
Personalabteilungen lassen Bewerbungen von Software vorsortieren, Führungskräfte erhalten Prognosen über Personalbedarf und Leistung. Beschäftigte fragen ein Sprachmodell, bevor sie einen Kollegen anrufen. Unternehmen übersetzen statistische Vorschläge in betriebliche Entscheidungen, die Auswahl, Aufgabe, Aufstieg und Einkommen beeinflussen. Markus Gabriel setzt an diesem Übergang an. In „Sense, Nonsense & Subjectivity“ beschreibt er den Menschen als fehlbares soziales Subjekt. Irrtum gehört bei ihm zur Erkenntnis. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt beseitigt alte Fehler und erzeugt neue Varianten des Falschen. Die zentrale Frage lautet daher: Welche sozialen Verfahren prüfen, korrigieren und verantworten maschinell erzeugte Aussagen?
Die übliche KI-Debatte kreist um Leistungsvergleiche. Welches Modell schreibt besser? Welches System diagnostiziert genauer? Welche Tätigkeiten lassen sich automatisieren? Gabriel verschiebt den Blick auf die Bedingungen menschlichen Urteilens. Sein Thema ist die Fähigkeit, sich zu irren, einen Irrtum zu erkennen und gemeinsam mit anderen zu lernen.
Der andere Mensch macht den Irrtum sichtbar
Gabriel versteht menschliche Subjektivität als Ergebnis gemeinsamer Handlungskoordination. Menschen treten in eine soziale Welt ein, lange bevor sie über die Gedanken anderer nachdenken oder eine ausgearbeitete Theorie des Geistes entwickeln. Sozialität bildet den Boden des Denkens. Andere nehmen einen Gegenstand aus einer anderen Perspektive wahr. An dieser Abweichung erkennt das Individuum den perspektivischen Charakter des eigenen Urteils.
Erkenntnis wächst für Gabriel am Irrtum. Menschen lernen in historisch entstandenen Praktiken gegenseitiger Korrektur. Sie erwerben Begriffe, prüfen Behauptungen an Erfahrungen und lassen sich auf Fehler hinweisen. Gabriel spricht von „socially orchestrated mutual correction“, von sozial organisierter wechselseitiger Korrektur. Wissen entsteht in Verfahren, die Widerspruch zulassen, Erfahrungen speichern und frühere Fehler für spätere Generationen verfügbar machen.
Korrektur verlangt Gründe, Regeln, Erinnerung und Verantwortung. Ein neuronales Netz passt Parameter nach einem Optimierungsverfahren an. Ein Mensch revidiert eine Überzeugung innerhalb einer Praxis, in der Gründe zählen und Menschen für Folgen einstehen. Das Modell optimiert eine Zielgröße. Der Mensch kann erkennen, dass sein Ziel falsch gewählt war, dass eine korrekte Berechnung einem fragwürdigen Zweck diente oder dass eine Entscheidung einen anderen Menschen geschädigt hat.
Lernfähigkeit im technischen Sinn und menschliches Lernen tragen den gleichen Namen. Der Begriff umfasst verschiedene Vorgänge. Ein Modell erhöht seine Trefferquote. Ein Subjekt prüft das eigene Urteil, legt Voraussetzungen offen und übernimmt Verantwortung für eine Revision. Gabriels Philosophie richtet den Blick auf diese Differenz.
Fortschritt produziert seine eigenen Fehler
Gabriel formuliert ein Paradox moderner Wissensgesellschaften. Jeder Erkenntnisgewinn eröffnet weitere Möglichkeiten des Fehlers. Neue Messgeräte erzeugen neue Messprobleme. Neue Modelle schaffen neue blinde Flecken. Neue Kommunikationswege verbreiten wahre Aussagen und Irrtümer mit wachsender Geschwindigkeit. Fortschritt verkleinert den Bereich des Unbekannten an einer Stelle und öffnet ihn an anderer Stelle erneut.
Digitale Systeme beschleunigen diese Bewegung durch ihre Reichweite. Online verbreitete Daten und Informationen modellieren menschliches Denken, Handeln, Urteilen und Selbstbeschreiben. In diesen Modellen stecken verborgene Möglichkeiten des Irrtums. Ihre massenhafte Verteilung vervielfacht die Fehler, die in Auswahl, Deutung und Darstellung eingegangen sind. Gabriel nennt ChatGPT polemisch eine „bullshit engine“. Die Provokation markiert die Lücke zwischen sprachlicher Plausibilität und Erkenntnis.
