Bürokratendeutsch: Tucholsky-Sendung von Wortspiel-Radio beim #StreamCamp13

Tucholsky

Auf Facebook spielte ich heute früh mal den semantischen Hausmeister. Eine Kleinigkeit fällt mir in vielen Texten auf: „Fragestellung“. Deshalb meine „Frage“, warum man nicht einfach nur „Frage“ schreibt?

Es folgte eine Replik, die mich nicht überzeugte:

„Für mich gibts einen fitzekleinen Unterschied, eher gefühlt. Frage ist final: ich stelle Frage, bekomme Antwort, Thema erledigt. Fragestellung impliziert für mich immer, dass es darum herum noch mehr Fragefelder gibt, die aber erstmal sekundär sind.“

In Wahrheit schlummert hier die Ung-Krankheit und andere Bläh-ungen. Alle Wörter mit „ung“ sollte man kritisch prüfen, empfiehlt der Publizist Wolf Schneider.

Zur Gewährleistung einer ordnungsgemäßen Durchführung sollte eine Vorüberlegung einzelner Maßnahmen-Umsetzungen in Erwägung gezogen werden. Im Verbund mit der Fragestellung steht auch die Zielstellung zur Verhinderung von tiefgreifenden Aufgabenübertragungen, die zu einer Überarbeitung im Bereich und auf Ebene der Vorstandsleitung führen können. Im Wohnbereich und im Küchenbereich sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Verhandlungen im Bereich des Versicherungswesens schnell zu einer übereilten Echtzeitpriorisierung mit Vorfälligkeitsentschädigungen führen können, ohne Berücksichtigung der Aussschüttungsbemessungsfunktion oder der Überspannungsschutzkategorie.

Ballast abwerfen: Aufgabenstellung, Fragestellung, Problemstellung, Zielsetzung – Aufgaben, Fragen, Probleme, Ziele. Noch mehr Ballast abwerfen: Einflussnahme ist Einfluss. Wohnbereich ist Wohnung, auf Ebene des Vorstandes ist im Vorstand und die Einflussnahme ist ein Einfluss. Wettergeschehen und Witterungsbedingungen? Die Antwort dürfte jetzt klar sein.

Leider dominieren Weitschweifigkeit und Allgemeinplätze. „Fast alle, die im Weinberg des Zeitgeistes arbeiten, kommunizieren so: Sozialarbeiter, Gender-Beauftragte, Think-Tanker, Bürokraten, Wohlfahrtsverwalter, die ‚sinnstiftende Klasse’ ganz allgemein“, stellt Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe fest: „Lernprozesse“ (früher „Lernen“) sind immer „kreativ“, Profile werden stets „geschärft“, um „kreativ genutzt“ zu werden. Das seien Wörter, so Joffe, die munter von der Festplatte purzeln. Besonders beliebt sei die Redundanz durch Wiederholung und Pleonasmen – „doppelt gemoppelt“.

„Fix und fertig liegen die Phrasen in den Gehirnfächern, ein kleiner Anlass, ein Kurzschluss der Gedanken, und heraus flitzt der Funke der Dummheit“, schreibt der legendäre Satiriker Kurt Tucholsky.

Layout: Hannes Schleeh
Layout: Hannes Schleeh

Beim StreamCamp in Köln produziere ich mit dem früheren WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer die nächste Sendung von Wortspiel-Radio, um zu demonstrieren, wie man mit dem Google-Dienst Hangout on Air auch Audio-Formate live übertragen kann. Und der Sprachkritiker Tucholsky steht dabei im Zentrum der Plauderstunde im Startplatz. Es geht beim StreamCamp also nicht nur um Technik, sondern auch um Kultur 🙂

„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes“: Empfehlungen nicht nur an Literaturblogs #Wortspielradio #fbm13

Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle
Wolfgang Schiffer im Gespräch mit dem Verleger Stefan Weidle

Ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse für eine weitere Sendung des Wortspiel-Radios. Diesmal kein Live-Podcasting, sondern Interviews mit Verlegerinnen und Verlegern von kleinen, ambitionierten und unabhängigen Verlagen. Wolfgang Schiffer und ich fragten nach den verlegerischen Konzeptionen, Neuerscheinungen und Plänen.

„Und manch einem haben wir gar eine Antwort entlocken können auf die Frage ‚How long is now'“, so Wolfgang Schiffer in seinem Blogpost.

