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Das Tribunal der Sätze: Sebastian Haffners Blick auf die Gruppe 47 und der Nachruhm einer literarischen Macht

Kritik, fragt Felicitas von Lovenberg zu Beginn dieser Kulturzeit-Sendung, was war das einmal, was ist das heute noch? Schon diese Frage trägt die ganze Distanz in sich. Man blickt nicht auf ein Archivstück wie auf ein museales Kuriosum. Man sieht eine Republik bei einer ihrer Selbstprüfungen. Das Material aus dem Jahr 1963, von Sebastian Haffner mit kühler Neugier und feinem Spott betrachtet, zeigt kein gemütliches Autorentreffen, keine gesellige Lesevereinigung, keinen literarischen Betriebsausflug. Es zeigt ein Tribunal aus Rauch, Krawatten, Stirnfalten, Manuskriptblättern, Machtgesten und Urteilen.

Die Gruppe 47 war zu diesem Zeitpunkt längst Legende und Betrieb, Freundeskreis und Auswahlapparat, Labor und Gerichtshof. Hans Werner Richter lädt ein, andere warten auf das kleine Zeichen der Zugehörigkeit, Verlage horchen, Kritiker rücken nach vorn, Autoren nehmen Platz auf einem Stuhl, der in der literarischen Erinnerung längst heißer geworden ist, als er damals physisch gewesen sein mag. Haffner zeigt diese Welt mit jener englisch geschulten Distanz, die ihn auszeichnete. Er lässt das Pathos des westdeutschen Literaturbetriebs stehen, ohne ihm zu verfallen. Er nimmt die Rituale ernst und legt ihre Komik frei.

Im Studio sitzen 2011 Felicitas von Lovenberg, Ijoma Mangold, Sibylle Lewitscharoff und Denis Scheck. Vier Stimmen, die keineswegs den alten Betrieb nachspielen, ihn aber in seinen Nachwirkungen kennen. Scheck sieht sofort die männliche Konkurrenzordnung. Sein Bild vom literarischen Höhenpinkeln mag derb sein, trifft aber die Körperlichkeit dieser Szene. Lewitscharoff erkennt die Rechthaberei einer Generation, die im Alter vielfach zu Kanonen der Republik wurde. Mangold liest die Szene als Schule des öffentlichen Urteils. Von Lovenberg achtet auf die Veränderung des Tons, auf die verlorene Zumessung, auf das Verhältnis von Autor, Kritiker und Publikum.

Das Schwarzweiß der Gesichter

Das Filmmaterial ist schwarzweiß, doch die eigentliche Schwärze liegt nicht im Bild. Sie liegt in der Entschiedenheit der Urteile. Die Kamera zeigt Hans Werner Richter, Peter Rühmkorf, Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Walter Höllerer, Martin Walser, Günter Grass, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger. Namen, die später ganze Regalmeter der Bundesrepublik füllen. Hier aber sind sie noch in einem Raum zusammengedrängt, rauchend, lauschend, wartend, prüfend. Man sieht keine Denkmäler. Man sieht Menschen bei der Herstellung von Autorität.

Die Physiognomien erzählen fast so viel wie die Sätze. Reich-Ranicki erscheint in jenem Aggregatzustand vor der endgültigen Fernsehverwandlung, Walter Jens als Professor mit Angriffslust, Hans Mayer mit gewichtiger Formulierung, Höllerer mit einer anderen, leichteren Beweglichkeit. Enzensberger lächelt schmal, Grass spricht überraschend geschmeidig, Walser wirkt bereits als Teil eines Kraftfelds, das aus Zustimmung, Rivalität und Selbstbehauptung besteht. Bachmann, deren Name im späteren Betrieb als Taufpatin eines anderen Wettbewerbs weiterlebt, gehört in dieser Erinnerung bereits einer anderen Sphäre an: nicht der bloßen Gruppenzugehörigkeit, mehr der Zerbrechlichkeit literarischer Evidenz.