Ein Sprachmodell kann einen falschen Satz mit hoher sprachlicher Sicherheit ausgeben. Es kann einen richtigen Satz auf ungeeignete Gründe stützen. Lücken in Trainingsdaten oder Aufgabenstellung blenden relevante Tatsachen aus. Die Ausgabe besitzt Form, Rhythmus und scheinbare Geschlossenheit. Eine folgenreiche Entscheidung verlangt zusätzlich Wahrheit, Begründung und zurechenbare Verantwortung.
Menschen begehen vergleichbare Fehler. Ein Gericht untersucht Beweise, eine Redaktion verwirft eine unbelegte Behauptung. Wissenschaftler versuchen, ein Ergebnis zu reproduzieren; Betriebsräte verlangen Auskunft über Bewertungssysteme. Institutionen übersetzen individuelle Fehlbarkeit in gemeinsame Lernfähigkeit.
Das Dashboard kennt seinen Ausschnitt
Gabriel beschreibt moderne Gesellschaften als Gefüge von Transaktionen und Beziehungen, das jeden Akteur mit einem begrenzten Ausschnitt konfrontiert. Soziale Komplexität untergräbt die Vorstellung umfassender Kontrolle. Staat, Wissenschaft, Vernunft und Technik besitzen jeweils begrenzte Zugänge zur Wirklichkeit. Eine perfekte Blaupause der Gesellschaft bleibt unerreichbar, weil schon die vollständige Beschreibung ihrer Verbindungen unsere Erkenntnismöglichkeiten übersteigt.
Für Unternehmen gilt dieser Einwand im kleineren Maßstab. Ein Dashboard verkürzt die Organisation auf messbare Größen. Diese Verkürzung schafft Übersicht. Zugleich blendet sie Erfahrungen, Beziehungen und Nebenfolgen aus. Ein Bewerberscore erscheint als Messwert und enthält Entscheidungen über geeignete Daten, gewünschte Eigenschaften und akzeptable Fehlerraten. Eine Prognose zum Personalbedarf folgt Annahmen über Produktion, Nachfrage und Organisation.
Künstliche Intelligenz bündelt Wissen und bereitet Entscheidungen vor. Dabei kann sie normative Vorentscheidungen hinter Zahlen verdecken. Das Modell übernimmt die Erfolgsdefinition seiner Entwickler. Es erbt Lücken aus den Daten und Prioritäten aus dem Auftrag. Jede Kennzahl trägt ein Bild dessen in sich, was als Leistung, Eignung oder Risiko gelten soll.
Gabriel nennt die Vorstellung einer vollkommen informierten Technokratie illusorisch. Objektives Wissen behält seinen Rang. Seine Anwendung vollzieht sich unter konkurrierenden Interessen, unvollständigen Perspektiven und wandelnden Umständen. Eine Zahl beendet diese Auseinandersetzung selten. Sie kann einer Wertentscheidung den Anschein sachlicher Zwangsläufigkeit verleihen.
Eine Organisation kann an präzisen Daten und falsch gewählten Zielen scheitern. Sie kann einen Prozess effizienter gestalten und seinen Zweck verfehlen. Sie kann Produktivität messen und Beiträge übersehen, die sich einfacher Quantifizierung entziehen: Erfahrung, Vertrauen, Vermittlung, Fürsorge, Widerspruch und das frühe Erkennen eines drohenden Fehlers.
Lazarsfeld entdeckt den eigensinnigen Rezipienten
Paul F. Lazarsfeld und Elihu Katz erschütterten in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Bild einer direkt wirkenden Massenkommunikation. Ihre Studie „Personal Influence“ zeigte ein Publikum, das Botschaften auswählt, deutet und in soziale Beziehungen einordnet. Informationen wandern durch persönliche Netzwerke. „Opinion Leader“ vermitteln, kommentieren und verändern ihre Bedeutung.
Thymian Bussemer rekonstruiert in seiner Dissertation „Propaganda: Konzepte und Theorien“ den Abschied vom alten Massenparadigma. Die empirische Kommunikationsforschung zeigte aktive, sozial eingebundene Menschen. Bussemer zitiert dazu einen Grundgedanken aus Lazarsfelds Forschung: „Zwischenmenschliche Beziehungen setzen Netze zwischenmenschlicher Kommunikation voraus.“ Medienwirkung entsteht in solchen Netzen.
