
Man kann dem Fußball sehr lange sehr viel verzeihen. Schlechte Schiedsrichter. Schlechte Trainer. Schlechte Funktionäre. Schlechte Vereinsheime. Schlechte Plätze im November, auf denen der Ball nicht rollt, sondern plumpst wie ein nasser Sack. Man verzeiht dem Fußball sogar Niederlagen, die sich wie kleine häusliche Katastrophen anfühlen. Wer als Kind einmal mit Stollenschuhen auf Asche gestanden hat, wer die Linien noch gerochen hat, bevor er sie sah, wer in der Kabine den süßlichen Dunst aus Leder, Schweiß, Schmerzsalbe und Apfelschorle kannte, der legt diesen Sport nicht einfach ab wie ein altes Trikot.
Ich jedenfalls nicht. Fußball war bei mir kein Fernsehprodukt, kein Eventpaket, kein Hospitality-Erlebnis mit Zugangscode und Premium-Lounge. Fußball war zuerst Berlin, Buckow, Britz-Süd, Schulhof, U-Bahn, Vereinswechsel, Training, Regen, Ehrgeiz. Ich fing bei Concordia Buckow an, einem Verein, der organisatorisch gewiss keinen Preis für Vereinsführung erhalten hätte. Dann kam Stern Marienfelde, weil zwei Klassenkameraden dort spielten. Später VfB Neukölln, näher dran, vier U-Bahn-Stationen bis Grenzallee, Rasenplatz mit Schokoladenfabrik in der Nachbarschaft, eine kleine Topographie der Jugend, gemessen nicht in Kilometern, sondern in Trainingstaschen, Heimspielen und Rückfahrten.
Ich spielte Linksaußen, noch klassisch, noch an der Linie, noch mit dem Anspruch, einen Gegenspieler nicht nur zu überlaufen, sondern ein wenig zu demütigen, sofern die eigene Technik es erlaubte. Ich war trickreich genug, um mir einzubilden, trickreich zu sein, und in der Schule gehörte ich zu denen, die man wählte, bevor die Torhüter und die Unsicheren übrig blieben. Wir wurden einmal Berliner Meister. Später spielte ich in der Auswahl des Bezirks Neukölln, fuhr zu Turnieren in Partnerstädte, nach Leonberg und anderswo. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist nur die Herkunft eines Fans, der nicht von der Couch kommt, sondern vom Platz.
Der Ball als frühe Schule der Freiheit
Meine Sportliebe war breiter. Leichtathletik interessierte mich, Basketball auch, Tischtennis lernte ich von meinem Patenonkel. Im Sportabitur im vierten Prüfungsfach wählte ich Volleyball als Ballsportart, neben Leichtathletik und Geräteturnen. Theorie und Praxis, Training und Prüfung: Man musste sich hineinarbeiten, springen, baggern, stellen, antizipieren. Alles, was mit Ball zu tun hatte, war bei mir gut aufgehoben. Doch Fußball blieb der Magnet. Der Ball am Fuß hatte etwas Unmittelbares, das keine andere Sportart in gleicher Weise besaß. Ein Dribbling ist ein kleiner Freiheitsakt. Ein Pass in den Raum ist angewandte Soziologie. Eine Mannschaft ist ein fragiles Gemeinwesen mit Seitenlinien.
Später, längst in Bonn, spielte ich noch bei den Alten Herren des Bonner SC. Irgendwann meldete sich der Körper mit jener Hartnäckigkeit, die er ab einem gewissen Alter entwickelt. Verletzungsanfälligkeit ist eine präzise Vokabel für den Moment, in dem der Kopf noch startet und der Muskel schon einen Widerspruch einlegt. Also wechselte ich stärker zum Volleyball, was ich bis heute ein- bis zweimal pro Woche mache. Aber auch als Trainer blieb ich beim Fußball. Bei Rot Weiß Lessenich, im Nachbarort von Bonn-Duisdorf, trainierte ich 18 Jugendliche und versuchte, all das zu verbessern, was mir selbst früher missfallen hatte.
