Google greift die Konzerne der Telekommunikation an: Der Suchmaschinen-Gigant ist schon längst ein Netzbetreiber!

Wenn Unternehmen der Telekommunikation nicht dazu in der Lage sind, aus der Bereitstellung von Breitbanddiensten am Cash Flow der aufkommenden App-Economy zu partizipieren, die Schere zwischen den Netzbetreibern und Firmen wie Apple immer weiter auseinander geht, dann könnten Übernahmeschlachten auch mal umgekehrt laufen. Die Schwergewichte der Web-Welt wie Google kaufen sich einfach die Netzbetreiber. Die Frage stellte ich Dr. Friedrich von Booz & Co. beim traditionellen Pressefrühstück seines Beratungshauses im Vorfeld der Mobile World in Barcelona. Er selbst habe sich diese Frage auch schon gestellt, glaubt aber nicht, dass dieses Szenario in den nächsten zwei bis drei Jahren eintritt. Siehe auch: App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern.

Hier das komplette Pressegespräch in einer Audioaufzeichnung. Meine Frage kommt ziemlich am Schluss bei 1 Stunde und 24 Minuten. Also den Balken vorziehen.

Vor zwei Tage berichtete die Financial Times Deutschland, dass Google den Aufbau eigener Breitbandnetze testet. Bingo! Es geht um Glasfasernetze, die mindestens hundertmal schneller sein sollen als die bislang in den USA üblichen.

Der Konzern wolle jedoch kein vollwertiger Anbieter von breitbandigen Internetanschlüssen werden, betonte Produktmanagerin Minnie Ingersoll. „Wir planen nicht den Bau eines landesweiten Netzes“, sagte sie nach dem Bericht der FTD. „Das Ziel des Projekts ist es, zu experimentieren und zu lernen.“ Mit den begrenzten Versuchen wolle Google herausfinden, was Entwickler und Nutzer mit ultrahohen Geschwindigkeiten machen können, „beispielsweise breitbandige Killer-Apps und -Dienste entwickeln, oder andere Dinge, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können“, so Ingersoll weiter. Google wolle zudem neue Verfahren für den Bau von Glasfasernetzen testen. An schnelleren Glasfasernetzen interessierte Gemeinden und Bürger sollen sich bei Google melden, damit der Konzern entscheiden kann, wo er die Netze bauen werde. So ganz beruhigt sollten die Telcos sich also nicht zurücklehnen. Aus dem Test kann schnell ein Flächenbrand werden, denn Google erhöht dadurch die Autarkie.

„Die Telcos müssen lernen, dass Google schon längst ein Netzbetreiber ist. Der Suchmaschinen-Gigant ist schon jetzt ein Telco-Unternehmen. Die klassischen Firmen der Telekommunikation neigen dazu, das ganze Thema unter dem Stichwort ‚Content‘ zu betrachten. Das interessiert sie nicht. Was sie nicht wahrgenommen haben, dass der Content-Provider Google zu einem eigenen Netzbetreiber entwickelt hat und den TK-Konzernen kräftig Konkurrenz machen wird“, sagte mir Michael-Maria Bommer, Generalmanager von Nuance, in einem Interview auf der Call Center World in Berlin. Das Gespräch erscheint demnächst. Die Telcos brauchen nach seiner Auffassung neue Geschäftsmodelle, um nicht völlig abzustürzen. Bommer empfiehlt persönliche Services auf Grundlage der so genannten „Customer Intelligence“, die die Telcos immer noch besitzen im Gegensatz zu Google. Der Vorsprung schwindet allerdings, weil auch die Web-Unternehmen immer mehr Wissen über ihre Kunden generieren. Das sieht man ja an den Plänen von Facebook als Internet im Internet mit der Relevanz von persönlichen Empfehlungen von Bekannten und Freunden für den Social Commerce.

SMS-Diktiersysteme, Musik-Suche, Fotos hochladen und weitere Services wären nach Meinung von Bommer geeignet, um das Applikationsgeschäft der Telcos anzutreiben. Der Touchpoint für diese neuen Dienste ist das Smartphone, da entscheidet sich die Zukunft der TK-Konzerne. Das Interview mit Bommer erscheint nächste Woche auf www.ne-na.de.

