
Der härteste Satz fällt nicht über Geopolitik, nicht über Zinsen, nicht über Klima. Er richtet sich an den Beruf, der all das täglich in Nachrichten übersetzt: „You will be on air. The second we can talk about deliverables.“ Roland Schatz, seit 1988 in Davos, Medienforscher und Unternehmer, formuliert damit keine moralische Predigt, sondern eine Arbeitsanweisung – und im Subtext eine Anklage: Der klassische Journalismus, sagt er, habe sich zu sehr an Ankündigungen gewöhnt. Nicht an Belege.
Der Vorwurf ist brisant, weil er aus dem Inneren eines Ortes kommt, der wie kaum ein anderer von medialer Dramaturgie lebt. Davos ist für Schatz nicht primär ein Parlament der Welt, sondern eine Maschine, die Präsenz in Bedeutung verwandelt. Und genau dort, wo diese Maschine am besten schmiert – auf Panels, in „Houses“, in den inszenierten Korridoren –, dort ist Journalismus am anfälligsten für das, was er eigentlich filtern müsste: das Versprechen ohne Nachweis, die Pose ohne Ergebnis.
Zwei Davos, eine Nachricht
Schatz spricht von zwei Gesichtern: dem Davos der Schlagzeilen und dem Davos der Kleinarbeit. Das erste liefert Bilder, Sätze, Konflikte, die in jedes Format passen – von der Talkshow bis zum Push-Alert. Das zweite besteht aus vorbereiteten Sitzungen, aus Projekten, aus mühseliger Koordination, oft abseits der Kameras. Wer die Woche nur nach dem Lärm beurteilt, hält den Lärm für die Substanz.
Das Entscheidende ist: Diese Trennung ist nicht zufällig, sondern systemisch. Der sichtbare Teil ist das Marketing des unsichtbaren Teils. Doch weil Marketing leichter zu berichten ist als Umsetzung, gewinnt die Oberfläche. Schatz’ zugespitztes Urteil über diese Verschiebung – er spricht von einer „Degenerierung unseres Berufsstands“ – trifft einen Nerv, weil es eine bequeme Wahrheit benennt: Auch Redaktionen operieren in einer Ökonomie knapper Aufmerksamkeit. Geschwindigkeit belohnt, Skepsis kostet.
Die Ankündigungsökonomie der Aufmerksamkeit
Davos ist ein Markt, in dem Präsenz ein knappes Gut ist. Wer dort „stattfindet“, kauft sich nicht nur Raum, sondern auch Wahrscheinlichkeit: die Chance, im Bild zu sein, zitiert zu werden, als relevant zu gelten. Damit wird Berichterstattung selbst Teil der Wertschöpfungskette. Je mehr Kamera, desto mehr Bedeutung; je mehr Bedeutung, desto leichter lässt sich die nächste Präsenz rechtfertigen.
Schatz macht aus dieser Mechanik einen journalistischen Prüfstein. Gerade bei Figuren wie Donald Trump, sagt er, versage das System besonders verlässlich: Empörung ersetzt Einordnung, Dauerbeobachtung ersetzt Konsequenz. Sein Gegenmittel ist fast banal und gerade deshalb radikal: weniger Mikrofon für Absichtserklärungen, mehr Öffentlichkeit erst dann, wenn nachprüfbar geliefert wird. Ein halbes Jahr später, ein Jahr später – nicht als Nachsatz, sondern als Bedingung der ersten Meldung.
Das ist unbequem, weil es das übliche Verhältnis umkehrt. Nicht der Politikbetrieb setzt den Takt, sondern die Redaktion. Nicht die Ankündigung ist der Anlass, sondern die Lieferung. In einer Medienwelt, die von „first“ lebt, wäre das eine Kulturrevolution – und zugleich die Rückkehr zu einem alten Kern: Relevanz als Funktion von Wahrheit und Wirkung, nicht von Lautstärke.
Wenn Daten stören
Die exklusivste Passage in Schatz’ Davos-Erzählung ist nicht die Kritik, sondern die Erinnerung daran, wie empfindlich Institutionen reagieren können, wenn Empirie nicht in die Erzählung passt. Er berichtet von einer Phase nach 9/11, in der sein Team für das Forum einen Dialog-Report vorbereitet habe. Die USA hätten in dieser Auswertung schlecht abgeschnitten, und Klaus Schwab habe eine Präsentation zunächst verhindert. Später, so Schatz, sei ein langfristig angelegter Vertrag vorzeitig beendet worden – mit der Begründung, Terrorismus sei „kein Problem mehr“. Er verortet das im Jahr 2009.
Man muss diese Episode nicht als Beweis für irgendetwas Größeres lesen, um ihren Wert zu erkennen: Sie zeigt, wie schnell ein Ort, der sich als Plattform für Weltprobleme versteht, in Plattformlogik kippen kann. Plattformen leben von Anschlussfähigkeit. Daten, die stören, senken Anschlussfähigkeit. Wer das ernst nimmt, versteht Davos nicht als Verschwörungsraum, sondern als Reputationsindustrie – und begreift, warum mediale Oberfläche und institutionelles Eigeninteresse so leicht zusammenfinden.
