
Das World Wide Web versprach eine Ordnung ohne Zentrum. Jede Institution, jedes Unternehmen, jede Zeitung und jeder einzelne Bürger konnte eine eigene Adresse beziehen. Ein Link führte zum nächsten. Die technische Architektur kannte keinen Chefredakteur, der den Zugang zum Publikum verteilte. Aus dieser Konstruktion erwuchs die Hoffnung auf eine digitale Öffentlichkeit, deren Vielfalt mit jedem neuen Teilnehmer wachsen würde. Deutschland zählt inzwischen 17,7 Millionen registrierte Domains unter der Endung .de. Die Zahl erzeugt das Bild einer riesigen Stadt. Martin Andrees „Vermessung der digitalen Welt“ zeigt jedoch eine Stadt, in der fast alle Häuser leer stehen. Das Leben konzentriert sich auf wenige Plätze, deren Eigentümer zugleich die Wege, Schaufenster und Gesprächsregeln kontrollieren.
Andree formuliert den Befund mit ungewohnter Härte: „Wenn Angebote nicht genutzt werden, ist es so, als existierten sie gar nicht“ (S. 29). Dieser Satz verändert den Blick auf das Internet. Technische Erreichbarkeit schafft noch keine publizistische Existenz. Eine Website kann online sein, täglich aktualisiert werden und hochwertige Inhalte anbieten. Ohne Aufmerksamkeit bleibt sie gesellschaftlich unsichtbar.
Die Millionenstadt ohne Publikum
Andree stützt seine Analyse auf die gemessene Nutzung von 7.943 repräsentativ ausgewählten Personen ab 16 Jahren im dritten Quartal 2025. Eine Software registrierte, welche Angebote die Teilnehmer aufriefen und wie lange sie dort blieben. Der Autor betrachtet damit reale Nutzung anstelle bloßer Selbstauskünfte.
Die Methode besitzt Grenzen. Apple-Geräte blieben beim Tracking unberücksichtigt. Das verzerrt vor allem die Werte für Apple Maps und Apple Music. Auch die Aussage, auf einer Domain sei kein Traffic gemessen worden, beschreibt das Verhalten des Panels. Sie beweist keine absolute Nutzungslosigkeit in ganz Deutschland. Andree weist auf diese Einschränkungen selbst hin.
Die Größenordnung seines Befundes bleibt gewaltig. Lediglich 500 Angebote bündeln rund 86 Prozent der gesamten gemessenen Aufmerksamkeit. Sie entsprechen etwa 0,003 Prozent der registrierten Domains. Alle Angebote jenseits von Rang 10.000 kommen gemeinsam auf ungefähr 0,7 Prozent des Traffics. Bei rund 99,6 Prozent der 17,7 Millionen .de-Domains registrierte das Panel während des Untersuchungszeitraums keinen Besuch.
Die Konzentration wächst weiter, sobald Andree die Angebote ihren Mutterkonzernen zurechnet. Die zehn meistgenutzten Dienste vereinen rund 46 Prozent der digitalen Nutzung. Alphabet und Meta kommen zusammen auf etwa 40 Prozent. Zwei Unternehmen verfügen damit über einen erheblichen Teil der Zeit, die eine Gesellschaft in ihrer digitalen Sphäre verbringt.
Andree überträgt den Gini-Koeffizienten auf die Verteilung von Aufmerksamkeit. Der Koeffizient misst üblicherweise Einkommens- oder Vermögensungleichheit. Ein Wert von null steht für Gleichverteilung, ein Wert von eins für maximale Konzentration. Die Einkommensverteilung Deutschlands liegt bei ungefähr 0,3, jene der Vereinigten Staaten bei 0,49. Für das digitale Universum errechnet Andree 0,987.
Natürlich sind Einkommen und Mediennutzung verschiedene Gegenstände. Der Vergleich dient keinem moralischen Gleichsetzungsversuch. Er macht eine Verteilung sichtbar. Das Netz nähert sich mathematisch einem Zustand, in dem ein einziger Anbieter die gesamte Aufmerksamkeit aufnimmt. Andree wählt dafür das Bild eines „schwarzen Lochs“ (S. 38).
Der gesellschaftliche Reichtum des Internets liegt demnach überwiegend brach. Millionen von Angeboten existieren als technische Möglichkeit. Die genutzte Öffentlichkeit findet auf wenigen Plattformen statt. Aus dem dezentralen Netz ist eine zentralisierte Aufmerksamkeitsordnung geworden.