App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern

Die Handybranche leidet immer noch an den posttraumatischen Folgen des iPhone-Schocks. Nun droht auch den Netzbetreibern zumindest Schüttelfrost durch die von Apple-Chef Steve Jobs entfesselte App-Economy. „Der Erfolg des iPhones von Apple und der damit verbundenen Bezahlinhalte zeigen eindrucksvoll das ökonomische Potenzial, aber auch die Zerstörungskraft dieser Entwicklung“, sagte Roman Friedrich, Telekommunikationsexperte des Beratungshauses Booz & Company, in Düsseldorf. Traditionell skizziert sein Unternehmen die wichtigsten Trends des TK-Marktes im Vorfeld des Mobile World-Kongresses in Barcelona. „Ich habe als Berater der TK-Branche noch nie zuvor dramatischere Veränderungen erlebt. Was sich in den vergangenen 13 Jahren abgespielt hat war relativ stabil und homogen. Was jetzt gerade passiert, ist eine komplette Neuordnung der TK-Welt und der Wertschöpfungsketten“, so Friedrich. Apple habe mit dem iPhone in den vergangenen zwei bis drei Jahren einen völlig neuen Markt kreiert. Allein in den USA sei dadurch der Datenverkehr um den Faktor zehn angestiegen. „Mit dem iPhone und möglicherweise mit dem iPad hat Apple eine umsatzträchtige Schnittstelle zum Kunden und verdient sowohl über die Hardware, als auch über Inhalte“, erklärte Friedrich. Entsprechend würden die Umsatzanteile der Netzbetreiber schrumpfen, da sie mit den klassischen Sprach- und Datendiensten nicht mehr punkten können.

Hier das komplette Booz-Pressegespräch im O-Ton mit den Aussagen von Dr. Friedrich. Dauert über eine Stunde. Etwas für die Branchenkenner…..;-)

Hier kommt Ihr zur kompletten NeueNachricht-Meldung.

Geklaute Mobilfunkwelten, LTE-Feldversuche in Nürnberg und kognitive Funktechnik

dsc_0008Technikjournalisten zufolge haben der Mobile World Congress in Barcelona und die Cebit in Hannover keine Impulse für die Mobilfunkwelt gebracht. Am Ende bleibe nur Enttäuschung und Ratlosigkeit: Keine spektakulären Ideen, wenig Neuvorstellungen und Inspirationen. „Was in diesem Jahr geboten wurde, war vor allem peinlich. Einer guckt vom anderen ab. Microsoft kommt mit seinem neuen Betriebssystem 7 für Taschencomputer nicht in die Puschen. Was macht der Konzern? Er präsentiert ein Interims-Release, Windows Mobile 6.5, und die wichtigste Neuerung ist die Möglichkeit, die Geräte nun besser mit dem Finger zu steuern. Abgeschaut bei HTC und seinem Touch Flo-System und natürlich bei Apples iPhone“, schreibt FAZ-Redakteur Michael Spehr. Auch der vom Handy aus erreichbare Marktplatz für Software stamme ursprünglich von Apple. Microsoft mit dem Windows Marketplace und Nokia mit dem Ovi Store würden nur nachahmen. „Wenn Apple neuerdings den Handy-Speicher mit seinem ‚Mobile Me’ ins Internet hinein erweitert, auf dass man mit iPhone und PC auf ein und denselben Datenbestand zugreife, heißt das Plagiat von Microsoft ‚My Phone’ und bei Nokia abermals ‚Ovi’. Die Zielrichtung der großen drei ist damit klar: Wer sich für eines dieser Konvergenzprodukte entscheidet, bindet sich fest an den betreffenden Anbieter, denn natürlich ist nichts untereinander kompatibel“, so Spehr. Insgesamt sei der Auftakt des Mobilfunkjahres 2009 ein Debakel.

„Diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Man sollte sein Augenmerk auch nicht nur auf neue Handys oder Smartphones setzen oder welche Apple Store-Kopien sich durchsetzen werden. Vielmehr zeigte der Kongress in Barcelona dem geneigten Fachbesucher zum Beispiel eines: Die neue Technologie Long Term Evolution (LTE) oder 4G, also die vierte Mobilfunk-Generation kommt ins Laufen. Das konnte man zum Beispiel an der Ankündigung von Verizon ablesen, dem größten US-Mobilfunkanbieter, sein Netzwerk in den nächsten Jahren auf LTE umzustellen. Dabei haben Alcatel-Lucent und Ericsson den Zuschlag bekommen. Wie ich finde, eine gute Nachricht für die europäische Telekom-Branche. Nicht zu übersehen war auch die fulminante Präsenz von Ausrüstern aus Asien, allen voran China mit Huawei und ZTE, die eine zunehmende Konkurrenz für die europäischen und amerikanischen Platzhirsche darstellen. Die haben den Ernst der Lage jedoch erkannt“, erläutert Mobilfunk-Experte Dirk Zetzsche von Nash Technologies in Nürnberg. Er geht davon aus, dass vor allen Dingen die Länder der westlichen Hemisphäre auf die LTE-Technologie setzen werden. Sein Unternehmen betreibe in Nürnberg bereits ein eigenes Netz für Feldtests der Netzbetreiber.

So habe der Nokio-Chef Olli Pekka Kallasvuo eine Partnerschaft mit dem Erzrivalen Qualcomm angekündigt, um neue Handys zu bauen, basierend auf den Chipsätzen von Qaulcomm und Nokias S60 Plattform. „Alles in allem kein schlechter Auftakt in das Mobilfunkjahr 2009, auch wenn das kaffeekochende Smartphone und der einzigartige Superstore nicht gezeigt wurden“, meint Zetzsche im Gespräch mit NeueNachricht.

Allerdings klaffen zwischen den Funktionen der neuen Endgeräte und den angebotenen Diensten der Netzbetreiber noch Lücken, betont Aastra-Deutschlandchef Andrea Latzel. „Ob die eingebaute Kamera sechs, acht oder zwölf Megapixel Auflösung hat, spielt im Grunde keine Rolle, genauso wenig, ob das Betriebsystem des Smartphones Mac OS X, Windows Mobile, Symbian oder Android heißt. Insofern variieren die gezeigten Geräte den zur Verfügung stehenden Pool an Leistungsmerkmalen in beliebiger Kombination. Was aber auch nicht wundert, da die den technischen Plattformen der Handys zugrunde liegenden Prozessoren und Chips ziemlich gleich sind“, sagt Latzel. Die Rückkopplung der Leistungsmerkmale auf die angebotenen Dienste der Netzbetreiber entscheidet, ob Geräte in die Subventionierung über Mobilfunkverträge gehen oder nicht. „Und damit entscheidet sich, ob ein Gerät ein Massenmodell wird oder ein Nischenmodell in geringer Stückzahl bleibt. Die Situation um mobiles Fernsehen in Deutschland und das Mobile 3.0 Konsortium hat deutlich gezeigt, dass Technologie und Inhalte keine kommerzielle Chance haben, wenn die Netzbetreiber nicht in die Geschäftsmodelle involviert sind. Mit der Broadcast-Übertragung über DVB-H und der Lizenz im Besitz eines Konsortiums ohne Teilnahme der Mobilfunknetzbetreiber war im Grunde das Scheitern dieses Dienstes vorprogrammiert“, kritisiert Latzel.

Was derzeit weiter fehle, seien interessante und gleichzeitig für den Betreiber profitable Anwendungen. Apple habe das mit dem iPhone und iTunes exemplarisch vorexerziert, und damit auch die Netzbetreiber eingefangen. Wobei die Mobilfunknetzbetreiber nur als Vertriebsvehikel und Bitpipe für Apple dienen würden. Richtig Spaß wird der Mobilfunk erst machen, wenn man sich als Anwender über die kryptischen Abkürzungen wie GMS, GPRS, HSDPA, EDGE, Bluetooth, UMTS, WLAN oder LTE keine Gedanken mehr machen muss. Abhilfe könnte der so genannte „kognitive Funk“ schaffen: „Das Telefon der Zukunft sucht sich die schnellste oder billigste Verbindung automatisch aus – der Nutzer muss sich um lästige Details nicht mehr kümmern. Kommt man unterwegs zum Beispiel an einem offenen WLAN vorbei, schaltet das Handy nahtlos von der teuren UMTS-Verbindung auf WLAN um – und verbindet sich beim Verlassen des Netzes ohne Unterbrechung wieder mit UMTS“, berichtet die Zeitschrift „Technology Review“.

