Von der Leyen, Kinderspitzel und die Kontrollobsessionen des Staates

Familienministerin Ursula von der Leyen http://www.bmfsfj.de wollte Kinder und Jugendliche als „Testkäufer“ von Alkohol, Zigaretten und Gewaltspielen einsetzen, um den Jugendschutz zu verschärfen. Nach heftiger Kritik macht sie jetzt einen Rückzieher: „Ich will jetzt nichts durchpeitschen, sondern glaube, dass uns eine Atempause hilft, über wirksame Schritte im Jugendschutz zu diskutieren“, sagte von der Leyen (CDU) der Bild-Zeitung. Wie verhindert werden kann, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland zu einfach an Schnaps, Tabak und Gewaltspiele kommen, solle jetzt von einem Runden Tisch beraten werden. „Von dem erwarte ich aber auch, dass konkrete Vorschläge zur Verbesserung des viel zu laschen Jugendschutzes vorgelegt werden, die von allen mitgetragen werden können“, so von der Leyen. Nach Auffassung von Michael Müller, Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) http://www.bvmwonline.de und Geschäftsführer des IT-Dienstleisters a&o http://www.ao-services.de, wolle die Ministerin nur Zeit gewinnen und werde zu einem neuen Schlag ausholen.„Die Familienministerin hat mit ihrer Gesetzesinitiative zum Einsatz von Kinderspitzeln unter Beweis gestellt, wie weit der Staat als moralischer Wachposten gehen will. Unter dem Banner der Fürsorge und Vorsorge entwickelt sich Deutschland immer mehr zu einer Hausmeister-Republik: Raucher, Einzelhändler, Autofahrer und Computerspieler stehen mittlerweile unter Generalverdacht der Politik. Die Exekutive entwickelt sich zu einer moralischen Ordnungsmacht, um vermeintliche Sünder öffentlich zur Schau zu stellen. Die Kontrollobsessionen schrecken noch nicht einmal vor dem Einsatz Minderjähriger zurück“, kritisiert Müller. Der Staat scheine sich wohl zu fühlen als Hüter der Sittlichkeit. Er fördere leider ein Klima des Misstrauens und erzeuge ein Vollbeschäftigungsprogramm für Alarmrufer, Denunzianten und Ankläger. „Von der Leyen verdient nicht nur die Kopfnote 5, wie von einer Tageszeitung vorgeschlagen, ihre Versetzung ist akut gefährdet“, so Müller. Siehe auch: http://www.neuenachricht.de/A556D3/NENA/NENA_NEU.nsf/0/80E703272D03F368C12573750048F50F?OpenDocument

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Berufsverbot, Downcycling, Müllmix in Gelben Tonnen und Marktbarrieren: Die misslungene Reform der Verpackungsentsorgung

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, soll die von ihr beschlossene fünfte Novelle der Verpackungsverordnung nicht nur die haushaltsnahe Sammlung sichern, sondern auch langfristig fairen Wettbewerb garantieren. Künftig bestehe ein klarer Rahmen für den Wettbewerb bei der Sammlung und Verwertung von Verpackungsabfällen, heißt es aus dem Bundesumweltministerium. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitutes, sieht das anders. Wettbewerb, so sein Urteil, findet nach wie vor nicht statt. Im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin NeueNachricht bezeichnet er den Markt der Entsorgung für gebrauchte Verkaufsverpackungen als „quasi-monopolistisch“. Der Anschlusszwang an die so genannten dualen Sammelsysteme werde die Trittbrettfahrerei nicht eindämmen. Man wolle nur den konkurrierenden Selbstentsorgersystemen das Wasser abgraben. Faktisch führe das Novellierungsvorhaben des Bundesumweltministeriums (BMU) zu einem Berufsverbot für Selbstentsorger mit schwerwiegenden Eingriffen in grundrechtliche Freiheiten, warnt ein Branchenkenner. In der letzten Abstimmungsrunde der Staatssekretäre sei das Bundeswirtschaftsministerium wohl über den Tisch gezogen worden, denn im Gegensatz zu früheren Entwürfen des BMU, werde den Selbstentsorgern jetzt noch nicht einmal die Entsorgung gewerblicher Anfallstellen zugesprochen. In Großküchen, Kantinen oder Hotels sei das aber äußerst sinnvoll.
 
