Piloten mehr Tempo. Der kann den Wunsch leider nicht erfüllen. Sein Chef hatte zuvor ein System zur Drosselung der Geschwindigkeit einbauen lassen, um Kerosin zu sparen.

Man könnte die deutsche Wirtschaftspolitik kaum treffender zeichnen. Deutschland möchte im globalen Wettbewerb vorn landen und hat seinem Flugzeug über Jahre immer neue Drosseln eingebaut. Jede einzelne besaß eine nachvollziehbare Begründung. Energie sollte sauberer, Arbeit sozialer, Beschaffung korrekter, Finanzierung sicherer und jede Investition umfassend geprüft werden. In der Summe entstand eine Maschine, deren Pilot Vollgas geben soll, während die Steuerung das Tempo begrenzt.

Dagoberts Sparsamkeit wird an dieser Stelle teuer. Er verwechselt die Senkung einzelner Kosten mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Wer beim Treibstoff spart und dadurch das Rennen verliert, hat keine Ersparnis erzielt. Er hat den Marktzugang verspielt. Diese Unterscheidung fehlt häufig in der deutschen Haushaltsdebatte. Sparen kann Kapital für Investitionen freisetzen. Sparen kann ebenso Brücken, Schulen, Netze und Verwaltungen verschleißen lassen. Dagobert würde jede Ausgabe danach beurteilen, ob sie sein Vermögen vermehrt oder nur seinen Apparat füttert. Deutschland beurteilt Ausgaben meist danach, aus welchem Haushaltstitel sie stammen.

Eine sanierte Bahnstrecke, ein digitales Register und ein leistungsfähiges Stromnetz sind keine Belohnungen für einen verschwenderischen Staat. Sie bilden die Betriebsmittel einer Volkswirtschaft. Zugleich ist ein Milliardenprogramm noch keine Investition, nur weil das Wort auf dem Deckblatt steht. Geld, das in jahrelangen Verfahren stecken bleibt oder bloß bestehende Preise erhöht, erzeugt keinen zusätzlichen Wohlstand.

Kein Harz, kein Haarlack

Der Comic führt Dagobert schließlich zur entscheidenden Produktionsfrage. Ohne das seltene Baumharz kann niemand den begehrten Lack herstellen. Der ganze Wettbewerb um Werbung, Preis und Vertrieb verliert seinen Sinn, sobald der zentrale Rohstoff fehlt.

Für Deutschland heißen diese Grundstoffe Energie, Kapital, Wissen, Infrastruktur und unternehmerische Freiheit. Fehlt einer davon dauerhaft, hilft kein Wachstumsbeschleunigungsgesetz mit eindrucksvollem Namen. Eine Industriegesellschaft braucht verlässliche Energie zu konkurrenzfähigen Preisen. Junge Unternehmen brauchen Kapital, ohne früh den Weg nach Amerika einschlagen zu müssen. Forschung braucht einen Weg in den Markt. Verwaltungen brauchen Fristen, nach deren Ablauf eine Entscheidung feststeht.

Dagobert würde auch die Rohstoffquelle sichern. Darin steckt eine Versuchung. Er strebt im Comic nach exklusiver Belieferung und träumt vom Ausschalten der Konkurrenz. Als Unternehmer liebt er den Markt vor allem bis zu dem Augenblick, in dem er ihn beherrscht.

Der Staat darf ihm darin nicht folgen. Deutschlands Antwort auf die Stagnation kann keine Ansammlung geschützter Großunternehmen sein, die Subventionen erhalten, politische Kontakte pflegen und neue Wettbewerber fernhalten. Ein Dagobert-Monopol erzeugt Reichtum im Geldspeicher. Eine Volkswirtschaft braucht viele Dagoberts, Daniel Düsentriebs und kleine Betriebe, die einander das Geschäft streitig machen.

Wettbewerbspolitik gehört deshalb in Freis Reformkatalog. Wer Wachstum will, muss Gründungen erleichtern, Markteintritte öffnen und staatlich gepflegte Besitzstände angreifen. Bürokratieabbau klingt angenehm, solange niemand sagt, welche Genehmigung entfällt, welches Formular verschwindet und welche Institution Macht verliert.

Dagoberts Regierungsprogramm

Der alte Fantastilliardär würde Thorsten Frei vermutlich vier Ratschläge geben. Die Bundesregierung soll aufhören, ihre Tätigkeit mit ihrem Ergebnis zu verwechseln. Sie soll das deutsche Angebot aus Sicht der Kunden prüfen. Sie soll Investitionen von bloßem Verbrauch unterscheiden. Und sie soll keine Drossel einbauen, während sie vom Piloten mehr Geschwindigkeit verlangt. Vor allem würde Dagobert eine Frage stellen, die in Berlin als ungehörig gelten dürfte: Wer verdient an der Stagnation?

Auch eine schrumpfende Ordnung besitzt Profiteure. Verbände verwalten komplizierte Regeln. Berater erklären komplizierte Regeln. Behörden kontrollieren komplizierte Regeln. Großunternehmen können die damit verbundenen Kosten tragen und halten kleinere Konkurrenten auf Abstand. Jede Reform trifft deshalb auf Verteidiger des bestehenden Arrangements.

Frei hat recht, dass sich die Menschen für Ergebnisse interessieren. Dann muss die Union ihre Reformen in überprüfbare Ergebnisse übersetzen. Wie viele Tage dauert eine Unternehmensgründung? Wie schnell erhält ein Betrieb einen Netzanschluss? Wie hoch ist die effektive Belastung einer zusätzlichen Arbeitsstunde? Wie viele Milliarden privaten Kapitals lösen staatliche Investitionen aus? Welche Vorschrift ist am Jahresende tatsächlich verschwunden?

Das wäre Dagoberts wirtschaftspolitischer Beitrag: zählen, vergleichen, investieren und den Vertriebsleiter einbestellen, sobald der Absatz stagniert. Seine abschließende Empfehlung dürfte weniger freundlich ausfallen. Wer sieben Jahre kaum wächst, hat kein Kommunikationsproblem. Er hat ein Geschäftsproblem.

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