Bereits in drei Jahren könnte es nach Prognosen von Intel-Forscher Krishnamurthy Soumyanath erste Chips geben, in denen Ansätze von kognitiver Funktechnik enthalten sind. Das größte Problem sei nicht technischer, sondern wirtschaftlicher Natur. Man brauche völlig neue Vertragsmodelle, Bezahlsysteme und gegenseitige Vereinbarungen der Netzbetreiber.

Barcelona und der Jahrmarkt der Zukunftssehnsüchte: Emotionen schlagen Technikschnickschnack

Spätestens seit dem Eröffnungstag des Mobile World Kongresses http://www.mobileworldcongress.com in Barcelona hat der Mobilfunk-Markt einen neuen Hype: „Das Produkt der Stunde ist der sogenannte Application Store – eine Art digitaler Gemischtwarenladen, in dem Nutzer ihr mobiles Endgerät mit individuellen Diensten, Spielen und Programmen bestücken können“, berichtet Spiegel Online .

Wieder einmal folgen die Branchengrößen Palm, Research in Motion mit dem Blackberry, Nokia und auch Microsoft dem Trendsetter Apple, der mit dem App Store für das iPhone Maßstäbe gesetzt hat. „Das Konzept des App Store, das nun immer mehr Konkurrenten kopieren, ist so einfach wie bestechend. Apples Handy-Software folgt dem sogenannten Open-Source-Prinzip: Jeder kann eigene Anwendungen programmieren. Nach einer Qualitätsprüfung durch das Unternehmen wird die Software dann im Store veröffentlicht und ein Preis definiert. Der Programmierer erhält bei jedem Download 70 Prozent der Erlöse, Apple den Rest“, so Spiegel online.

Programme gibt es für nahezu alle Bedürfnisse und Lebenslagen. Computerspiele, mobile Fahrplanauskünfte, sprachgesteuerte Suchfunktionen, Übersetzungstools und völlig sinnfreie Anwendungen wie das virtuelle Bierglas. „Plattform-Anbieter haben nur eine Chance, wenn die Shops einfach zu erreichen und zu bedienen sind, Idealerweise eingebunden in das Bedienkonzept des jeweiligen Mobiltelefons. Plattformen, die eine Vielzahl von kostenlosen und cleveren Programmen anbieten, werden Erfolg haben. Dabei muss externen Entwicklern das Einstellen ihrer Programme einfach und vom Businessmodell attraktiv gemacht werden. Ebenso wichtig ist eine smarte Bezahlmöglichkeit, bei der man die Konto- und Kreditkartendaten nur einmalig eingeben muss. Auch hier gilt: Der App Store ist das Maß der Dinge, an dem sich Marktneulinge messen lassen müssen“, sagt Dirk Zetzsche von Nash Technologies.

Gute Zukunftschancen prognostiziert der Nürnberger Experte für kabellose Kommunikation für unabhängige Service Provider, die praktisch als „neutrale“ Instanz die Netze warten, Fehler unvoreingenommen finden und beseitigen können. „Durch diese Symbiose von Mobilfunk-Anbieter, Netz-Ausrüster und Service Provider können neue Netz kosteneffektivaufgebaut und betrieben werden“, sagt Zetzsche.

