Biokunststoffe und die babylonische Begriffsverwirrung – Kompostwerke zweifeln biologische Abbaubarkeit an

Biokunststoffe sind Auffassung vieler Experten nur in der Theorie ökologisch. Praktisch sind sie nicht einheitlich gekennzeichnet, leiden an einer babylonischen Begriffsverwirrung, können Schwermetalle enthalten und Kompostwerke in den Ruin treiben. Als 1988 die Recycling-Codes für die sechs meistgebrauchten Kunststoffe vergeben wurden, hatten Biokunststoffe im heutigen Sinne keine wirtschaftliche Bedeutung. Die Codes haben dreieckige Rahmen, die in der Mitte die zweistellige Materialnummer und manchmal darunter das Materialkürzel tragen. Die Initiative hatte der amerikanische Wirtschaftsverband der Kunststoffindustrie The Society of the Plastics Industry (SPI) http://www.plasticsindustry.org ergriffen.

Der Verband nummerierte die Polymere PET (Polyethylenterephthalat, Nr. 01), HDPE (Poyethylen hoher Dichte, Nr. 02), PVC (Polyvinylchlorid, Nr. 03), LDPE (Polyethylen niedriger Dichte, Nr. 04), Polypropylen (PP, Nr. 05) und Polystyrol (PS, Nr. 06). Die Nummer 07 mit dem Kürzel „O“ (für „other“) wurde für alle anderen Kunststoffe gewählt. Dazu gehören Acrylglas, Polycarbonat, Nylon, ABS, Fiberglas (GFK) und nunmehr auch Biokunststoffe wie Polymilchsäure (PLA, Polylactic Acid). Die amerikanischen Kodierungen wurden um weitere Materialien ergänzt und haben sich zu den „International Universal Recycling Codes“ entwickelt, die weltweit verbreitet sind. Die Vergabe der Nummern ging weiter. Ab Nummer 8 wurden Batterien, Papier und Pappen, Metalle, Holz, Textilien, Gläser und Verbundwerkstoffe gekennzeichnet. Sogar Bleiglas und Kork wurden berücksichtigt (Nr. 51 und Nr. 76). Biokunststoffe sind dagegen nicht integriert. Rein theoretisch könnten sie im Bereich 42 bis 49 Platz finden, der noch für organische Stoffe und Biomasse freigehalten wird.

Dem steht jedoch ein grundsätzliches Problem entgegen. Es gibt keine einheitliche Begriffsdefinition. Unter Biokunststoffen werden einerseits Kunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe verstanden, die biologisch abbaubar sein können, aber nicht müssen. Andererseits wird der Begriff für biologisch abbaubare Kunststoffe verwendet, die biologischen Ursprungs sein können oder auch auf Mineralölbasis hergestellt werden. Für eine Schnittmenge treffen beide Definitionen zu, etwa für Zelluloid und Kunststoffe auf Stärkebasis. Die Gruppe der biologisch abbaubaren Kunststoffe ist besonders unübersichtlich. Sie unterscheiden sich durch die Einflüsse, unter denen sie mehr oder weniger schnell zerfallen, im wesentlichen durch Sonnenlicht (UV-Licht), Sauerstoff, Wärme, Feuchtigkeit, mechanische Belastung und mikrobiologische Angriffe wie in der Kompostierung. Manche Biokunststoffe reagieren nur auf einen der Faktoren, andere auf mehrere, wiederum andere benötigen die Kombination von Faktoren, wie etwa beim oxo-thermischen Abbau (Sauerstoff und Luft).

Eine Untergruppe sind die Kunststoffe auf Mineralölbasis, zumeist Polyolefine wie Polyethylen und Polypropylen, in denen der Zerfall durch ein katalysierendes Additiv ausgelöst wird. Verbreitet hierfür sind Metallsalze. Der amerikanische Herstellerverband Oxo-Biodegradable Plastics Institute (OPI) http://www.oxobio.org teilt dazu mit, dass häufig Kobaltsalze verwendet werden. Kobalt werde jedoch in so geringer Konzentration eingesetzt, das unter Verwendung dieser Kunststoffe hergestellter Kompost weder für Pflanzen noch für Tiere giftig sei. Die Hersteller von Kunststoffen, denen ein solcher Spaltkatalysator beigemischt wird, grenzen sich gern von konkurrierenden Produkten mit anderen Zerfallsmechanismen ab. Der amerikanische Hersteller Bio-Tec Environmental, der das Additiv Bio-Batch für mikrobiellen Zerfall vertreibt, veröffentlicht ein Vergleichsliste verschiedener Biokunststoffe. Danach bleiben bei Verwendung von sauerstoffsensiblen Additiven nicht nur Kobalt, sondern unter Umständen auch Cadmium und andere toxische Reststoffe zurück. Auch bei lichtsensiblen Additiven würden Schwermetalle eingesetzt.

