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Der Fortschritt liegt auf der Müllhalde: Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung“ führt Joseph Conrads kolonialen Handelsposten in die Ruinen einer Industriegesellschaft

Die Zukunft riecht nach PVC, Asbest und fauligem Brunnenwasser. Zwischen Schutthalden, verrosteten Fässern, Mauerresten und Baracken suchen zwei Männer nach verwertbaren Stoffen. Der Untergang kam offenbar schleichend. Städte zerfielen, Schulen verschwanden, Computer wurden gegen Kartoffeln und Konservendosen eingetauscht. Eine Firma schickt ihre Angestellten dorthin, wo die alte Gesellschaft ihren Müll hinterlassen hat. Aus den Altlasten sollen wieder Rohstoffe werden.

Edgar Piels Hörspiel „Die Niederlassung oder In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt“ entstand 1993 beim Radio der deutschen und rätoromanischen Schweiz. Der DRS reichte die Produktion als Schweizer Beitrag zum Prix Futura ein. Später übernahmen deutsche Sender das Stück. Radio Bratislava produzierte in den neunziger Jahren sogar eine slowakische Fassung. Ein solches zweites Leben blieb deutschsprachigen Hörspielen meist versagt.

Piel hat die Geschichte als freie Transposition von Joseph Conrads Erzählung „Ein Vorposten des Fortschritts“ angelegt. Schon der Untertitel stammt aus Conrad. Der literarische Bezug öffnet eine zweite Ebene. Conrads Elfenbeinhandel erscheint bei Piel als Bergung chemischer Rückstände. Die koloniale Handelsstation wandert aus dem afrikanischen Regenwald in das verseuchte Entsorgungsgebiet einer europäischen Zukunft. Aus der Zivilisierungsmission wird die Verwertung ihrer Überreste.

Zwei Männer übernehmen das Reich der Abfälle

Reuter und Berger erreichen die Niederlassung nach einer dreitägigen Fahrt durch Täler, Halden und verwüstete Siedlungen. Bracher, ein Vertreter der Firma, präsentiert ihnen das Gelände mit dem Stolz eines Unternehmers, der eine ergiebige Lagerstätte entdeckt hat. Soweit das Auge reicht, liegen die „Rohstoffe aus der goldenen Zeit der Polymerisation“. Bracher nennt die Deponie eine Goldgrube. Was frühere Generationen als Altlasten bezeichneten, gilt nun als „abgelagerte, aufgesparte, vorveredelte Energie“.

Die Wortwahl vollbringt bereits den ersten Akt der Verwertung. Gift wird durch Sprache zum Vermögen. Asbest erhält den Rang eines Bodenschatzes. PVC erscheint als kostbare Substanz. Die Firma entsorgt nichts. Sie fördert, sortiert und verkauft die Hinterlassenschaften einer Epoche, die an ihrem eigenen Stoffwechsel zugrunde gegangen ist.

Reuter soll die Niederlassung leiten. Er hat zwanzig Jahre lang Arztrechnungen in einen Computer eingegeben, bis Ärzte keine Rechnungen mehr schickten und ihre Honorare in Naturalien erhielten. Berger war Lehrer für Sozialkunde, Geschichte und Sport, damals, als Kinder noch Schulen besuchten. Beide haben ihre gesellschaftliche Funktion verloren. Die Firma bietet ihnen Arbeit, Einkommen und einen letzten Rest von Rang.

Bracher spricht vom Vertrauen, das sein Unternehmen in die beiden Männer investiert habe. Er erklärt ihnen ihre Verantwortung für Zivilisation, Würde und Anstand. Danach fährt er weiter. Hinter seinem Lastwagen bleibt eine Ödnis zurück, die Reuter und Berger voreinander zu verbergen versuchen. Der Firmenauftrag liefert ihnen eine Rolle. Die Landschaft zeigt ihnen täglich, wie wenig diese Rolle trägt.