Analysten und Branchenkenner sind davon überzeugt, dass neue Dienste in Kombination mit Smartphones der Hebel für mehr Wachstum sind. Am iPhone-Standard kommt niemand mehr vorbei. Das ist auf dem Mobile World Kongress in Barcelona als Jahrmarkt der Zukunftssehnsüchte spürbar. Nach Ansicht des Publizisten Hilmar Schmundt reicht es nicht aus, ein Alleskönnertelefon mit neuen Diensten auf den Markt zu bringen, wie es Nokia versucht. Das Morgen des finnischen Handyriesen sei von gestern, „es erinnert an die ungebrochene Zukunftseuphorie der Weltausstellungen, die Sommernachtsträume des 19. Jahrhunderts. Nokias Utopie erzählt von Vorsprung durch Technik. Apple erzählt von Vorsprung durch Erzähltechnik“, so Schmundt in seinem Beitrag für das Merkur Sonderheft „Neugier“.

Das iPhone erinnere durch seine Beschränkungen immer wieder an die Kehrseite des Forschritts: die Ablenkung, das Zuviel, die Überforderung. Das iPhone ist gleichzeitig affirmativ und oppositionell. Es verspricht gleichzeitig Hedonismus und Protest. Das Gerät sei ein Handschmeichler mit einer intuitiven Menüführung, dass man meinen könne, das iPhone erahne die innersten Wünsche. Viele Hersteller und Mobilunkprovider hätten das noch nicht begriffen. Multitouch, Gebimmel und Getudel alleine reichten nicht aus, um neue Märkte zu erobern. „Mobiltelefone sind doch langweilig“, konstatiert Alex Vieux, Herausgeber der Zeitschrift Red Herring http://www.redherring.com. „Was wirklich zählt, sind Emotionen“. Das mobile Netz werde bald Teil der Identität und genau dafür stehe das iPhone, das Ichtelefon.

Mehr Frust als Lust: Technikstress mit Handys vergrätzt Anwender – Eleganz, Perfektion und Benutzerfreundlichkeit als Konjunkturprogramm

Kein elektronisches Gerät hat in den vergangenen zehn Jahren einen derartigen Siegeszug hinter sich wie das Mobiltelefon, bemerkt Ben Schwan in seinem Technology Review-Blog. Die tragbaren Geräte, vollgepackt mit Elektronik, seien mittlerweile Hochleistungsrechner im Miniformat: „Eingebaute Kameras machen Fotos oder Videos, das Mikrofon nimmt Sprachnachrichten an, mit dem Browser geht’s ins Web, mit der E-Mail-Software bleibt man ständig mit dem Büro in Kontakt“, schreibt Schwan. Allerdings wird die schöne und neue Funktionswelt von den meisten Besitzern ignoriert. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Mformation unter Mobilfunknutzern in den USA und Großbritannien kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Die rund 4000 repräsentativ ausgewählten Umfrageteilnehmer sind unzufrieden mit der Bedienbarkeit von Handys. Deshalb dominiere immer noch die klassische Sprachtelefonie – Internetanwendungen erscheinen als zu komplex. 95 Prozent der Befragten würden Datendienste ja gerne nutzen, gaben allerdings zu Protokoll, dass die Installation zu schwer sei. Als größtes Problem wird die Einrichtung eines Neugeräts gewertet. „Was eigentlich Freude bringen sollte, nämlich das Auspacken einer nagelneuen Gadget-Erwerbung, entwickelt sich erstaunlich häufig zum Albtraum“, kommentiert Schwan. So sind 85 Prozent der Befragten frustriert über die Hürden bei der Inbetriebnahme des Mobiltelefons. Fast zwei Drittel sehen es als Herausforderung wie beim Wechsel der Hausbank. Was die Entwicklerszene selbstkritisch aufnehmen sollte ist folgender Satz aus der Untersuchung: „Wenn eine Anwendung nicht beim ersten oder zweiten Mal funktioniert, wird sie nicht verwendet.“

Die vielen Tücken bei der Neueinrichtung von Handys würden inzwischen dazu führen, dass die Industrie mit speziellen Dienstleistungsangeboten eingreift. „Einige Mobilfunkfachhändler bieten für frustrierte Kunden Wechselservices an, bei denen man sein altes Handy in den Laden mitbringt, wo ein Mitarbeiter dann die Daten mit Hilfe eines Speicherauslesers auf das noch leere Neugerät überträgt“, so Schwan. Allerdings nicht kostenlos: So kassiere etwa E-Plus sechs Euro. Dafür werde allerdings nur das Telefonbuch übertragen, zuvor gespeicherte SMS, E-Mails, Bilder oder Videos lassen sich nicht mitnehmen, da letzteres selbst für Fachleute wohl zu kompliziert sei.

