Modernisierung der Kommunikationsinfrastruktur als Konjunkturprogramm – ITK-Branche muss sich immer wieder neu erfinden

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise sollte zwar Anlass zu Sorge und erhöhter Aufmerksamkeit sein – besonders in den Branchen für Informationstechnologie und Telekommunikation bietet sie aber auch zahlreiche Chancen. Das war das Fazit eines Berliner Expertengesprächs des Fachdienstes portel und des Magazins NeueNachricht. Der Politik sollte jetzt die Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen und seine Bürger auf diesem Wege schneller an das neue Web 2.0-Kommunikationszeitalter heranzuführen. Erforderlich seien dazu nicht einmal übermäßig große staatliche Förderprogramme, sondern lediglich etwas mehr Kreativität und Flexibilität im Denken sowie Eigeninitiative und Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten. Eine Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage der Branche eröffnete die Diskussion. „In der Telekommunikationsbranche ist heute nichts mehr so festgefügt, wie das früher einmal der Fall war“, erklärte Aastra-Deutschlandchef Andreas Latzel. Seine Firma sieht sich heute vor allem als Softwareschmiede und Vorreiter bei der VoIP-Kommunikation via SIP-Protokoll. Die Unternehmen im Telekommunikationsmarkt stehen nach seiner Einschätzung vor zahlreichen offenen Fragen. Der Markt sei geprägt von einem Wandel, der deutlich schneller vonstatten gehen werde, als dies in der Vergangenheit der Fall war. „Wir sehen heute eine Kommunikationslösung als eine Applikation auf dem Netz. Der Content, der auf unseren Maschinen läuft, ist ein Geschäftsprozess“, erläuterte der Aastra-Chef. Unified Communications sei dabei nichts anderes als eine marktorientierte Formulierung für prozessorientierte Kommunikation. „Da sehe ich in vielen Unternehmen noch riesige Potenziale, die gehoben werden können, wenn einfache und offene Systemlösungen zur Verfügung stehen, die sich optimal auf die Geschäftsprozesse abstimmen lassen“, so Latzel.

Für eine effektive Kommunikation brauche man jedoch eine gut ausgebaute Infrastruktur. Aufgabe der Politik sollte es daher sein, dafür zu sorgen, dass alle Bevölkerungsgruppen Zugang zur Breitbandtechnik haben, auch dann, wenn sie ihren Wohnsitz im tiefsten Bayerischen Wald haben. „Über DSL auf Basis der Kupferdrahttechnologie könnte man relativ zeitnah zumindest schon einmal flächendeckend Anschlussgeschwindigkeiten von mindestens ein oder zwei Mbit pro Sekunde bereit stellen, die für einen Behördenzugang ausreichen und den Menschen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben“, sagte Latzel. Aufgabe der Industrie sei es, auf diesen Infrastrukturen intelligent Mehrwerte zu liefern.

Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge, sieht Nachholbedarf bei der Befriedigung des Kommunikationsbedürfnisses. Bisher sei in der Telekommunikation immer die Netzwerkinfrastruktur das wichtigste Thema gewesen. Inzwischen mache sich die Branche aber zunehmend Gedanken darüber, welche Applikationen auf diesen Netzwerken laufen können und was beispielsweise Unified Communication genau ist. Der grandiose Erfolg des iPhone von Apple zeige, wie wichtig es sei, dass eine Branche sich immer wieder selbst neu erfindet. „Apple hat es durch seine neue und einfache Benutzeroberfläche erstmals geschafft, das Smartphone in den Privatkundenmarkt zu drücken“, lobt Sprachdialogexperte Pape den amerikanischen Computerhersteller. Ein ähnliches Beispiel könne nun der Android von Google sein. „Ich glaube, dass die Öffnung der Betriebssysteme und offene Standards ein Feuerwerk von Produkten hervorrufen werden“, zeigte sich Pape überzeugt.

