
Am Titisee treffen Livemusik, Abendsonne und Weihnachten im August aufeinander. Am nächsten Morgen führt der erste Weg vom Café Heck durch Fichtenwald, Sommerblumen und Schmetterlinge auf den 1196 Meter hohen Hochfirst.
Der See spielt auf
Der erste Eindruck vom Titisee kommt aus einem Lautsprecher. Unterhalb der Seestraße sitzt ein Musiker im Licht eines blauen Scheinwerfers, die Gitarre auf dem Oberschenkel, das Mikrofon dicht vor dem Mund. Hinter ihm stehen Verstärker, Kabel und eine große schwarze Box. Eine Bühne braucht dieser Abend kaum. Der Platz zwischen Strandbar und See genügt.
Das Publikum hat sich in Liegestühlen verteilt. Die Sonne steht tief über dem gegenüberliegenden Ufer. Sie zieht eine helle Bahn über den See und verwandelt Boote, Stege und Menschen in dunkle Umrisse. Das Bild erinnert an einen alten Film, nur der Schwarzwald weiß noch nichts von seiner Rolle.
Die Musik drängt sich nicht auf. Sie mischt sich mit Stimmen, Gläserklirren und dem Geräusch der Boote, die für die Nacht festgemacht werden. Der Sänger bleibt im blauen Lichtkegel, während ringsum der Abend langsam die Farben einzieht. Vom Wasser her kommt etwas Kühle. Nach der Fahrt wirkt das wie eine freundliche Mitteilung: Der Urlaub hat begonnen, eine besondere Zeremonie ist dafür nicht vorgesehen. Titisee zeigt sich zunächst als Sommerfrische mit bewährtem Inventar. See, Boote, Strandstühle, Eisbecher, Souvenirs. Doch nur wenige Schritte von der Strandbar entfernt gerät die Jahreszeit aus der Ordnung.
Weihnachten fällt in diesem Jahr auf August
In einem Geschäft sitzen Weihnachtsmänner unter Lichterketten. Rote Zipfelmützen, weiße Bärte, kleine Tannenbäume und goldene Holzarbeiten füllen die Auslage. Einer der Weihnachtsmänner trägt eine Sonnenbrille. Vor ihm steht ein gelber Cocktail mit Strohhalm und Papierschirmchen. Draußen ist Hochsommer.
Am Titisee werden die Jahreszeiten nicht nacheinander verkauft. Sie stehen gemeinsam im Regal. Der Schwarzwald ist hier zugleich Landschaft, Erinnerung und Ware. Kuckucksuhren, Schinken, Weihnachtsfiguren und Ferienbilder bilden eine dauerhafte Gegenwart, die von den Launen des Kalenders wenig hält.
Der Weihnachtsmann mit Sonnenbrille besitzt dabei eine gewisse Würde. Er wirkt weniger deplatziert als jene Besucher, die im August bereits über den Dezember klagen. Seine Botschaft fällt pragmatisch aus: Wer weit gereist ist, soll kaufen dürfen, was er zu Hause an den Schwarzwald erinnern wird.
Am See spielt unterdessen der Gitarrist weiter. Das blaue Licht macht aus ihm eine fast unwirkliche Erscheinung. Hinter der Musik beginnt der Wald. Er steht dunkel über dem Wasser und kündigt an, dass die Postkartenansicht nur die Vorderseite dieser Landschaft zeigt. Am nächsten Morgen soll ihre Rückseite sichtbar werden.
Vom Café Heck hinauf in den Wald
Die erste Wanderung beginnt am Café Heck. Von dort sind es nur wenige Schritte zur Seepromenade. Der Weg führt zunächst am Wasser entlang, vorbei an den Booten und den Hotels. Noch bewegt man sich durch den Ferienort, zwischen Schaufenstern, Terrassen und den letzten Gästen des Vormittags. Dann verschwindet der See. Hinter der Bahnunterführung steigt der Weg in Richtung Saig an. Die Häuser bleiben zurück, der Untergrund wird grober, der Wald schließt sich.
Der Hochfirst erreicht 1196 Meter. Vom Titisee aus müssen rund 350 Höhenmeter überwunden werden. Auf der Karte wirkt das überschaubar. Der Berg verteilt seine Steigung allerdings geschickt. Lange Passagen ziehen stetig nach oben, ohne spektakuläre Felsen oder dramatische Kehren. Der Hochfirst arbeitet mit Ausdauer.
