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Der Sextaner, der Alfred Kerr abholte: Berlin-Neukölln, Jerusalem und die Rückkehr einer Melodie

Albrecht Schöne erzählt die Gründung der Germanistik an der Hebräischen Universität Jerusalem mit Akten, Briefen, Büchern, Gastprofessoren, Stipendien, Personalfragen und Studienordnungen. Das klingt zunächst nach akademischer Aufbauarbeit. Dann hebt ein älterer Zuhörer die Hand, fällt dem Dozenten ins Wort und sprengt die Chronik. „Ich war dabei!“

Dieser Satz steht in einer Vertretungsstunde über Bertolt Brechts Lehrstücke. Schöne spricht über „Der Jasager“, über Kurt Weills Musik, über eine Berliner Schuloper aus dem Jahr 1930, über die Karl-Marx-Schule in Neukölln und über Schüler, die mit Brecht diskutierten. Plötzlich meldet sich ein Mann, der damals als Sextaner an der Aufführung beteiligt war. Er erzählt, wie er Alfred Kerr zuhause abholen durfte. Brecht leider nicht, Kerr aber schon. Er erinnert sich an den „Großen Chor“. Dann kommt die Melodie zurück. Er summt ein paar Takte.

Eine philologische Szene ersten Ranges. Nicht wegen des anekdotischen Reizes. Auch nicht wegen der Sentimentalität des Wiedererkennens. Der Augenblick zeigt, was Literaturwissenschaft kann, sobald Text, Stimme, Gedächtnis und historische Erfahrung zusammentreffen. Der Seminarraum in Jerusalem wird für eine Viertelstunde zur Bühne der Weimarer Republik. Berlin-Neukölln tritt ein. Alfred Kerr tritt ein. Brecht und Weill treten ein. Die Reformschule Fritz Karsens tritt ein. Mit ihnen kehrt eine deutsch-jüdische Kulturwelt zurück, die wenige Jahre nach jener Aufführung aus Deutschland vertrieben, beraubt, verbrannt, ermordet oder ins Exil gezwungen wurde.

Der Autor, der Musiker, die Bearbeiterin

„Der Jasager“ entstand in einer Arbeitskonstellation, die für die späte Weimarer Republik typisch war: Brecht schrieb, Kurt Weill komponierte, Elisabeth Hauptmann wirkte an der Bearbeitung mit. Das Stück griff auf das japanische Nō-Spiel „Tanikō“ zurück, vermittelt über Arthur Waleys englische Fassung. Schon diese Herkunft ist philologisch aufschlussreich. Brecht übernimmt keine Tradition unbefragt. Er verschiebt sie in eine Versuchsanordnung. Eine Reise durch das Gebirge. Eine Krankheit. Ein alter Brauch. Ein Junge, der gefragt wird, ob er dem Brauch zustimmt. Sein Ja führt in den Tod.

Der Satz, der das Stück berühmt machte, lautet in seiner Denkbewegung kalt: Wichtig zu lernen sei vor allem Einverständnis. Brecht setzt damit kein moralisches Programm in Szene. Er baut eine Prüfung. Was heißt Zustimmung, wenn die Frage bereits durch Brauch, Gruppe und Notlage vorentschieden scheint? Welche Freiheit bleibt dem Einzelnen, der im Namen des Ganzen geopfert werden soll? Wie spricht ein Chor, wenn er Ordnung verlangt? Wie spricht ein Kind, dem die Ordnung den eigenen Untergang abverlangt?

Weills Musik macht daraus keine illustrative Begleitung. Sie führt den Text. Sie gibt dem Chor Strenge, der Szene Atem, dem Schulspiel Disziplin. „Der Jasager“ war Schuloper und Lehrstück zugleich. Der Begriff „Schuloper“ darf hier nicht verniedlichen. Schule ist bei Brecht kein Schonraum. Schule heißt Probe. Schüler sollen nicht dekorieren, sie sollen prüfen, sprechen, singen, widersprechen.

Die Karl-Marx-Schule als Prüfstand

Darum führt der Weg nach Neukölln. Die Karl-Marx-Schule war kein beliebiger Aufführungsort. Unter Fritz Karsen gehörte sie zu den großen Reformprojekten der Weimarer Republik. Arbeiter-Abiturientenkurse, Aufbauklassen, Einheitsschulgedanke, demokratische Schulgemeinde, Unterricht an Quellen: In dieser Schule wurde Bildung als republikanische Praxis verstanden. Kinder aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien sollten Wege erhalten, die ihnen das alte Schulsystem versperrt hatte. Die Schule hieß Karl-Marx-Schule, weil Neukölln in jenen Jahren ein politischer, sozialer, pädagogischer Brennpunkt war.

Brecht passte in diesen Raum, doch der Raum passte auch zu Brechts Methode. Seine Lehrstücke verlangten Beteiligung. Die Neuköllner Schüler beteiligten sich. Sie spielten den Text nicht bloß. Sie widersprachen ihm. Sie nahmen Anstoß am Ja des Jungen, an der Unterwerfung unter den Brauch, an der Logik des Opfers. Aus ihrer Kritik gingen die Umarbeitung des „Jasager“ und der Gegenentwurf „Der Neinsager“ hervor.