Haffners Film hat eine seltene Qualität. Er glaubt der Gruppe 47 ihre Bedeutung und misstraut ihrer Selbstbeschreibung. Diese Doppelperspektive rettet ihn vor der Denunziation und vor der Verehrung. Er nimmt wahr, dass hier eine Gesellschaft das Sprechen übt, die sich eben erst aus den Trümmern der Diktatur, des Krieges, der Sprachvergiftung herausgearbeitet hat. Zugleich sieht er die Rituale der Zugehörigkeit, die Herrschaft des Einladers, die ungeschriebene Verfassung, die gerade dadurch wirksam wird, dass niemand sie abstimmen muss.

Hans Werner Richters kleine Republik

Richter sagt im Film sinngemäß, er gebe jedes Jahr ein Fest und lade seine Gäste ein. Dieser Satz enthält die ganze Verfassung der Gruppe. Kein Statut, kein Vorstand, kein offizielles Mandat. Ein Mann lädt ein, und die Eingeladenen bilden für ein paar Tage eine literarische Republik mit sehr klaren Grenzen. Wer liest, darf sich nicht verteidigen. Wer kritisiert, braucht keine schriftliche Begründung. Wer draußen bleibt, darf sich über Ausschluss empören und bestätigt damit zugleich die Macht des Kreises.

Das ist vormodern und modern zugleich. Vormodern ist die persönliche Souveränität Richters, seine Rolle als Gastgeber, Patron, Zeremonienmeister. Modern ist die Öffentlichkeit, die sich bald dazuschaltet: Rundfunk, Fernsehen, Feuilleton, Verlage, Preise. Die Gruppe 47 hat ihre Autorität nie im Namen einer Institution ausgeübt, sie wirkte institutionell, weil der Literaturbetrieb sie als Instanz akzeptierte. Der alte Satz vom literarischen Leben als Republik der Briefe bekam hier eine bundesdeutsche Nachkriegsfassung: Einladungskarten, Manuskripte, Verrisse, Schnaps nach der Lesung, Gerüchte am Rand.

Fritz J. Raddatz hat diese Welt in seinen Tagebüchern mit einer Mischung aus Faszination, Verletztheit und Spott festgehalten. Seine Notizen zu Richter sind von Sympathieverlust, Rangbewusstsein, Rivalität durchzogen. Er sieht den Organisator, den Machtverteiler, den Mann, der andere anzieht und zugleich kränkt. In den Tagebuchpassagen über Saulgau steht die Gruppe nicht als Mythos da, eher als soziales Gewebe aus Eitelkeit, Sehnsucht, taktischer Nähe, abfälligen Urteilen, dem Wunsch, dazugehörig zu sein, und der Angst, von der falschen Instanz beurteilt zu werden. Gerade bei Raddatz wird sichtbar, wie wenig diese Literaturgeschichte aus reinen Texturteilen bestand. Sie bestand aus Tonfällen, Blicken, Tischordnungen, Einladungen, gekränkten Erwartungen.

Die Kritiker in der ersten Reihe

Der entscheidende Strukturwandel, den die Sendung sichtbar macht, liegt in der Verschiebung vom Autorenkreis zur Kritikerbühne. Am Anfang stand ein Kreis von Schreibenden, die sich gegenseitig Manuskripte vorlasen. Später sitzen die Berufskritiker vorn, ordnen, werten, fällen Sätze mit sofortiger Wirkung. Günter Grass spricht im Film von diesem Vordrängen der Kritiker. Er sagt das noch mit einer Milde, die spätere Selbstinszenierungen überdeckt haben. Im alten Material wirkt er weniger als Poltergeist, eher als Beobachter seiner eigenen literarischen Umgebung.

Die Kulturzeit-Runde erkennt daran eine bis heute wirkende Frage: Wem gehört die Öffentlichkeit der Literatur? Den Schreibenden, den Deutenden, den Verlagen, den Medien, dem Publikum? Die Gruppe 47 entschied diese Frage nie offiziell. Praktisch aber verschob sich die Macht zu jenen, die Sätze über Sätze sprechen konnten. Kritik wurde Ereignis. Ein Verriss war nicht Nachtrag zur Literatur, er wurde Teil des literarischen Vorgangs. Das Urteil trat neben den Text, manchmal vor den Text.