„Wie können DSD-Interessenvertreter permanent behaupten, dass 98 Prozent des Verpackungsabfalls von Drogerieunternehmen wie dm, Schlecker oder Rossmann, die beim Grünen Punkt mit Teilmengen ausgestiegen sind und auf Selbstentsorgung setzen, in Gelben Tonnen und Säcken landen. In den Mengenstrombilanzen für die haushaltsnahe Abfallsammlung über das Grüne Punkt-Müllsystem wird kräftig gemixt. Wenn man Fehlwürfe, normalen Restmüll, Gewerbeabfall oder Metallschlacke von Müllverbrennungsanlagen aus der Erfassung rausrechnet, bleiben nicht mehr sehr viele Verkaufsverpackungen übrig. Bei der Selbstentsorgung über Großverbraucher sieht das anders aus. Hier werden definitiv Verpackungen erfasst“, so die Erfahrungen eines Handelsmanager. Er glaubt nicht, dass man die Probleme des früheren Müllmonopolisten mit rechtlichen Mitteln jedenfalls in den Griff bekommen könne. Das DSD habe seine Funktion als Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Wirtschaft mit dem Verkauf an den amerikanischen Finanzinvestor KKR und der Aufgabe des Non-Profit-Prinzips verloren: „In internen Analysen war man sich bewusst, dass die Solidarität bei der Finanzierung des Müllsystems sinken wird. So befürchteten die DSD-Oberen eine geringere Kundenbindung durch das Ausscheiden der Gesellschafter und eine höhere Abwanderung zum Wettbewerb oder in die Verweigerung. Risiken, die in der Umwandlung des DSD von einem Non-Profit zu einem profitorientierten Unternehmen liegen, bezeichnete man als nicht quantifizierbar und demnach nicht planbar. Genau diese Entwicklung ist eingetreten, wie man am Beispiel Rewe sieht“.
 
„Hohe Marktzutrittsbarrieren, die vornehmlich rechtlicher Art sind, jedoch zu einem gewissen Teil auch vom marktbeherrschenden Unternehmen DSD ausgehen, verhindern echten Wettbewerb“, kritisiert Straubhaar. Auch die Kosteneffizienz der Verpackungsentsorgung lasse zu wünschen übrig: „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Entsorgung gebrauchter Verkaufsverpackungen in Deutschland ist tatsächlich als sehr schlecht zu bezeichnen. Der Aufwand, um das Äquivalent eines Liter Rohöl einzusparen, ist 10 Mal höher als der Wert des Liter Rohöl auf dem Weltmarkt. Zudem existiert momentan kein Wettbewerb um Sammlungs- und Logistiksysteme sowie um Entsorgungs- und Verwertungskapazitäten, weil alle dualen Systeme das gleiche Erfassungssystem nutzen. Dadurch liegen erhebliche Effizienzpotenziale brach. Nutzt man diese aus, so wären gesamtwirtschaftliche Kostenentlastungen zu erwarten“, so Straubhaars Appell für mehr Wettbewerb.
 
Außerdem biete die Verpackungsverordnung „keine signifikanten Innovationsanreize. Es fehlt an Innovationsfreundlichkeit und Anpassungsfähigkeit sowohl hinsichtlich der Optimierung der Kosten als auch bei der Erreichung von Umweltzielen.“ So gebe es durchaus Hersteller und Vertreiber von innovativen Verpackungsmaterialien, die ihre Materialien im Sinne eines echten Recyclings im Kreislauf führen wollen und die nicht daran interessiert sind, dass ihre Materialien nach Gebrauch einer minderwertigeren Verwertung zugeführt werden. Deshalb schlägt er regionale Kreisläufe vor. „Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, die ihre Innovationen gar nicht schlagartig bundesweit vermarkten können, werden dazu angeregt, Innovationen hervorzubringen oder bestehende innovative Lösungen zu vermarkten, was wiederum Wettbewerb fördert.“
 