Das ist der philologisch aufregende Punkt. Der Text bleibt nicht geschlossen. Er reagiert. Schüler werden zu Mitproduzenten einer Werkgeschichte. Eine Schulaufführung erzeugt Varianten. Aus Unterricht wird Textgenese. Aus Kritik entsteht ein zweites Stück. Wer „Der Jasager“ liest, muss den „Neinsager“ mithören. Wer den „Neinsager“ liest, hört Neukölln.

Alfred Kerr kommt zur Schulaufführung

Dann Alfred Kerr. Schon der Name elektrisiert die Szene. Kerr war im Berliner Theaterleben keine Besuchsnotiz. Er war Instanz, Gegner, Stilist, Chronist. Seine Kritik erhob den Theaterabend zur Literatur. Er schrieb schnell, hell, verletzend, glanzvoll, mit Sätzen, die auf den Punkt zielten und oft trafen. Als Jude, Großstadtmensch, Antinationalist und Gegner Hitlers stand er früh auf der Liste derer, die 1933 fliehen mussten. Seine Bücher brannten. Er ging ins Exil.

Dass ein Sextaner Alfred Kerr zuhause abholt, gehört zu den kostbaren Miniaturen dieser Geschichte. Man sieht den Jungen auf dem Weg durch Berlin. Man sieht den Kritiker, der der Einladung zu einer Schulaufführung folgt. Man sieht eine Stadt, in der Reformpädagogik, Theaterkritik, Avantgarde, Musik und republikanische Bildungsarbeit einander erreichen. Kein roter Teppich. Keine Premierenloge. Neukölln. Schule. Chor. Brecht. Weill. Kerr.

Und Jahrzehnte später sitzt dieser frühere Schüler in Jerusalem. Schöne lässt ihn reden. Zuerst tastend, dann lebendiger, freudiger. Die Erinnerung braucht Anlauf. Sie liegt nicht bereit wie ein Zitat im Karteikasten. Sie kommt über Namen, Wege, Rollen, Stimmen. Der alte Mann holt Kerr aus der Wohnung, holt Brecht aus der Erzählung, holt Weills Melodie aus dem Gedächtnis. Am Ende summt er.

Jerusalem hört Neukölln

Die jungen israelischen Studierenden hören in diesem Moment keine deutsche Bildungsgeschichte aus zweiter Hand. Sie hören einen Zeugen. Sie hören eine Stimme aus der Zeit vor dem Bruch. Viele von ihnen kannten Deutsch aus Familienresten, von Großeltern, aus Sprachkursen, aus den Spuren der Jeckes. Andere kamen über Literatur, Geschichte, Linguistik, Übersetzung oder Neugier. In diesem Seminar verbindet sich ihr Studium mit einer Herkunft, die vielfach beschädigt, verschüttet oder nur noch in Fragmenten vorhanden war.

Schöne begreift die Szene. Er beschreibt sie knapp, fast zurückhaltend. Gerade diese Zurücknahme gibt ihr Kraft. Keine große Geste. Kein Pathos der Versöhnung. Kein dekoratives Wunder der Erinnerung. Ein Mann sagt: „Ich war dabei.“ Dann erzählt er. Dann summt er.

Die Germanistik in Jerusalem erhält dadurch eine andere Begründung. Sie braucht Studienordnungen, Lehrpläne, Bücher, Gastprofessoren und Bibliotheken. Schöne hat dafür gesorgt. Er schrieb Rundbriefe, bat Kolleginnen und Kollegen um Freiexemplare, organisierte Unterstützung, brachte deutsche Wissenschaftler nach Jerusalem. Doch die tiefere Legitimation des Faches zeigt sich in jenem Seminar. Deutsche Literatur erscheint dort nicht als Besitz der Deutschen. Sie erscheint als geteilte, verletzte, wandernde Überlieferung. Sie gehört auch denen, die aus Deutschland vertrieben wurden. Sie gehört ihren Kindern und Enkeln. Sie gehört den Archiven in Jerusalem. Sie gehört den Stimmen, die noch sprechen konnten.

Schöne und die Kunst der Spiegelung

Der FAZ-Beitrag von Hans-Christof Kraus über Albrecht Schöne hilft, diese Szene genauer zu lesen. Kraus zeigt Schöne als Erinnerungsautor, der seine akademische Biographie in Spiegelungen erzählt. Benno von Wiese erscheint bei ihm durch Gegenlicht. Wolfgang Kayser gewinnt Kontur gegen den alten Großordinarius. Der Germanistentag von 1968 kehrt als traumatische Szene der gestörten Philologie zurück. Helmut Lethen antwortet aus der Gegenperspektive. Schöne steht damit in einer deutschen Wissenschaftsgeschichte, die durch Generationenbrüche läuft: 1933, 1945, 1968.

