Website-Icon ichsagmal.com

Davos als Echokammer – und als Warnsystem #WEF

Die WEF-Session „Decade Déjà Vu: Are the 2020s the New 1920s?“ ist keine nostalgische Zeitreise, sondern ein Live-Test dafür, ob die Eliten der Gegenwart noch zwischen Analogie und Automatismus unterscheiden können. Andrew Ross Sorkin eröffnet mit dem richtigen Disclaimer: Parallelen sind keine Vorsehung. Dann lässt er eine Runde antreten, die das Jahrzehnt gleich an drei neuralgischen Stellen aufschneidet: Technologiesprung, Handelsfragmentierung, Staatsverschuldung.

Was an dieser Session überzeugt: Sie benutzt die 1920er nicht als Schreckbild, sondern als Diagnosegerät. Was irritiert: Aus dem Gerät piepst es an mehreren Stellen sehr laut – und dennoch bleibt die Konsequenz oft im Modus „minimal cooperation“. Genau darin liegt der Nachrichtenwert: Davos spricht über „Economic Security“ nicht mehr als Randthema, sondern als neue Grammatik von Wohlstand – und die Session zeigt, wie schwer es fällt, diese Grammatik rechtsstaatlich, sozial und energiepolitisch „lesbar“ zu halten.

Der historische Reim: Technik + Finanzdominanz + Politikversagen

Adam Tooze setzt früh die Leitplanke: Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Der Reim, den er anbietet, ist weniger „Börsenblase“ als Unipolaritäts-Hubris: In den 1920ern glaubte man, eine fragile Nachkriegsordnung mit Technologie und Finanzarchitektur stabilisieren zu können – ohne die politische Unterfütterung zu liefern. Das Dollar-zentrierte System sah eine Zeit lang stabil aus, bis es politisch nicht mehr getragen wurde.

Wer in Davos 2026 die Flure entlanggeht, hört einen ähnlichen Basston: Das Regelwerk der „alten“ Globalisierung wird nicht mehr als selbstverständlich angenommen. Mark Carney hat das in einer vielbeachteten Davos-Rede als „Ruptur“ der Weltordnung beschrieben – das Ende einer „pleasant fiction“, in der Regeln galten, weil alle so taten, als würden sie gelten.

Lagardes Kernbefund: Die neue Technik braucht Größe – und zerbricht an Fragmentierung

Christine Lagarde bringt den präzisesten Mechanismus auf die Bühne: Damals Elektrifizierung, Verbrenner, Fließband; heute KI und Digitalisierung. Parallel dazu eine Abkühlung der Handelsintegration und eine Zunahme von Restriktionen. Ihre Pointe ist aber die Differenz: Die Durchbrüche der 1920er konnten innerhalb nationaler Grenzen diffundieren; KI hingegen braucht Skaleneffekte, Datenzugang und standardisierte Regeln. Fragmentierung trifft KI nicht nur politisch, sondern technisch.

Lagarde hatte diese Linie bereits 2024 in einer Grundsatzrede ausgearbeitet („Setbacks and strides forward… in the twenties“). Dass sie diese These in Davos wieder aufnimmt, ist nicht Wiederholung, sondern Eskalation: In einer Welt, in der Datenschutzregime, Exportkontrollen, Lizenzmodelle und Standards auseinanderlaufen, wird „AI productivity“ zur geopolitischen Variable.

Fink und Griffin: Optimismus mit zwei Fußnoten – Skalierung und Staatsschulden

Larry Fink kontert Lagardes Fragmentierungswarnung mit einem Wettbewerbsargument: Wenn „der Westen“ nicht kooperiert und skaliert, gewinnt China – weil es Größe und andere Datenregeln hat. Das ist die Davos-Logik in Reinform: Kooperation als Wettbewerbsbedingung.

Ken Griffin verschiebt das Risiko-Fadenkreuz: Nicht private Spekulation sei das zentrale „Reckless“-Moment, sondern staatliche Ausgaben jenseits der Mittel – und die Hoffnung, KI werde der Produktivitäts-Messias, der die Defizite wegwachsen lässt. Dieser Satz ist wichtig, weil er das Jahrzehnt in ein Dilemma zwingt:

Hier liegt die heimliche Achse der gesamten Session: Wächst die Wirtschaft schnell genug, um die politischen Versprechen zu finanzieren? Oder kippt die Demokratie in Austeritäts- und Schuldzuweisungsregime? Beides ist möglich. Auch in Deutschland.

Der unerwartete Star: Zentralbankunabhängigkeit als 1920er-Erfindung – und als 2020er-Kampffeld

Der stärkste Moment der Diskussion entsteht, als Lagarde die Rolle der Zentralbanken in Krisen verteidigt – Kooperation mit der Fiskalpolitik ja, fiskalische Abhängigkeit nein. Tooze ergänzt historisch: Die Idee der Zentralbank-Unabhängigkeit sei selbst ein Produkt der 1920er, geboren aus der Notwendigkeit, Geldpolitik in der Massendemokratie „narrensicher“ zu machen.