Der Teil von Davos, den man kaum sieht
Schatz’ stärkstes Argument gegen pauschalen Zynismus liegt ausgerechnet dort, wo die Kameras selten sind: bei Projekten, die sich nicht in eine Rede pressen lassen. Er erzählt von einer Kobalt-Mine in der Demokratische Republik Kongo, in der zuvor Tausende Kinder gearbeitet hätten und die nun „kinderfrei“ sei: Schule für die Kinder, alternative Einkommen für die Familien, der Anspruch, daraus einen Standard abzuleiten. Ob und wie dauerhaft solche Veränderungen sind, ist genau die Frage, die Journalismus stellen müsste – aber sie stellt sich nicht in drei Zitaten nach einer Paneldiskussion.
Ähnlich ist es mit einem Modell, das Schatz als Beispiel für praktische Davos-Logik anführt: Wohneigentum, so seine Beobachtung, scheitere weltweit nicht am Willen, sondern an der Finanzierung. In Davos sei eine Lösung präsentiert worden, bei der Häuser nicht klassisch über Kredite, sondern über die Stromrechnung abbezahlt würden – mit Photovoltaik als Ertragsquelle, gekoppelt an lokale Versorger, als Referenzfolie nennt er RWE. Das ist weniger eine utopische Idee als eine Verschiebung von Sicherheiten: weg von der individuellen Bonität, hin zu kalkulierbaren Zahlungsströmen aus Energie. Auch hier gilt: Es ist umsetzungsnah, aber nicht telegen.
Und selbst dort, wo große Symbole helfen könnten, bleibt die Realität sperrig. Schatz verweist auf Initiativen gegen kindliche Fettleibigkeit, die über Sport und Alltagsaktivität skalieren wollen – mit Blick auf große Ereignisse wie künftige Spiele in Los Angeles. Das ist nicht spektakulär, aber genau das macht es journalistisch interessant: Wirkung entsteht nicht aus Pathos, sondern aus Wiederholung, Infrastruktur, Finanzierung. Aus Dingen, die selten „brechen“.
Warum der klassische Journalismus sich selbst im Weg steht
Schatz’ Kritik trifft am Ende weniger einzelne Redaktionen als ein Geschäftsmodell. Wenn Aufmerksamkeit die Hauptwährung ist, wird das, was am schnellsten Aufmerksamkeit erzeugt, zur Nachricht – unabhängig davon, ob es belastbar ist. Davos wirkt wie ein Katalysator dieser Logik, weil es in kurzer Zeit eine extreme Verdichtung von Macht, Geld, Symbolik und Konkurrenz bietet. Für Medien ist das ein Geschenk. Für Wahrheit ist es ein Risiko.
Das Problem ist nicht, dass über Davos berichtet wird. Das Problem ist, wie über Davos berichtet wird: als permanenter Höhepunkt, als Serie von Ankündigungen, als moralisches Theater. Dadurch wird Journalismus ungewollt zum Verstärker jener Mechanismen, die er später beklagt. Er liefert Reichweite, die er gleichzeitig kritisiert. Und er übersieht, was er eigentlich beweisen könnte: ob aus Versprechen Ergebnisse werden.
Schatz’ Forderung nach „Deliverables“ ist deshalb mehr als Medienkritik. Sie ist eine Aufforderung, den Takt zurückzuerobern – und damit die Hoheit über die eigene Profession. Wer den Mut hat, den ersten Satz später zu setzen, gewinnt die Chance auf den besseren zweiten. Und vielleicht ist das, jenseits aller Davos-Mythen, die eigentliche Nachricht: Nicht Davos braucht den Journalismus. Der Journalismus braucht Distanz zu Davos – um die Welt dort zu messen, wo sie sich verändert, nicht dort, wo sie sich inszeniert.
Schlüsselloch-Exkurs: Klaus Schwab durch die Brille von Roland Schatz
Über Klaus Schwab spricht Roland Schatz nicht in der Pose des Anklägers, sondern im Ton des langjährigen Beobachters – und genau darin liegt die Schärfe. Schwab erscheine ihm als ein Mann der Anschlussfähigkeit: jemand, der Stimmungen schnell aufnimmt und Positionen im Gespräch spürbar mitwandern lässt. Schatz beschreibt das als eine Art „Fähnchen“-Prinzip – weniger als Charakterurteil denn als Mechanik, die in Davos funktional wird, weil sie Brücken baut, Konflikte entschärft und Sponsoren wie Staatsgäste gleichermaßen bei der Stange hält.
Zu dieser Davoser Funktionslogik gehören für Schatz auch kleine Szenen, die mehr erzählen als große Reden. Er schildert etwa Momente, in denen Schwab auf der Bühne unterbrochen worden sei – nicht als Skandal, sondern als sichtbarer Hinweis darauf, wie sehr Protokoll, Hierarchie und symbolische Deutungshoheit in Davos miteinander verwoben sind: Wer den Ablauf bestimmt, bestimmt den Moment; wer den Moment bestimmt, prägt die Erzählung. Und wenn Schatz an die frühen Jahre des Forums erinnert, tut er das ebenfalls ausdrücklich als Perspektive: Schwab habe das Projekt, so seine Darstellung, durch Phasen finanzieller Verwundbarkeit manövriert, auch mit Rückhalt aus der Wirtschaft – ein Ursprung, der für Schatz bis heute erklärt, warum beim World Economic Forum idealistische Weltverbesserungsrhetorik und sehr handfeste Interessen selten sauber zu trennen sind.
