#2G und der „Die-Leute-Empörungsmodus“

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede.

Jetzt geht es wieder los. Selbst bei Events mit strikter 2G-Regel, keiner einziger Risikobegegnung und einer guten Organisation schreiben jetzt wieder einige vorschnelle „Analysten“ von Idioten, die nichts begriffen haben und einem verantwortungslosen Handeln von Menschen, die zu Veranstaltungen gehen oder Urlaubsziele unter Einhaltung von 2G ansteuern. So etwas läuft ja schon seit dem Beginn der Pandemie, wie ich in einer Kolumne im Frühjahr schrieb.

Impfung und Genesung reichen also nicht aus, um wieder in den Vor-Corona-Modus zu kommen? Wer so etwas insinuiert, wird die Menschen irgendwann komplett verprellen und politische Widerstände provozieren. Denn dann herrscht nur noch aggressiver Fatalismus, der jetzt allerdings verursacht wird von all jenen, die mit Fingern auf andere Menschen zeigen und weiter im Die-Leute-Modus daherreden, ohne die Sachverhalte genau zu prüfen: Also Einhaltung von 2G und dergleichen.

Hier meine Kolumne aus dem vergangenen Jahr, die im prmagazin erschien.

Im Nachgang der Corona-Krise werden wir nach Ansicht von brandeins-Autor Thomas Ramge harte Diskussionen darüber führen, wer auf Grundlage welcher Informationen richtig und wer falsch entschieden und gehandelt hat. „Wir sollten uns grundsätzlich vor vorschnellen Urteilen hüten, aber umso schneller neue Evidenz und Lernerfahrungen in intelligentes Verhalten übersetzen. Bezogen auf die intelligente Nutzung von Daten, Statistik und aus Daten lernenden Systemen lautet ein wichtiger erster Hinweis: Bezogen auf die wichtigen Fragen zur Bekämpfung des Corona-Virus leben wir auch in Zeiten von Big Data in bitterer Datenarmut“, schreibt der Autor des neuen Buches postdigital in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel.

Und wir leben immer noch in Zeiten, in denen wissenschaftliche Standards in der Corona-Krise fast panikhaft unterlaufen werden. Vor allem in der Kommunikation. So behauptet ein Marketingprofessor aus Münster, dass „die Leute“ nach Normalisierung schreien würden, also nach einer Aufhebung der
Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Ich konnte in meiner Umgebung keinen erkennen, der so etwas schreit. Jetzt bin ich nicht repräsentativ. Aber Formulierungen wie „die Leute“ sind immer etwas allgemein, profan und höchst unseriös.

Lustig sind auch geschilderte Beobachtungen von unterwegs, das man hie und da Menschen gesehen hat (beispielsweise in einem Naherholungsgebiet), die in Gruppen zusammen standen. Dann war wohl der Beobachter zumindest ein kleiner Bestandteil der Gruppe – wenn auch mit einiger Entfernung. Zumindest hat er das Naherholungsgebiet aufgesucht, wie die anderen von ihm beobachteten Menschen und sitzt mit seinem Empörungsjargon im Glashaus.

In großen Teilen der Bevölkerung werden die Corona-Maßnahmen von Bund, Ländern und Kommunen begrüßt – folgt man den Umfragen von Forschungsgruppe Wahlen und Co. Darauf kam vom Münsteraner Marketingprofessor eine Replik auf Facebook: „Die Leute schreien. Und widersetzen sich den Regeln. Manchmal muss man halt ein wenig hinschauen.“ Er meinte damit eine Äußerung von Cornelia Betsch gegenüber dem Spiegel. Angeblich würde es einen Zusammenhang zwischen steigender Mobilität der Bevölkerung und den sinkenden Zustimmungswerten zu den Corona-Maßnahmen der Politik geben.

Meine Antwort: Korrelation gleich Kausalität? Wir könnten jetzt noch eine dritte Kurve anfügen. Das wäre die Wetterkarte. Daraufhin sagte der Kollege von Frau Betsch auf Twitter: „Klar ist das schöne Wetter auch ein möglicher Grund für gestiegene Mobilität. Die Korrelation zwischen Mobilität und Risikowahrnehmung ist dennoch beträchtlich, und ein kausaler Zusammenhang plausibel. Schließt sich sich nicht gegenseitig aus“, schreibt Frank Schlosser (Twittername @franksh_). Den genauen Prozentwert konnte er mir dann nicht nennen, zumindest nicht bis zum Abgabetermin meiner Kolumne. Auf der Infografik kann man nur eine kleine Veränderung der Zustimmungswerte erkennen. Die publizierten Thesen wurden wohl gewaltig aufgeblasen. Die präzisen GPS-Daten der Netzbetreiber mit einer Panel-Online-Umfrage zu korrelieren, ist ein gewagtes Unterfangen – höflich ausgedrückt. Es gibt auch Zufälle oder Kontingenz, werte Wissenschaftler. „Jedes menschliche Problem hat viele Lösungen, und Humanität beweist sich in dem Mut, den eingeschlagenen Weg konsequent, aber in dem Bewusstsein zu gehen, dass es auch andere Wege gibt, die nicht weniger berechtigt sind.“ Das Zitat des leider Publizisten Henning Ritter sollten wir in Post-Corona-Zeiten noch einmal vertiefen. Lärmende Besserwisserei sollte in öffentlichen Diskursen dann nicht mehr praktiziert werden – auch nicht von Marketingprofessoren.

P.S. Mit Die-Leute-Stigmatisierungen bekommen wir die Impfquote nicht hoch. Das ist aber der einzige Weg, um aus dem Pandemie-Schlamassel rauszukommen.

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