Generative KI rückt Lazarsfeld erneut ins Zentrum. Ein solches System fügt der ersten Stufe der Kommunikation eine synthetische Quelle hinzu. Es formuliert, verdichtet und personalisiert Botschaften. Ihre soziale Geltung entsteht in Gesprächen, Arbeitsgruppen und Vertrauensbeziehungen. Erfahrene Kollegen und anerkannte Führungskräfte prägen, wie Beschäftigte eine neue Anwendung verstehen, prüfen und nutzen.
Bussemer greift den Lazarsfeld zugeschriebenen Satz auf: „Nur Menschen können Menschen überzeugen.“ In seiner Dissertation zitiert er aus „The People’s Choice“: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Lazarsfeld erkennt darin einen hoffnungsvollen Zug des Propagandaproblems.
Maschinelle Sprache übt Einfluss aus. Menschen machen aus Systemantworten Gründe, Entscheidungen und Verpflichtungen. Sie gewähren Vertrauen, formulieren Widerspruch und tragen die Folgen. Der Zweistufenfluss besteht unter digitalen Bedingungen fort. Seine erste Stufe gewinnt Geschwindigkeit und Reichweite. Seine zweite Stufe bleibt sozial.
Bussemers Dissertation und seine Aufgabe als Bereichsleiter HR Strategie & Innovation bei der Volkswagen AG gehören zu verschiedenen Arbeitsfeldern. Die Verbindung entsteht durch eine gegenwärtige Frage: Wie gelangen technisch erzeugte Aussagen in menschliche Entscheidungen? Lazarsfelds Antwort führt zu den Beziehungen, in denen Menschen Informationen deuten und einander beeinflussen.
Der Score im Gewand der Sachlichkeit
Gabriel bezieht sich in „Sense, Nonsense & Subjectivity“ ausdrücklich auf Bussemers Propagandaforschung. Er greift dessen „Superdefinition“ auf. Propaganda bezeichnet demnach die meist medienvermittelte Formung handlungsrelevanter Meinungen und Einstellungen politischer oder sozialer Großgruppen durch symbolische Kommunikation. Sie erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit im Dienst bestimmter Interessen.
Bussemer beschreibt zwei weitere Merkmale. Propaganda ordnet Wahrheit der Wirksamkeit unter. Sie naturalisiert ihre Botschaften, indem sie normative Empfehlungen als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert. Gabriel übernimmt diese Bestimmung für seine Analyse digitaler Öffentlichkeit.
Der Begriff liefert ein Prüfgerät für algorithmische Kommunikation. Ein Bewerberscore tritt als Tatsachenfeststellung auf. Seine Konstruktion enthält Zielbilder guter Leistung und passender Biographien. Ein Produktivitätsmodell bevorzugt leicht messbare Tätigkeiten und verdrängt schwer messbare Beiträge aus dem Blickfeld. Die technische Form kann eine organisatorische Entscheidung naturalisieren.
Prüfer müssen daher Daten, Zielgröße, Fehlerrate und Interessen offenlegen. Betroffene brauchen einen wirksamen Weg zur Anfechtung. Verantwortliche müssen erklären, weshalb eine maschinelle Empfehlung in eine Entscheidung eingegangen ist. Ein technisches Handbuch deckt die technische Ebene ab. Transparenz muss auch den sozialen Sinn der verwendeten Kategorien verständlich machen.
Gabriel behandelt Propaganda als ambivalentes Phänomen. Der Begriff umfasst destruktive, neutrale und gesellschaftlich nützliche Formen organisierter Einflussnahme. Öffentliche Gesundheitskommunikation, politische Mobilisierung und die Verbreitung wissenschaftlich begründeter Empfehlungen koordinieren ebenfalls Verhalten. Zweck, Wahrheitsgehalt, Verfahren und Machtverteilung entscheiden über ihre Bewertung.
Bussemers Dissertation führt zu einer verwandten Ambivalenz. Persuasive Kommunikation kann eine pluralistische Öffentlichkeit strukturieren, Informationen verbreiten und widerstreitende Interessen sichtbar machen. Ressourcenreiche Akteure können den Diskurs dominieren. Der Journalismus verliert seine ordnende Funktion, sobald er konkurrierenden Botschaften lediglich eine Bühne überlässt. Generative Systeme verschärfen dieses Problem durch hohe Produktionsgeschwindigkeit, geringe Kosten und personalisierte Ansprache.