Eine tiefsinnige Frage, die auch vom gesamten Literaturbetrieb beantwortet werden müsste. Es werden fantastische Bücher gemacht, die gute Rezensionen bekommen, aber im Buchhandel mehr schlecht als recht verkauft werden. Allerdings ist eine Trendwende absehbar, sagt Stefan Weidle. Die Stimmung dreht sich vor allem bei den Buchkäufern.

Es häufen sich die negativen Berichte über die „Kaufhauspolitik“ von Buchketten wie Hugendubel oder Thalia, die mit ihrer eher bescheidenen Sortimentspolitik in Schwierigkeiten kommen und gegen Amazon wenig entgegensetzen können. Das seien keine guten Buchhandlungen, sondern eher Verkaufsräume für Esoterik-Kerzen und sonstigen Schrott, so Weidle.

„Das wollen die Kunden nicht. Es gibt neue gute Buchhandlungen wie Ocelot in Berlin oder die Bernstein-Verlagsbuchhandlung der Gebrüder Remmel ‚R²‘ in Siegburg, die ein ganz anderes Konzept fahren. Es gibt ein breitgefächertes Literaturangebot und das muss man abbilden – auch das Ungewöhnliche“, sagt Weidle im Wortspiel-Radio-Interview.

So wurden von dem Roman „Die Manon Lescaut von Turdej“ von Wsewolod Petrow fast 10.000 Exemplare verkauft, aber nicht bei Hugendubel oder Thalia. Das ging vor allem über unabhängige Buchgeschäfte, die nicht nach Konzernlogik und Controlling-Engstirnigkeit geführt werden. Das Kulturkaufhaus Dussmann in der Berliner Friedrichstraße sei die rühmliche Ausnahme, betont Weidle. Hier könnten die Buchhändler selbst das Sortiment bestimmen, bei anderen Ketten sind sie entmachtet.

Ärgerlich sei generell die Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs.

„Die Beschleunigung ist derart wahnsinnig, dass ein Buch nicht nach einem Jahr, sondern schon nach drei Monaten veraltet. Spätestens nach sechs Monaten ist es sinnlos, noch auf Rezensionen zu hoffen, um Bände zu verkaufen“, moniert Weidle.

Verleger Kurt Wolff
Verleger Kurt Wolff
Einen Beitrag zur Entschleunigung leistet die Kurt Wolff-Stiftung, die sich nicht nur dem Werk des Vermittlers expressionistischer Literatur widmet, sondern die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene fördert.

„Wir machen jedes Jahr einen Gemeinschaftskatalog, wo sich 65 unabhängige Verlage mit ihrem Programm vorstellen. Diesmal sollten Verleger ihre drei Lieblingstitel vorstellen und nicht nur Neuerscheinungen. Das Neue ist nicht das Bessere oder Gute. Das Neue ist schlichtweg nur das Neue“, erklärt der Stiftungsvorsitzende Weidle und verweist auf die Unmöglichkeit, über den Buchhandel Bände aus der Backlist zu verkaufen.

Die meisten Buchhandlungen würden ihren Bestand nach spätestens sechs Monaten remittieren. Kaum einer bestellt mehr nach, wie es noch zu Zeiten des Buchlaufzettels war. Um so wichtiger seien Literaturbuchhandlungen wie Wetzstein in Freiburg, Bittner in Köln oder Felix Jud in Hamburg, die sich von diesem Trend abkoppeln. Klaus Bittner führe eine vorbildliche Buchhandlung.

Als Weidle zum ersten Mal seinen Verlag bei Bittner vorstellte, führte er nicht nur ein sehr langes Gespräch mit dem Buchhändler, sondern wunderte sich über das breite Sortiment an Titeln, die in anderen Läden schon längst remittiert wurden. Ohne prall gefüllte Tüten geht man selten aus dem Geschäft von Klaus Bittner raus – was ich bei meinen samstäglichen Exkursionen nach Köln freudig bestätigen kann – zu Lasten meines Geldbeutels.

Einen Beitrag zur Entschleunigung könnten auch die Literaturblogs leisten, die sich ebenfalls eher an den Neuerscheinungen orientieren, meint Wortspiele-Blogger Wolfgang Schiffer.

„Wir sollten es uns selbst zur Pflicht machen, eine Erinnerungskultur zu pflegen und stärker auf das schauen, was gestern war. Das leisten die Feuilletons und Kultursendungen der klassischen Medien nicht. Wir sollten in diesen Aktualitätswettbewerb nicht einsteigen.“

Stefan Weidle ergänzt das Schiffer-Credo mit einem Zitat aus dem opulenten Werk „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt:

„Wenn ein neues Buch erscheint, lies Du ein altes.“

Arno Schmidt

Aber was ist eigentlich alt, wenn man alte Werke verlegt, wie der Lilienfeld Verlag? Hier werden Autoren der Vergessenheit entrissen, wie etwa Emmanuel Bove. Er war eine Feuilleton-Größe, wurde übersetzt und viel besprochen, dann setzte irgendwann die große Stille ein. Solche Literatur wolle man durch neue Übersetzungen oder Wiederauflagen von älteren Übersetzungen reanimieren, sagt Axel von Ernst.

