
„Wie authentisch sind Unternehmen?“ – diese Frage stellte sich Michael Klein, Geschäftsführer der Nobilia-Werke, im Messe-TV-Studio auf der Zukunft Personal Europe. Klein ist überzeugt: Authentizität ist kein wohlfeiles Buzzword für Employer-Branding-Präsentationen, sondern die entscheidende Währung im Kampf um Talente.
„Die Kandidaten können sich heute ihre Jobs aussuchen. Wer sie gewinnen und binden will, muss mehr bieten als Benefits und Gehalt“, so Klein. „Es ist das Miteinander der Menschen, das darüber entscheidet, ob Mitarbeiter bleiben.“
Fachkräftemangel bleibt – auch in Krisenzeiten
Selbst die konjunkturellen Einbrüche der letzten Jahre ändern daran wenig. „Natürlich profitieren wir in der Möbelindustrie manchmal davon, dass es in anderen Branchen kriselt. Aber das ist nur temporär. Langfristig bleibt der Fachkräftemangel massiv bestehen“, betont Klein.
Er verweist auf den tiefgreifenden Strukturwandel: Textil- und Elektroindustrie sind bereits geschrumpft, jetzt trifft es die Automobilbranche. „Alte Industrien verschwinden, neue entstehen. Deutschland muss sich neu erfinden – und das gelingt nur mit Innovation und hochqualifizierten Fachkräften.“
Die verkannte Ressource: Mitarbeiter über 50
Besonders kritisch sieht Klein den Umgang vieler Konzerne mit älteren Beschäftigten. „Ab Mitte 50 werden Abfindungsangebote gemacht. Das ist völlig kurzsichtig. Man verliert nicht nur Köpfe, sondern auch Erfahrung und Mentoring-Kompetenz.“
Gerade die Übergabe von Wissen zwischen den Generationen sei heute oft nicht mehr organisiert. „Da fehlen Brücken. Die eine Generation ist schon weg, die nächste noch nicht richtig da. Wissen muss bewusst übergeben werden – mit Zeit, Freiraum und echten Begegnungen.“
Junge Generationen: fleißig, aber sinngetrieben
Das Klischee von faulen Generationen Y und Z weist Klein zurück. „Natürlich gibt es immer solche und solche, aber die Mehrheit ist hochmotiviert. Was sie eint, ist die Suche nach Sinn und Anerkennung.“
Aus eigener Hochschulerfahrung weiß Moderator Gunnar Sohn zu berichten: Leistungsbereitschaft sei nicht gesunken, im Gegenteil. Bologna-Strukturen hätten Studierenden eher mehr Prüfungsdruck beschert. Klein nickt: „Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten. Es geht darum, wofür man arbeitet.“
Ausbildung als strategische Antwort
Nobilia selbst setzt auf langfristige Strategien: Die Zahl der Auszubildenden soll bis 2030 verdoppelt werden. Neue Ausbildungsberufe wurden geschaffen, Projektarbeit spielt eine zentrale Rolle.
Ein Beispiel: Der zweite Ausbildungsjahrgang erhielt die Aufgabe, gemeinsam ein Projekt mit eigenem Budget umzusetzen. Ergebnis war die Umwandlung einer alten Piaggio Ape in eine mobile Kaffeebar – technisch, handwerklich und kaufmännisch umgesetzt. „So lernen unsere Azubis Zusammenarbeit, Verantwortung und Kreativität – Fähigkeiten, die wir dringend brauchen“, sagt Klein.
KI: Chance statt Schreckgespenst
Auch digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz sind für Klein kein Bedrohungsszenario, sondern ein Zukunftsmotor. „Leider sehen wir in Deutschland zuerst die Probleme – Ethik, Fake-Bilder, Missbrauch. Aber während wir Probleme debattieren, arbeiten andere an Lösungen.“
Nobilia experimentiert mit eigenen KI-Anwendungen, etwa einem Tool zur schnellen Visualisierung individueller Küchendesigns. „Menschen fällt es schwer, sich Ergebnisse räumlich vorzustellen. KI hilft uns, diese Barriere zu überwinden – und Kunden Lust auf die Zukunft zu machen.“
Kulturwandel als Schlüssel
Am Ende bleibe alles eine Frage der Haltung. „Wir müssen wieder mehr über Lösungen sprechen, nicht nur über Probleme. Unternehmen, insbesondere Familienunternehmen, sind gefragt, in Generationen zu denken und sich selbst immer wieder neu zu erfinden.“
Klein warnt davor, in Deutschland Unternehmertum mit Misstrauen zu betrachten: „Natürlich müssen Unternehmer Geld verdienen. Aber sie tragen auch Risiko, sie entwickeln Neues. In China gründet man Business Schools, die den Hidden Champion-Gedanken von Hermann Simon fördern. Bei uns diskutieren wir über Neiddebatten. Da dürfen wir nicht stehen bleiben.“
Authentizität, Verlässlichkeit und Innovationsmut entscheiden über die Zukunftsfähigkeit – nicht nur einzelner Unternehmen, sondern des Standorts Deutschland.