Netzwerke hätten zwei Auswirkungen auf unsere Welt, erklärte der Berliner Experte für Sprachdialogsysteme. Auf der einen Seite brechen sie die Wertschöpfungskette auf und ermöglichen, dass auch sehr kleine Hersteller und sogar deren Kunden in die Produktionsprozesse eingebunden werden können. Zum anderen durchdringe die Vernetzung untereinander alle Lebensbereiche. „Mit Partnern und Freunden pflegen wir unsere Straßen-Community, Sport-Community, Familien-Community oder unsere Business-Community. Diese Netzwerke führen am Ende zu einer dramatischen Änderung unseres Sozialverhaltens – aber auch der Produktivität“, erläuterte Pape. Durch akustische Schnittstellen und die Möglichkeit, beispielsweise E-Mails oder SMS auch zu diktieren, werde sich die Geschwindigkeit der Kommunikation über Kurznachrichten in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich verdoppeln. „Unsere Kinder wachsen als ‚Digital Natives’ von Beginn an in diese Welt hinein“, sagt Pape. Er plädierte ebenfalls für eine schnelle Modernisierung der IT- und TK-Infrastruktur. Denn langfristig würden über Investitionen in diese Schlüsselbranchen sicherlich mehr Arbeitsplätze geschaffen, als wenn das Geld in anderen, möglicherweise sogar absterbenden Wirtschaftsbereichen versenkt werde.

Marcus Rademacher, Director Global Wireless OEM Business bei Aastra, sieht die eigentliche, dramatische Veränderung, die sich aus den Web 2.0-Techniken ergeben, in der Nutzerfreundlichkeit. „Dazu zähle ich beispielsweise integrierte Softwareagenten, die wir einsetzen um zu erkennen, ob es im Netz für irgendeine Applikation eine Verbesserung oder Veränderung gibt und die diese dann automatisch über Nacht durchführen. Sollte dies zu Problemen führen, stellt das System beim Upgrade automatisch den vorherigen Zustand wieder her, ohne dass überhaupt jemand etwas davon mitbekommt.“ Dieser Upgrade könne beispielsweise als sogenannter „automatischer Download-over-air“ ausgeführt werden. Aastra habe diese Option bereits seit einiger Zeit im Portfolio.

In der Telekommunikationsbranche steigt der Verkehr und die Umsätze stagnieren. „Wo sind in Zukunft die Pools für Profitabilität“, sei daher zur Zeit die wichtigste Frage, die sich die TK-Anbieter stellen, sagte Arno Wilfert, Partner und Experte für Telekommunikation bei Pricewaterhouse Coopers in Düsseldorf. Über Musik, oder TV und Filme als Content ließen sich die Umsätze auf keinen Fall ausgleichen. Der gesamte Musikmarkt-Umsatz in Deutschland liege beispielsweise nur bei etwa 1,5 Milliarden Euro. „Den wollen nun die vier Mobilfunker und die Festnetzanbieter unter sich aufteilen. Wenn man auch noch den stationären Handel, die Abgaben an die Künstler und die Marketingkosten abzieht, bleibt nicht einmal die Hälfte an Umsätzen übrig“, rechnete der Unternehmensberater vor. Und das sei im Vergleich zum Service- und Endgeräte-Umsatz im TK-Markt vernachlässigbar klein. Bei Triple-Play stehen die Telekom-Firmen außerdem vor einer echten Herausforderung, da sie sicher stellen müssen, dass das Fernsehsignal nicht wie ein normales Internetsignal beim Konsumenten ankommt, sondern in einer deutlich höheren Qualität. „Das wird vor allem dann eine große Herausforderung, wenn die Nutzerzahlen signifikant ansteigen“, sagte Wilfert in der Berliner Expertenrunde. Der Kernumsatz für die Telekommunikationsunternehmen liege im Anschluss und im Transport. Die Umsätze gehen tendenziell zurück und der Kuchen werde damit kleiner. „Hier wird es künftig weniger Festnetzanbieter geben als heute“, ist Wilfert überzeugt. Überleben würden die Unternehmen, die Skaleneffekte realisieren können, beispielsweise über einen hohen Marktanteil, möglicherweise auch nur in bestimmten Regionen. „Die anderen werden nicht in der Lage sein, ihre Investitionen zu amortisieren“, so der Düsseldorfer Unternehmensberater.

