Überlegungen für eine anarchistische Ökonomik und Ökonomie

Eine Abschiedssession an der Hochschule Fresenius auf der Next Economy Open. Auf dem Projektblog der Next Economy Open hatte ich ja schon etwas skizziert, mit welcher Session-Idee ich in diesem Jahr aufwarten will. Ich reibe mich am methodologischen Bullshit der Mainstream-Ökonomik. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft.

Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

2022 wird es eine Fortsetzung dieses Gedankenstrangs geben: Wir reden über eine anarchistische Wirtschaft.

2 Gedanken zu “Überlegungen für eine anarchistische Ökonomik und Ökonomie

  1. Andreas Seidel

    In meinen Abschlussprüfungen reicht kein Lieblingswitz. Sie sind schon schwierig, aber dafür gibt es kein eindeutig richtig oder falsch. Ich lehre (selbst Quereinsteiger mit nunmehr über 30 Jahren Berufserfahrung) Logistik & SCM für Wi-Ings. Elektrotechnik und erlaube mir neben den Grundlagenfakten meine Disziplin auch nach allen Regeln der Kunst auseinander zu nehmen. Was etliche Studierenden dankbar aufnehmen und zu ihrer eigenen Zufriedenheit weitertragen. Ein Student berichte mir kürzlich, dass er seinen Vater, selbst Logistikexperte, zum ersten Mal in seinem Leben durch meine Vorlesung in Grund und Boden argumentieren konnte. Tatsächlich kippe ich auch viele Vorstellungen der Studierenden und mache sie nachdenklich. Lehrbücher gibt es bei mir nicht, weil da nur „Müll“ zu finden ist. Eine Vorlesung beginne ich mit den aktuellen Themen aus der vorangegangenen Woche. Es gibt also wenig auswendig zu lernen, aber viele Zuordnungen und kritische Zusammenhänge aufzunehmen, die jeder nach seiner Sicht weiterentwickeln kann. Etwas anarchistisch ist meine Vorgehensweise dann doch. Ich habe mal wesentliche Elemente in meinem Fach mit aufgebaut, erlaube mir aber auch falsche Dogmen zu dekonstruieren.

  2. Über „anarchistische Ökonomik“ kann ich nicht viel sagen… aber wie Anarchisten gewirtschaftet haben. Meine Magisterarbeit in Zeitgeschichte war über das Management der „Tranvias de Barcelona“ (Straßenbahngesellschaft) durch die anarchistische Gewerkschaft CNT während des Spanischen Bürgerkrieges. Abgesehen von der Enteignung der meist belgischen und französischen Aktionäre am Anfang, wurde der Betrieb vom „Comité Obrero de Control“ (Arbeiter Kontroll- Kommittee) sehr vernünftig geleitet. Ich habe damals endlose genau geführte Statistiken durchgeschaut. Da wurden auch Rücklagen gebildet für Investitionen. Das Ganze war ohne Zweifel langfristig überlebensfähig. Nur ein Beispiel, gewiss, aber ein großer Teil der Katalanischen Industrie funktionierte damals ähnlich. Irgendwie denke ich immer noch, dass in gewissen Situationen „anfangen mit Enteignung“ doch keine so schlechte Idee ist!

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