Die Erzählung vom postfaktischen Zeitalter
Gabriel wendet sich gegen die Vorstellung eines einheitlichen „postfaktischen Zeitalters“. Die Behauptung, Fakten hätten ihre Bedeutung verloren und Emotionen hätten die Herrschaft übernommen, kann selbst zur ideologischen Selbstbeschreibung werden. Moderne Öffentlichkeiten waren stets von Irrtum, Interesse, Überredung und Unwissen geprägt. Digitale Medien erhöhen die soziale Komplexität und vervielfachen die Zahl der Sprecher.
Diese Entwicklung trägt gegensätzliche Möglichkeiten in sich. Desinformation verbreitet sich rasch. Neue Gruppen gewinnen Zugang zur Öffentlichkeit, prüfen etablierte Deutungen und machen übersehene Erfahrungen sichtbar. Moralischer Fortschritt und politische Manipulation wachsen im digitalen Raum zugleich. Gabriel fordert deshalb, die Illusion einer vollkommen illusionsfreien Öffentlichkeit aufzugeben. Dissens, Perspektivendifferenz und Fehlbarkeit gehören zur öffentlichen Erkenntnis.
Eine demokratische Öffentlichkeit braucht Verfahren, die konkurrierende Behauptungen prüfen und Fehler korrigierbar halten. Wissenschaft, Journalismus, Gerichte, Parlamente und betriebliche Mitbestimmung erfüllen je einen Teil dieser Aufgabe. Ihre Autorität entsteht aus Regeln, Gegenprüfung und der Möglichkeit, Entscheidungen zu revidieren.
Künstliche Intelligenz verändert diese Institutionen, weil sie den Umfang der verfügbaren Aussagen vergrößert. Sie erzeugt Zusammenfassungen, Prognosen, Bilder und Argumente in industrieller Menge. Herkunftsnachweise, Verantwortungswege und geschützte Räume des Widerspruchs gewinnen dadurch an Gewicht.
Gabriel verteidigt einen Realismus, der objektive Tatsachen anerkennt und die Grenzen unserer Zugänge mitdenkt. Menschen können die Wirklichkeit erkennen. Ihr Standort bleibt ein Teil dieser Wirklichkeit. Darum überblicken sie nie sämtliche Bedingungen des eigenen Wissens.
Epistemische Demut als Führungskompetenz
Gabriel nennt die angemessene Reaktion auf menschliche Fehlbarkeit „epistemic humility“, epistemische Demut. Sie verbindet Erkenntnisanspruch mit Revisionsbereitschaft. Menschen können etwas wissen; eine absolute Garantie für jede Voraussetzung ihres Wissens bleibt unerreichbar. Wer die Hyperkomplexität der Wirklichkeit anerkennt, rechnet mit blinden Flecken im eigenen Urteil.
Epistemische Demut akzeptiert fehlbares Wissen. Sie verlangt genaue Begründungen, überprüfbare Verfahren und die Bereitschaft zur Korrektur. Gewissheit erhält einen Preis: Wer sie beansprucht, muss die Reichweite seiner Gründe ausweisen. Ein Modell mit hoher Trefferquote kann außerhalb seines Anwendungsbereichs wertlos werden. Eine korrekte Prognose kann auf einem fragwürdigen Ziel beruhen.
Aus dieser Philosophie folgt für Organisationen ein konkreter Auftrag. Beschäftigte brauchen einen begründeten Einspruch gegen automatisierte Bewertungen. Fachleute müssen Datenherkunft, Modellannahmen und Zielgrößen prüfen können. Für jede folgenreiche Entscheidung muss ein Akteur einstehen, Gründe nennen und eine Revision veranlassen können.
Der geläufige „Human in the Loop“ kann unter Zeitdruck zur routinierten Freigabestelle werden. Wirksame Kontrolle verlangt die reale Befugnis, einen Vorschlag zu verwerfen. Die Organisation muss Widerspruch schützen, Fehler dokumentieren und aus Korrekturen lernen. Solche Verfahren verwandeln menschliche Fehlbarkeit in institutionelle Lernfähigkeit.