Conrads Außenposten am Rand des Kongo

Joseph Conrad schrieb „An Outpost of Progress“ 1896. Die Erzählung erschien im Juni und Juli 1897 in der Zeitschrift „Cosmopolis“ und ein Jahr später in seinem Band „Tales of Unrest“. Conrad griff auf seine Reise in den Kongo-Freistaat zurück. 1890 hatte er dort für eine belgische Handelsgesellschaft gearbeitet und die Verwüstungen des Kolonialregimes kennengelernt.

Conrad bezeichnete die Erzählung später als den leichteren Teil der literarischen Beute, die er aus Zentralafrika mitgebracht habe. Den umfangreicheren Teil bildete „Herz der Finsternis“. In beiden Texten zerlegt Conrad die europäische Vorstellung, Handel, Technik und Verwaltung würden Licht in vermeintlich dunkle Weltgegenden tragen. Der englische Text samt Conrads Autorennotiz lässt sich bei Project Gutenberg lesen.

Kayerts und Carlier leiten bei Conrad einen abgelegenen Handelsposten. Kayerts war Angestellter der Telegraphenverwaltung. Carlier diente beim Militär. Beide besitzen weder praktische Fähigkeiten noch Kenntnisse des Landes. Sie verbringen ihre Tage mit Essen, Reden und dem Warten auf das Dampfschiff der Handelsgesellschaft.

Der kompetenteste Mann der Station heißt Makola. Er spricht mehrere Sprachen, führt die Bücher und organisiert den Handel. Conrad zeichnet ihn durch den kolonialen Blick seiner Epoche, gibt ihm jedoch eine Handlungsmacht, die Kayerts und Carlier fehlt. Makola erkennt die Gier der Gesellschaft und weiß, wie sich ihre Regeln umgehen lassen.

Bewaffnete Händler tauchen an der Station auf. Makola überlässt ihnen die Arbeiter der Gesellschaft und erhält dafür sechs mächtige Elfenbeinstoßzähne. Kayerts und Carlier reagieren empört. Kurz darauf wiegen sie das Elfenbein, tragen es ins Lager und berechnen ihre Prozente. Ihre moralische Entrüstung begleitet den wirtschaftlichen Nutzen. Sie verurteilen Makola und führen das Geschäft zu Ende.

Conrad zeigt eine Verwaltung des Verbrechens, die ohne schriftlichen Befehl auskommt. Der Direktor bleibt fern. Makola organisiert den Tausch. Kayerts und Carlier profitieren davon. Jeder kann später behaupten, der andere habe gehandelt. Die Ware liegt trotzdem korrekt gewogen im Lagerhaus.

Elfenbein verwandelt sich in Chemie

Piel übernimmt die Konstruktion und führt sie in eine spätere Stufe der Zivilisationsgeschichte. Reuter trägt Züge von Kayerts. Berger folgt Carlier. Bracher vertritt den fernen Direktor der Handelsgesellschaft. Der einheimische Vermittler Makola kehrt als Gossing wieder. Selbst der tote Vorgänger besitzt sein Gegenstück.

Bei Conrad liegt der erste Leiter der Station unter einem schiefen Kreuz begraben. Er war ein erfolgloser Maler, der in Afrika sein Glück gesucht hatte und am Fieber starb. Piels Eschenbach war ebenfalls Künstler. Er hatte die Niederlassung aufgebaut, große Ideen entwickelt und das Klima der Deponie körperlich nicht überstanden. Sein Grab liegt am Rand des Geländes.

Auch der verhängnisvolle Handel folgt Conrads Vorlage. Fremde Männer aus dem Norden erscheinen mit Gewehren und abgerichteten Hunden. Sie brauchen Fleisch für ihre Tiere und bieten dafür Fässer mit wertvollen Chemikalien an. Nach einem Betriebsfest verschwinden mehrere Arbeiter. Ein Mann liegt erschossen und von Hunden angefressen hinter der Halde. Gossing bringt die Fässer ins Lager und prüft ihren Inhalt.