Franz Hessel

Dazu zählt erfreulicherweise auch der Flaneur Franz Hessel.

„Die Rechte sind 70 Jahre nach seinem Tod frei geworden und wir haben als ersten Band den Roman ‚Heimliches Berlin‘ ins Programm genommen“, so Viola Eckelt.

Wie geht nun der Literaturbetrieb mit diesen Büchern um? Wenn das Herbstprogramm des Verlages erscheint, gelten viele Werke im darauffolgenden Frühjahr als veraltet – so ticken zumindest viele Kulturredakteure, bestätigt Axel von Ernst:

„Die können das in ihren Redaktionen nicht mehr unterbringen, weil der Titel angeblich zu alt sei. Dieser Titel war aber vorher auch schon alt.“

Wortspiel-Radio auf Tour
Wortspiel-Radio auf Tour

Ein unwürdiger Umgang mit Literatur. Wortspiel-Radio wird das ändern 🙂

Interessant auch: Christoph Kappes über Sobooks: „Eine bessere Tiefe der Interaktion direkt im Buch”

Zwang zur Depublizierung abschaffen, Erlösmodelle für Kreative anbieten und ein ARD-Portal für Hörspiele sowie Feature

Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit - lyrisches Frühwerk
Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit – lyrisches Frühwerk

Auf vielen Feldern der Netzpolitik sollte man endlich anfangen, das digitale Fachwissen der Netzbewegung mit realpolitischem Sachverstand zu kombinieren, um neue Allianzen zu schmieden (Thema meiner morgigen The European-Kolumne). Etwa mit den Kulturschaffenden, die bei der Urheberrechtsdebatte auf der Strecke bleiben, da in erster Linie die Interessen der Verwerter bedient werden. Ähnlich wie Sascha Lobo kritisiert auch Wolfgang Schiffer, der frühere WDR-Hörspielchef und Literaturblogger, den Zwang zur Depublizierung.

„Ich halte das für einen Skandal. Die Staatsverträge sind auf Druck von außen geändert worden. Das Depublizieren betrifft ja nicht alleine visuelle oder akustische Tonträger, sondern selbst schriftliche Angaben und Pressetexte“, moniert Schiffer in der Premierensendung von Wortspiel-Radio.

Nur wenn man Werke zum ewig gültigen Kulturgut erkläre, bleiben sie auch auf Dauer im Netz – etwa Hörspiele und Radio-Feature.

„Aber das tun die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht zwingend. Wir hängen dieser Entwicklung aber auch in der Klärung von Urheberrechtsfragen ein ganzes Stück hinterher. Was wir dringend benötigen – und da ist die Politik gefragt – sind urheberrechtliche Vereinbarungen, die dieser veränderten medialen Situation, die der Moderne einfach mal Rechnung tragen. Denn im Umkehrschluss kann es eben nicht sein, dass alles, was einmal honoriert worden ist, für ewig im Internet steht und von allen genutzt werden kann, aber derjenige, der von seinen künstlerischen Potenzialen leben muss, kein Geld mehr sieht. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße“, kritisiert Schiffer.

Was Verlage übrigens auch häufig praktizieren, wenn sie Zweit-Verwertungsrechte verweigern. Die Gewichte haben sich von den Urhebern zu den Produzenten, Verlegern und Verwertern verschoben. Hier müsse man zu Korrekturen kommen, fordert Schiffer.

„Ich habe mich schon vor sieben Jahren dafür eingesetzt, dass wir die Hörspiele online anbieten und uns mit den Urhebern auf vernünftige Bezahlmodelle einigen. Inzwischen tun wir das vermehrt.“

Es gibt auch schon einige Beispiele im Netz, wo man gegen kleines Geld richtige gute Hörspiele und Feature abrufen kann – etwa die Plattform Hörspielpark.

Hier seien Ausnahmeverträge mit den Produzenten abgeschlossen worden – also den Rundfunkanstalten.

