Glücksniveau auf einem historischen Tiefstand – Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Lage erzielt Rekordwert #Glücksatlas

Corona habe den Menschen in Deutschland offenbar heftig aufs Gemüt geschlagen: „Der neue „Glücksatlas“ zeichnet das Bild eines genervten Landes, die Lebenszufriedenheit sei so gering wie lange nicht mehr. Die Lebenszufriedenheit der Deutschen befindet sich einer Umfrage zufolge auf einem historischen Tiefstand. Im neuen ‚Glücksatlas‘, der in Bonn veröffentlicht wurde, wird das deutsche ‚Glücksniveau‘ im Jahr 2021 nur noch mit 6,58 Punkten angegeben. Das ist noch weniger als im Jahr zuvor (6,74 Punkte) – und der niedrigste Stand seit Beginn der Erhebung 1984″, berichtet die Tagesschau.

Der bisherige Tiefstwert war 2004 erreicht worden (6,65 Punkte) – in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen. 2019, also vor der Corona-Pandemie, hatten die Deutschen ihre Lebenszufriedenheit im Schnitt noch mit 7,14 Punkten angegeben. Das war damals Rekordniveau.

Bei der wirtschaftlichen Situation ergibt sich ein ganz anderes Bild. Das habe ich in meiner Kolumne fürs prmagazin dargelegt unter dem Titel: Klassische Medien im Verbund mit Twitter und Co. verzerren die Wirklichkeit

Das von der Demoskopin Elisabeth Noelle beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Diese These stresste ich in den vergangenen Jahren in vielen Veröffentlichungen. Doch das muss ergänzt werden.

Folgende Fragen sollte man wissenschaftlich näher beleuchten: Wie agieren kleine und besonders aktive Gruppen im Social Web und welche Netzwerkeffekte erzielen sie? Wie oft werden Inhalte von klassischen Medien rezipiert und welchen Stellenwert haben Quellen jenseits des Journalismus? Wie groß ist die Relevanz von digitalen Diensten – also News Aggregatoren, Suchmaschinen, Bewertungsplattformen? Gibt es noch eine eine Übereinstimmung von veröffentlichter und öffentlicher Meinung?

Was passiert, wenn Twitter und Co. vor allem den politischen Medientenor nur verstärken und es fast unmöglich für die Bevölkerung machen, Primärquellen wahrzunehmen und den Erregungsüberschuss im Netz mit Distanz, Nüchternheit und Skepsis wahrzunehmen. Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine kritische Urteilskraft jenseits von reißerischen Überschriften, Pöbeleien, Beleidigungen, Zynismus und Verdrehungen? 

Im Wust der Tweets und Postings überschlagen sich auch Journalisten im Kampf um die Deutungshoheit und in der Sucht nach Aufmerksamkeit. 

Die Bildung öffentlicher Meinung wird so immer mehr zum Spielball von besonders sendungsbewussten und netzwerkmächtigen Akteuren, die mit ihren Agitationen besonders erfolgreich sind, wenn eine Überprüfung der Faktenlage schwierig, zweitaufwändig oder schlichtweg ermüdend ist – etwa beim Studium von Wirtschaftsstatistiken. Auch bei Themen wie Krieg und internationale Konflikte funktioniert die Verzerrung der Wirklichkeit wie geschnitten Brot – PR, Spin-Doktoren mit ihren Einflüsterungsmärchen und Medien führen zu einer ungeprüften öffentlichen Meinung. 

Da das eigene Erfahrungswissen für die Bildung der individuellen Meinung und somit der Bevölkerungsmeinung jedoch ein wichtiger Faktor ist, scheinen komplexe und schwer überprüfbare Sachverhalte wie beispielsweise Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik ein Schlachtfeld für Meinungskämpfe zu sein. Besonders eklatant ist das bei Themen, die man zumindest in Ansätzen mit seiner eigenen Lage abgleichen kann. So beurteilen nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 70 Prozent der Befragten in Deutschland im August 2021 ihre wirtschaftliche Lage als gut, 23 Prozent votieren teils-teils und nur 7 Prozent werten ihre Situation als schlecht. Seit der Finanzkrise 2008 geht die Kurve mit den positiven Aussagen zum eigenen wirtschaftlichen Status quo nur nach oben. 

Vor 13 Jahren – also ungefähr zum Regierungsantritt von Angela Merkel – stuften nur rund 40 Prozent ihre Lage als gut ein. Ganz anders wird die wirtschaftliche Entwicklung im Ganzen wahrgenommen. Hier gibt es seit 2009 nur vereinzelt Zeitabschnitte, in denen eine positive Wirtschaftsentwicklung verortet wird. Ein positives Delta wie bei der Abschätzung der eigenen Wirtschaftslage zwischen 70 und 7 Prozent gab es im vergangenem Jahrzehnt bei der allgemeinen Wertung der Wirtschaftslage nie. Nah- und Fernsicht klaffen also weit auseinander. Ausführlich nachzulesen in der November-Ausgabe des prmagazins.

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