Die Gebrüder Grimm und der Daten-Schlussverkauf des Staates – Wer schützt denn nun die Privatsphäre?

Bei aller berechtigten Aufregung über den zweifelhaften Umgang von Facebook und Google mit unseren Daten, der Staat ist ein noch schlechterer Hüter der Privatsphäre. Gegen die Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik der Web-Konzerne kann ich mich schon selbst zur Wehr setzen – da brauche ich auch die staatlichen Datenschützer nicht als Kindermädchen, um mich vor dem Ausverkauf meiner Daten zu retten, liebwertester Casper.

„Persönliche Daten werden immer mehr zu einer Handelsware, an der private Unternehmen mehr Interesse haben als der Staat“, so die Aussage des Hamburger Datenschützers.

Und ich schrieb in meiner The European-Kolumne:

Dieses Bekenntnis des Hamburger Datenschützers Johannes Caspar im Vorfeld der Call Center World in Berlin sollte man dringend in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm aufnehmen und ihm einen Ehrenplatz einräumen.

Aber was haben die Datenschützer denn nun im Vorfeld der Beratungen des neuen Meldegesetzes getan, wo sie doch sonst so gerne Jagd auf jeden Cookie und jede Trackingsoftware machen?

Welt Online hat das auf den Punkt gebracht:

Bundestag verkauft Bürgerrechte in nur 57 Sekunden

Erst jetzt bequemt sich der oberste Staatsdatenschützer zu einer kritischen Bewertung, wie Spiegel Online berichtet:

„Direkt nach der Billigung des neuen Meldegesetzes durch den Bundestag blieb es seltsam ruhig, aber jetzt wird die Empörung bezüglich der Neuregelung immer größer. Der Bundesdatenschutzbeauftragte der Bundesregierung Peter Schaar sagte der Bild-Zeitung: ‚Es geht nicht an, dass Daten, die der Staat zwangsweise erhebt, gegen Entgelt und ohne Einwilligung des Betroffenen weitergegeben werden.‘ Schaar verlangte generell, zur ursprünglichen Fassung des Gesetzentwurfs zurückzukehren, die eine Einwilligung des Bürgers zur Voraussetzung für die Weitergabe seiner Daten durch die Meldebehörde machte.“

Wo war Schaar eigentlich während der Beratungen im Parlament? Erinnert sei noch einmal an den Spackeria-Vortrag von Spiegel Online-Redakteur Ole Reißmann, der vorschlug, dem Staat beim Datenschutz mehr auf die Finger zu schauen.

Was bringt das inszenierte Datenschutz-Theater den Bürgern wirklich? Was haben die Datenschutz-Bürokraten erreicht? Wie viel kündigen sie an und am Ende kommt nichts heraus? Was wurde denn nun ermittelt beim Staatstrojaner-Skandal? Da ist uns der Bundesbeauftragte noch ein paar Antworten schuldig. Reißmann hat diesen Wunsch an die Spackeria ab der Sendeminute 10:40 ausgeführt.

Wer zerstört nun mehr die Privatsphäre? Zucki-Boy oder der Staat? Wie soll ich die Kontrollhybris eines Richters werten, der den Zugriff auf schon gelöschte Facebook-Daten eines Angeklagten begehrte, wo doch der amerikanische Konzern seit Monaten dafür geprügelt wird, dass Nutzer ihre Einträge nicht endgültig löschen können? Nicht nur die liebwertesten Gichtlinge mit Kontrollparanoia in den Sicherheitsbehörden unterminieren die Sphäre des Intimen und Privaten. Auch die Hüter des Rechts beteiligen sich am Rat Race der Indiskretion.

So haben die Staatsanwaltschaften kräftig bei ihrer „Pressearbeit“ aufgerüstet, wie die Juristen Christian Schertz und Dominik Höch in ihrem Buch „Privat war gestern“ dokumentieren.

„So wurde im Fall Kachelmann von der Staatsanwaltschaft nach der Verhaftung eine Pressemeldung herausgegeben, in der von der Festnahme eines Moderators gesprochen wurde. Es dauerte nur Minuten, bis die Boulevardpresse wusste, dass es sich um Jörg Kachelmann handelte.“

Es stehe außer Frage, dass der Wetter-Mann nicht nur Medienopfer ist, sondern selbst „seltsame Medienauftritte“ zelebrierte. Aber Schertz und Höch kritisieren zu Recht, dass hier fundamental Persönlichkeitsrechte verletzt wurden, zumal ehemalige Freundinnen in den Zeugenstand treten mussten, die mit dem Tathergang nichts zu tun gehabt hatten.

Ähnlich verlief die Festnahme der No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa mit anschließender medialer Hexenjagd und den mittlerweile üblichen Vorverurteilungen – ausgelöst durch eine Pressemeldung der Staatsanwaltschaft. Die Vertreter der Judikative tragen hier kräftig dazu bei, dass alles Private zum vermarktbaren Gut wird. Der Schutz des Menschen, seiner Würde und seiner Privatsphäre fällt hinter dem Schauspiel der Anklage zurück.