Beim Thema Breitbandversorgung auf dem Land sollte man mehr Eigeninitiative entwickeln. Es reiche nicht aus, nur nach dem Staat zu rufen und auf bessere Zeiten zu warten. „Dabei ist das doch mit der heutigen Technik eher trivial und überhaupt kein Millionenaufwand mehr, das Internet in ein Dorf zu holen – beispielsweise über Funktechnologien“, sagte Wilfert. Auch in ländlichen Gebieten würde es IT-Dienstleister geben, die sich auch ums Breitband kümmern könnten. „Dann erhöht man die Grundsteuer um ein paar Euro und dafür hat jeder im Dorf kostenlos Internet. Das macht man mit dem Kabelanschluss über die Nebenkosten bei einer Wohnung heute doch auch“, stellte Wilfert fest. „Der Wandel im Telekommunikationsmarkt erfolgt dramatisch schneller als in der IT-Welt“, hat Mehdi Schröder beobachtet, als Aastra-Vice-President zuständig für Sales Development. Gewinner in diesem Rennen würden voraussichtlich jene Unternehmen sein, die den Mut haben, vom traditionellen Gedankengut der proprietären TK-Welt in die SIP- und Open Source-Welt zu wechseln. „Und da werden sicherlich die gut positioniert sein, die auch eine starke Ausprägung bei Themen wie SIP haben“. Es werde künftig kein Unternehmen mehr geben, das alle erforderlichen Kompetenzen selbst erbringen könne. „Der Endanwender braucht dabei einen Systemintegrator, der die gesamte Materie sicher beherrscht und er braucht gute, innovative Hersteller“, so Schröder, denn die Telekommunikationswelt werde durch IP wesentlich komplexer.

„Der Markt zerbröselt komplett in Dienste und Netz“, so die Überzeugung von Detecon-Partner Mathias Hoder. Die ITK-Welt sei inzwischen erfunden und die Dinge gebe es fast alle. „Aber die Technik ist noch nicht perfekt genug, so dass es nach wie vor einen sehr großen Markt zu erschließen gibt“, machte Hoder gleichzeitig Mut. Es koste große Unternehmen zwar eine Menge Geld, auch die Telefonie auf das Internet Protokoll umzustellen und viele hätten derzeit noch keinen Handlungsdruck. „Aber spätestens wenn der Wartungsvertrag für die alte Telefonanlage ausläuft, müssen sich alle bewegen“, erklärte Hoder. Schritt für Schritt werde der Migrationsprozess daher auch auf die mittelständische Industrie durchschlagen.

Siehe auch www.portel.de

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IBM-Innovationstrends: Sprechendes Internet und digitale Shopping-Assistenten

Der Gang ins Internet wird sich nach Prognosen von IBM in den nächsten fünf Jahren auf signifikante Weise verändern. Die Forscher des Computerriesen erwarten dabei viel von der Sprachsteuerung. Surfen im Internet werde mit der Stimme möglich sein – ohne Einsatz der Hände. „Dadurch werden sowohl Sichtkontakte als auch Tastaturen überflüssig. Die neue Technologie wird einen Veränderungsprozess einleiten und die Art und Weise beeinflussen, wie der Mensch mit Informationen und E-Commerce-Websites umgeht und mit ihnen interagiert. Steuerinstrument ist dann die Sprache und nicht mehr der Text. Wir wissen, dass das machbar ist, da uns bereits heute die erforderliche Technologie zur Verfügung steht, wir wissen aber auch, dass die Zeit dafür reif ist“, so IBM. In Ländern wie Indien, in denen das gesprochene Wort im Bildungswesen, in Regierungskreisen und in der Kultur eine größere Bedeutung habe als das geschriebene Wort, stellt das „Sprechen“ mit dem Internet bereits alle anderen Kommunikationsschnittstellen in den Schatten.

„Gleiches geschieht bei den Mobiltelefonen, die mittlerweile die PC-Anwendung übertrumpfen. Durch die Nutzung der ‚Voice Sites’ werden in Zukunft auch die Menschen ohne Zugang zu einem Computer oder Internet ebenso wie diejenigen, die weder schreiben noch lesen können, von den zahlreichen Vorteilen und Annehmlichkeiten des Internets profitieren“, betont IBM. Für den deutschen Markt komme es darauf an, wie man die Akzeptanz von Voice Sites steigern kann, so Christoph Bill, ITK-Leiter der Firma Vivento Customer Services in Bonn: „Bisherige Erfahrungen haben gezeigt, dass gerade in Deutschland noch erhebliche Widerstände gegenüber sprachbasierten Systemen bestehen.“ „Surfen mit der Stimme“ könnte der Sprachautomatisierung zum Durchbruch verhelfen. „Durch die Verbindung dieser Technologien mit biometrischen Verfahren könnten beispielsweise Self Service-Transaktionen im Netz deutlich an Sicherheit gewinnen“, erläutert Bill. Sprache werde mit Sicherheit als Eingabemedium an Bedeutung gewinnen, glaubt Andreas Dippelhofer, Mitglied der Geschäftsführung des Düsseldorfer Dienstleisters Acoreus. „Sprachsteuerung und Touchscreens werden bald wichtiger sein als Tastatur und Maus. Spracherkennungssysteme sind heute schon sehr zuverlässig und werden in modernen Autos erfolgreich eingesetzt.“