Das erklärt die Mischung aus Faszination und Abwehr, die dieses Material auslöst. Man bewundert die Konzentration, die Schnelligkeit, den Anspruch, den Ernst der Textarbeit. Man erschrickt über die Selbstgewissheit, mit der Urteile gesprochen werden. Ijoma Mangold weist darauf hin, dass viele Argumentfiguren gar nicht so weit entfernt sind von heutigen Jurydiskussionen. Langweilig, zu direkt, formal gelungen, stofflich verfehlt, keine innere Notwendigkeit: Die Vokabeln altern weniger schnell als die Kleidung. Was sich verändert hat, ist die Aura des Urteils. Damals klang es, als könne eine literarische Instanz den Wert eines Textes feststellen. Heute hört man in jedem Urteil die Möglichkeit seiner Revision mit.

Die Rechthaber-Kanonen der Republik

Sibylle Lewitscharoffs Formulierung von den Rechthaber-Kanonen trifft die Nachgeschichte. Viele der damals Anwesenden wurden zu Großkritikern, Großautoren, Großintervenienten der Bundesrepublik. Das Präfix „Groß“ ist hier nicht nur Würde, es ist auch Last. Wer in der Nachkriegszeit öffentlich sprechen lernte, sprach später oft weiter, als habe er einen Dauerausweis für moralische, ästhetische, politische Letztinstanzen erhalten. Walter Jens, Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki: Sie alle wurden auf unterschiedliche Weise Figuren einer Republik, die ihre Konflikte gern über Personen dramatisierte.

Lewitscharoff sieht in diesem Material eine Rechthaberei, die durch Biographien bestätigt wird. Man muss ihr nicht in jedem Einzelfall folgen, um die Diagnose ernst zu nehmen. Die Gruppe 47 war auch eine Schule des endgültigen Satzes. Wer dort bestehen wollte, musste zuspitzen, abwehren, einordnen, mit wenigen Worten Wirkung erzeugen. Die späte Bundesrepublik liebte solche Gestalten. Sie wollte Kritiker, die den Daumen senkten. Sie wollte Schriftsteller, die bei politischen Fragen mit Donnerstimme auftraten. Sie wollte öffentliche Intellektuelle, denen man widersprechen konnte, weil sie überhaupt noch als Gegner geeignet waren.

Heute wirkt diese Welt fremd. Nicht, weil es weniger Eitelkeit gäbe. Auch nicht, weil die Urteile milder geworden wären. Die sozialen Medien haben eigene Formen der Sofortkritik hervorgebracht, oft roher, schneller, weniger verantwortlich. Fremd wirkt die Voraussetzung, dass Literatur im Zentrum gesellschaftlicher Selbstverständigung stehen könne. Die Gruppe 47 konnte sich als Avantgarde fühlen, weil die Bundesrepublik noch auf der Suche nach Sprache, Legitimität und Weltgeltung war. Das Gewicht des literarischen Wortes kam aus einer geschichtlichen Lage, die man nicht wiederherstellen kann.

Die Werkstatt als Zivilisierungsritual

Denis Scheck und Ijoma Mangold lesen die Gruppe 47 in der Sendung auch als Zivilisierungsritual. Einer liest vor, wird angegriffen, hört zu, schweigt, bleibt im Raum. Danach geht man trinken. Das klingt harmloser, als es war. Nach einer deutschen Geschichte, in der Gegner rasch zu Feinden erklärt wurden, hatte diese Form der ritualisierten Kritik tatsächlich politische Bedeutung. Der Gegner im Saal blieb Gesprächspartner. Der Verriss ersetzte nicht die Person. Das war keine geringe Leistung.

