
Das Schlüsseljahr: 1947, die unscheinbare Explosion
1947: Powell steht zwischen zwei Schreibpausen wie zwischen zwei Luftangriffen. Acht Jahre lang kommt kein neuer Roman, dann noch einmal vier, und trotzdem ist genau dieses Jahr der Schaltpunkt, an dem sich aus dem talentierten Gesellschaftsbeobachter ein Autor mit Langstreckenplan schält. Er hat den Krieg hinter sich, er hat den Apparat von innen gesehen, und London hat ihm – als bitteren Kommentar – gleich noch einen Teil seiner literarischen Existenz weggebombt: Eine deutsche Bombe zerstört die Restauflage von „What’s Become of Waring“. Der Roman verschwindet in Rauch und Statistik; übrig bleibt eine Idee, die sich nicht so leicht verbrennen lässt.
Die Tarnkappe namens Rezension
Andreas Platthaus setzt in seinem FAZ-Beitrag in Bilder und Zeiten genau hier an: bei einem Text, der als Kritik auftritt und als Selbstentwurf arbeitet. Powells „Satire in the Twenties“, 1947 im Times Literary Supplement, ist weniger Besprechung als Positionsbestimmung. Dass das TLS ununterschrieben erscheint, passt: Es ist das perfekte Medium für eine Stimme, die sich Autorität leiht, indem sie auf Person verzichtet. Man urteilt in der Maske – und trifft umso genauer.
Rimbaud: Modernität als Kündigung
Platthaus’ kühnster Griff ist der Name Rimbaud. Nicht als Glanzfolie, sondern als Gebrauchsanweisung. „Absolut modern“ bedeutet hier nicht: Modernität bewundern. Es bedeutet: alles Vorherige kündigen, selbst wenn es gestern noch als Avantgarde galt. Darum trifft Powells Polemik Joyce und Woolf so kalt: nicht weil sie klein wären, sondern weil sie – in Powells strenger Zeitrechnung – bereits zur Vorgeschichte gehören. Der „Psychologismus“ der Moderne, die Innenschau als Selbstzweck, wird zum Verdachtsmoment: zu viel Mikroskop, zu wenig Kalender.
Proust: der unzeitgemäße Zeitgenosse
Und dann die eigentliche Überraschung, die Platthaus glänzend herausarbeitet: Powell findet sein Modell ausgerechnet bei Proust. 1946 liest er die Recherche erneut und schreibt verblüfft, Proust sei „weit lustiger und poetischer“, als er ihn aus Studienzeiten erinnerte. Dieses „lustiger“ ist der Sprengsatz. Proust wird nicht als Kathedrale der Erinnerung rehabilitiert, sondern als Komiker von Rang – und damit als Autor einer Zukunftsliteratur, die nach dem Krieg das Lachen nicht mehr als Schmuck, sondern als Methode braucht.
Platthaus bindet das an Powells eigenen Ausdruck von der „kosmischen Verzweiflung“: Komik als die Form, in der sich ein Weltzustand sagen lässt, dem jedes Pathos verdächtig geworden ist. Proust erscheint so, paradox genug, nicht als Ende, sondern als „breiter Hinweis auf das, was kommen sollte“.
Von Balbec nach England: Langheid in der Normandie
An dieser Stelle passt der Bogen zu Theo Langheids Vortrag bei einer Marcel-Proust-Exkursion in der Normandie. Dort, im proustischen Gelände, führte er die Proustianer nicht in eine Etikette („englischer Proust“), sondern in eine Werkverwandtschaft ein: Powell übernimmt Prousts Blick nach innen, richtet ihn jedoch auf die feinen Nuancen der englischen Gesellschaft. Nicht die großen Wendepunkte, sondern die flüchtigen, unscheinbaren Momente – ein Blick, ein Satz, ein Tonfall – werden zum eigentlichen Material.
Langheid beschrieb Powell als Chronisten der Innenwelten, der Prousts Aufmerksamkeit für das Alltägliche teilt, aber eine eigene Optik entwickelt: lakonischer, ironischer, „told over the dinner table“. Keine Satzlawinen, keine Selbstkommentare – eher die stille Präzision eines Erzählers, der weiß, dass das Entscheidende selten dort geschieht, wo es dramatisch aussieht.
Der „Dance“: Gesellschaft als Zeitmaschine
So wird verständlich, warum 1947 nicht bloß eine biographische Kuriosität ist. Der spätere „Dance to the Music of Time“ – zwölf Bände, vier Movements – ist die konsequente Antwort auf jene Moderne, die Powell als zu kurzatmig empfand. Er baut keinen Momentroman, sondern einen Zeitkörper: England zwischen 1914 und 1971, ein riesiges Personal in wechselnden Konfigurationen, Aufstieg und Absturz, Affären, Eitelkeiten, der langsame Umbau von Klassen und Milieus. Und all das ohne den dicken Kommentar, der die Figuren entmündigt: Die Menschen reden, handeln, irren – der Erzähler notiert.
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