Piel lässt den Tausch zunächst im Halbdunkel. Reuter versteht die Zusammenhänge und weicht vor diesem Wissen zurück. Die Firma wird mit der Ausbeute zufrieden sein. Bracher dürfte kaum fragen, woher die Fässer stammen. Diese Erwartung reicht aus, um aus einem Verbrechen eine betriebliche Leistung zu machen.

Bei Conrad werden Menschen gegen Elfenbein getauscht. Bei Piel werden Menschen zu Fleisch und damit selbst zum Rohstoff. Die Ware verschlingt den Arbeiter. Der Hund, ein alter Begleiter der Zivilisation, erscheint als Endverbraucher einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen längst in Materialeinheiten aufgelöst hat.

Die Kolonie kehrt nach Europa zurück

Conrad beschreibt einen Außenposten des europäischen Imperialismus. Eine Handelsgesellschaft dringt in den Kongo ein, eignet sich Rohstoffe an und nennt diesen Vorgang Fortschritt. Piel lässt das koloniale Modell heimkehren. Die verwüstete Zone liegt in einer zerfallenen Industriegesellschaft. Ihre Bewohner erscheinen den Firmenvertretern wie eine fremde Bevölkerung.

Reuter nennt sie Nomaden, Pack und zivilisationsmüde Aussteiger. Er macht ihre Väter für den Zusammenbruch der Städte verantwortlich. Sie hätten irgendwann alles liegen gelassen und seien davongelaufen. Die Trümmer der alten Ordnung belegen eine andere Geschichte. Produktion, Verpackung, Chemie und Ressourcenverbrauch haben eine Landschaft geschaffen, in der gesellschaftliches Leben kaum noch möglich ist.

Der Begriff „Entsorgungsgebiet“ verrät die neue Geographie. Die wohlhabenden Zentren haben ihre gefährlichen Stoffe an einen Rand verschoben. Die Firma kehrt dorthin zurück, sobald diese Stoffe wieder einen Preis erzielen. Das Gebiet zählt erst als wertlos, dann als Rohstofflager. Seine Bewohner zählen als Arbeitskräfte, später als Tauschgut.

Piel zeigt Kolonialismus als wiederkehrende Organisationsform. Eine Zentrale schickt Menschen in eine Randzone. Dort errichten sie eine Niederlassung, beanspruchen das Land und verwalten die Körper anderer. Die Firmenvertreter nennen sich Träger der Kultur. Ihre Geschäfte erzeugen Gewalt, Krankheit und Tod.

Conrads Kritik bleibt dabei in die Sprache und den europäischen Blick des späten 19. Jahrhunderts verstrickt. Die afrikanischen Figuren erhalten nur begrenzten Zugang zu eigener Erinnerung und Erfahrung. Piel verändert die ethnische Ordnung des Stoffes. Seine Niederlassung steht nach der Katastrophe in Europa. Der koloniale Abstand entsteht durch Armut, Bildung, Firmenrang und die Verfügung über Waffen.

Alte Zeitungen sprechen aus dem Grab

In beiden Geschichten spielen vergilbte Zeitungen eine zentrale Rolle. Kayerts und Carlier finden alte Blätter aus Europa. Darin lesen sie schwungvolle Artikel über die koloniale Expansion, die Pflichten der Zivilisation und das heilige Werk jener Männer, die Handel und Licht in entlegene Gebiete tragen. Die Lektüre hebt ihre Stimmung. Sie beginnen, sich selbst für bedeutende Pioniere zu halten.

Carlier schaut über die Station und entwirft ihre Zukunft: „In hundert Jahren steht hier vielleicht eine Stadt.“ Er sieht Kais, Lagerhäuser, Kasernen und Billardsäle. Spätere Generationen sollen Kayerts und Carlier als die ersten zivilisierten Männer an diesem Ort verehren. Piel übernimmt diesen Satz als Untertitel seines Hörspiels.