In Davos 2026 steht genau diese Frage wieder im Raum: Wie viel Stabilisierung darf eine Zentralbank leisten, ohne zur politischen Ersatzregierung zu werden? Und wann wird die Zentralbank als „einzige Instanz“ missbraucht, weil Parlamente Strukturreformen meiden? Lagarde formuliert das als Warnung vor einer Welt, in der „central bankers are the only game in town“ – ein Zustand, den sie ausdrücklich nicht normalisieren will.

Smoot-Hawley als Drohkulisse – und die eigentliche heutige Gefahr: Volatilität der Regeln

Sorkin bringt Smoot-Hawley (1930) als Symbol für den Moment, in dem Politik in der Krise das Falsche tat und die Reparatur Jahrzehnte dauerte. Tooze relativiert: Heute gebe es (noch) keine Goldstandard-Kettenreaktion, keine Quotenwelt wie in den frühen 1930ern; eher klassische Trade-War-Tarife. Der beruhigende Teil ist ernst gemeint – aber er trägt nur eine Seite des Risikos.

Die andere Seite benennt Tooze fast beiläufig: Das historisch „Idiotische“ an der Gegenwart sei die Unberechenbarkeit des Tarifsystems „von Woche zu Woche“. Und genau da sitzt die moderne Version des 1920er-Politikversagens: Nicht der Zollsatz an sich zerstört Vertrauen, sondern die Volatilität der Regeln.

Das ist der Punkt, an dem „Economic Security“ zur Rechtsstaatsfrage wird: Eine Wirtschaft kann vieles einpreisen – aber schwerlich den permanenten Wechsel des Regelwerks.

Die soziale Sprengladung: „K-economies“, Gewinner-Takes-All und das politische Echo der 1920er

Fink benennt etwas, das in Davos selten so klar ausgesprochen wird: KI verstärkt die Tendenz zu Hyper-Winnern und vielen Verlierern – innerhalb von Branchen, möglicherweise auch zwischen Ländern. „Scale operators“ gewinnen, weil sie Daten, Cashflow und Implementierungskraft besitzen. Das ist nicht nur ein Wettbewerbsthema. Es ist ein Legitimationsproblem.

Tooze macht daraus die politische Variante: Der „Ghost“ der 1920er sei nicht nur die Blase, sondern die Rückkehr brutaler Verteilungskämpfe – und der Reiz autoritärer Antworten. Das ist die Stelle, an der die Session kurz den Atem anhält: Denn wer „Economic Security“ sagt, meint oft Resilienz gegen äußere Schocks – aber die größte Unsicherheit könnte die innere sein: soziale Kohärenz.

Was in der Session fehlt – und warum genau das europäische „Leitplanken“-Thema ist

Die Runde streift den Kern europäischer Debatten, ohne ihn auszubuchstabieren: Wenn Sicherheit zur Leitkategorie wird, braucht es rechtliche Leitplanken, sonst wird „Security“ zur Ausrede für alles. Genau hier liegt die Brücke zur europäischen Diskussion um ökomische Sicherheitspolitik und zu den Fragen, die in Europa unter dem Label „öffentliche Sicherheit“ im Wirtschaftsrecht verhandelt werden: Was ist verhältnismäßig, was befristet, was überprüfbar? Wer entscheidet, wer kontrolliert, wann endet der Ausnahmezustand? (Diese Leitfragen werden in Europa parallel in juristischen und wirtschaftspolitischen Foren verhandelt.)

Davos liefert das Lagebild; Europa muss daraus eine Architektur machen: Resilienz ohne Willkür, Strategie ohne Generalvollmacht.

Drei Lesarten als Fazit: Die 2020er sind nicht die 1920er – aber sie haben einen ähnlichen Test

Lesart 1: Der Technik-Test
KI verspricht Produktivität – aber nur, wenn Daten, Energie und Standards nicht in Blöcke zerfallen. Lagardes „minimal cooperation“ ist deshalb keine Floskel, sondern eine technische Vorbedingung.

Lesart 2: Der Schulden-Test
Defizite werden politisch tragbar, wenn Wachstum trägt. Wenn nicht, wird Schuld zum Hebel für Populismus – und das macht „Economic Security“ innenpolitisch explosiv.

Lesart 3: Der Regel-Test
Die gefährlichste Parallele zu den späten 1920ern ist nicht die Bewertung am Aktienmarkt, sondern der Glaube, man könne eine fragile Ordnung mit Finanz- und Technikinstrumenten stabilisieren, ohne die Politik (und den Rechtsstaat) zu stärken. Carneys Davos-Diagnose einer erodierenden Ordnung passt als dunkler Rahmen um diese Session.

Die Session ist ein gutes Stück Davos-Realismus: viel Wissen, wenig Illusion. Und doch bleibt ein Rest Optimismus – nicht als Gefühl, sondern als Auftrag: Wenn „Economic Security“ die neue Leitwährung ist, muss sie in Europa rechtsstaatlich geprägt werden, bevor sie zur Münze wird, die jede Schranke durchschlägt.

Siehe auch:

Die mobile Version verlassen