
Wir haben keine digitalen Hyper-Scaler, kein Alibaba, kein Apple, kein Google — diese Litanei, diese ständige Selbstverzwergung, die auch auf dem Digital-Gipfel gebetsmühlenartig wiederholt wird, sollte endlich ad acta gelegt werden. Diese Fixierung auf die Giganten des Silicon Valley, diese fast schon masochistische Selbstkasteiung, lenkt den Blick ab von dem, was wirklich zählt. Es ist an der Zeit, den Narrativ zu wechseln: Weg von der oberflächlichen Fixierung auf die allgegenwärtigen Konsumprodukte, hin zu dem, was Deutschland wirklich stark macht. Es ist Zeit, sich auf das zu besinnen, was unsere Wirtschaft tief durchdringt und die Grundlage für die technologische Zukunft bildet: Deep Tech.
Hermann Simon, der unermüdliche Chronist der Hidden Champions, hat es auf den Punkt gebracht. In einem Ad-hoc-Interview macht er klar: Deutschlands Stärke liegt nicht in den sichtbaren Konsumgütern, nicht in Produkten, die jedermann auf der Straße kennt und nutzt. iPhones, SpaceX-Raketen oder andere hochspezialisierte Technologien mögen sichtbar und beeindruckend sein, doch sie sind nicht das Spielfeld, auf dem Deutschland glänzt. Die wahre Macht unseres Landes liegt tiefer, verborgen in den Schichten der Wertschöpfungskette, unsichtbar für den durchschnittlichen Konsumenten, aber unverzichtbar für die globale Industrie.
Ein Paradebeispiel dafür ist die Rolle, die deutsche Unternehmen in der Chipproduktion spielen — einer der komplexesten und gleichzeitig entscheidendsten Technologien unserer Zeit. Trumpf und Zeiss, beide Hidden Champions, sind Schlüsselzulieferer für das extrem ultraviolette Lithographiesystem der niederländischen Firma ASML, die führend in der Halbleitertechnologie ist. Mit ihren Lasern und optischen Systemen machen diese Unternehmen es möglich, dass Chips immer leistungsfähiger werden, indem sie die Transistorendichte auf Fingerkuppegröße um ein Vielfaches steigern.
Doch warum reden wir so wenig über diese Erfolge? Warum lassen wir uns immer wieder einreden, dass wir „den Anschluss verpassen“, während wir in Wirklichkeit die Tiefe haben, die andere nur erträumen können? Simon bringt es auf den Punkt: Deep Tech ist das, worauf wir uns konzentrieren sollten. Es geht nicht um oberflächliche Innovationen, um die nächste Social-Media-Plattform oder das nächste Uber. Es geht um technologische Durchbrüche, die Industrien umkrempeln, die tief in die Materie eingreifen und eine nachhaltige Veränderung bewirken.
Diese Technologien entstehen nicht über Nacht. Sie benötigen immense Investitionen, jahrelange Forschung und ein Umfeld, das Forschung, Industrie und Kapital intelligent miteinander vernetzt. Was Deutschland fehlt, sind nicht die Ideen, sondern die Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, diese Ideen aus der Forschung zur Marktreife zu bringen. Die sogenannten „Todes-Täler“ — diese Übergangsphasen, in denen Start-ups oft aufgrund fehlender Finanzierung scheitern — müssen endlich überwunden werden. Hier ist der Staat gefordert. Langfristige Investitionen, steuerliche Anreize für Risikokapital und die Förderung von Ökosystemen, in denen sich Innovationen entfalten können, sind nicht nur wünschenswert, sondern überlebensnotwendig für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Simon geht sogar noch einen Schritt weiter: Wir sollten uns nicht scheuen, über eine gezielte De-Industrialisierung nachzudenken. Ja, das mag kontraintuitiv klingen, doch es geht um eine Neuausrichtung der Wirtschaft. Der Anteil der Produktion am Bruttoinlandsprodukt liegt in Deutschland bei rund 24 Prozent, deutlich höher als in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Frankreich. Doch diese hohe Zahl sollte uns nicht in die Irre führen. Während andere Länder eine Re-Industrialisierung brauchen, könnte Deutschland von einer intelligenten Verschlankung der Produktion profitieren, um Raum für die Themen der Zukunft zu schaffen.
Und genau hier liegt der Schlüssel: Die Zukunft gehört nicht den Giganten des digitalen Zeitalters, die uns mit ihren Konsumprodukten überfluten. Die Zukunft gehört denjenigen, die tief unter der Oberfläche arbeiten, die die Technologien der Zukunft möglich machen. Deutschland hat das Potenzial, in dieser neuen Welt führend zu sein. Doch dafür müssen wir aufhören, uns kleinzureden. Wir haben die Tiefe, die Innovationskraft und die Kompetenz. Jetzt ist es an der Zeit, sie auch zu nutzen.