Die meist geheimen Rezepturen der Hersteller scheinen Betreibern von Kompostwerken suspekt zu sein. Selbst wenn die Mixturen ökologisch korrekt wären, bliebe ein noch größeres Defizit. Kompostwerkbetreiber zweifeln die biologische Abbaubarkeit nicht nur an, sie haben sie auch widerlegt. Das Amt für Abfallwirtschaft und Stadtreinigung der Stadt Heidelberg berichtet über eigene Kompostierungsversuche von Verpackungen aus biologisch abbaubaren Werkstoffen, in denen Biofolien auch nach etwa sechs Monaten noch nicht kompostiert waren. Der Rotteprozess im Heidelberger Kompostwerk sei aber verfahrenstechnisch auf zehn Wochen beschränkt. Daher würden die Biotüten, die für die Sammlung von Bioabfall verwendet werden, mit den anderen Störstoffen maschinell aussortiert und als Restmüll entsorgt http://stadtleben.de/heidelberg/aktuelles/2008/08/04/muelltueten-aus-biofolie-ungeeignet. 

Auch der Abfallwirtschaftsbetrieb Esslingen betont, dass biologisch abbaubare Kunststofftüten, zum Beispiel aus Maisstärke, nicht in die Biotonne dürfen. Die kurze Rottezeit im Kompostwerk von sechs bis acht Wochen könne zum Problem werden. Moderne Kompostwerke arbeiten also schneller als der Biokunststoff zerfallen kann. Die Betreiber sind einem großen Risiko ausgesetzt, wenn Biokunststoffe in die Anlagen kommen. Es könnte ihnen verboten werden, den Kompost zu vertreiben. Laut der Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. http://www.kompost.de in Köln dürfen Komposte mit mehr als 0,5 Prozent Fremdstoffen nicht abgegeben werden. Abgesehen von der Verwechslungsgefahr von normalen und Biokunstoffen können letztere aktiv dazu beitragen, dass der Grenzwert für Fremdstoffe überschritten wird. Wenn Biokunststoffe in der Verrottung trotz gegenteiliger Versuchsergebnisse schneller zerfallen, kann eine erhebliche Menge von kleinen Bruchstücken und Folienfetzen entstehen, die sich in der Fremd- und Störstoffabsiebung nicht beseitigen lassen. Auf den Anlagenbetreiber kommt dann der größte anzunehmende Unfall zu: Der Kompost muss kostenpflichtig als Restmüll beseitigt werden. Eventuell müssen auch ausgelieferte Fehlchargen zurückgenommen werden.

Der Europäische Dachverband der Kunststoffverarbeiter EuPC http://www.plasticsconverters.eu in Brüssel fordert separate Abfallströme, damit für die Kunststoffverwerter keine zusätzlichen Kosten für die Verwertung entstehen. „Es wird ebenfalls befürchtet, dass Biokunststoffe bestehende Recyclingprojekte gefährden können“, moniert EuPC. Der Verband wendet sich außerdem gegen eine Förderung von Biokunststoffen durch gesetzgeberische Maßnahmen, wie sie in Deutschland über die Verpackungsverordnung getroffen wurden. „Es gibt überhaupt keinen Grund, Bioplastik von den Grüne Punkt-Gebühren zu befreien. Die Dummheit geht ja soweit, das Zeug einfach in den Ofen zu stecken, weil man kein ordentliches Abfallkonzept auf die Beine stellen kann. So etwas darf nicht staatlich alimentiert werden“, fordert ein Vertreter der Entsorgungswirtschaft im Gespräch mit NeueNachricht. Siehe auch: http://www.bvse.de/?bvseID=6d81ff4efedb161cdb1402dd34846c53&cid=2&pid=2182; http://www.umweltlexikon-online.de/fp/archiv/RUBsonstiges/BiologischeAbbaubarkeit.php; http://www.verpackungsbranche.de/Nachrichten/na_235.html; http://www.nachhaltigkeitsreport.de/fp/archiv/AfA_recycling/print/13289.php; http://www.pressbot.net/article_l,1,i,50154.html; http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/02/22/dokument.html?titel=Bluff+mit+Becher&id=54002220&top=SPIEGEL&suchbegriff=bioplastik&quellen=&vl=0