Hans Werner Richter bestand auf Werkstattcharakter. Keine Grundsatzreferate, keine politischen Debatten während der Tagung, Lesen und Kritik. Haffner lässt diese Selbstbeschreibung stehen und zeigt zugleich, wie politisch diese angebliche Entpolitisierung war. Denn der Verzicht auf große Reden schuf einen Raum, in dem literarische Verfahren als demokratische Praxis erscheinen konnten. Zuhören, urteilen, widersprechen, aushalten. Die Bundesrepublik lernte auch an solchen Formen.

Dabei war die Gruppe nie unschuldig. Ihre Auswahlmechanismen waren intransparent, ihre Geschlechterordnung offenkundig, ihre ästhetischen Präferenzen begrenzt. Der Realismus hatte es leichter als das Abseitige, der gesellschaftlich lesbare Stoff leichter als die stille, schwer einzuordnende Prosa. Hermann Lenz ist in der Sendung ein Beispiel für Fehlurteile, die im Rückblick besonders grell erscheinen. Was nicht in die Erwartung passte, fiel durch. Auch ein Kanon entsteht aus Übersehen, nicht allein aus Entdeckung.

Haffners liberale Kunst des Abstands

Sebastian Haffner ist in diesem Material eine eigene Hauptfigur. Seine Stimme, seine Blickführung, sein ironisches Wohlwollen geben dem Film eine Haltung des Abstandes, ohne dass er sich über den Gegenstand erhebt. Er porträtiert die Gruppe als Macht ohne Amtszeichen. Er zeigt den Ritus und die Lächerlichkeit, die Ernsthaftigkeit und das Provinztheater, die literarische Ambition und die menschliche Komödie.

Sein Kommentar besitzt die Kunst der Beobachtung, die weder auf deutsche Weihe noch auf deutsche Verdammung angewiesen ist. Er fragt Richter nach Zuständigkeit, nach Regeln, nach dem Erfolgsgeheimnis, nach Politik. Er zwingt die Gruppe, sich selbst zu erklären. Gerade dadurch wird sichtbar, wie viel sie voraussetzt. Wer dazugehört, weiß, was getan werden darf. Wer neu ist, lernt es am Schmerz. Wer eingeladen wird, ist bereits geadelt. Wer nicht eingeladen wird, erkennt die Macht des Einladers.

Haffner zeigt die Gruppe 47 im Jahr 1963 als Institution ohne Schild an der Tür. Man könnte sagen: als literarische Machtform. Sie funktioniert über Präsenz. Alle müssen im Raum sein, die Stimme hören, den Körper des Lesenden sehen, die Reaktion der anderen spüren. In diesem Sinn ist der Film selbst Teil des Umbruchs. Das Fernsehen macht sichtbar, was vorher als halbprivates Ritual wirkte. Mit der Kamera beginnt die Verwandlung der Gruppe in ihr eigenes Archiv.

Raddatz und die Kränkung des Dabeiseins

Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz liefern dazu eine Gegenbeleuchtung. Raddatz schreibt aus dem Innern des Betriebs, jedoch mit der Schärfe eines Mannes, der nie vergisst, wo er steht, wer ihn übergeht, wer ihn einlädt, wer ihn benutzt. Seine Notizen zu Hans Werner Richter zeigen, wie sehr die Gruppe 47 auch eine Ökonomie der Anerkennung war. Es ging um Literatur, gewiss. Es ging ebenso um Rang, Nähe, Zugang, Verlagsmacht, publizistische Platzierung.

Raddatz’ Blick auf Saulgau, auf Richter, auf Johnson, auf die Gespräche am Rand, auf den Ton der Anwesenden, entzaubert den Mythos gerade dadurch, dass er ihn nicht zerstören muss. Er zeigt die soziale Temperatur. Wer liest? Wer kommentiert? Wer sitzt wo? Wer glänzt? Wer wird geschont? Wer gilt als schwierig? Wer darf verletzen? Wer wird verletzt? Die Literaturgeschichte der Gruppe 47 kann ohne solche Nebengeräusche nicht geschrieben werden. In ihnen spricht die Wahrheit des Betriebs.

