Antwortmaschine als Google-Killer? Aufregung in der Blogosphäre

Eine neue Suchmaschine versetzt angeblich die Blogosphäre in Aufregung. Das berichtet die Financial Times Deutschland. Der Wissenschaftler Stephen Wolfram soll einen „Google-Killer“ entwickelt haben. „Doch den glaubten vor ihm schon viele erfunden zu haben“, so die FTD.

„Da schreibt Nova Spivack, Suchmaschinenexperte aus San Francisco, einen begeisterten Blogeintrag über Professor Wolframs neueste Entwicklung. Über eine Suchmaschine, die angeblich spezifische, sachbezogene Fragen viel präziser beantworten kann als jede andere Suchmaschine“, berichtet die FTD.

Sein Dienst könnte nach Meinung von Suchmaschinenexperten nicht nur sehr nützlich, sondern im Internet auch einflussreich werden. „Aber ein Google ist Wolfram Alpha deswegen noch nicht, auch wenn Spivack seinen Blogeintrag vollmundig mit ‚Wolfram Alpha kommt – und es könnte so wichtig wie Google sein‘ überschreibt. Was genau kommt, wird die Welt erst im Mai wissen, wenn die Website an den Start geht“, führt die FTD weiter aus.

Das Rätsel ist auch schnell entlüftet, denn das Ganze soll als Antwortmaschine funktionieren – läuft also auf den Pfaden von semantischen Technologien. Sie wird, anders als Google, auf eine Suchanfrage nicht einfach Links auflisten, die eine Antwort auf die Frage des Nutzers enthalten könnten. Stattdessen analysiert die Technologie Fragen, auf die es sachbezogene Antworten gibt – und liefert diese. Sie soll eine große Auswahl in „natürlicher“ Sprache gestellter Fragen beantworten können, schreibt Spivack, der vergangene Woche zwei Stunden mit Wolfram gesprochen hat und sich dessen Onlineservice vorführen ließ. Ja toll. Konzepte für die so genannte Antwortmaschine werden an vielen Stellen zur Zeit entwickelt. In Deutschland arbeitet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz am Web 3.0-Standard. Mit dem von der Bundesregierung geförderten Projekt Theseus soll die Marktreife erreicht werden. Auch bei Google. Ich habe darüber schon mehrfach berichtet. So einfach lassen sich die Google-Forscher nicht die Butter vom Brot nehmen. Bei der Sprachsteuerung sind die Jungs nur schwer zu toppen. Weiteres hier.

Pfannkuchenmenschen im Netz-Zeitalter: Das Denken wird breiter und flacher, glaubt Trendletter-Chefredakteur Axel Glogler

Der Soziologe Niklas Luhmann http://www.luhmann-online.de hat sich mit den kulturellen Umbrüchen beschäftigt, die von der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und der Computerkommunikation ausgegangen sind. Er stellt sie sich als „Katastrophen“ im mathematischen Sinne vor, als brutale Sprünge, die es einem System ermöglichen zu überleben, wenn es eigentlich aufhören müsste zu existieren. Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift nach Ansicht von Luhmann die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen.

Die neuen Medien beeinflussen auch die Art, wie wir denken. Diese These stellte der Medienwissenschaftler Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren auf. Der Leser eines Mediums sucht heute nach dem schnellen Nutzen, nicht nach dem guten Argument. Lange Texte werden nur wenig goutiert: „Nach zwei, drei Seiten schweife ich ab, werde unruhig und verliere schließlich den Faden. Mein eigensinniges Gehirn wehrt sich gegen den Text“, beschreibt der Wissenschaftler Nicholas Carr http://www.nicholasgcarr.com seine Selbstbeobachtungen. Das Internet treibt diese Veränderung an: „Kommunikation, auch die von Unternehmen zu ihren Kunden und Mitarbeitern, muss sich diesem Verhalten anpassen. Wer zu lange braucht, um seine Botschaft herüberzubringen, wird im Geschäft nicht mehr gehört“, so Axel Gloger, Chefredakteur des Bonner Fachdienstes Trendletter http://www.trendletter.de. Eine weitere Entwicklung: Die starke Nutzung des Internets fördert eine punktuelle, zeitlich begrenzte Konzentration. „Der Verstand erwartet von mir, dass ich ihm Informationen auf die gleiche Weise zuführe wie das Internet“, berichtet Carr aus seinem Selbstversuch. Der Info-Nutzer tauche nicht mehr in einen Ozean der Worte, sondern springt von Welle zu Welle, als fahre er einen Jetski. „Mein Denken findet manchmal in einem Stakkato statt – als würde ich online verschiedene Quellen heranziehen und von Fenster zu Fenster springen“, sagt Carr.

Das begünstigt das, was Filmregisseure als Pfannkuchenmenschen bezeichnen: „Das Denken wird breiter, aber dafür flacher. Auch die Mobilfunknachricht SMS gehört zu den Antreibern dieser Entwicklung. Der kurze, maximal 160 Zeichen umfassende Text prägt auch den Kommunikationsstil des geschäftlichen Alltags“, erklärt Gloger. Klares Indiz für diese These:: Die Telefongesellschaften machen mit SMS mittlerweile dreimal so viel Umsatz wie Hollywood mit dem Verkauf von Kinokarten. „E-Mail und SMS werden die Formalisierung, den reinen Info-Austausch weiter beschleunigen. Damit digital präsentierte Inhalte von Ihren Adressaten überhaupt gefunden werden, wird die Google-Optimierung immer wichtiger. Ein Text muss künftig so aufgebaut sein, dass die Such-Algorithmen ihn finden und möglichst weit oben auf die Trefferliste setzen. Derzeit findet Google nur Textstellen. Aber es sind bereits Systeme in der Entwicklung, die auch Gesichter auf Bildern und in Videos sowie Stichworte in gesprochenem Text erkennen“, weiß Gloger. I

In Zukunft werden intuitive Nutzerschnittstellen auf den Markt kommen, die aus den Suchmaschinen nutzerfreundliche Antwortmaschinen machen. Dabei werde die Spracherkennung eine größere Rolle spielen, so die Einschätzung von Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge http://www.semanticedge.de in Berlin: „Die Informationen werden viel besser aufbereitet und verschlagwortet sein, so dass man konkrete Fragen stellen kann. Je nach Bedarf bekommt man Texte zum Lesen oder auch Audiofiles zum Anhören. Fragen wie ‚Wer war der 43. Präsident der Vereinigten Staaten?’ werden dann direkt beantwortet. Bei Informationsanfragen wie ‚Ursachen der Wirtschaftskrise 2008’ wird man Text, Audio- oder Videofiles zur Auswahl erhalten, die sehr viel genauer das Thema betreffen als die aktuelle Ergebnisliste bei Google.“ Das Semantische Web mache Text, Audio und Video zu gleichberechtigten Medien. „Die Redaktion einer Zeitung oder einer Zeitschrift wird nicht substituiert. Der Medienkonsum ändert sich allerdings. Jeder wird sein eigener Programmmanager und steuert autonom seinen Informations- und Unterhaltungsbedarf“, prognostiziert Sprachdialogexperte Pape.