Diese Spiegeltechnik erklärt auch die Jerusalemer Episode. Schöne erzählt nicht bloß, was er aufgebaut hat. Er zeigt, woran sich ein Fach bewähren muss. Philologie darf sich nicht in Apparaten verlieren. Sie lebt von genauer Datierung, Variantenkenntnis, Werkgeschichte, Überlieferung, Kontext, Stimme. Sie muss wissen, wo „Der Jasager“ uraufgeführt wurde. Sie muss unterscheiden zwischen dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und der Karl-Marx-Schule. Sie muss wissen, wie die Neuköllner Schüler in die Werkgeschichte eingriffen. Sie muss Kerr erkennen, wenn ein alter Mann seinen Namen ausspricht. Sie muss Weills Melodie nicht nur als Notentext behandeln, sie muss hören, was geschieht, wenn jemand sie nach Jahrzehnten summt.

Das ist Philologie im besten Sinn: Arbeit am Wort, am Klang, an der Spur, an der Verschiebung zwischen Text und Leben.

Vom Ja zum Nein

Brecht schrieb ein Stück über Einverständnis. Die Schüler der Karl-Marx-Schule antworteten mit Widerspruch. Aus dem „Jasager“ wuchs der „Neinsager“. Diese Bewegung ist für die Weimarer Republik aufschlussreich. Sie zeigt eine Pädagogik, die den Schülern kein fertiges Ergebnis hinlegt. Sie zeigt einen Autor, der Änderung zulässt. Sie zeigt eine Schule, die Kritik nicht als Störung behandelt. Sie zeigt eine Musik, die Disziplin verlangt, ohne den Gedanken einzusperren.

Nach 1933 wurde diese Welt zerschlagen. Fritz Karsen verlor sein Amt und ging ins Exil. Jüdische Schülerinnen und Schüler verschwanden aus den Klassen. Kerr floh. Bücher brannten. Brechts Werk ging in die Emigration. Weills Musik suchte andere Bühnen. Die Karl-Marx-Schule verlor ihren Namen, ihr Kollegium, ihre republikanische Luft. In Jerusalem aber kehrte ein Rest dieser Welt zurück. Nicht als Rekonstruktion. Nicht als Denkmal. Als Stimme.

Die Melodie im Seminarraum

Man kann die Szene mit dem summenden alten Mann leicht verfehlen. Dann bleibt sie bloße Erinnerungskostbarkeit. Man liest sie freundlich, lächelt kurz und geht weiter. Doch sie trägt den Essay. Sie zeigt eine Werkgeschichte, die sich durch Körper bewegt. Ein Schulchor von 1930 überlebt in einem alten Mann. Eine Melodie, die einmal in Neukölln erklang, erreicht junge Israelis in Jerusalem. Alfred Kerr, einst abgeholt von einem Sextaner, steht plötzlich wieder im Raum. Brechts Lehrstück bekommt den einzigen Kommentar, der es wirklich herausfordert: gelebte Teilnahme.

„Ich war dabei!“ ist deshalb kein dekorativer Zwischenruf. Der Satz unterbricht die akademische Ordnung und vollendet sie zugleich. Eine Vorlesung über das deutsche Drama des 20. Jahrhunderts findet ihren Gegenstand nicht an der Tafel. Der Gegenstand sitzt im Raum.

Albrecht Schöne hat diese Viertelstunde bewahrt. Darin liegt seine philologische Genauigkeit. Er wusste, dass man Literaturgeschichte nicht allein aus Publikationsdaten, Aufführungsorten und Fassungen gewinnt. Man braucht sie. Ohne sie zerfällt alles in Legende. Doch manchmal tritt ein Zeuge hinzu, und die Akten beginnen zu atmen. In Jerusalem sang Neukölln noch einmal.

Neukölln ohne Gedächtnis

Gerade deshalb trifft diese Jerusalemer Erinnerung die Gegenwart so hart. Wer heute in meinem Heimatbezirk Neukölln jüdisches Leben, israelische Stimmen oder hebräische Sprache mit Hassparolen, roten Dreiecken, Drohungen und Einschüchterung überzieht, bewegt sich geschichtsvergessen durch einen Bezirk, dessen Name einmal mit Fritz Karsens Reformschule, Alfred Kerrs Theaterkritik, Brechts Lehrstück und Weills Musik verbunden war.

Die Sonnenallee ist kein abstrakter Schauplatz globaler Empörung. Sie liegt in jenem Berlin, aus dem Kerr fliehen musste, in dem jüdische Schülerinnen und Schüler aus Klassen verschwanden, in dem Bücher brannten und republikanische Bildungsversuche zerschlagen wurden. Dass Neukölln heute einen eigenen Antisemitismusbeauftragten braucht, zeigt den Verlust historischer Urteilskraft mit amtlicher Klarheit.

Propalästinensischer Protest wird dort zur moralischen Attrappe, wo er jüdische Menschen bedroht, Terrorzeichen duldet oder Israelhass als Befreiungspathos tarnt. Wer Brecht beruft, müsste den „Neinsager“ kennen. Wer Neukölln politisch bespielt, müsste Kerr erinnern. Wer Geschichte nur als Parole nutzt, hat aus ihr nichts gelernt.

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