Exekutive, Legislative und Judikative sind schlechte Partner beim Schutz des Privaten.

Die Empfehlung von Schertz und Höch ist eindeutig: Es bleibt nur der Ruf nach Selbstverantwortung beim Schutz der eigenen Privatsphäre. Da kann auch ein Datenschutz-Caspar nicht weiterhelfen. Es kann nur einer helfen, das wissen wir alle: Chuck Norris!

Siehe auch:
Das Laientheater Bundestag und das Meldegesetz.

Bananenrepublik Deutschland.

Die Reaktionen auf das Meldegesetz hat Hyperland sehr gut zusammengefasst: Deutschland, das “Schilda des Datenschutzes” Sehr schon die Frage von Felix Schwenzel:

Update: Dass der Datenschutz beim Staat in schlechten Händen liegt, habe ich auch auf der Marketingforum-Podiumsdiskussion deutlich gemacht, die während der Hannover Messe stattfand.

Wie Facebook unsere Daten verspeist: Zwingt man Zuckerberg mit Datenschutz in die Knie?

Das t3n-Magazin hat heute sehr ausführlich dokumentiert, wie ausgeklügelt und weitreichend Facebook mit Trackingtools unsere Daten verspeist.
Grundlage des Beitrages ist ein Artikel von Byron Acohido in USA Today. Er hat mit Engeneering Director Arturo Bejar, Engineering Manager Gregg Stefancik sowie Andrew Noyes und Barry Schnitt einige hochrangige Facebook-Mitarbeiter interviewt.

„Eine der wohl pikantesten Bestätigungen zum Tracking durch Facebook: Das Unternehmen hat zugegeben, dass es seine Nutzer auch trackt, nachdem sie Facebook verlassen haben. Wer mit seinem Facebook-Account angemeldet ist und im Web surft, wird von einem Cookie geloggt. Das bedeutet im Detail, dass das Session Cookie dabei neben den besuchten Webseiten auch den Namen, die E-Mail-Adresse, Freunde und alle anderen Daten des entsprechenden Nutzerprofils mit aufzeichnet.“

Was macht nun Facebook mit den gesammelten Daten?

„Gegenüber USA Today äußerte sich Facebook auf diese Frage dahingehend, dass man die gesammelten Daten lediglich dazu verwende, um die Sicherheit und Plugins zu verbessern. Man hätte keine anderen Pläne zur Verwendung der Informationen. Allerdings hat das soziale Netzwerk erst vor kurzem einen Patentantrag für eine Technologie gestellt, die Tracking-Daten in Korrelation mit Werbung bringen soll. Das macht aus Sicht von Facebook durchaus Sinn, denn die Erkenntnisse aus dem Tracking von Suchanfragen und den besuchten Seiten der Nutzer erlauben nicht nur Rückschlüsse auf deren Vorlieben, sondern auch auf politische und religiöse Einstellung oder auch Gesundheitsaspekte. Diese Informationen sind für werbetreibende Unternehmen Gold wert. Bisher scheint Facebook, wenn man dem Netzwerk Glauben schenken mag, diese Daten nicht zu verkaufen – die Verlockung dürfte jedoch groß sein.“

Eigentlich wollte ich heute ja in meiner heutigen Freitagskolumne für Service Insiders das Thema Facebook und die Diktatur der Marketing- und Werbeindustrie aufgreifen. Bin aber ein wenig angeschlagen (schnief, hüstel), so dass ich erst am Montag fertig werde. Ein paar Reaktionen auf meinen Aufruf vor ein paar Tagen möchte ich hier dennoch bringen.

Peter Jebsen, Leitender Redakteur AUDIO VIDEO FOTO BILD:

Hier kann doch nicht von Ausbeutung die Rede sein! Wir entscheiden freiwillig, welche persönlichen Informationen wir mit Facebook teilen.
Re: „Wer hat denn mal auf die Einblendung einer personalisierten Anzeige irgendetwas gekauft?“ Ich noch nicht. Ich habe lediglich mal als jemand, der bestimmte Bands „geliket“ hat, eine *kostenlose* Compilation eines ähnlichen Soulsängers empfohlen bekommen und heruntergeladen. Die hat mir sehr gut gefallen, so dass ich mir wohl auch die regulären Alben kaufen werde.
Ich hätte es bedauert, wenn ich dieser personalisierten Anzeige nicht begegnet wäre.

Markus Hövener von Bloofusion:

Was erwarten die Leute eigentlich? Es gibt nichts geschenkt – auch und vor allem nicht im Netz. Die Nutzung von Facebook ist grundsätzlich kostenlos – aber für die Bereitstellung des Dienstes zahlen wir eben alle kollektiv. Vielleicht führt Facebook ja mal eine Bezahlvariante ein, bei der man dann Facebook nutzen kann, ohne dass die Daten missbraucht werden.