Beim Schusstraining zum Beispiel standen oft achtzig oder neunzig Prozent der Mannschaft herum, während einer schoss und einer den Ball holte. Das war Trainingspädagogik aus der Ära der Stechuhr. Ich wollte Bewegung, Ballkontakte, Athletik, Rhythmus, Wiederholung, Entscheidung. Ich dachte mir Methoden aus, organisierte Elternabende zur Vorstellungs meines Konzeptes, holte einen Athletiktrainer dazu, teilte Gruppen, ließ die eine Hälfte körperlich arbeiten, die andere technisch und taktisch. Vielleicht war darin ein wenig Magath, ein wenig Klinsmann, gewiss auch ein wenig Berliner Dickkopf. Aber es ging um etwas Einfaches: Fußball ist kein Anschauungsunterricht für Wartende. Fußball ist Bewegung.
Gerade deshalb schmerzt, was aus diesem Spiel auf der Weltbühne geworden ist. Nicht weil Fußball früher rein gewesen wäre. Das war er nie. Es gab immer Interessen, Eitelkeiten, Verbandspolitik, Geld, Korruption, Schmiergeld, Macht, Provinzfürsten und Zentralfürsten. Aber es gab einmal eine erträglichere Grenze zwischen Kommerz und Karikatur. Diese Grenze ist überschritten.
Katar war der erste Abpfiff
Meine innere Kündigung begann nicht erst 2026. Sie begann in Katar. Eine Fußball-Weltmeisterschaft in die Wintermonate zu transplantieren, war bereits eine Groteske. Man vergab das größte Fußballturnier der Welt an ein Land, dessen gewachsene Beziehung zur Fußballkultur ungefähr der eines Kamels zum Eiskunstlauf ähnelt: Mit Aufwand lässt sich eine Arena bauen, aber niemand verwechsele Kulisse mit Kultur. Natürlich kann überall Fußball gespielt werden. Natürlich gehört der Fußball nicht Europa oder Südamerika allein. Doch eine Weltmeisterschaft ist mehr als die Addition klimatisierter Stadien, Sicherheitskonzepte und Fernsehfenster.
Katar war kein Turnier an einem anderen Ort. Katar war ein chirurgischer Eingriff in den Kalender, in den Rhythmus der Ligen, in die Gewohnheiten der Fans. Es war Fußball unter Vollnarkose. Die WM wurde aus ihrer eigenen Jahreszeit herausgeschnitten und in den Winter verpflanzt, als könne man Tradition beliebig umlagern, sobald Verträge, TV-Fenster und Verbandsgremien ihren Segen geben. Damals habe ich boykottiert. Ohne großes Pathos, ohne moralisches Feldherrengehabe, einfach als Zuschauer, der seine eigene Aufmerksamkeit nicht mehr hergeben wollte. Das Einzige, was der Fan wirklich besitzt, ist seine Zeit. Und diese Zeit muss man nicht jedem Spektakel ausliefern.
Nun kommt die WM 2026 in Nordamerika, offiziell größer, glänzender, globaler, mit 48 Mannschaften, 104 Spielen, drei Gastgeberländern. Es klingt nach Ausdehnung, Weltformat, demokratisierter Teilnahme. In Wahrheit riecht es nach Überdehnung. Wo früher ein Turnier war, entsteht ein Kontinentalkongress mit angeschlossenem Fußballbetrieb. Die Weltmeisterschaft wird verwaltet, vermarktet, zerstückelt, bepreist, ausgespielt, paketiert. Der Fan soll nicht mehr kommen. Er soll konvertieren: in Datensatz, Käuferprofil, Zahlungsbereitschaft, Klickspur.
Infantino und die höfische Entstellung des Spiels
Der Tiefpunkt der symbolischen Entgleisung war die Verleihung eines FIFA-Friedenspreises an Donald Trump bei der WM-Auslosung. Man muss diesen Vorgang nicht überhöhen. Er überhöht sich selbst. Da steht ein Verband, der sich seit Jahren mit schönen Formeln über Einheit, Respekt und Verantwortung schmückt, und erfindet einen Friedenspreis, um ihn einem politischen Akteur zu überreichen, dessen öffentliche Sprache eher an eine Abrissbirne erinnert als an eine Friedenskonferenz.
