
In einem Blogbeitrag analysiert Professor Christian Bayer von der Universität Bonn die strukturellen Herausforderungen der deutschen Wirtschaftspolitik und den dringenden Handlungsbedarf im Umgang mit dem demografischen Wandel. Er beschreibt die Situation als Ergebnis eines „drastischen Rückgangs des Produktivitätswachstums,“ das sich seit den 1990er Jahren „mehr als halbiert“ hat. Die rot-grünen Arbeitsmarktreformen und die erhöhte Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer sowie von Frauen und Migranten hätten diesen Rückgang vorübergehend kaschiert. Doch nun seien „alle diese Reserven zunehmend erschöpft.“
Bayer spricht von der „rollenden Rentenwelle,“ die das Land ohne eine durchdachte Strategie zu überrollen drohe. Die fehlende Langfristplanung in Bezug auf die Arbeitskräfteentwicklung gefährde, so Bayer, die Stabilität der Wirtschaft: „Es sind bislang wenig Maßnahmen in Sicht, die den damit verbundenen Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte und damit auch der wirtschaftlichen Aktivität bremsen.“ Die Gefahr, dass Deutschland in ein verlorenes Jahrzehnt abrutscht, wie es schon einige südeuropäische Länder erlebt haben, sei real. Im Interview, das ich auf der Fachmesse Zukunft Personal mit Professor Karlheinz Schwuchow führte, erläuterte er die Zunahme dieses „Leidensdrucks“ auf allen Ebenen. „Die Krise muss erst kommen, bevor sich etwas bewegt,“ so Schwuchow, der darauf hinweist, dass der Arbeitskräftemangel viele Unternehmen bereits zwingt, die vorhandenen Qualifikationen und Potenziale besser zu nutzen. Es werde oft darüber gesprochen, „ältere Beschäftigte nach Hause zu schicken,“ anstatt deren Erfahrung strategisch einzusetzen – eine verfehlte Haltung, die dem zunehmenden Fachkräftemangel nicht gerecht wird.
Ein weiteres brisantes Thema in Bayers Beitrag ist das Deutschlandticket. Er beschreibt es als einen teuren Ansatz ohne große Wirkung: „Das statistische Bundesamt hat gezeigt, dass das Deutschlandticket keine nennenswerten Änderungen der Verkehrsmittelnutzung mit sich gebracht hat.“ Stattdessen koste es die Bundesländer jährlich 1,5 Milliarden Euro, die seiner Meinung nach besser für die Schaffung von 20.000 zusätzlichen Lehrerstellen verwendet werden könnten: „Dies wäre keine schlechte Idee,“ so Bayer, und deutet an, dass Investitionen in Bildung angesichts der demografischen Entwicklungen weitaus tragfähiger wären.
Schließlich fordert Bayer eine Kurskorrektur in der Flächennutzungspolitik. Die stark regulierte Bereitstellung von Bauland führe zu explodierenden Miet- und Grundstückspreisen und habe eine Vergrößerung der Vermögensungleichheit zur Folge. „Mieten wie Grundstückspreise sind explodiert,“ schreibt Bayer und kritisiert die negativen Auswirkungen auf Mobilität und Arbeitsmarkt, die durch diese Preissteigerungen entstehen. Ein flexibleres Bauplanungsrecht, das die „starre Bebauungspläne“ aufbricht, wäre eine notwendige Maßnahme, um der sozialen und wirtschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken.
Bayer plädiert insgesamt für eine Wirtschaftsstrategie, die nicht bloß kurzfristige Maßnahmen ergreift, sondern zukunftsgerichtete Strukturen schafft. Die aktuelle Wirtschaftspolitik müsse sich, so Bayer, nicht an Symptomen orientieren, sondern an den Wurzeln der Probleme ansetzen, bevor Deutschland in die ökonomische Bedeutungslosigkeit abgleitet.