Berger findet ebenfalls alte Zeitungen. Sie stammen aus den Jahren vor dem Zusammenbruch. Ihre Meldungen handeln von Verpackungsmüll, sterbenden Wäldern, Umweltpolitik und den Gefahren des Computerzeitalters. Eine Zeitung berichtet über die wachsende Kunststofflawine aus Polyethylen, Polyvinylchlorid und Polystyrol. Ein Umweltbeauftragter empfiehlt zu Weihnachten ein Geschenk, das weder giftig sei noch die Abfalleimer verstopfe: Zeit.

Die Meldungen besitzen im Entsorgungsgebiet eine makabre Gegenwart. Alles, wovor sie warnten, umgibt die beiden Männer als Landschaft. Berger liest einen Satz des Informatikers Joseph Weizenbaum vor. Die Menschheit sitze auf einer Titanic, die auf einen Eisberg zufahre. Nur ein Wunder könne sie retten. Reuter und Berger lachen über den alten Alarm. Ihr Arbeitsplatz beweist, dass das Wunder ausgeblieben ist.

Die Zeitungen wirken wie ein Chor aus einer untergegangenen Epoche. Ihre Warnungen waren vorhanden, wurden gedruckt, gelesen und abgelegt. Jahrzehnte später dienen die Blätter als Unterhaltung beim Frühstück. Die Katastrophe erscheint dadurch als Ergebnis eines langen Wissens ohne Folgen.

Bei Conrad liefert die Zeitung den Männern eine heroische Selbsterzählung. Bei Piel liefert sie Anklagematerial. Berger liest weiter, weil er in den alten Meldungen die Vorgeschichte ihrer Lage erkennt. Reuter verlangt Ruhe. Das Rascheln des Papiers wird zum Geräusch seines schlechten Gewissens.

Eine Rose zwischen Asbest und Löwenzahn

Gossing lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern am Rand der Niederlassung. Seine Frau hat vor dem Haus einen Garten angelegt. Zwischen verrosteten Dosen, Fahrradfelgen und Schläuchen wachsen Rittersporn und eine rote Rose. Reuter erinnert sich an den Garten seiner Mutter. Seit Jahren hat er keine Rose mehr gesehen.

Diese kurze Szene verändert den Blick auf die verwüstete Welt. Leben kehrt durch Pflege zurück. Frau Gossing gestaltet einen kleinen Raum, in dem Erinnerung, Schönheit und Ordnung fortbestehen. Die Firma betrachtet den Boden als Lager chemischer Werte. Der Garten behandelt ihn als Lebensgrundlage.

Berger knüpft daran seine eigene Stadtvision. Er sieht Straßen, Geschäfte, einen Park und ein Schulzentrum. In künftigen Lesebüchern sollen zwei tüchtige Männer stehen, die die Kultur zurückgebracht hätten. Seine Vorstellung wiederholt den Traum Carliers aus Conrads Erzählung. Auch Berger schreibt sich selbst bereits in die Geschichte der erhofften Stadt ein.

Sein Wunsch, den Arbeitern Lesen und Schreiben beizubringen, entspringt Mitgefühl und Selbstüberschätzung. Er erkennt ihre Lage und spricht von Verantwortung. Zugleich entwirft er sich als Kulturbringer. Piel lässt Fürsorge, Eitelkeit und koloniale Erinnerung ineinanderlaufen. Berger bleibt Teil der Firmenordnung, deren Gewalt ihn bald verfolgt.

Das Gift zieht in die Körper

Die Niederlassung vergiftet ihre Bewohner langsam. Das Brunnenwasser stinkt. Die Sonne brennt. Ratten fallen über die Vorräte her. Berger leidet unter Durchfall und Fieber. Auf seinen Armen wächst ein Ausschlag. Seine Haare fallen büschelweise aus. Auch Reuter bekommt Kopfschmerzen und spürt ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Der Körper führt Buch über jene Stoffe, die Reuters Zeichensystem als betriebliche Leistung verbucht. Asbest, PVC und pharmazeutisch angereichertes Erdreich lassen sich sortieren und wiegen. Ihre Wirkung entzieht sich der Bilanz. Die Männer fördern einen Reichtum, der sie zerstört.

