„Europa ist zu leise“ – Wolfgang Schiffer und die Frage nach dem politischen Selbstbewusstsein #WDR5

„Europa ist zu duckmäuserisch.“ Wenn ein Dichter derart klar spricht, sollte man zuhören. Wolfgang Schiffer, Jahrgang 1946, früher Leiter des Hörspiels beim WDR, heute vor allem Übersetzer isländischer Literatur und Lyriker, äußerte sich im WDR-Format „Denk‘ ich an Europa“ nicht als Politiker, sondern als Intellektueller mit klarem Blick – und spürbarer Ungeduld. Die Europäische Union sei „zu leise, viel zu leise“. Man müsse sich „nicht so bescheiden geben, wie sie das derzeit tut“.

Was Schiffer hier diagnostiziert, ist nicht weniger als ein Defizit an Selbstbehauptung. In einer Zeit, in der globale Machtblöcke neue Fronten aufziehen, sieht er die EU in einer Zuschauerrolle – administrativ korrekt, aber politisch farblos. „Ich möchte, dass die EU eine Rolle spielt“, sagt er – und meint nicht eine Statistenrolle, sondern die eines verantwortungsbewussten, mutigen Akteurs in einer Welt, die aus den Fugen gerät.

Schiffer lebt in Köln und Prag, reist regelmäßig nach Island, spricht aus europäischer Erfahrung, nicht aus diplomatischer Routine. Er erinnert an die Anfänge der Europäischen Gemeinschaft, an die Idee eines Zusammenschlusses, der nicht nur wirtschaftlich gedacht war, sondern als Projekt der kulturellen und politischen Versöhnung. Umso härter fällt sein Urteil heute aus: „Europa gehört zusammen – für mich ist die EU die einzige Alternative“, sagt er, und fügt fast resigniert hinzu: „Aber sie muss sich auch so verhalten.“

Die Diagnose ist kein kulturpessimistisches Lamento, sondern Ergebnis biografischer Beobachtung. Island, so erzählt Schiffer, habe sich nach der Finanzkrise der EU angenähert, den Beitrittsantrag aber wieder zurückgezogen – aus Sorge, eigene Rechte, etwa im Fischfang, zu verlieren. „Die Tendenz in der Bevölkerung geht aber wieder zur EU hin“, glaubt er – auch, weil der geopolitische Druck aus den USA wachse. Trump sei dabei mehr als eine Karikatur. „Mancher hat Angst, er verwechselt Island mit Grönland.“

In Tschechien, seinem zweiten Lebensmittelpunkt, ist der Krieg in der Ukraine omnipräsent. „Selbst beim Einkauf im Supermarkt“, sagt Schiffer, „merkt man, wie viele Ukrainer jetzt in Prag leben.“ Die tschechische Aufnahmebereitschaft sei groß – auch, weil es schon vorher viele Kontakte gab. Dennoch registriert er erste Spannungen, etwa über „junge Männer mit teuren Autos“, ein Narrativ, das in populistischen Kreisen gern bedient wird.

Und dann spricht er über Kultur – sein eigentliches Metier. Er fordert: „Wir müssen mehr über Europa erfahren, vor allem auf kultureller Ebene.“ Ihm reicht es nicht, dass der WDR mit „Denk‘ ich an Europa“ ein wöchentliches Format sendet. Es sei die einzige Sendung dieser Art, „und das ist viel zu wenig“. Was Europa brauche, sei nicht nur eine stärkere Stimme in der Außenpolitik, sondern eine kulturelle Selbstvergewisserung, die Grenzen überwindet. Die EU dürfe nicht bloß Administration sein, sondern müsse auch inhaltlich überzeugen. „Das kulturelle Selbstwertgefühl Europas“, sagt er, „muss gestärkt werden.“

Schiffer ist kein Agitator. Seine Sprache ist präzise, nicht pathetisch. Er denkt in Verbindungen, nicht in Parolen. Doch gerade darin liegt die Stärke dieses Gesprächs: Es rüttelt auf, weil es ohne rhetorische Lautstärke auskommt. Wer ihm zuhört, hört das leise Klingen einer großen Mahnung.

Am Ende weist die Moderatorin auf Schiffers neuen Lyrikband hin – entstanden „in der Zeit des Krieges“. In seinen Gedichten ringt er um Worte, wo Politik zu oft schweigt. Vielleicht ist es genau diese Verbindung von Poesie und Politik, die Europa derzeit fehlt: eine Stimme, die Klarheit sucht, ohne auf Vereinfachung zu setzen.

Wolfgang Schiffer hat sie erhoben. Es bleibt zu hoffen, dass man ihm zuhört.

3 Gedanken zu “„Europa ist zu leise“ – Wolfgang Schiffer und die Frage nach dem politischen Selbstbewusstsein #WDR5

  1. Pingback: „Denk ich an Europa“ … Mein kurzes Gespräch in WDR 5, aufgegriffen von Gunnar Sohn. | Wortspiele: Ein literarischer Blog

  2. Wolfgang Schiffer

    Und fürs einordnende Bewerten natürlich. Wo hast du das illustrierende Foto her? So kompakt habe ich Ergebnisse meiner Arbeit bisher noch nie gesehen …

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