Führungskräfte müssen Reichweite und Grenzen eines Modells benennen. Übertriebene Gewissheit fördert die Abhängigkeit von technischen Systemen. Begründete Vorläufigkeit hält Entscheidungen offen für bessere Informationen. Der verantwortliche Mensch muss sprachlich und organisatorisch sichtbar bleiben.
HR gestaltet die Institutionen der Korrektur
Thymian Bussemer bezeichnet HR in der gegenwärtigen Veränderung als Schlüsselfunktion für Wettbewerbsfähigkeit und menschenorientierte Arbeitswelten. Seine Antwort auf die Frage nach seiner Begeisterung für HR beginnt mit Gustav Heinemann: „Lieben tue ich nur meine Frau.“ Bussemer misst die Profession an ihrer Aufgabe.
Gabriels Theorie schärft den institutionellen Gehalt dieser Aufgabe. HR gestaltet die Bedingungen, unter denen Menschen mit KI arbeiten, Ergebnisse prüfen und Verantwortung verteilen. Die Einführung eines Systems verlangt technische Kompetenz, arbeitsrechtliche Regeln, soziale Vermittlung und ein Verfahren für begründeten Einspruch.
Qualifizierung reicht über die Bedienung neuer Software hinaus. Beschäftigte müssen erkennen, welche Art von Aussage ein System produziert, wie Wahrscheinlichkeiten zu lesen sind und wo Daten schweigen. Führungskräfte brauchen Verfahren für strittige Fälle. Die Mitbestimmung prüft automatisierte Bewertungen auf soziale Folgen. Eine lernende Organisation misst ihren Fortschritt auch daran, wie zuverlässig sie eigene Irrtümer entdeckt.
Lazarsfeld ergänzt diese Perspektive um die informelle Seite des Wandels. Technische Anwendungen verbreiten sich über soziale Beziehungen. Anerkannte Personen in Teams prägen ihren Gebrauch. Sie können kritiklose Übernahme fördern oder eine Kultur sorgfältiger Prüfung. Unternehmen sollten diese Vermittler kennen und ihnen Raum für eigene Urteile lassen.
Diese Lesart bleibt auf der Ebene des normativen Auftrags. Konkrete Volkswagen-Projekte stehen außerhalb der Quellenbasis. Bussemers gegenwärtige Funktion verankert die Debatte in der Unternehmenspraxis; seine Dissertation liefert Begriffe für die Geschichte von Einfluss und Vermittlung.
Peter Glotz und die Abwehrkräfte der Öffentlichkeit
Peter Glotz erkannte im Vorwort zu Bussemers Dissertation den Rang ihres wissenschaftsgeschichtlichen Verfahrens. Der Kommunikationswissenschaftler und frühere Bundesgeschäftsführer der SPD hob hervor, wie Bussemer Propagandatheorien mit Zeitlagen und Herrschaftsstrukturen verband. Die Geschichte des Fachs erschien dadurch als Geschichte wechselnder Vorstellungen von Einfluss, Masse, Öffentlichkeit und sozialer Kontrolle.
Glotz würdigte Bussemers Vertrauen in die Medienkompetenz des Publikums und die Abwehrkräfte eines kritischen Journalismus. Zugleich warnte er vor „zu viel Optimismus über den Zustand unserer Demokratie“. Die Abwehrkräfte der offenen Gesellschaft wirken durch institutionelle Praxis. Sie brauchen Finanzierung, Zeit, professionelles Urteil und Schutz vor Machtkonzentration.
Künstliche Intelligenz verleiht dieser Warnung neue Aktualität. Synthetische Kommunikation beschleunigt Einfluss und erweitert den Irrtumsraum. Gabriel liefert das philosophische Fundament: Subjektivität ist sozial, Fehlbarkeit unvermeidlich, Korrektur eine gemeinsame Leistung.
Glotz’ Vorwort endet mit dem Wunsch nach breiter Rezeption von Bussemers Studie. Heute liest sich dieser Wunsch als Arbeitsauftrag für die KI-Gesellschaft. Die offene Gesellschaft schützt ihre Erkenntnisfähigkeit durch Widerspruch, unabhängigen Journalismus, verantwortliche Institutionen und revidierbare Entscheidungen. Künstliche Intelligenz erhöht die Dringlichkeit dieser Arbeit. Die Qualität unserer Korrekturen entscheidet über ihren gesellschaftlichen Wert.