Eine Reduzierung der Komplexität im Netz und eine Demokratisierung des Internetzugangs werde durch personalisierte, lernfähige und vertraute elektronische Begleiter erreicht. „Sie werden dann die lästigen ersten Schritte einer Identifizierung von relevanten Informationen mittels Machine-to-Machine-Kommunikation mit einzelnen Instanzen im ‚Internet der Dinge’ aushandeln“, sagt Dippelhofer. Allerdings dürften keine technologischen Abhängigkeiten entstehen, die zu einem Verlust an Selbstbestimmung führen. Intelligente Assistenten werden auch die Shopping-Welt verändern. „Dabei wird die symbiotische Verknüpfung einer neuen Technologie und einer neuen Generation von Mobilgeräten den Einkaufserfahrungen im Einzelhandel dramatische Impulse verleihen. So werden Ankleideräume bald mit digitalen Shopping-Assistenten ausgestattet sein – Touchscreens und sprachgesteuerte Kioske werden Kunden zudem die Möglichkeit eröffnen, Bekleidungsstücke und Accessoires auszuwählen als Ergänzung oder Ersatz für die bereits zusammen gestellte Garderobe“, führt IBM aus.

Die letzte Meile im Einzelhandel werde in einigen Jahren völlig anders aussehen. „Das klassische Ladengeschäft muss nicht mehr Teil des Distributionsnetzes sein. Als Konsument möchte ich nur die allernötigsten Artikel an Ort und Stelle mitnehmen. Was darüber hinausgeht, soll mir nach Hause gebracht werden. Statt weit zu fahren, damit ich zu einem großen Sortiment komme, werde ich zu einem Showroom gehen, wo man mir das ganze Sortiment zeigt – echt oder virtuell“, sagt Moshe Rappaport, IBM- Experte für Technologie- und Innovationstrends. Es müssten nicht mehr alle Artikel im Laden vorrätig sein. Es reiche vollkommen aus, alles zeigen zu können. Nicht mehr das Produkte steht im Vordergrund, sondern der Service. „Nehmen wir Kleider als Beispiel. Ich muss nicht alle Größen in allen Farben haben. Das kann ich in einem elektronischen Dressing-Room in allen Varianten ausprobieren und meine Kaufentscheidung treffen. Komme ich nach meiner Shopping-Tour wieder ins eigene Heim, wartet das Paket schon auf mich und ich kann die Kleidung anziehen“, so der Ausblick von Rappaport.

Die Bluff-Gesellschaft – Leitfaden der Niedertracht

Die vielen Skandale, Klüngelaffären, Korruptionsfälle und dilettantischen Fehlentscheidungen in Politik und Wirtschaft haben häufig eine simple Ursache: Nach oben gelangen nicht die besten und klügsten Köpfe, sondern die ehrgeizigsten, raffiniertesten, intrigantesten, servilsten und verlogensten. Wer nach oben will, muss keine herausragenden geistigen Fähigkeiten haben, er muss sich nur verstellen können, die Interessen und Schwächen seiner Mitmenschen richtig einschätzen und ausnutzen, Seilschaften mobilisieren und im geeigneten Moment das Lager wechseln können.

„Im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte wird alles Schwache unvermeidlich niedergedrückt. So will es das Gesetz des Kampfes, das fatum der modernen Zeiten. Unter den Füßen seiner Konkurrenten wird der Fallende wertlos, ein Kadaver, der vom Schlachtfeld zu verschwinden hat. Sein Ächzen gehen im Lärm der Menge unter, und im Getümmel hört man nur einen Schrei: Aufsteigen! Erfolgreich sein!“, schreibt der Anwalt und Journalist Maurice Joly in seinem satirischen Exkurs „Handbuch des Aufsteiger“ – ein Leitfaden der Niedertracht in sechs Kapiteln, der als Voraussetzung für Erfolg nur eines erkennen mag: den beschränkten Geist. Joly verfasste seine ätzende Schrift vor rund 130 Jahren im französischen Gefängnis. Amüsanter geschrieben als die Managementliteratur, die uns vom Fließband präsentiert wird. Joly verbüßte eine Haftzeit von 18 Monaten wegen seiner voraufgegangenen Veröffentlichung „Ein Streit in der Hölle. Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht“ (1864). Mit Scharfsinn, Ironie und Spott beschreibt er in seinem Handbuch die auch heutzutage noch gültigen Imperative für den Erfolg der mediokren Akteure des öffentlichen Lebens: „Berühmtheit gibt es aufgrund von Vorurteilen, übertriebenem Ansehen und konventioneller Bewunderung.“