Die Mobilfunkhersteller müssten derweil aufpassen, dass sie durch schlecht bedienbare Handys keine Kunden verlieren. Das heikelste Stück Technik ist auch nach Erfahrung von Branchenexperten immer noch das User-Interface, die Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern, ob der Benutzer selbst herausfindet, wie es geht: „Und das ohne stundenlanger Lektüre der Bedienungsanleitung. Hier machen die Hersteller unglaublich viele Fehler und überfordern die Konsumenten. Ich möchte ohne große Umwege Dinge am Gerät direkt ausprobieren. Wenn ich dann sofort auf Hindernisse stoße, verliere ich schnell die Lust, mit Anwendungen zu experimentieren. Das iPhone hat einen durchschlagenden Erfolg, weil es sofort nach wenigen Minuten intuitiv beherrschbar ist. Und es ist peinlich, dass die restlichen Handyhersteller die Apple-Lektion immer noch nicht gelernt haben“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Beratungshauses Harvey Nash, im Vorfeld des Mobile World-Kongresses, der vom 16. bis 19. Februar in Barcelona stattfindet. Der Computerunternehmer Steve Jobs demonstriere eindrucksvoll, wie man Eleganz, Perfektion und Benutzerfreundlichkeit vereinen könne. „Dieser Dreiklang des Apple-Chefs ist auch eine robuste Philosophie, um die Konsumentennachfrage anzukurbeln“, sagt Nadolski.

Der Berliner Medienprofessor Norbert Bolz wirbt um Verständnis angesichts mancher Auswüchse an Zusatzfunktionen und Untermenüs. Gerade das Einfache sei inzwischen so schwer geworden: „Die Verführung durch die unendlich vielen technischen Möglichkeiten ist heute so groß wie nie zuvor. Deshalb gehört schon geradezu Askese dazu, auf irgendetwas verzichten zu können, sowohl als User zu verzichten auf das, was technisch möglich wäre mit einem bestimmten Gerät, aber vor allen Dingen natürlich auch als Ingenieur darauf zu verzichten, alles, was technisch möglich wäre, in ein bestimmtes Gerät hineinzubauen.“ Es sei geradezu ein Dilemma: Apparate, die weniger können als Konkurrenzprodukte, gelten bisweilen als technisch rückständig; Geräte, die zu viel können, sind im schlimmsten Fall unbrauchbar. Bolz hält Menüs für sinnvoll, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten kann. So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche muss klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht. „Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist, glaube ich, unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen. Und meines Erachtens ist Lust der Königsweg zur Nutzung der modernen Technologien, was man übrigens an unseren eigenen Kindern am besten studieren kann“, meint Bolz. Geniale Produktkonzepte wie das iPhone oder der iPod sollten nach Meinung von Dieter Conzelmann, verantwortlich für den Industriebereich beim Technologiespezialisten Bizerba, auch von der Investitionsgüterindustrie übernommen werden. „Wer heute einen iPod nutzt, geht automatisch davon aus, ähnliche Bedienelemente auch auf anderen Geräten zu finden“.

Vor rund drei Jahren stellte sein Unternehmen deshalb eine äußerst effektive Regel auf: Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden, damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät umgeht – und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Das sei sehr heilsam gewesen, sagt Conzelmann, der selbst jahrelang in der Entwicklung tätig war. Auf diese Weise kam man auch darauf, wie wichtig gerade in der Lebensmittelindustrie der Einsatz von Symbolen ist. Denn auch Aushilfskräfte und angelernte Mitarbeiter müssten die Maschinen sicher steuern können. Wörter wurden daher auf den Bedienoberflächen, wo es ging, durch einprägsame Piktogramme ersetzt, etwa bei Preisauszeichnungssystemen. Die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design sind nach Erfahrungen von Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge, immer dieselben: „Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden fühlen“, so das Credo von Pape.