Dosenpfand: Flaschen landen im Müll – Lukratives Geschäft für Entsorger und Discounter – Die 70:30-Regel der PET-Exporteure – Sortierversuch in Erding bei München

Logistiker des Einzelhandels und auch Kenner der Entsorgungswirtschaft halten die von der Politik kolportierte Zahl für absurd, dass über 90 Prozent der Einwegflaschen von den Verbrauchern wieder zurück gegeben werden. Die Schwundquote liege weit über 20 Prozent. Das könne man über Analysen des Mülls sehr schnell feststellen: „Es werden schon Sortierer in der Müllwirtschaft beaufsichtigt, damit sie keine Pfandflaschen mit nach Hause nehmen, sondern auf den Bändern liegen lassen. Da kann man sich vorstellen, wie hoch der Anteil an bepfandeten PET-Einwegflaschen im Abfall ist. Der Gesetzgeber muss also schnell handeln und die novellierte Verpackungsverordnung nachjustieren, sonst kann der Mehrwegaderlass nicht aufgehalten werden“, sagt Sekundärrohstoff-Spezialist Sascha Schuh, Geschäftsführer der Bonner Firma Ascon http://www.ascon-net.de, gegenüber NeueNachricht.
 
Deutsche PET-Aufbereiter würden mittlerweile so genannte PET-Mischfraktionen aus den Abfallsammlungen der Dualen Systemen aufkaufen, um in ihren Anlagen die Flaschen heraus zu sortieren und lukrativ zu vermarkten: „In China hat die deutsche PET-Mischfraktion aus Dualen Systemen einen festen Namen und wird als 70:30 bezeichnet. Mindestens 30 Prozent der Lieferung bestehen aus PET-Einwegflaschen“, so die Erfahrung von Schuh, der während einer internationalen Konferenz am 25. und 26. September in Erding bei München (Schloss Aufhausen) über einen Sortierversuch demonstrieren will, wie viele Wertstoffe sich im normalen Müll befinden.
 
Getränkehersteller bestätigen den Befund des Bonner Abfallexperten: „Der Kunde denkt, er hat mit dem Pfand von 25 Cent die Entsorgung gleich mit bezahlt. Dabei sind diese 25 Cent eigentlich nur eine Art Ausleihgebüh“, so Jürgen Kunzmann gegenüber der Augsburger Allgemeinen. Für viele Kunden sei es billiger, die 25 Cent zu bezahlen und die Flaschen nicht wieder in den ursprünglichen Kreislauf zurückzuführen als Flaschen im Mehrwegsystem zu kaufen, für die sie das traditionelle Pfand wieder zurückbekämen. Discounter, die unter anderem Mineralwasser nur in Einwegflaschen aus Plastik verkaufen, spekulieren auf dieses Verhalten der Kunden. „Die Discounterpreise sind kalkulatorisch nicht nachvollziehbar. Die Märkte subventionieren mit dem teils nicht zurückerstatteten Pfand ihre niedrigen Preise quer“, weiß Kunzmann.
 
Die handwerklichen Fehler der Verpackungsverordnung, waren auch nach Auffassung der Mineralbrunnen-Branche das Einfallstor für den Siegeszug der Discounter beim Absatz von Einweggetränken. Davon habe sich der Mehrwegmarkt nicht mehr erholt. Die mangelhaft konzipierte Rechtslage führe den Discountern „Windfall Profits“ zu. Aus den größten Dosenpfand-Boykotteuren hätten sich die größten Dosenpfand-Profiteure entwickelt. „Durch die eingesparten Gebühren für den Grünen Punkt, durch Pfandschlupf und Recyclingeinnahmen für das sortenreine Verpackungsmaterial erzielen die Discounter jährliche Mehrerlöse von über 400 Millionen Euro. Mit diesem Geld können sie über Quersubventionen den Preis für Mineralwasser in Einwegflaschen künstlich niedrig halten“, bestätigt Andreas Rottke, Vorstandschef der Genossenschaft Deutscher Brunnen http://www.gdb.de. Umgerechnet auf den Literpreis koste Mineralwasser beim Discounter 13 Cent und im normalen Einzel- oder Getränkehandel 50 Cent. Die rund 220 mittelständisch geprägten Mineralbrunnenbetriebe seien unter diesen Bedingungen nicht mehr konkurrenzfähig.