Reichweite tarnt die Macht der Plattformen
Die herkömmliche Reichweitenmessung verdeckt diese Ordnung. Andree zählt 44 Angebote mit einer Reichweite von über 50 Prozent. Weitere 124 erreichen zwischen 20 und 50 Prozent der Bevölkerung. Eine solche Tabelle vermittelt Vielfalt. Viele Anbieter scheinen Millionen Menschen zu erreichen.
Die aggregierte Nutzungsdauer zeichnet ein anderes Bild. Laut Andree bauen „nur etwa ein Dutzend Plattformen eine signifikante Nutzung“ auf (S. 39). Danach fällt der Traffic rasch ab. Reichweite zählt den flüchtigen Kontakt. Ein kurzer Seitenaufruf besitzt dort den gleichen Nutzerwert wie eine tägliche, stundenlange Nutzung. Für die Frage nach Medienmacht reicht diese Kennzahl kaum aus. Macht entsteht durch Dauer, Wiederholung, Reihenfolge und Gewohnheit. Wer jeden Tag den Nachrichtenstrom ordnet, Suchergebnisse gewichtet oder Videos empfiehlt, prägt die Wahrnehmung tiefer als ein Angebot, das Millionen Menschen einmal im Monat für wenige Sekunden berühren.
Andree zufolge führen befragungsbasierte Studien Entscheider und Regulierer zusätzlich in die Irre. Menschen überschätzen ihre Nutzung einzelner Angebote. Anbieter greifen die hohen Reichweitenwerte gern auf und verwenden sie als Werbeargument. So entsteht eine Statistik, in der fast alle bedeutend erscheinen. Die Verteilung der Aufmerksamkeit erzählt von wenigen Gewinnern und einer riesigen Peripherie.
Auch das Medienrecht arbeitet vielfach mit Kategorien aus einer früheren Ordnung. Es zählt Anbieter, Marktanteile und formale Zugänge. Plattformen präsentieren sich dabei als Vermittler. Ihre Algorithmen entscheiden jedoch darüber, welche Inhalte sichtbar werden, wie lange sie zirkulieren und welche Quellen aus dem Blick verschwinden. Ein Vermittler, der Auswahl, Reihenfolge und Aufenthaltsdauer kontrolliert, übernimmt redaktionelle Funktionen, ohne sich vollständig den Regeln einer Redaktion zu unterwerfen.
Google baut das Tor zum Aufenthaltsraum um
An der Suchmaschine lässt sich der Umbau besonders klar verfolgen. Google erreicht nach Andrees Messung 97,2 Prozent der Internetnutzer. Diese Reichweite blieb seit 2018 fast konstant. Die durchschnittliche monatliche Nutzungszeit pro Nutzer stieg im gleichen Zeitraum von 58 Minuten auf zwei Stunden und 53 Minuten. Die gesamte Nutzungszeit hat sich mehr als verdreifacht.
Eine Suchmaschine galt lange als Tor. Sie ordnete Verweise und leitete den Nutzer zu anderen Anbietern. Google wandelt dieses Tor in einen Aufenthaltsraum um. Snippets, Infokästen, Karten, Übersichten und KI-Antworten halten den Nutzer auf der Google-Oberfläche.
Andree beschreibt die ökonomische Logik anhand zweier Suchanfragen. Bei „Wasserkocher kaufen“ lohnt sich die Weiterleitung, da Google den Übergang zu einem Händler monetarisieren kann. Bei der Frage nach den Ringen des Saturn entsteht dieser Anreiz kaum. Google kann die Antwort selbst präsentieren und die Aufmerksamkeit behalten.
Für Inhalteanbieter nennt Andree dieses Modell einen „Katastrophenfall“ (S. 82). Ihre Texte bilden die Grundlage der Antwort. Der Besuch ihrer Seiten entfällt. Damit sinken Werbeeinnahmen, Abonnentenchancen und die Möglichkeit, eine direkte Beziehung zum Leser aufzubauen.
Generative KI verschärft diese Entwicklung. Die Quelle liefert Wissen, während die Oberfläche den Nutzen abschöpft. Der Leser erhält eine Antwort, begegnet jedoch weder dem Autor noch dem ursprünglichen Zusammenhang. Mit jedem ausgelassenen Klick verliert die Öffentlichkeit ein Stück Herkunftswissen. Aussagen erscheinen als glatte Resultate, ihre Entstehungsgeschichte verschwindet.
Diese Verschiebung betrifft weit mehr als das Geschäftsmodell einzelner Verlage. Eine demokratische Öffentlichkeit braucht erkennbare Urheber, überprüfbare Belege und konkurrierende Deutungen. Die Antwortmaschine tendiert zur Synthese. Sie verwandelt Streit in Text und Quellen in Hintergrundmaterial.