Durch die richtige Anwendung der Verlogenheit und der kalkulierten Anbiederei kann jeder die schnelle Karriere machen. Joly deckt eine anthropologische Grundkonstante auf. „Es ist Gott recht klar, dass wir ein Volk von eitlen Gecken sind, die sich vor Neid verzehren.“ Er geht davon aus, dass in der menschlichen Gesellschaft ein dauernder, durch das Gesetz geregelter Kriegszustand herrscht, und zieht daraus, im parodistischen Stil eines Leitfades, die Konsequenzen.

Mit ironischer Distanz seziert Joly die Laufbahnen der Eitelkeit, die kalkulierten Kabalen jener „dicken, fetten“, von grundlosem Ruhm sich nährenden Parvenüs, die früher wie heute zu den Schaumschlägern der prominenten Gesellschaft zählen. Eine Kombination aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus bringt selbst die dümmsten Gestalten in den Olymp des Starkultes. Am Rollenspiel der hohlköpfigen Aufsteiger sind in erster Linie die Massenmedien beteiligt. Auch dieses Zeitgeistphänomen beschrieb Joly schon im neunzehnten Jahrhundert. „Diese universelle Ruhmsucht kann offensichtlich nur durch den Journalismus befriedigt werden. Er allein hat die Macht, diese Begierde zu demokratisieren, indem er sie ein wenig in die Reichweite von jedermann rückt“.

Man braucht sich nur die erfolgreichsten Buchautoren unserer Tage anschauen. „Die Journalisten, die bei der Lektüre von Abscheu geschüttelt wurden, brechen in bewundernde Rufe aus. Man ist gönnerhaft bis an die äußerste Grenze. Es ist nun einmal ein Erfolg, man wird ihn schlucken, hinunter damit!. Die literarischen Freundschaften, die Kumpanei, der wohlklingende Name, die Popularität, der Wunsch, gefällig zu sein, alles ergibt zusammen einen schier unmöglichen Erfolg“, führt Joly aus, obwohl er mit den Qualitätsergüssen schriftstellerischer Naddelei noch gar nicht konfrontiert war. Die Öffentlichkeit verlangt nach jemandem, den sie bewundern kann, Journalismus dagegen bewundert nur, wen und wann er will. Joly: „Das muss so sein, schließlich ist es seine Auswahl, die das Signal für den Applaus gibt, eine neue Welle schafft, die Besucherströme ins Theater, zum Buchhändler, zum Kaufmann lenkt…Die Gewohnheit des Publikums, sich nur noch unter den Einpeitschungen einer wildgewordenen Reklame in Bewegung zu setzen, löst einen perfekten mechanischen Ablauf aus. Kein Geschmack, keine Vorliebe kann der Kraft eines aufgedrängten Erfolgs standhalten. Es gibt sogar eine Art fassungsloser, abgestumpfter Faszination, die sich aus dem Zynismus der Werbung ergibt.“

Maurice Joly: Das Handbuch des Aufsteigers. Aus dem Französischen von Hans Thill; Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek, Frankfurt am Main 2001, ISBN 382184194X Gebunden, 384 Seiten, 27,61 EUR