Die Verpackungsentsorgung sei nicht zuletzt deshalb so teuer, „weil das Recycling von Kunststoffverpackungen im Allgemeinen im Vergleich etwa zu Papier oder Glas unzulänglich ist.“ Eine Kreislaufführung von Kunststoffverpackungen gebe es in der notwendigen Breite noch nicht. „Man müsste Anreize schaffen, damit innovativen Kunststoffen, aus denen man nach Gebrauch wieder Verpackungen fertigen kann, der Marktzutritt möglich wird. Das spart Ressourcen ein, vermeidet Abfälle und könnte die Verpackungsentsorgung sogar verbilligen“, so Straubhaar gegenüber NeueNachricht.

Künstliche Intelligenz wichtig für Alltagstechnologie

Im Jahr 2050 sollen menschenähnliche Roboter auf zwei Beinen nach den offiziellen Fifa-Regeln gegen den dann amtierenden, menschlichen Fußball-Weltmeister spielen – und gewinnen. Das zumindest haben sich Experten der Roboterentwicklung auf die Fahnen geschrieben. Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Gleichwohl machen moderne Roboter stetig Fortschritte. So wurde an der Universität Bielefeld das neue Forschungsinstitut für Kognition und Robotik (CoR-Lab) in Betrieb genommen. Zudem wurde eine Forschungskooperation zwischen der Universität und der Honda Research Institute Europe GmbH unterzeichnet, die universitäre und industrielle Grundlagenforschung vereinen soll. Die Roboter sollen mit kognitiven und sozialen Fähigkeiten ausgestattet und damit zu alltagstauglichen Assistenten für den Menschen gemacht werden. „Stargast“ der Eröffnung war Asimo, ein menschenähnlicher Honda-Roboter. Über 20 Jahre nach der Präsentation des ersten Modells hat sich die neueste Generation prächtig entwickelt:

„Im Kreis rennen, die Hand schütteln und einen Wagen schieben, gehören neben dem Tragen eines Tabletts zu seinem neuen Repertoire. Tatsächlich wollten manche Zuschauer in Bielefeld den kleinen weißen Mann am liebsten sofort als Kellner für die nächste Party anheuern“, berichtet die Berliner Zeitung. „Die Hochschule ist die erste in Europa, die den am weitesten entwickelten humanoiden Roboter der Welt zu Forschungszwecken gestellt bekommt. Honda legt für die geplante Zusammenarbeit sogar Teile der bisher wie ein Goldschatz gehüteten Steuerungssoftware der Maschine offen“, so die Zeitung.

Auch einen Ball kann Asimo mithilfe eines Infrarotsenders mittlerweile erkennen und wegkicken. Bei den Dribbelkünsten wird er Ballack und Co. jedoch in absehbarer Zeit nicht die Schau stehlen.

Beim Bonner Fachkongress Voice Days präsentierte das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) den Ligabot. Der anthropomorphe Agent ermöglicht es, über ein Sprachdialogsystem aktuelle Informationen über Spielergebnisse, Spielorte, nächste Begegnungen und die Tabellensituation der laufenden Saison zu erfragen. Für die Interaktion mit den Benutzern wird in der vorliegenden Beispieldomäne Fußball ein virtueller Fußballexperte eingesetzt, der Fragen des Besuchers mit einer künstlichen Stimme sowie entsprechender Mimik und Gestik beantwortet.