Die junge Generation lebt innerhalb der Mauern
Bei den 16- bis 29-Jährigen entfallen rund 61,7 Prozent der gesamten digitalen Nutzung auf zehn Angebote. In der Gesamtbevölkerung liegt dieser Anteil bei 46 Prozent. YouTube allein bindet bei den Jüngeren fast ein Fünftel der gesamten Nutzungszeit.
Andree führt diese Konzentration auf unterschiedliche Medienerfahrungen zurück. Ältere Nutzer hätten das offene Web kennengelernt, bevor soziale Netzwerke ihre Plattformmauern errichteten. Jüngere Generationen seien bereits in einer Welt aus Feeds, Apps und personalisierten Empfehlungen aufgewachsen. Ihnen fehle vielfach die Erfahrung eines Netzes, in dem man von Domain zu Domain wanderte.
Daraus entsteht eine neue Form digitaler Abhängigkeit. Die Plattform erscheint dem Nutzer als das Internet selbst. Ein Video außerhalb von YouTube, ein Text außerhalb des Feeds oder eine Debatte außerhalb eines sozialen Netzwerks wirkt wie eine entlegene Adresse. Die Plattform muss keinen Zugang verbieten. Bequemlichkeit, Gewohnheit und algorithmische Vorauswahl reichen aus.
Diese Entwicklung verändert auch den politischen Begriff der Öffentlichkeit. Früher stritten Zeitungen, Rundfunkanstalten und Verlage um Deutungsmacht. Heute liegt eine vorgelagerte Macht bei den technischen Distributoren. Sie bestimmen, welche Zeitung, welcher Autor und welches Thema überhaupt Gelegenheit zum Streit erhält.
Künstliche Intelligenz wiederholt die Konzentration im Zeitraffer
Das Kapitel über generative KI zeigt, wie schnell sich bekannte Strukturen in einem jungen Markt reproduzieren. Bereits 71,2 Prozent der untersuchten Internetnutzer verwenden KI-Werkzeuge. Zugleich beansprucht die gesamte Kategorie erst 0,9 Prozent der digitalen Nutzungszeit. Viele Menschen haben solche Anwendungen ausprobiert, doch ein kleiner Teil integriert sie bereits intensiv in Arbeit und Alltag.
ChatGPT erreicht laut Andree 44 Prozent der Internetnutzer. Bei textorientierten KI-Angeboten entfallen rund 77 Prozent der gemessenen Nutzungsdauer auf den Dienst. Weniger als drei Jahre nach seiner Veröffentlichung besitzt ChatGPT damit eine Position, für deren Aufbau frühere Medienunternehmen Jahrzehnte brauchten.
Die Geschwindigkeit verrät etwas über die heutige Marktordnung. Neue Technologien starten kaum noch auf freiem Feld. Cloud-Infrastruktur, Rechenkapital, Trainingsdaten, Betriebssysteme, Suchmaschinen und bestehende Nutzerkonten begünstigen wenige Konzerne. Ein innovatives Produkt kann Millionen Menschen in kurzer Zeit erreichen. Der gleiche Mechanismus schließt kleinere Konkurrenten früh aus.
Andrees Zahlen stammen aus dem dritten Quartal 2025 und bilden eine Phase rascher Veränderung ab. Sie erlauben keine ewige Rangfolge. Der strukturelle Befund wiegt schwerer als jede einzelne Platzierung: Selbst ein kaum entwickelter Markt weist bereits eine hohe Aufmerksamkeitskonzentration auf.
Für den Journalismus entsteht eine doppelte Abhängigkeit. Redaktionen verwenden KI-Systeme für Recherche, Bearbeitung und Distribution. Gleichzeitig verwerten diese Systeme journalistische Inhalte, fassen sie zusammen und beantworten Fragen auf der eigenen Oberfläche. Die Produzenten finanzieren die Entstehung von Wissen. Die Plattform kontrolliert dessen bequemste Darreichungsform.
Qualitätsjournalismus verliert den Wettbewerb um Sichtbarkeit
Andree untersucht außerdem 17 führende Nachrichten- und Informationsangebote. Rund 88 Prozent ihrer Nutzungszeit entfallen auf weitgehend frei zugängliche Seiten. Fünf etablierte Premiummedien, Spiegel, Welt, Süddeutsche Zeitung, Zeit und FAZ, erreichen gemeinsam etwa zwölf Prozent.