Anschwellende Floskeln in der Pressearbeit

In Bilanzpressekonferenzen, Broschüren, Pressemitteilungen und Vorstandserklärungen wird zu häufig mit Leerformeln gearbeitet. „Wettbewerbstool mit Fokussierung der Komponenten der Implementierungsbreite“, meldet ein Unternehmen der Informationstechnik. Bei „variable Sequentierungsstrukturen und deren hardwareunterstützte Realisierung“ legen sich selbst Fachleute die Karten. Harmlos klingt da noch der tägliche Wortschwall: Man müsse sich neu aufstellen, umstrukturieren, aufs Kerngeschäft fokussieren, Synergien nutzen, effizient und effektiv an seinem Alleinstellungsmerkmal arbeiten. Diese Erklärungen sind leider kein Alleinstellungsmerkmal. Mit Formulierungen wie „der weltweit führende Anbieter“ (ein Klassiker in fast jeder Pressemitteilung) oder „mit unserer neuen Applikation wollen wir uns auf neue Kundensegmente fokussieren“ bewirkt man in den Redaktionen nur ein müdes Lächeln. Eine Journalistenumfrage des Kölner Marktforschungsunternehmens Smart-Research im Auftrag der PR-Agentur Storymaker http://www.storymaker.de unter 900 Journalisten von Wirtschafts-, Fach- und Publikumsmedien bestätigt die wachsende Aversion gegen die anschwellenden Floskeln bei Unternehmen der Telekommunikation und Informationstechnik.

Fast jeder zweite Befragte bemängelt, dass es der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit selten gelänge, wirklich spannende Informationen zu vermitteln. 42 Prozent kritisieren eine zunehmende Betriebsblindheit, da es immer nur um Produkte der Unternehmen gehe. 37 Prozent der Journalisten klagen über uninteressante Pressetexte mit zu viel Marketing-Blabla und Fachchinesisch gespickt mit unverständlichen technischen Details und Anglizismen. Knapp ein Drittel moniert, dass zu langsam auf Anfragen reagiert werde und die Pressearbeit zu passiv sei.

„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, so der FAZ-Autor Erhard Glogowski. Statt ständig zu kommunizieren, wie innovativ doch das neue Produkt sei, sollten Firmen lieber so konkret wie möglich erklären, worin die Innovation besteht. Bei IT-Unternehmen wimmelt es von Bekundungen wie „Kundenorientierung“, „kompetente Teams“, „innovative und maßgeschneiderte Lösungen“, oder „anwenderorientierte Applikationen“: Semantik-Müll werde in Redaktionen mit Nichtbeachtung bestraft.

Xing steigt ins Nachrichtengeschäft ein – Schlüsseltechnologie von Socialmedian soll Informationen aus nahezu unbegrenzten Web-Quellen filtern

Mit der Übernahme des amerikanischen Unternehmens Socialmedian steigt der Portalbetreiber Xing ins Nachrichtengeschäft ein. Socialmedian verarbeitet derzeitig rund 20.000 Info-Quellen, darunter Social Web-Dienste wie digg, delicious, Twitter, Flickr, Facebook, YouTube, Google Reader, FriendFeed sowie über die weltweite Blogosphäre bis hin zu regionalen Online-Medien oder Branchenportalen. „Darüber hinaus können individuelle Newsfilter auch mit anderen Nutzern im socialmedian Netzwerk geteilt werden. Durch diesen aktiven Austausch werden Feeds zu speziellen Themen zunehmend effizienter“, teilte Xing mit.

Der Gründer und CEO von Socialmedian, Jason Goldberg, wird als Vice President bei Xing fungieren und die Applikationsplattform in der Hamburger Konzernzentrale leiten. Goldberg hat das Unternehmen erst Anfang 2008 gegründet – die Plattform ging im August online. „Bisher sind alle News Services und Feeds kostenlos. Das strategische Ziel in der Startphase ist, eine aktive Community aufzubauen“, so Xing-Pressesprecher Thorsten Vespermann. Goldberg werde Anfang 2009 damit beginnen, sein Team zusammenzustellen. „XING ist ein stark wachsendes und profitables Unternehmen mit bereits rund 180 Mitarbeitern. Um unsere Expansion konsequent fortzusetzen und unsere Marktführerschaft beim Business Networking in Europa auszubauen, werden wir in nahezu allen Unternehmensbereichen zusätzliche Mitarbeiter einstellen“, sagt Vespermann.

Aktuell bestehe das Team von Socialmedian aus 14 Mitarbeitern. Goldberg werde nach Hamburg wechseln, der Kundenservice bleibe in New York. Die von dem amerikanischen Unternehmen intelligent aus nahezu unbegrenzten Quellen gefilterten Informationen würden einen Mehrwert für die Xing-Mitglieder schaffen. „Nicht nur für einzelne, sondern auch für thematisch organisierte Gruppen, Events, sowie für einzelne Firmen“, ist Vespermann überzeugt. Mit der Übernahme habe man eine wichtige Schlüsseltechnologie erworben, die Xing voranbringen werden.