Gianni Infantino agiert in solchen Momenten nicht wie der Präsident eines Weltfußballverbandes. Er wirkt wie der Zeremonienmeister eines imperialen Unterhaltungsstaates. Er lächelt, überreicht, salbt, segnet. Das Vokabular ist groß: Frieden, Einheit, Welt, Menschen, Hoffnung. Die Praxis ist klein: Machtpflege, Nähe zu Autokraten und Populisten, Inszenierung statt Rechenschaft, PR statt demokratischer Kontrolle. Der Fußball wird zur höfischen Kunst. Wer auf der Tribüne sitzt, ist nicht mehr einfach Zuschauer. Er wird Statist in einem politischen Bühnenbild.
Man kann Infantino in dieser Rolle fast römisch lesen. Als Hohepriester der Arena, als Verwalter eines modernen Brot-und-Spiele-Betriebs. Nur dass das Brot inzwischen überteuert ist und die Spiele mit variablen Preisen verkauft werden. Caligula hätte seine Freude daran gehabt: Die Menge jubelt, der Herrscher lächelt, der Zeremonienmeister hebt die Hand, und irgendwo zwischen Friedenspreis, Finalticket und Sponsorenwand verschwindet der Fußball.
Der Vergleich ist drastisch, aber nicht ungerecht. Brot und Spiele waren nie bloß Unterhaltung. Sie waren eine politische Technik. Man gibt der Menge Spektakel, damit sie die Zumutungen der Macht als Fest erlebt. Die FIFA beherrscht diese Technik inzwischen meisterhaft. Sie spricht die Sprache der Völkerverständigung und praktiziert die Grammatik des Monopols. Sie ruft die Welt zusammen und macht aus ihr einen Markt. Sie lädt den Fan ein und behandelt ihn wie einen Geldautomaten mit Vereinsliedern im Kopf.
Der Fan als Melkkuh mit Erinnerungsvermögen
Die Ticketfrage ist dabei kein Nebenschauplatz. Sie ist der Ort, an dem die ganze Verachtung sichtbar wird. Schon bei der Europameisterschaft ging mir dieses System aus Auslosung, Warteschlange, Preissprüngen, Kategorien und digitaler Gängelung auf die Nerven. Der Fan soll hoffen, klicken, zahlen, warten, bangen. Er soll dankbar sein, falls er überhaupt hineindarf. Nun wird das bei der WM 2026 noch einmal gesteigert. Preise, die für normale Anhänger grotesk sind, Sitzplatzkategorien, die sich verschieben, Verfügbarkeiten, die wie künstlich verknappt wirken, eine offizielle Sprache, die jede Empörung in technische Begriffe übersetzt.
Der Fußballfan ist in dieser Ökonomie kein Bürger des Spiels mehr. Er ist Rohstoff. Seine Kindheit, seine Erinnerung, seine Vereinsfarben, seine Tränen nach verlorenen Halbfinals, seine Sammelbilder, seine Auswärtsfahrten, sein Wissen über linke Verteidiger aus den achtziger Jahren, seine irrationale Treue zu Vereinen, die ihm selten etwas zurückgaben: All das wird kapitalisiert. Die FIFA verkauft nicht nur Eintrittskarten. Sie verkauft den Menschen ein Stück ihrer eigenen Biografie zurück.
Dagegen richtet sich meine Weigerung. Nicht gegen Fußball. Nicht gegen Spieler, nicht gegen Fans in Mexiko, Kanada oder den USA, nicht gegen Kinder, die zum ersten Mal ein Turnier bewusst erleben. Ich verweigere das Geschäftsmodell, das den Fußball in ein Herrschaftsritual verwandelt. Ich verweigere diese Mischung aus autoritärer Verbandsführung, politischer Kumpanei, moralischem Weihrauch und finanzieller Dreistigkeit. Ich verweigere den Reflex, am Ende doch einzuschalten, weil ja gleich Anpfiff ist.
Denn genau darauf spekuliert das System. Es weiß, dass der Fan schwach wird. Es kennt die alten inneren Dialoge: Nur dieses eine Spiel. Nur die Deutschen. Nur das Finale. Nur die Zusammenfassung. Nur die Highlights. Nur, um mitreden zu können. Die FIFA muss den Fan nicht überzeugen. Sie muss ihn nur lange genug konditionieren, bis seine Empörung am Spielplan zerschellt.
Der Boykott beginnt auf dem Sofa
Natürlich ist ein privater Boykott kein welthistorisches Ereignis. Die FIFA wird meine Abwesenheit verkraften. Kein Funktionär wird nachts erwachen und rufen: Wo ist der frühere Linksaußen aus Neukölln? Kein Sponsor wird seine Strategie ändern, weil ich nicht einschalte. Das weiß ich. Aber diese Einsicht ist kein Gegenargument. Sie ist der Anfang jeder Selbstachtung als Zuschauer.