Der Autor beschreibt ein Gefangenendilemma. Paywalls sichern Einnahmen und begrenzen zugleich die Reichweite. Frei verfügbare Anbieter gewinnen Traffic, senken jedoch die Zahlungsbereitschaft im Gesamtmarkt. Suchmaschinen und KI-Zusammenfassungen verschärfen den Konflikt, weil sie Inhalte auswerten können, ohne dem Ursprungsangebot einen Besuch zuzuführen.
Die Entwicklung lässt sich an den Rangplätzen ablesen. Spiegel.de fiel im Gesamtranking zwischen 2019 und 2025 von Platz 46 auf Platz 99, welt.de von Platz 61 auf Platz 142. Die aggregierte Nutzung dieser Angebote brach laut Andree keineswegs im gleichen Maß ein. Wachsende Plattformen zogen an ihnen vorbei. Der relative Bedeutungsverlust vollzog sich durch das Wachstum der Distributoren.
Für unabhängige Publizisten folgt daraus eine unbequeme Arbeitsregel. Ein guter Text besitzt keinen eingebauten Anspruch auf Aufmerksamkeit. Er braucht mehrere Wege zum Publikum. YouTube bindet nach Andrees Messung rund zwölf Prozent der gesamten digitalen Aufmerksamkeit. LinkedIn hat seine aggregierte Nutzungszeit seit 2018 ungefähr verfünffacht. Newsletter, RSS und eigene Domains bewahren direkte Beziehungen. Jede dieser Formen erfüllt eine andere Aufgabe. Die eigene Website bleibt Archiv, Belegstelle und zitierfähiger Ursprung. Plattformen schaffen Reichweite und Anschluss. Wer alle Inhalte und Kontakte ausschließlich dort lagert, arbeitet auf gemietetem Grund.
Offene Protokolle sind eine politische Institution
Andree erinnert daran, dass das frühe Internet auf offenen Standards beruht. TCP/IP, HTML, DNS, BGP und das E-Mail-Protokoll SMTP gehören keinem einzelnen Konzern. Ein Nutzer kann seinen Webhoster wechseln und seine Domain behalten. E-Mails erreichen Empfänger bei anderen Anbietern. Wettbewerb findet auf einer gemeinsamen technischen Grundlage statt.
Plattformen verwenden diese offene Infrastruktur und errichten darüber proprietäre Systeme. Kontakte, Inhalte, Reichweite und digitale Identität bleiben an den jeweiligen Betreiber gebunden. Andree verdichtet das Geschäftsmodell in die Formel, die Plattformen hätten „Kosten externalisiert und Profite internalisiert“ (S. 155).
Die geringe Nutzung vieler Alternativen zeigt, wie mächtig Netzwerkeffekte wirken. Signal erreicht zwar 22,4 Prozent der Nutzer, kommt bei der aggregierten Nutzungsdauer jedoch auf rund 1,5 Prozent des WhatsApp-Werts. Mastodon erreicht in Andrees Stichprobe 0,3 Prozent. PeerTube blieb unterhalb einer belastbar ausweisbaren Größenordnung.
Appelle an die individuelle Wechselbereitschaft greifen zu kurz. Ein Nutzer verliert beim Plattformwechsel Kontakte, Publikum und eingespielte Routinen. Freiheit braucht unter solchen Bedingungen technische Rechte: Datenportabilität, interoperable Dienste, offene Schnittstellen und transparente Regeln für Empfehlungssysteme. Realnutzungsdaten gehören ebenfalls dazu. Eine Regulierung ohne genaue Kenntnis der Aufmerksamkeitsströme verwaltet statistische Kulissen.
Andrees Vermessung führt damit zurück zur politischen Gründungsfrage des Netzes. Wer kontrolliert die Wege, auf denen Menschen Wissen finden, miteinander sprechen und öffentliche Konflikte wahrnehmen? Die 17,7 Millionen Domains geben darauf keine beruhigende Antwort. Formale Vielfalt kann neben gesellschaftlicher Konzentration bestehen.
Das offene Netz lebt technisch weiter. Seine soziale Wirklichkeit hat sich in wenige private Territorien verlagert. Eine neue digitale Öffentlichkeit beginnt mit der Rückgewinnung der Wege: durch offene Standards, überprüfbare Messungen, eigene Archive und direkte Beziehungen zwischen Autoren und Publikum.
Martin Andree: Vermessung der digitalen Welt. Das Kompakthandbuch: Aktivitäten, Player, Märkte, Trends. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2026, 176 Seiten, 25 Euro.

