
Ach, Oper! Dieses uralte Spiel mit Herz, Schmerz, Klang und Katastrophe. Und ach, „Der Freischütz“! Diese deutsche Sehnsucht nach Erlösung, Gnade und einem Probeschuss, der nicht nur das Wild, sondern auch gleich das Leben trifft. Was aber, wenn man dieses Romantiker-Heiligtum auf der Bregenzer Seebühne in ein höllisch funkelndes Spektakel verwandelt? Wenn der Teufel nicht als Schatten durch den Wald schleicht, sondern sich in gleißendem Licht auf dem verfallenen Kirchturm windet wie ein dunkler Prophet des Jetzt? Dann, ja dann, wird Theater plötzlich wieder gefährlich.
Der rote Jäger kommt nicht auf leisen Sohlen
Was war das für ein Teufel! Samiel, genannt – und von Moritz von Treuenfels mit einer Wucht gespielt, dass einem selbst das Weihwasser im Glas verdampfte. Der Mann springt, kriecht, verführt, herrscht, schmeichelt und zerreißt. Mal ein Zirkusdirektor der Verdammnis, mal ein nihilistischer Stand-up-Komiker, mal ein Fiebertraum im roten Licht. Kein Dämon der Finsternis, sondern einer des grellen, überbelichteten Jetzt.
„Ich darf mich vorstellen: Samiel, der rote Jäger!“
ruft er dem Publikum zu, mit jener Art von Lächeln, das man sonst nur bei Bankern sieht, kurz bevor sie einem den Kredit kündigen.
„Absurd. Fahr zur Hölle!“
Das ist nicht mehr der Samiel, der im Wald flüstert. Das ist ein Influencer des Bösen mit poetischem Überdruck. Ein politischer Kommentator der Nachkriegsmoralität. Einer, der sagt:
„Dies Dorf ist ein Fasskluch da. Wer gehen kann, ging längst schon fort. Und ich verrate euch auch warum.“
Ja, das war nicht irgendein Dorf. Das war Deutschland, irgendwo zwischen Dreißigjährigem Krieg, Abstiegsängsten und Männerphantasien in Uniform. Der Ort ein post-apokalyptischer Alptraum aus Matsch, Metall, Restglauben. Die Wolfsschlucht? Ein archaischer Serverraum für verlorene Seelen.
Die Kugeln fliegen wieder
Der junge Amtsschreiber Max, großartig gesungen und gespielt von Mauro Peter, ist kein Held. Er ist ein Getriebener – wie so viele heute. Zwischen Prüfungsangst, Pflichtgefühl und einem toxischen Leistungsmythos. Der Probeschuss ist kein archaisches Ritual – es ist der Assessment-Center-Moment seines Lebens. Und wie so viele klammert er sich ans nächste Tool, das verspricht, alles zu richten: sieben Freikugeln, sechs davon sicher. Die siebte? Kontrollverlust.
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Agathe – die letzte Seelenretterin
Mandy Fredrich gibt der Agathe eine vokale Tiefe, die direkt aus der Trümmerseele kommt. Ihre Arie klingt, als würde jemand im Schlaf sprechen – mit all dem, was sich zwischen Angst und Hoffnung verknotet. Ihre Vorahnung ist nicht nur religiös, sie ist existenziell. Sie weiß längst, was passiert. Ihre Liebe ist stärker als der Pakt, aber nicht lauter. Und das ist die Tragik.
Oper als Exorzismus
Was Philipp Stölzl inszeniert, ist keine bloße Neuauflage eines romantischen Klassikers. Es ist ein Exorzismus. Eine Austreibung des schönen Scheins. Und was bleibt? Ein szenischer Albtraum, der nie aufwacht. Verfallene Kirchen, brennende Bäume, ein Dorf im Abgrund. Und immer wieder Samiel, der uns auslacht:
„Ein Probeschuss. Nur der allein entscheidet, wer darf glücklich sein.“
Na dann: Willkommen im Bildungssystem. Willkommen in der Arbeitswelt. Willkommen in der Gegenwart.
„Ich gebe es ja zu, es ist mir selbst noch keine Ruhe…“
Am Ende dann – ganz großes Theater – kippt das Stück in eine ironische Selbstreflexion. Der Teufel wird sentimental. Die Tragödie wird zur Farce. Ein Happy End? Warum nicht. Agathe lebt. Max auch. Der Teufel? Grinst. Der Chor? Singt.
Und das Publikum? Jubelt. Oder ist es ein Aufschrei?
Wer dachte, der Freischütz sei ein Jägerlied mit bisschen Blut und viel Blech, der wurde eines Besseren belehrt. Diese Aufführung war wie eine Kugel aus der Wolfsschlucht: sie traf tief, aber unvorhersehbar. Zwischen Mythos und Medienkritik, Grusel und Groteske, Spiel und Spiegel. Oper, wie sie sein muss: schön, schrecklich, scharf.
Oder wie Samiel es sagen würde:
„Ich zeig ihn euch. Dreht an der Uhr. Aus gestern werde heute.“
Ja, verdammt. Das habt ihr.