„Ich habe mich damals für die Ausnahmen sehr eingesetzt, um ein Modell kreieren zu können. Aber ich darf gleichermaßen auch sagen, dass die Initiatoren des Hörspielparks relativ glücklich wären, wenn sie unter ein großes Dach schlüpfen könnten. Der Dienst ist nicht sehr bekannt, er wird nicht ausreichend abgerufen und es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Schiffer.

Die ARD sei die einzige mediala Konstruktion, in der Hörspiele und Feature überhaupt produziert werden. Man sollte sich dort von Insellösungen trennen, weniger auf so genannte Alleinstellungsmerkmale in den einzelnen Rundfunkanstalten beharren und endlich ein Portal schaffen, auf dem man alles findet. Das hätte eine viele größere Durchschlagskraft.

„Für die künstlerischen Werke, die in den ARD-Sendeanstalten geschaffen werden, sollte man den Zugang im Netz so einfach wie möglich gestalten“, resümiert Schiffer am Ende des Wortspiel-Radio-Gespräches.

Die zweite Sendung des Wortspiel-Radios kommt am 10. Oktober live von der Frankfurter Buchmesse, wenn die technischen Bedingungen es erlauben.

Interessant auch:

Von Hackermoral, neuen Versionen und Cybermobs – hier vor allem die Diskussion mit Dirk von Gehlen über sein via Crowdfunding finanziertes Buch „Eine neue Version ist verfügbar“.

Wortspiel-Radio: Die Premiere morgen, um 17 Uhr

Layout: Hannes Schleeh
Layout: Hannes Schleeh

Morgen starte ich zusammen mit den ehemaligen WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer im Vorfeld des Kölner StreamCamps ein kleines Audio-Livestreaming-Experiment mit Hangout on Air. Es gibt ja viele Portale, die das ermöglichen. Aber Hannes Schleeh machte den Vorschlag, die Studio-Funktion des Google-Dienstes zu nutzen, um mit einem Radio-Format auf Sendung zu gehen. Vorteil: Die Liveübertragung liegt direkt auf Youtube als Aufzeichnung vor, kann problemlos überall eingebettet werden und bewegt sich halt auf einem sehr populären Portal.

Eine zentrale Anlaufstelle für Podcasting ist nach meiner Meinung eine Schwäche für die vielen guten Graswurzel-Angebote, die es mittlerweile im Netz gibt. Ein Youtube für Audio wäre also keine so schlechte Sache. Vielleicht sollte Google einfach mal ein paar Entwickler-Tage investieren, um einen reinen Audio-Dienst aufs Gleis zu bringen. Das dürfte weniger aufwändig sein, als die klassischen Entwicklungen, die für die Video-Schiene aufgewendet werden müssen.

Die Podcast-Puristen werden mir wahrscheinlich widersprechen, die mit einer professionellen Ausrüstung antreten und das Hosting selber organisieren. Aber ich zähle ja nicht zur Fraktion der Techno-Bastler und liebe einfache Lösungen. Für die morgige Premierensendung des Wortspiel-Radios muss ich mein Equipment nicht aufrüsten. Zwei Sennheiser-Mikros habe ich zur Verfügung, die an den Zoom-H4n-Rekorder angeschlossen werden und dann über meinen Laptop via USB-Verbindung laufen. Wie das klingt, habe ich gestern getestet.

Klingt das schlecht? Eure Meinung interessiert mich. Vor allem die Urteile der Podcast-Fraktion. Über Kopfhörer ist die Audio-Qualität ok.

Ich bin jedenfalls auf die morgige Sendung sehr gespannt. Es geht um die Frankfurter Buchmesse, um Lesefrüchte und vielleicht auch um die vergangene Island-Exkursion von Wolfgang Schiffer. In einem Beitrag auf seinem Wortspiele-Blog hat er ja schon etwas angedeutet:

„Da ich zurzeit an einer recht komplexen Arbeit für das Radio schreibe, bitte ich die Leserinnen und Leser meines Blogs (sowie auch einige Autorinnen und Autoren) um Nachsicht, dass mir Ablenkungsrisiko und Konzentrationsfähigkeit in den kommenden Tagen allenfalls noch einige wenige weitere Streifzüge durch die isländische Dichtkunst erlauben. Der Zuspruch, den diese meine Reise erfährt und für den ich mich auch an dieser Stelle herzlich bedanke, lässt mich aber hoffen, dass man mir diese vorübergehende ‚thematische Verengung‘ verzeiht.“

Da werde ich natürlich etwas genauer nachfragen. Das neue Radioprojekt von Wolfgang interessiert mich natürlich.

Während unserer Livesendung könnt Ihr natürlich Fragen via Twitter stellen. Hashtag #Wortspiel

Man hört sich!