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Der Mann, der lieber Möglichkeit blieb: Karl Heinz Bohrer in Stanford und die Würde der Nicht-Ankunft

Karl Heinz Bohrer war nie nur ein Intellektueller unter anderen. Er gehörte zu jener seltener werdenden Gattung, die schon durch ihre bloße Erscheinung ein Milieu irritiert. Man konnte ihn nicht einfach als Professor verbuchen, obwohl er einer war. Man konnte ihn nicht bloß Feuilletonisten nennen, obwohl er das deutsche Feuilleton geprägt hat wie nur wenige. Und man konnte ihn schon gar nicht auf die beruhigende Formel des öffentlichen Gelehrten bringen. Dazu war seine Gegenwart zu eigensinnig, zu stilbewusst, zu sehr auf Spannung hin komponiert.

Gerade deshalb ist die Episode, die Hans Ulrich Gumbrecht über Bohrer erzählt, mehr als eine Erinnerung aus dem akademischen Leben. In ihr erscheint eine ganze Theorie des Intellektuellen, und zwar nicht als Lehrsatz, sondern als Szene. Zuerst Bielefeld. Schon diese Berufung war ein westdeutscher Sonderfall von Format. Eine Universität, die sich zutraute, einen Mann aus der Zeitungswelt, ohne die übliche akademische Sozialisation, in ihren Kreis zu ziehen, bewies noch Sinn für Rang. Gumbrecht bemerkt trocken und präzis, Bohrer habe als Literaturchef der FAZ diese Rolle eigentlich erst erfunden; Bielefeld habe sich dann herausgenommen, genau einen solchen Mann an die Universität zu holen. 

Bielefeld oder der Mut zur Form

Man versteht diese Geste heute vielleicht nicht mehr sofort. Sie gehört in eine Bundesrepublik, die an manchen Stellen noch fähig war, institutionelle Vernunft nicht mit Bürokratensprache zu verwechseln. Eine Universität konnte damals noch auf den Gedanken kommen, dass geistiger Rang nicht immer dort entsteht, wo Lebensläufe geschniegelt und habilitationsförmig verlaufen. Bohrer brachte aus dem Feuilleton etwas mit, das vielen Fakultäten abgeht: Forminstinkt, Urteilsschärfe und jenen Sinn für intellektuelle Dramatik, der Texte nicht bloß erklärt, sondern sie in ein Feld von Gegenwartsspannung versetzt.

Gumbrecht beschreibt ihn früh als bewunderte Figur, später als seinen besten Freund. Diese Freundschaft führt dann in die eigentliche Szene: Stanford. Was zunächst wie eine hübsche transatlantische Anekdote wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein kleines Lehrstück über Distanz, Mythos und Selbstbehauptung. Gumbrecht wollte Bohrer nicht nur gelegentlich in Deutschland sehen, nicht bloß bei Abendessen in Köln oder Paris, sondern ihn für einen längeren Zeitraum in seine amerikanische Welt hinüberholen. Er verschaffte ihm eine Gastprofessur für ein Trimester. Damit beginnt eine der schönsten Geschichten in „Sepp“. 

Der europäische Intellektuelle als Faszinosum

Bohrer, so erzählt Gumbrecht mit jener diskreten Bosheit, die nur wirkliche Freundschaft erlaubt, sei fremdsprachlich extrem unbegabt gewesen. Das ist ein Satz, der bei ihm nicht als Herabsetzung steht, eher als Kennzeichnung einer Existenzform. Bohrer habe das Deutsche so vollständig bewohnt, dass für eine andere Sprache kaum noch Raum blieb. Wenn er Englisch sprach, hörte man vor allem, dass er in Köln geboren war. Gerade diese Bemerkung ist mehr als komisch. Sie sagt etwas über Bohrers geistige Physiognomie. Er war kein Kosmopolit durch Glätte, kein Weltmann des mühelosen Wechsels, kein akademischer Diplomat. Er reiste nicht in andere Sprachen ein, ohne den Ton seiner Herkunft mitzunehmen. 

