Corona-Krise lässt starre Organisationen scheitern: #NextTalk am Dienstag, 15 Uhr

Die Digitalisierung, aber auch die Herausforderungen von Corona lassen starre Organisationen scheitern. Was ist die Alternative im Kontext von Organisations- und Prozessmanagement? Niemand kann das besser beschreiben als „Prozess-Urgestein“ Herbert Kindermann.

BPM-Tapeten als Ikonen der starren Organisation

Als Member of The Board der IDS Scheer GmbH hat Kindermann sie noch intensiv kennengelernt – die meterlangen Prozess-Tapeten als Ikonen der effizienzorientierten, aber leider doch sehr starren Organisationen im vergangenen Jahrtausend. Nicht der Nutzer oder Mitarbeiter stand im Vordergrund der Prozessgestaltung, sondern ein reibungsloses Ineinandergreifen der Maschine.

Schon in den Nuller-Jahren erkannten immer mehr Unternehmen das klassische „Business Process Models“ (BPM) nicht ausreichend die komplexen Anforderungen an die Business-Intelligenz in einer unübersichtlichen Welt unterstützen. Die Digitalisierung und jetzt auch noch Corona fordern einen Wandel: Immer deutlicher zeigt sich, wie die Bekämpfung des Corona-Virus das Land lahmlegt. Es wird ausschließlich auf klassische Verfahren der Seuchenbekämpfung gesetzt.

Alle das ist richtig und notwendig, aber warum wird auf digitale Technologien und elektronische Verfahren von offizieller Seite so wenig Wert gelegt? Warum können Infektionsherde nicht geografisch detaillierter als auf Kreisebene angezeigt werden? Warum ist das Robert-Koch-Institut nicht an vorderster Front dabei, wenn um aktuelle Zahlen geht? Warum wird am Wochenende nur unvollständig gezählt? Warum werden Statistiken und Entwicklungen auf privater Basis (z.B. Johns-Hopkins-University) als offizielle Basis herangezogen? Diese unvollständigen Beispiele zeigen, dass Deutschland ein Problem mit der Digitalisierung hat.

Es gibt Bundesländer wo nur ein Zehntel der Ministerialbeamten über einen Laptop verfügt. Homeoffice im großen Stil ist so nicht umsetzbar.

Im schlimmsten Fall ist Digitalisierung technologischer Zuckerguss über alte Strukturen und Prozesse. Das reicht nicht. Schon Thorsten Dirks, damals CEO von Telefonica Deutschland, wusste: „When you digitise a shitty Process, you have a shitty digital Process.”

Kindermann ist da realistisch: „In welchen Unternehmen hängen heute noch Tapeten von herunter gebrochenen, starr verketteten Prozessen oder – schlimmer noch – sind solche Prozesse unsichtbar in ERP-Systemen fix codiert? Agilität? Fehlanzeige.“

Kindermann sieht den dringenden Bedarf für eine Meta-Disruption. Tätigkeiten, für die Automatisierung wirtschaftlich ist, werden wie
schon bisher weiter automatisiert. Was sich durch Digitalisierung ändern wird, ist die Rolle des Menschen. Durch die Digitalisierung wird der Mensch auf seine wirklichen Stärken fokussiert: Kreativität, Teamarbeit, Kommunikation, Agilität. Starre Prozessmodelle und starre Systeme sind da ein Engpass. Wenn das bisher nicht transparent war, dann wird spätestens die Corona- und Post-Corona-Zeit das Scheitern der „alten Imperien“ offenbaren – vielleicht.

Der Mensch als Souverän für Agilität statt starre Strukturen

Software müsse das unterstützen, betont Kindermann. Wo der Mensch bisher ein eher passives Rädchen war, werde er heute ein eigenverantwortlicher, mitdenkender Gestalter, auch von sich immer wieder ändernden Abläufen. Der Mensch als Souverän für Agilität sei das Ende der starren Prozessmodelle.

Der einzige Weg, dies zu erreichen, so Kindermann, besteht darin, der Fachabteilung, Prozessverantwortlichen und Prozessteilnehmern das Entwerfen, Codieren und Bereitstellen ihrer eigenen Prozesse zu ermöglichen, ohne dass eine Lücke zwischen dem geschäftlichen und dem IT-Verständnis des Prozesses besteht. Diese Disruption verändert die folgenden Paradigmen der Softwareentwicklung fundamental:

Codierung / Programmierung muss von Software-Ingenieuren und Codierungsspezialisten durchgeführt werden! Das ist nicht mehr wahr.

Die Verwendung des Konzepts des Kontrollflusses (Zentrale Steuerung des Workflows) für die Entwicklung von Business Softwareanwendungen oder Workflows ist nicht mehr erforderlich.

Das subjekt-orientierte Management der Geschäftsprozesse (S-BPM), das Kindermann proklamiert, ist daher ein Ansatz für BPM, der sich auf die Akteure konzentriert, die einen Prozess und ihre Kommunikation vorantreiben. „Wer Geschäftsprozesse und IT immer noch auf Basis der alten komplexen Prozessmodelle realisiert, wird in der Digitalisierung nicht vorankommen. Wir müssen umdenken und den Wahnsinn abstellen.“

Entmachtung der alten zentralistischen IT

In letzter Radikalität fordert Kindermann also nicht weniger als eine Abkehr von der alten zentralistischen IT- und Organisationslogik: „Die Fachabteilung kann nur durch disruptive digitale Ansätze, die sie selbst beherrscht, Verantwortung für die Prozessdigitalisierung übernehmen und schnell und kundenorientiert genug agieren.“ Gartner: “By 2023, 40% of professional workers will orchestrate their business application experiences and capabilities like they do their music streaming services. Historically, organizations have offered employees a “one-size-fits-all” application solution. Regardless of job description or needs, each employee operated within the same business application. Employees fit their job to the application — sometimes to the detriment of their own job. In the future, business units or central IT will receive capabilities in building block form, enabling them to create individual “playlists” of applications customized to specific employee needs and jobs.”

„Genauso gehen wir mit Metasonic Process Suite vor“, resümiert Kindermann, der im #NextTalk am Dienstag, um 15 Uhr Rede und Antwort stehen wird. Auf Facebook einschalten und mitdiskutieren.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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