Für Gerhard Sagerer, Direktor und einer der Gründerväter des Cor-Labs ist die Verständigung zwischen Mensch und Maschine eine der entscheidenden in der Roboterforschung: „Wir wollen Roboter bauen, die mit der häufig fehlenden Eindeutigkeit der menschlichen Kommunikation umgehen können, das heißt, dass sie auch nicht ganz klare verbale Anweisungen und Gesten sinngemäß interpretieren können”, so der Wissenschaftler. Ziel sei es, dass sich die Maschine dem Menschen anpasse und nicht etwa umgekehrt. Das sieht man auch beim Berliner Unternehmen SemanticEdge so. Bei Sprachdialogsystemen bestehe darüber hinaus ein klarer Zusammenhang zwischen so genannten Human-Touch-Dialogen, die dem menschlichen Sprechen sehr nahe kommen und der Akzeptanz des Systems.

„Wir wollen keine starren Dialoge steuern, bei denen man nur bestimmte Begriffe verwenden kann, sondern freies Sprechen ermöglichen”, sagt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge.

Bei einem Dialog mit menschlichen Zügen werde sich der Anrufer eher angenommen fühlen als bei einem mit starrer Menüführung und Abfrage von bestimmten Antworten, so Pape. Das Ziel der Sprachdialoge sei es, den Erwartungen des Menschen so nahe wie möglich zu kommen.

„Softwaresysteme müssen intelligenter werden, damit sie besser verstehen, was der Mensch von ihnen will und damit sie sich umgekehrt dem Menschen einfacher verständlich machen“, fordert Pape.

Statt Rechenmaschinen mit menschlichem Bewusstsein zu konzipieren, konzentrieren sich Wissenschaftler auf nützliche Werkzeuge für die Informatik und kooperieren sehr eng mit der Wirtschaft. Das funktioniert besondert gut bei der Analyse natürlicher Sprache. Mit rund 120 Unternehmen, die etwa Dialogsysteme für Navigationsgeräte, Fahrkartenautomaten, Logistiksystemen oder Diktiersoftware entwickeln und marktfähig machen, liegen wir international an der Spitze. Dieser pragmatische Ansatz der KI-Forschung ist unverzichtbar geworden für die Alltagstechnologie.

Osteuropa nicht fit für demographischen Wandel

Gute Nachrichten für die Arbeitnehmer in Osteuropa: Aus Kostengründen prüft Mercedes http://www.mercedes.de erstmals den Bau eines Produktionsstandortes in jener Region. „Wir sind der einzige Hersteller ohne Fabrikation in Osteuropa“, sagte der Produktions- und Einkaufschef Rainer Schmückle auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) http://www.iaa.de laut Welt-Kompakt http://www.welt.de. Gute Nachrichten kann die Region auch gebrauchen, berichtet das Handelsblatt http://www.handelsblatt.de. Die zunehmende Überalterung gefährdet inzwischen den wirtschaftlichen Aufschwung in Osteuropa. Junge und qualifizierte verlassen ihre Heimat, um im Ausland Karriere zu machen. Dies entwickelt sich zu einem echten Standortnachteil. „Junge polnische Ingenieure und andere High Potentials gehen nach Großbritannien, Skandinavien oder inzwischen auch nach Deutschland, weil sie dort mehr verdienen können. Zurück bleiben oft die Älteren und die nicht so gut qualifizierten. Nach dem völligen Umbau des politischen und wirtschaftlichen Systems müssen die osteuropäischen Regierungen ihre Länder jetzt auch dringend fit machen für den demographischen Wandel, sonst sind die bisherigen ökonomischen Erfolge schnell aufgezehrt“, sagt der Osteuropa-Kenner Jörg Peisert http://www.joerg-peisert.de.

„Osteuropa und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion werden 2025 die älteste Bevölkerung haben“, prognostiziert Arup Banerji von der Weltbank http://www.worldbank.org. In der Folge sinke die Zahl der Beitragszahler für das Gesundheitssystem und die Sozialkassen. Damit mehr Geld in die Pensionsfonds fließt, müssten die Staaten in der Region ihre Steuern erhöhen. Dadurch würden sie aber einen massiven Standortnachteil in Kauf nehmen. Bisher, so ein Experte vom Zentrum für soziale und ökonomische Analyse in Warschau gegenüber Welt-Kompakt, packten die Verantwortlichen diese Probleme aber noch nicht entschieden genug an.