Wir haben uns angewöhnt, nur noch solche Gesten ernst zu nehmen, die sofort messbare Wirkung haben. Das ist die Ideologie der Reichweitenmessung. Aber nicht jede Verweigerung braucht eine Statistik. Manchmal besteht Freiheit darin, den eigenen Blick nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Ich muss nicht jede Arena betreten, die man mir vor die Nase baut. Ich muss nicht jedes Spektakel kommentieren, nur weil es läuft. Ich muss nicht mitspielen, wenn ein Spiel, das ich liebe, als Kulisse für Macht, Geld und Selbstvergötterung missbraucht wird.
Der Präsident des FC St. Pauli, Oke Göttlich, gehörte zu den wenigen prominenten Stimmen im deutschen Fußball, die die Frage eines Boykotts überhaupt offen aussprachen. Das verdient Respekt, gerade weil jeder sofort weiß, welche Reflexe dann einsetzen. Man schade den Spielern. Man politisiere den Sport. Man solle doch trennen. Man könne doch nicht alles boykottieren. Man solle realistisch bleiben. Diese Sätze sind die Einschlafmusik einer Branche, die seit Jahrzehnten sehr gut davon lebt, dass am Ende doch alle einschalten.
Aber Sport war nie unpolitisch. Wer das behauptet, hat entweder die Geschichte des Sports nicht verstanden oder profitiert von dieser Behauptung. Weltmeisterschaften sind immer Politik. Sie sind Staatsbesuch, Wirtschaftsgipfel, Imagekampagne, Sicherheitsarchitektur, Fernsehmarkt, Sponsorenmesse. Der Ball rollt nie im luftleeren Raum. Er rollt auf Rasen, der zuvor vergeben, finanziert, bewacht, vermessen und vermarktet wurde.
Abschied vom falschen Fußball
Ich bleibe Fußballfan. Das ist der entscheidende Satz. Ich verabschiede mich nicht vom Spiel, sondern von seiner Entstellung. Ich verabschiede mich nicht vom Dribbling, vom Pass in die Tiefe, vom Geruch eines Platzes nach Sommerregen. Ich verabschiede mich nicht von Kindern, die auf Bolzplätzen spielen, von Trainern, die Hütchen schleppen, von Alten Herren, die nach zehn Minuten schon über die Wade verhandeln. Ich verabschiede mich nicht von der Erinnerung an Concordia Buckow, Stern Marienfelde, VfB Neukölln, die Berliner Meisterschaft, die Bezirksauswahl, die Turniere, den Bonner SC und Rot-Weiß Lessenich, wo ich als Jugendtrainer noch einmal ausprobierte, wie Training aussehen kann, wenn nicht neunzig Prozent der Mannschaft herumstehen, während einer aufs Tor schießt.
Ich verabschiede mich von der FIFA-WM 2026.
Nicht, weil ich dem Fußball weniger nahe wäre als früher. Sondern weil ich ihm zu nahe bin, um mir diese Maskerade noch als Fest verkaufen zu lassen. Wer den Fußball liebt, muss nicht jede seiner Verwertungskarrieren beklatschen. Wer den Fußball kennt, weiß, dass ein Spiel auch dadurch Würde erhält, dass man Grenzen akzeptiert. Aus, Abpfiff, Schluss. Manchmal ist der sauberste Pass der, den man nicht mehr spielt.
Also werde ich diese Weltmeisterschaft nicht verfolgen. Keine Live-Spiele, keine Highlights, keine taktischen Analysen, keine Empörung in Echtzeit, keine halb ironischen Kommentare zur Eröffnungsfeier, keine heimliche Finalneugier. Die Spiele werden weitergehen. Die Kassen werden klingeln. Die Funktionäre werden lächeln. Die Kameras werden schwenken. Die Hymnen werden erklingen. Infantino wird vermutlich wieder Sätze sagen, die klingen, als habe ein PR-Generator in einem Palast übernachtet. Nur ich sitze nicht mehr davor. Der frühere Linksaußen ist vom Platz gegangen. Nicht verletzt. Nicht verbittert. Nur endlich konsequent.