Bracher hatte den Tod Eschenbachs mit dessen empfindlicher Gesundheit erklärt. So individualisiert die Firma den Schaden. Der Verstorbene war dem Klima körperlich nicht gewachsen. Die Niederlassung, ihr Wasser und ihre Chemikalien bleiben aus dieser Sicht unschuldig. Später wenden Reuter und Berger dieselbe Erklärung auf sich selbst an.

Die Sprache der Firma schützt das Geschäft vor der Erfahrung. „Altlasten“ werden „vorveredelte Energie“. Vergiftung wird Klimaempfindlichkeit. Verschwundene Arbeiter gelten als Vertragsbrecher. Menschenhandel erscheint als unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz. Piel verfolgt, wie Begriffe Verantwortung verschieben und eine verwüstete Ordnung betriebsfähig halten.

Der Streit um das Gedächtnis

Bei Conrad eskaliert die Beziehung zwischen Kayerts und Carlier in einem Streit um Zucker. Die Vorräte sind fast aufgebraucht. Krankheit, Hunger und Angst haben beide Männer verändert. Kayerts erschießt Carlier. Danach versucht er, die Tat vor sich selbst zu erklären.

Piel ersetzt den Zucker durch eine Zeitung. Berger liest einen Bericht über Hundefleisch, das in einer Fleischfabrik zu Würsten verarbeitet wurde. Dann spricht er aus, was in der Niederlassung geschehen sein dürfte. Gossing habe die verschwundenen Arbeiter als Fleisch für die Hunde verkauft und dafür die Chemikalien erhalten.

Reuter verlangt die Zeitung. Berger wirft ihm Heuchelei und Zusammenarbeit mit Gossing vor. Reuter beruft sich auf seine Stellung als Vorgesetzter. Er droht, Berger wie einen Hund zu erschießen. Die Formulierung verbindet den betrieblichen Machtkampf mit dem Menschenhandel, den beide verdrängt haben.

Der spätere Reuter behauptet immer wieder, Berger habe ihn töten wollen. Gossing findet jedoch nur einen Revolver. Er gehört Reuter. Berger war unbewaffnet. Das Hörspiel verwandelt Reuters Rechtfertigung in einen sprachlichen Kreislauf. Er wiederholt sie, weil keine Wiederholung sie wahr machen kann.

Der Streit entzündet sich damit am Gedächtnis. Berger liest die Vergangenheit und erkennt die Gegenwart. Reuter braucht das Schweigen, damit seine Weltordnung hält. Die Zeitung wird gefährlicher als eine Waffe. Sie verbindet Warnung, Katastrophe und persönliche Schuld.

Trommeln, Hunde und die Geräusche der Angst

Piel erzählt die Geschichte vom Ende her. Zu Beginn ist Berger bereits tot. Reuter spricht in abgerissenen Sätzen über den angeblichen Angriff. Erst danach kehrt das Hörspiel zur Ankunft der beiden Männer zurück. Die Handlung nähert sich Schritt für Schritt jener Szene, deren Ergebnis der Hörer bereits kennt.

Diese Kreisform macht Reuter zum Gefangenen seiner eigenen Erzählung. Seine Sätze kehren wieder: Berger habe den Verstand verloren. Berger habe ihn töten wollen. Berger hätte zuerst schießen können. Jede Wiederholung legt den Widerspruch weiter frei.