Weitere Artikel zum Thema:

http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Verbraucher;art131,2270146

http://www.laenderkontakte.de/news/15/estlands-euro-bleibt-erst-einmal-nur-ein-entwurf.html 


 

Powerpoint und der steigende Bullshit-Quotient: Wie Business- und Marketing-Jargon Sprache und Geist beschädigen

Die vielen Anglizismen sind nach Ansicht des Zeit-Mitherausgebers Josef Joffe nicht die Ursache für den Niedergang der deutschen Sprache: „Das halbe Deutsch ist schon mal griechischer und lateinischer Herkunft. Im 18. Jahrhundert wurde Französisch ‚parliert’, während der napoleonischen Besatzung drang das Welsche gar in den Volksmund ein. ‚Bluse’ kommt von blouson, und ‚mausetot’ ist nichts anderes als mort si tôt. Jiddisch kam hinzu (Schickse, Tachles, Ganove), Italienisch (Espresso, Gigolo), Russisch (Roboter, Datsche) und zum Schluss, als veritabler, äh, wahrer Tsunami, das Englische. Geschadet hat das der deutschen Sprache nicht; sie wurde reicher und vielfältiger – ganz ohne den Zwang, den die Sprachhüter seit Jahrhunderten insinuieren, ja unterstellen“, schreibt Joffe http://www.zeit.de/online/2007/30/bg-powerpoint.
 
Den geistig-kulturellen Niedergang macht er am „Business- und Marketing-Sprech“ der Powerpoint-Rhetoriker fest: „Powerpoint wird an die Wand geworfen. Folglich müssen die Buchstaben groß sein, folglich bleiben pro Slide (‚Bild’) nicht mehr als 6, 8 Zeilen. Die sind reserviert für bullet points – kurze, knappe Statements (‚Sätze’). Gut so, denkt sich der abendländisch geschulte Mensch: Da muss der Autor sich auf das Wesentliche beschränken und prägnant formulieren. Tut er aber nicht, sondern produziert generische Sätze, die zu allem passen und nichts sagen“, kritisiert Joffe.
 
Es fehle alles, was gute Kommunikation ausmacht: So dozierte Telekom-Chef René Obermann über die neue Markenstrategie seines Konzerns. „One Company. One Service. Wir haben Marketing und Vertrieb gestrafft, die Zahl der Marken reduziert und die neue Markenarchitektur etabliert… Wir haben die bisherige Kommunikation auf den Prüfstand gestellt und uns für eine Vereinfachung unserer Marktansprache entschieden.“ Er hätte es nach Auffassung von Joffe prägnanter sagen können: „Wir verringern Personal und Produkte. Wir wollen verständlich mit den Kunden reden“.
 
Manager sind nach Erfahrungen von Michael Müller, Wirtschaftssenator im Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW)
http://www.bvmwonline.de, nicht mehr in der Lage, in freier Rede ihre Gedanken zu äußern. „Besonders in der Branche für Informationstechnik, in der mein Unternehmen tätig ist, dominieren Weitschweifigkeit und Allgemeinplätze. Da werden jeden Tag Applikationen implementiert, Lösungen, Plattformen oder Innovationen für höhere Effizienz angeboten – natürlich immer von weltweit führenden Lösungs- und Diensteanbietern. Um was es in Wirklichkeit geht, bleibt ein Geheimnis der Phrasendrescher“, moniert Müller, Geschäftsführer von a&o http://www.ao-services.de, gegenüber dem Wirtschaftsmagazin NeueNachricht http://www.neuenachricht.de. Das Gestammel der Fachleute habe Kurt Tucholsky aber schon vor über 70 Jahren durch den Kakao gezogen. „Auch damals gab es nichtssagende Modeworte und ein wichtigtuerisches Bürokratendeutsch. Geändert hat sich leider wenig“, sagt Müller.
 