Bald stehen die Fichten dicht. Ihre Stämme bilden hohe, beinahe regelmäßige Reihen. Zwischen ihnen liegt Farn, darüber spannt sich ein dunkles Dach aus Zweigen. Sonnenlicht erreicht den Boden nur stellenweise. Wo es durchdringt, entstehen helle Inseln, scharf begrenzt und fast körperlich.
Die Kamera findet für diesen Wald Schwarzweiß. Das passt zu seiner Architektur. Farbe würde von den Linien ablenken: den senkrechten Stämmen, den schrägen Lichtbahnen, dem ansteigenden Boden. Junge Fichten stehen im Schein wie kleine, eigens beleuchtete Figuren. Weiter hinten verliert sich der Weg zwischen Schatten und Helligkeit.
Der Schwarzwald trägt seinen Namen hier ohne touristische Übertreibung. Dunkelheit bedeutet allerdings keine Leere. Je länger man schaut, desto stärker differenziert sich das Bild. Moos wächst über Steine, Farne legen sich an den Hang, dünne Zweige zeichnen ein zweites Wegenetz in die Luft. Der Wald ist kein Hintergrund. Er ist das eigentliche Gelände.
Die Farben warten auf den Lichtungen
An den offenen Stellen kehrt der Sommer mit großer Entschiedenheit zurück. Rosa Weidenröschen ragen zwischen Farnen auf. Gelbe Blütendolden fangen das Licht. Die Pflanzen stehen vor dem dunklen Wald wie Darsteller vor einem schweren Vorhang.
Schmetterlinge bewegen sich zwischen den Blüten. Einer sitzt auf einem gelben Blütenstand, die orange gemusterten Flügel halb geöffnet. Ein anderer verschwindet beinahe zwischen Disteln, Samenständen und violetten Blütenköpfen. Erst beim zweiten Blick löst er sich aus dem Geflecht.
Diese Lichtungen verändern den Charakter des Aufstiegs. Der dichte Wald hatte den Blick auf wenige Meter begrenzt. Nun öffnet sich eine kleine Welt aus Farben, Flügeln und Bewegung. Die Falter wirken empfindlich, doch sie beherrschen diesen Ort mit großer Selbstverständlichkeit. Wanderer kommen vorbei. Die Tiere bleiben.
Auch die Pflanzen erzählen vom Verlauf des Sommers. Einige stehen in voller Blüte, andere tragen bereits helle Samenbüschel. Blühen und Vergehen erscheinen gleichzeitig. Im August beginnt der Hochschwarzwald, seine kurze üppige Jahreszeit schon wieder einzusammeln.
Der Weg steigt weiter. Das Gespräch wird knapper. Jeder Berg führt früher oder später zu jener stillen Arbeit, bei der Atem, Schritt und Steigung ihren eigenen Rhythmus finden. Der Hochfirst verlangt keine Kletterkunst. Er fordert Geduld und eine gewisse Bereitschaft, die Entfernung nicht bei jeder Kurve neu zu verhandeln. Am Gipfel steht das Berggasthaus Hochfirst. Nach Wald, Lichtungen und dem langen Anstieg wirkt seine Terrasse wie eine weltliche Belohnung. Hier endet die Konzentration auf den Weg. Rucksäcke werden abgestellt, Jacken geöffnet, Gläser bestellt.
Der Hochfirst ist kein Gipfel, der mit alpinem Pathos arbeitet. Seine Höhe entsteht aus dem Gegensatz zum See. Unten liegen Strandstühle, Boote und die flache Helligkeit des Wassers. Oben stehen Wald, Turm und Gasthaus. Dazwischen liegen kaum elf Kilometer, rund 350 Höhenmeter und mehrere sehr verschiedene Landschaften.
Am Ufer stehen noch immer die Boote. Die Liegestühle werden erneut besetzt, als wäre seit dem Vorabend nichts geschehen. Doch der Ort hat sich verschoben. Der See besitzt nun eine Höhe, der Wald eine Tiefe und das Ferienbild einen Weg, der aus ihm hinausführt.
Am Schluss gibt es dann eine Belohnung:
