
Jede Silbe eine Zumutung. Jeder Halbsatz ein schiefer Ton. Der Sound der Gegenwart: postsemantisch, voll von Füllwörtern, die nichts füllen, sondern nur Leere kaschieren.
Man hört es überall: „Ja“, sagt er nach jedem zweiten Satz. „Genau“, nickt sie, obwohl nichts gesagt wurde, was man hätte bestätigen können. „Okaaay“, säuselt die Moderatorin ins Mikrofon, während der nächste Referent mit seinem Slide-Deck des Schreckens bereitsteht. Es ist die neue Rhetorik der Sprachvermeidung. Wörter, die nur Platzhalter sind für das, was nicht gedacht wurde. Alles gut. Ja. Genau. Aber mit Haltung. Natürlich mit Haltung!
Der Zustand dieser Republik lässt sich nicht in Exportquoten oder Umfragen messen, sondern in der Menge der Füllwörter, die sich wie Styropor zwischen unsere Sätze schieben. In jedem zweiten Vortrag: verbal aufgeschäumte Substanzlosigkeit. In jedem dritten Interview: ein Zuviel an Garnichts. Man könnte schreien.
Früher, ja früher! Lothar Matthäus! Semantischer Sprengmeister der ungewollten Poesie! Da war wenigstens noch was los in der Sprache:
- „Das Zweikampfverhalten der Dortmunder ist nicht mangelhaft, es ist ausreichend.“
- „Ein Wort gab das andere – wir hatten uns nichts zu sagen.“
- „Mein Tipp ist 1:1, auch wenn in der zweiten Halbzeit sicher noch Tore fallen werden.“
- „Schiedsrichter kommt für mich nicht in Frage, schon eher etwas, das mit Fußball zu tun hat.“
- „Wichtig ist, dass er jetzt eine klare Linie in sein Leben bringt.“ (Wen meinte er bloß, schnief?)
Das hat metaphorische Kraft! Ironie, Paradoxie, Wortwitz – unfreiwillig, klar, aber immerhin mit Wirkung. Hätte Foucault gefreut.
Heute dagegen: das große sprachliche Abschleifen. Alles muss glatt sein. Moderationssprech in der Komfortzone. Sprachästhetik wie ein leerer Warteraum in Castrop-Rauxel.
Typologie der Nichtssagenden
(unvollständig, beliebig erweiterbar – jeder hat sie erlebt oder schlafend verpasst)
- Der Folienhuber
Hat 129 Slides dabei, schafft nur 17, aber kündigt die restlichen 112 verbal an. „Da kommen wir gleich noch zu.“ Spoiler: kommt nie. - Die Bestätigerin
Sagt in jedem zweiten Satz „Genau.“ Auch wenn vorher keiner was gesagt hat. Sie bestätigt sich selbst, im Echo ihrer Einsamkeit. - Der Komasprecher
Redet in gleichbleibender Tonlage. Keiner weiß, wann der Satz vorbei ist. Oder ob er überhaupt angefangen hat. - Die Wandflüsterin
Spricht nicht ins Mikro, sondern zur Wand. Oder zur Leinwand. Oder zum eigenen Laptop. Ein Dialog mit den Dingen. - Der Powerpoint-Kommandeur
Kennt die Slides nicht, gibt aber lautstarke Befehle: „Nächste!“ – „Nein, zurück!“ – „Nee, die andere!“ Das Publikum: paralysiert. - Die Allesgutlerin
Jede Frage, jede Krise, jeder Kommentar: „Alles gut!“ Als wäre das ein semantischer Wundverband. Dabei ist nichts gut. Gar nichts.
Moderationssprech: Das Gelalle vom Teleprompter 😜
Und dann diese Moderationen. Dieses betonte Unbetonte. Dieses gespielte Spontane, das aus der Hölle des Teleprompters kommt. Man sieht es den Moderierenden an: Sie lesen nicht. Sie vollziehen die Lektüre. Der Blick wandert links, rechts, einmal ins Publikum, dann wieder zurück in die Mitte – auf den Teleprompter. Gelalle. Sprachgewordene Sicherheitseinweisung.
Oder schlimmer noch: das Moderationskärtchen. Mit Senderlogo, Event-Schriftzug oder dem CI-gerechten Farbschema auf der Rückseite – als ob das hilft. Vorn: ein paar Stichworte. Hinten: der kalte Schweiß der Verunsicherung.
Man kann es sehen: Die Hand zittert leicht, der Blick fällt immer wieder auf das Kärtchen, obwohl es nichts mehr zu sagen gibt. Oder zu sagen gäbe. Die Stimme klingt wie frisch entnommen aus der Sprecherziehungsschule für Flughafenansagen. Betonungen da, wo keine hingehören. Pausen wie mit dem Lineal gezogen. Und in der Stimme dieser leicht durchdringende PR-Singsang, der so klingt, als wäre gleich alles vorbei.
„Ja, herzlich willkommen auch von meiner Seite…“
„Wir freuen uns sehr, dass Sie heute dabei sind…“
„Sie dürfen sich jetzt freuen auf…“
„Spannende Einblicke erwarten uns…“
Gähn. Gähn. Gähn.
Was fehlt? Haltung? Nein. Was fehlt, ist eine Rhetorik der Lust. Der Konfrontation. Des Denkens. Chesterfield schrieb seinem Sohn einst, wie wichtig der gepflegte Plauderton sei – als Ausdruck von Stil, Bildung, Menschlichkeit. Davon ist heute wenig geblieben. Nur die Phrasen. Und ein ganz lang gezogenes „Okaaay“, „Ja gut“, Ähhhh, das wie ein Fieberthermometer im heißen Bad unserer kollektiven Kommunikationsverweigerung schwimmt.