Richter erscheint bei Raddatz weder als bloßer Tyrann noch als bloßer Ermöglicher. Er ist der Mann, der Türen öffnet und das Geräusch der Tür kontrolliert. Er schafft die Bühne und begrenzt sie. Er lädt ein, und die Einladung wird zum Urteil vor dem Urteil. Diese Macht ist nicht skandalös im plakativen Sinn. Sie ist die normale, alltägliche, schwer fassbare Macht kultureller Felder. Genau deshalb wirkt sie lange nach.

Das Ende des einen Raums

Die Kulturzeit-Diskussion fragt immer wieder, ob eine solche Gruppe heute noch denkbar wäre. Die Antwort liegt im Material selbst. Die Gruppe 47 brauchte einen Raum, in dem literarische Autorität konzentriert werden konnte. Einen Kreis, der noch nicht vollständig medial zerfasert war. Eine Öffentlichkeit, die auf wenige Kanäle reagierte. Eine Republik, die Schriftsteller und Kritiker als Instanzen akzeptierte, weil ihr eigener kultureller Grund noch verhandelt wurde.

Heute existiert der eine Raum nicht mehr. Es gibt Festivals, Jurys, Preise, Blogs, Podcasts, Feeds, Newsletter, Universitäten, Buchmessen, Streaming-Formate, soziale Plattformen. Jeder Kreis bildet sofort seine Gegenöffentlichkeit. Jede Einladung erzeugt den Verdacht der Auslassung. Jede Kritik steht im Schatten ihrer Kommentierung. Das bedeutet keinen Verlust an Literatur. Es bedeutet den Verlust jenes konzentrierten Machtformats, das die Gruppe 47 verkörperte.

Der rare Film von Haffner ist deshalb kein nostalgisches Dokument. Er zeigt eine politische Ästhetik des Nachkriegs: die Herstellung von Urteil unter Anwesenden. Er zeigt eine Literatur, die noch glaubte, sie könne der Republik Sprache geben. Er zeigt Kritiker, die glaubten, Wert lasse sich mit entschiedener Stimme feststellen. Er zeigt Autoren, die bereit waren, sich diesem Verfahren auszusetzen, weil die Wunde zugleich Eintrittskarte war.

Rauch, Rang und Nachruhm

Am Ende bleibt ein Bild: ein Saal voller Rauch, Männer in Anzügen, wenige Frauen, Manuskriptseiten, Gesichter im Halbprofil, Stimmen, die heute historisch klingen und doch wieder nahe rücken. Denn die Frage, die über diesem Material liegt, ist nicht vergangen. Wer darf urteilen? Wer stellt die Regeln auf? Wer nennt sich Werkstatt, während er Kanon produziert? Wer hält Kritik aus? Wer verwechselt Urteil mit Wahrheit?

Die Gruppe 47 war groß, notwendig, eitel, produktiv, ungerecht, geschichtsmächtig. Ihre Treffen waren keine literarische Idylle. Sie waren Orte der Formung, Auslese, Kränkung, Entdeckung. Haffners Film bewahrt diese Ambivalenz. Die Kulturzeit-Runde liest sie mit dem Abstand einer Epoche, die ihre eigenen Rituale längst erfunden hat und doch auf jene alte Szene blickt wie auf ein Gründungsdrama der Bundesrepublik.

Die Rechthaber-Kanonen sind verstummt oder historisch geworden. Ihre Einschläge hört man noch im Feuilleton, in den Preisreden, in der Vorstellung vom öffentlichen Intellektuellen, in der Sehnsucht nach einem Urteil, das Gewicht besitzt. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Materials: Literatur braucht Kritik, Kritik braucht Form, Form braucht Öffentlichkeit. Sobald daraus ein Hofstaat wird, beginnt der Nachruhm zu rosten. Sobald der Streit ganz verschwindet, bleibt nur noch Betrieb.

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