Die akustische Landschaft trägt einen großen Teil der Erzählung. Nachts schlagen die Bewohner auf Fässer und vertreiben damit Ratten und wilde Hunde. Reuter und Berger hören darin bald eine Drohung. Die Trommeln kommen aus der Dunkelheit, während die Feuer zwischen den Halden zittern. Aus mangelnder Orientierung wächst Furcht, aus Furcht wächst Feindseligkeit.

Später verstummen viele Trommeln. Arbeiter sind verschwunden. Krankheit und Gewalt haben die Niederlassung entleert. Das Schweigen besitzt nun ein anderes Gewicht. Die Männer hören den Motor des erwarteten Lastwagens sogar dort, wo keiner fährt. Hoffnung und Angst nehmen denselben Klang an.

Die Regie von Mario Hindermann gibt der Wiederholung Raum. Peter Kner als Reuter führt den Hörer durch die Geschichte eines Mannes, der seine Wahrnehmung fortwährend zu einer Entlastungserzählung umbaut. Klaus Knuth als Berger kippt vom pädagogischen Enthusiasmus in Krankheit und Anklage. Horst Warning spricht Bracher, Ingold Wildenauer den Gossing. Emil Moser komponierte die Musik; die Produktion dauert rund 51 Minuten.

Walter Benjamins Trümmerfeld wird zur Deponie

Walter Benjamin beschrieb 1940 den Engel der Geschichte, der auf eine einzige Katastrophe blickt. Vor ihm wachsen die Trümmer. Ein Sturm treibt ihn rückwärts in die Zukunft. Diesen Sturm nennt Benjamin Fortschritt. Die neunte These „Über den Begriff der Geschichte“ liefert dafür das berühmte Denkbild.

Piels Niederlassung liegt mitten in diesem Trümmerfeld. Verfallene Straßen, Mauerreste, Kunststoffe, Autoteile und chemische Fässer bilden die Ablagerungen der vergangenen Epoche. Die Firma schaut auf diese Landschaft und entdeckt Vermögenswerte. Sie will das Zerschlagene weder heilen noch erinnern. Sie will es bilanzieren.

Der Fortschritt erscheint damit in zwei Gestalten. Zuerst produziert er die Stoffe, die das Leben erleichtern sollen. Danach zerstören ihre Mengen und Rückstände die gesellschaftliche Ordnung. Schließlich kehrt der Fortschritt als Geschäftsidee zurück und verkauft die Hinterlassenschaften seiner eigenen Verwüstung.

Piel entwirft eine finstere Kreislaufwirtschaft. Materie erhält einen neuen Preis. Menschen verlieren ihren. Die Firma rettet PVC, Asbest und Chemikalien aus den Ruinen. Für Berger, die Arbeiter und die Bewohner des Entsorgungsgebiets kennt ihre Bilanz keine Rettungsposition.

Der zivilisierte Mensch auf seinem letzten Außenposten

Conrads Kayerts und Carlier verlieren in der Isolation jene gesellschaftlichen Regeln, die sie für persönliche Tugenden hielten. Ohne Polizei, Nachbarn und öffentliche Kontrolle zerfällt ihr Selbstbild. Ihre Zivilisation bestand weitgehend aus Gewohnheit, Versorgung und institutioneller Aufsicht.

Reuter und Berger erleben einen verwandten Abstieg. Beide stammen aus Berufen einer geordneten Welt. Der eine war Verwaltungsangestellter, der andere Lehrer. In der Niederlassung führen sie ihre alten Rollen weiter. Reuter entwickelt eine Buchhaltung. Berger plant Unterricht. Die Formen bleiben erhalten, ihr gesellschaftlicher Boden ist verschwunden.

Piel behandelt Zivilisation als ein empfindliches Geflecht aus Institutionen, Erwartungen und materieller Versorgung. Bricht dieses Geflecht, treten Angst, Rangdenken und Gewalt hervor. Der Vorgesetzte schützt seine Stellung mit dem Revolver. Der Lehrer sucht Halt in vergilbten Zeitungen. Der Firmenvertreter kommt erst zurück, nachdem alles geschehen ist.