NeueNachricht/medienbüro.sohn/Streit um klebrige Brötchentüten – Abfallexperte Bilitewski: Verpackungen verschmutzen die Papiertonnen und erhöhen die kommunalen Entsorgungskosten

Pünktlich zu den Bundesratsberatungen über die Novelle der Verpackungsverordnung meldet sich der Kölner Grüne Punkt-Müllkonzern Duales System Deutschland (DSD) mit einer Pressemitteilung zu Wort und verkündet, dass Verkaufsverpackungen aus Papier, Pappe und Karton (PPK) eine unverzichtbare Rohstoffquelle für die deutsche Papierindustrie darstellen würden. Allein 2006 sollen fast eine Million Tonnen Verpackungen aus Papier und Karton recycelt worden sein. Altpapier sei nach Angaben des DSD der weitaus wichtigste Rohstoff in der Papierherstellung. Getrennt gesammelte Verpackungen aus Papier seien damit eine bedeutende Rohstoffquelle: „Für den Restmüll ist die Brötchentüte viel zu schade“, meint Stefan Schreiter, Vorsitzender der DSD-Geschäftsführung. Genau das bestreitet das Lebensmittelhandwerk. „Es ist unverhältnismäßig, die Betriebe in dieses System zu zwingen. Diese Verpackungen enthalten meist Lebensmittelreste, deshalb werden sie vom Kunden zuhause im Restmüll entsorgt. Warum soll der Verbraucher für die Entsorgung nun doppelt zahlen“, fragt sich Edgar Hummelsheim, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern in Mecklenburg-Vorpommern. Abfallexperten zweifeln generell am Sinn der Mischerfassung. PPK-Verpackungen werden in der Regel gemeinsam mit Druckerzeugnissen über die kommunale Altpapiersammlung erfasst.  

„Die Kosten der so organisierten Altpapierentsorgung der Haushalte werden dabei nach einer 25/75-Prozent-Regel aufgeteilt: Für 25 Prozent der PPK-Erfassungsmenge des Grünen Punktes erhält der Entsorger als Vertragspartner des DSD ein Leistungsentgelt, das sich im wesentlichen nach gesammelter Menge pro Einwohner und Jahr ausrichtet. Für die übrigen 75 Prozent des Altpapiers, in der Regel Zeitungen und Zeitschriften, wird der Entsorger durch die Kommunen bezahlt“, weiß Professor Bernd Bilitewski von der TU-Dresden. Das Ganze sei nach seiner Auffassung ein ziemlich unsinniges Unterfangen: „Die Kosten der Erfassung und Sortierung von PPK-Verpackungen des Grünen Punktes liegen dreimal so hoch wie die vergleichbaren Kosten von graphischem Altpaier. Dennoch bezahlt der Bürger in der Regel über die Abfallgebühr 75 Prozent der Kosten für die gesamte Altpapiererfassung. Damit werden die Verpackungen des DSD durch die Gebührenhaushalte subventioniert“, kritisiert Bilitewski. Durch die Verschmutzung bei der Sammlung von DSD-Verpackungen und durch das größere Volumen erhöhten sich unverhältnismäßig die Kosten der Altpapiersammlung. Eine reine Erfassung und Sortierung von Zeitungen und Zeitschriften würde die Kommunen wesentlich weniger belasten.
„Die Kosten der so organisierten Altpapierentsorgung der Haushalte werden dabei nach einer 25/75-Prozent-Regel aufgeteilt: Für 25 Prozent der PPK-Erfassungsmenge des Grünen Punktes erhält der Entsorger als Vertragspartner des DSD ein Leistungsentgelt, das sich im wesentlichen nach gesammelter Menge pro Einwohner und Jahr ausrichtet. Für die übrigen 75 Prozent des Altpapiers, in der Regel Zeitungen und Zeitschriften, wird der Entsorger durch die Kommunen bezahlt“, weiß Professor Bernd Bilitewski von der TU-Dresden. Das Ganze sei nach seiner Auffassung ein ziemlich unsinniges Unterfangen: „Die Kosten der Erfassung und Sortierung von PPK-Verpackungen des Grünen Punktes liegen dreimal so hoch wie die vergleichbaren Kosten von graphischem Altpaier. Dennoch bezahlt der Bürger in der Regel über die Abfallgebühr 75 Prozent der Kosten für die gesamte Altpapiererfassung. Damit werden die Verpackungen des DSD durch die Gebührenhaushalte subventioniert“, kritisiert Bilitewski. Durch die Verschmutzung bei der Sammlung von DSD-Verpackungen und durch das größere Volumen erhöhten sich unverhältnismäßig die Kosten der Altpapiersammlung. Eine reine Erfassung und Sortierung von Zeitungen und Zeitschriften würde die Kommunen wesentlich weniger belasten.