Und es sind nicht nur die Unternehmensbosse, die so reden: „Fast alle, die im Weinberg des Zeitgeistes arbeiten, kommunizieren so: Sozialarbeiter, Gender-Beauftragte, Think-Tanker, Bürokraten, Wohlfahrtsverwalter, die ‚sinnstiftende Klasse’ ganz allgemein“, stellt Joffe fest: „Lernprozesse“ (früher „Lernen“) sind immer „kreativ“, Profile werden stets „geschärft“, um „kreativ genutzt“ zu werden. Das seien Wörter, so Joffe, die munter von der Festplatte purzeln. Besonders beliebt sei die Redundanz durch Wiederholung und Pleonasmen – „doppelt gemoppelt“.
 
„‚Programm’ reicht nicht, ein ‚Programmdesign’ muss her. Dieses wird ‚initiiert und etabliert’ – ‚gefördert’ sowieso. Die ‚Erfolgskontrolle’ ist zu armselig, stattdessen heißt es: ‚Entwicklungen werden durch Methoden der Selbstevaluation und durch die Maßnahmen zu Qualitätsüberprüfung erfasst.’ Selbstverständlich muss stets ‚sensibilisiert und qualifiziert’ werden. Die ‚Konzeption’ eines Projekts muss durch die ‚thematische Ausgestaltung’ aufgebläht werden. Und immer wieder die Aneinanderreihung des Gleichen: ‚Die Blabla hat für alle Phasen der Programmarbeit konkret auf die Programme zugeschnittene Instrumente entwickelt, um die Qualität zu sichern und Ergebnisse für weitere Vorhaben zu nutzen.’ Es könnte auch heißen: ‚Unsere Vorhaben werden regelmäßig überprüft.’ Aber so würde ein Geschäftsbericht nicht 100, sondern nur 20 Seiten füllen und die Bedeutung der jeweiligen Institution mindern, limitieren und reduzieren“, führt Joffe aus.
 
„Karl Kraus meinte einst, es genüge nicht, nur keine Gedanken zu haben, man müsse auch unfähig sein, sie auszudrücken. So mancher Zeitgenosse, der mit Powerpoint arbeitet, kommt diesem Diktum des großen Spötters aus Wien schon recht nahe. Wer nicht reden kann, rettet sich in die neueste multimediale Technik und in aufwendige Animationen. Sie sollen ein hohes Vortragsniveau suggerieren und gleichzeitig von den eigenen Schwächen ablenken. Dumm nur, dass diese Rechnung selten aufgeht, denn der Dreh- und Angelpunkt für einen erfolgreichen Vortrag liegt nun einmal nicht in der Software, sondern in dem human interface, jenem menschlichen Appendix der Präsentationstechnik vor der Leinwand. Man nennt dieses Wesen auch Redner, obwohl es genau dies nicht kann. Durch Verabreichung von PowerPoint mutiert der Redner zum Präsentierer, aufgepumpt mit dem visuellen Steroidhormon von Microsoft geht er auf die Zuhörer los“, weiß Alexander Ross, Co-Autor des Buches „
Fettnapf-Slalom für Manager. In 30 Tagen sicher ans Ziel“.
 

Joffe ortet die Ursache für den Sprachverfall aber nicht in Redmond. Über so viel Power verfüge Bill Gates nicht: „Wir verdummen uns selber, wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden. Oder bullet points an die Wand werfen“.  Der
Bullshit-Quotient steige, weil der Schwall der Wörter ein gutes Versteck bietet. „Wer die Schärfe meidet, eckt nicht an, provoziert keine Kritik. Die basic issue ist es, defensive oder gar aggressive Reflexe zu minimieren; sonst kostet es Kunden und Wähler. Hier vereint sich also Marketing-Sprech mit Political Correctness. Niemandem wehtun, am wenigsten sich selber. Lau badet’s sich gut, im Schaum noch besser. Doch stumpfe Sprache stumpft auch das Gehirn ab – des Redners wie des Zuhörers“, warnt Joffe.