Es ist aber auch von Vorteil, wenn Facebook viel von mir weiß, denn dann kann mir zielgerichtet Werbung ausgeliefert werden. Ja, das ist kommerziel, aber Werbung bekomme ich sowieso. Dann darf die auch zielgerichtet sein.

Und wen das stört, der darf sich ja gerne von Facebook fernhalten. Man kann ja ein erstaunlich gutes Leben ohne Facebook realisieren.

Olaf Kopp von SEM Deutschland:

Ich sehe das so, Facebook, Google & Co. stellen verschiedene Service kostenlos zur Verfügung. Dass diese Unternehmen das nicht aus purer Nächstenliebe tun ist klar. Sie wollen Daten sammeln, um ihre Marketing Dienstleistungen aufzuwerten, die dann von Werbetreibenden gegen Entgelt genutzt werden können. Ich finde das legitim und jeder aufgeklärte Internet Nutzer kann entscheiden, ob er diese Dienste nutzt oder nicht. Über mich als Einzelperson erfährt der Werbetreibende nichts (das besagt unser Datenschutz). Ich werde höchstens zum Teil einer Zielgruppe. Es ist ein Abwegen zwischen dem Mehrwert des Services und dem Willen Nutzungsdaten zur Verfügung zu stellen. Möchte ich das nicht nutze ich eben keine Social Networks oder andere nichtkommerzielle Suchmaschinen.

Zurück zum Punkt Verbesserung der Marketing Dienstleistungen. Ich bin es leid während eines Boxkampfs in jeder Pause mit Werbung belästigt zu werden für Produkte an denen ich kein Interesse habe. An für mich uninteressanten TV und Print Werbung haben wir uns gewöhnt. Ist das besser? Ich denke nicht. Dann lieber abgestimmt auf die Zielgruppe zu der ich, aufgrund meiner Internet Nutzung zugeordnet wurde.

Ich denke auf der anderen Seite haben Werbetreibende und Marketing Agenturen die Verantwortung die neuen Möglichkeiten wie z.B. Behavourial Targeting oder Retargeting nicht inflationär zu nutzen, sondern mit Blick auf die Zielgruppe. Es geht nicht um Penetration, sondern Animation. Im Bereich Social Media funktioniert Werbung meistens eh nicht (siehe auch meinen Beitrag Warum Social Media Werbung und Facebook Ads nicht funktionieren) also hat man hier eh schlechte Karten mit plumpen Marketingmethoden und ist auf die Sympathie des „Freundes“ angewiesen.

Eine ganz andere Frage wirft Christian Heller in seinem Buch Post-Privacy auf, die ich schon in meiner The European-Kolumne „Warum der Staat das freie Netz hasst“ angedeutet habe:

Machtzentren wie Google und Facebook ziehen Datenschützer magisch an. Aber nicht, weil sich die Datenschützer um die Freiheit des Netzes sorgen. Es sind Mitspieler, die eher nach den Ordnungsregeln der Paternalisten spielen. „Das sind Ordnungen, in deren Rahmen der Datenschutz sich Lösungen wie das ‚Recht auf Vergessen‘ oder das ‚Verpixelungsrecht‘ erträumt und plant. Will der Datenschutz diese Rechte durchsetzen, sind es diese Ordnungen, die er bewusst oder unbewusst verlangt: König Facebook ja, denn der sorgt für Ruhe und Ordnung; ein freies Netz nein, denn dort kann ja wer weiß was mit den Daten passieren“, so der Buchautor Christian Heller.

Der deutsche Datenschutz müsste Facebook eigentlich lieben, da es ein zentralistisch kontrolliertes Netz im Netz ist. Was auf Facebook passiert, passiert unter Kontrolle des Zuckerberg-Konzerns. „Facebook zensiert. Facebook scheißt Nutzer raus, die sich falsch verhalten…Facebook sieht und hört alles – und verspricht gleichzeitig in gewisser Weise Privatsphäre. Stelle ich etwas auf eine öffentliche Website, ist es ungehindert für alle Augen der Welt einsehbar. Auf Facebook dagegen kann ich einstellen, wer gucken darf. Ich kann verschiedene soziale Sphären bestimmen, von denen die eine dieses sehen darf und die andere jenes…..“, so Heller. Facebook locke mit jener informellen Selbstbestimmung, die die Kontrollfreaks immer einfordern. Allerdings bezahle man mit der Unterwerfung unter das Regime von Facebook – seine Überwachung, seine Zensur, sein Hausrecht. Facebook sei eigentlich das, was staatliche Datenschützer für das komplette Internet ersehnen: Ein überwachtes und gesteuertes Datenkontrollnetz.

Datenanarchie versus Datenkontrolle ist wohl eher das Spannungsfeld, in dem man die Dickfische Facebook und Google betrachten sollte. Werbung und Marketing sind da nur Nebenkriegsschauplätze mit reichlich überschätzter Wirkung. Bis Sonntag kann ich Meinungsäußerungen noch gut gebrauchen. Vor Sonntag werde ich die Kolumne für Service Insiders nicht fertigstellen.