Auch Gossing bleibt in dieser Ordnung gefangen. Er versteht das Gelände, die Bewohner und die fremden Händler. Seine praktische Kompetenz macht ihn für die Firma unentbehrlich. Sein Garten schützt ein Stück Leben. Sein Handel liefert zugleich die Ware, die den Betrieb erfolgreich erscheinen lässt. Piel verteilt Schuld über ein System, in dem jeder Akteur seinen Bereich verwaltet und die Folgen beim anderen ablegt.

Das Kreuz als Gerät der Selbstabrechnung

Das Grabkreuz des Vorgängers verbindet Conrad und Piel bis in die letzte Szene. Bei Conrad richtet Carlier das schiefe Kreuz auf. Er prüft seine Arbeit, indem er sich mit beiden Händen an den Querbalken hängt. Nach Carliers Tod benutzt Kayerts dieses Kreuz für seinen Suizid. Das Dampfschiff erreicht die Station wenige Augenblicke später.

Bei Piel repariert Reuter gleich nach seiner Ankunft Eschenbachs Kreuz. Auch er prüft, ob es sein Gewicht hält. Nach Bergers Tod spricht er davon, sich daran aufzuhängen. Bracher findet ihn schließlich am Kreuz. Der Firmenvertreter bringt einen Brief von Bergers Tochter Emily mit.

Das Kreuz markiert zuerst den gescheiterten Vorgänger, dann die Wiederholung seines Schicksals. Es trägt keine Erlösung. Es wird zum technischen Gegenstand, sorgfältig instand gesetzt und am Ende zweckentfremdet. Reuter baut zu Beginn selbst das Gerät, an dem seine Geschichte endet.

Brachers Rückkehr vollendet den Rhythmus der Firma. Er kommt mit Post und vermutlich mit neuen Aufträgen. Der Betrieb sollte weitergehen. Der Leiter ist tot, sein Assistent ermordet, mehrere Arbeiter sind verschwunden. Die chemischen Fässer stehen jedoch im Schuppen. Der wirtschaftliche Erfolg der Niederlassung hat die Katastrophe überlebt.

In hundert Jahren steht hier vielleicht wieder eine Stadt

Der Untertitel trägt eine Hoffnung, die Conrad bereits als Selbsttäuschung entlarvt hatte. Seine Kolonialbeamten sehen eine künftige Stadt mit Kais, Lagerhäusern und Billardsälen. Sie verwandeln ihre belanglose Gegenwart in eine heroische Gründungsgeschichte. Piels Berger sieht Gärten, Straßen, Geschäfte und eine Schule. Auch er möchte am Anfang einer neuen Zivilisation stehen.

Die rote Rose vor Gossings Haus bewahrt die Möglichkeit eines anderen Anfangs. Sie wächst durch Arbeit, Pflege und Kenntnis des Bodens. Die Firma gründet ihre Zukunft auf Förderung und Verwertung. Zwischen beiden Modellen entscheidet sich das Schicksal der Niederlassung.

Dreißig Jahre nach der Produktion klingt Piels Zukunftswelt vertraut. Elektronikschrott reist über Kontinente. Chemische Altlasten belasten Böden und Wasser. Rohstoffknappheit verwandelt alte Deponien in mögliche Lagerstätten. Unternehmen entdecken im Abfall neue Geschäftsmodelle und sprechen von Kreisläufen, Effizienz und Rückgewinnung.

„Die Niederlassung“ richtet den Blick auf den Preis dieser Wiederverwertung. Eine Gesellschaft kann ihre Stoffe zurückholen und zugleich ihre Menschen aufgeben. Sie kann jede Warnung archivieren, jede Katastrophe berechnen und jedes Gift neu benennen. Auf den Halden wächst dann vielleicht wieder eine Stadt. Ihre Gründungsgeschichte läge bereits im Schuppen: sauber sortiert, korrekt verbucht und von den Toten bezahlt.

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