Und dennoch wurde er in Stanford zu einem Faszinosum. Vielleicht genau deshalb. Die amerikanischen Studenten sahen in ihm nicht einfach einen Visiting Professor. Sie sahen eine Figur. Den europäischen Intellektuellen. Nicht als Klischee, sondern als Ereignis. Einen Mann, der nicht durch pädagogische Vermittlungsfreundlichkeit gewann, sondern durch Gestalt. Gumbrecht berichtet, Bohrer habe sogar ein Angebot erhalten, dauerhaft Professor in Stanford zu werden. Und nun folgt die bohrersche Volte von fast vollendeter Stilsicherheit: Er lehnte ab. Jedes Jahr aufs Neue. Nicht aus Verbitterung, nicht aus Verachtung, nicht aus jener billigen Pose, mit der man Zuspruch zurückweist, um sich künstlich zu erhöhen. Er lehnte ab, weil ihm, wie Gumbrecht erzählt, schon das Angebot selbst Freude bereitete. Die Möglichkeit zählte mehr als ihre Einlösung. 

Die Souveränität der Verweigerung

In diesem wiederholten Nein liegt eine tiefere Wahrheit über Bohrer. Er verstand offenbar, dass seine Wirksamkeit an eine bestimmte Nicht-Integration gebunden war. Ein vollständig institutionalisierter Bohrer wäre bereits ein leicht gedämpfter Bohrer gewesen. Seine Energie lebte von jener Schwebe zwischen Nähe und Entzug, zwischen Anerkennung und Distanz, zwischen Beteiligung und Fremdheit. Er musste in der Universität präsent sein, ohne in ihr aufzugehen. Gerade daraus erwuchs sein Mythos.

Das klingt wie Eitelkeit, ist aber in Wahrheit eine präzise Form von Selbstkenntnis. Bohrer wusste vermutlich, dass geistige Autorität nicht immer durch Besitz befestigt wird. Oft wächst sie aus dem Verzicht. Nicht der Lehrstuhl adelt die Stimme; die Stimme adelt den Lehrstuhl, wenn sie sich nicht ganz von ihm verschlucken läßt. In einer Zeit, in der akademische Existenzen sich gern restlos in Verfahren, Gremien und Funktionsbeschreibungen auflösen, wirkt diese bohrersche Geste fast provokant. Sie erinnert daran, dass der Intellektuelle nicht notwendig dort am stärksten ist, wo er am sichersten sitzt.

Gumbrecht fügt der Geschichte einen letzten Zug hinzu, der sie über das Persönliche hinaushebt. Selbst der heutige Stanford-Präsident, damals Student, habe sich nicht getraut, in ein Bohrer-Seminar zu gehen. Alle hätten nur gewusst: Das ist der große europäische Intellektuelle. In diesem Satz liegt etwas von Ehrfurcht, etwas von Scheu, vielleicht auch etwas vom Irrtum. Doch gerade darin zeigt sich die Macht solcher Figuren. Sie wirken nicht nur durch Inhalte, sondern durch Erwartung. Sie verändern einen Raum schon dadurch, dass sie ihn nicht vollständig beruhigen. 

Ein Mythos gegen die Verfügbarkeit

Bohrer erscheint in dieser Stanford-Szene als Gegenfigur zur totalen Verfügbarkeit des Geistes. Er war anwesend, aber nicht konsumierbar. Er lehrte, aber nicht im Ton der didaktischen Einhegung. Er erhielt Angebote, aber er machte sich nicht zu deren Funktion. Das ist vielleicht sein eigentliches Vermächtnis. Nicht die pure Ablehnung der Institution, sondern die Kunst, ihr nahe zu sein, ohne von ihr absorbiert zu werden.

Darum ist diese Episode auch mehr als ein Freundschaftsbild aus Gumbrechts Autobiographie. Sie berührt einen Kern des intellektuellen Lebens im späten zwanzigsten Jahrhundert. Was bleibt von der Figur des Intellektuellen, wenn Universitäten immer stärker nach Integration, Transparenz und administrativer Eindeutigkeit verlangen? Bohrer gab darauf keine Theorie. Er gab eine Haltung. Er blieb. Aber nie ganz. Er war da, doch nicht verfügbar. Und genau darin lag seine Größe.

Nicht der Bleibende, der Unverrechenbare

Am Ende dieser Geschichte steht ein stiller Triumph. Nicht derjenige wird legendär, der das Angebot annimmt, sich einrichtet, bleibt und den Betrieb fortan von innen mitträgt. Legendär wird derjenige, der das Angebot so ernst nimmt, dass er es nicht mit Besitz verwechselt. Bohrer verstand die Möglichkeit als Form von Freiheit. Er brauchte die dauerhafte Einlösung nicht, um ihre Wahrheit zu genießen.

Vielleicht ist das die schönste Definition seines Rangs. Karl Heinz Bohrer war einer, der sich nie ganz ankommen ließ. Und eben deshalb ist er angekommen.

Mehr dazu am Donnerstag.

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