Glaubenskongregation der Makroökonomie: Wenn man die Bäume vor lauter Wald nicht sieht, Störungen der Weltwirtschaft ignoriert oder als Übergangsphänomen klein redet


Makroökonomen sind schlechte Menschenkenner. Sie scheitern in schöner Regelmäßigkeit als
Konjunkturforscher und als Konjunkturpolitiker. Das schrieb ich im Jahr 2012, also ein paar Jahre nach der Finanzkrise. In dieser Zeit gaben sich einige Wirtschaftswissenschaftler auf Fachtagungen ein wenig demütig und zerknirscht ob des Prognoseversagens 2007/2008. Lange angehalten hat die Zerknirschung nicht.

Die liebwertesten Gichtlinge der Globalsteuerung sollten sich an die Verlautbarungen aus den 1970er erinnern. Da wurde der Konjunkturzyklus dank des Einsatzes von geldpolitischen Instrumenten für Tod erklärt. Als Ergebnis dieser Planungshybris ernteten wir Stagflation – also Stagnation, Rekordarbeitslosigkeit und Inflation. Die Klempner der Makroökonomie scheitern regelmäßig an den Unwägbarkeiten von Einzelentscheidungen, die häufig irrational aus dem Bauch getroffen werden. Sie können noch nicht einmal eindeutig den Verlauf der Konjunktur für ein Jahr vorhersagen. Warum soll das dann beim Einsatz von makroökonomischen Instrumenten in der Konjunkturpolitik besser laufen?

Wer Innovationsschübe verpennt, stürzt ab

Wie Finanzindikatoren, sowie das ganze Börsen- und Schulden-Spektakel auf die Realwirtschaft
durchschlagen, ist ungewiss. Darauf machte bereits in den 1930er Jahren der Ökonom Joseph A.
Schumpeter aufmerksam. Makroökonomen würden sich nur mit Aggregaten beschäftigen, also mit der
Gesamtsumme der Mittel, die Volkswirtschaften für den Konsum und für Investitionen aufwenden.
Einzelne Unternehmer, Firmen, Branchen und Konsumenten verschwinden aus dem Blickfeld. Die
Rolle von Innovationen werde heruntergespielt, bemängelte Schumpeter, der sich mit seinen
konjunkturpolitischen Abhandlungen leider nicht aus dem Schatten von John Maynard Keynes lösen
konnte.

An den Rekordumsätzen und Gewinnen, die Apple selbst nach dem Ausbruch der Lehman-
Krise erzielte, erkennt man, wie falsch die Zauberlehrlinge der Makroökonomie ausgerichtet waren. Es gibt eine recht einfache Regel: Wer strategische Fehler macht und Innovationsschübe verpennt, stürzt ab:
Beispiel Blackberry. Das gilt aber nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern auch für
Volkswirtschaften. Da helfen auch Schulden nicht weiter. Der einseitige Blick auf die Erschütterungen von Börsen und Währungen ist nicht gleichzusetzen mit dem, was wirklich passiert: „Die meisten ökonomischen Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Motive wie das Streben nach mehr Konsum oder Einkommen. In der Wirtschaftswissenschaft von heute geht es jedoch nicht nur um Geld und viele Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass auch nicht-finanzielle Motive untersucht werden sollten”, schreiben George A. Akerlof und Rachel E. Kranton in ihrem Buch „Identity Economics”.

Normen, die unser Verhalten beeinflussen, hängen von unserer Position in einem bestimmten sozialen Kontext ab. Es gibt also eine Vielzahl von Wechselwirkungen, die berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu treffen, so meine Ausführungen vor knapp zehn Jahren.

Störungen des globalen Handels

Hoffnungen setzen die Ökonomen Oliver Holtemöller und Chris­tia­ne Baumeister auf die Entwicklung multi­di­men­sio­na­ler Wirt­schafts­in­di­ka­to­ren: „Das sind Indi­ka­to­ren, die sich nicht nur mit einem bestimm­ten Teil­as­pekt der Welt­wirt­schaft befas­sen, wie etwa der indus­tri­el­len Produk­ti­on, sondern ein Gesamt­bild der welt­wirt­schaft­li­chen Lage anstre­ben. Wich­ti­ge Fakto­ren für diesen Zweck sind neben der Indus­trieproduktion Kauf­er­war­tun­gen von Konsu­men­ten, Ölpreis­er­war­tun­gen auf Finanz­märk­ten, die Höhe des Trans­port­auf­kom­mens und des Ener­gie­ver­brauchs sowie verschie­de­ne Finanz- und Risi­ko­in­di­ka­to­ren. Die Infor­ma­tio­nen aus ganz unter­schied­li­chen Berei­chen des Wirt­schafts­le­bens tragen zu einer umfas­sen­de­ren Moment­auf­nah­me bei, was dann auch zu genaue­ren Progno­sen führt. Ein weite­rer Vorteil dieses gesamt­heit­li­chen Ansat­zes besteht darin, dass man den Beitrag der einzel­nen Kompo­nen­ten ermit­teln kann und daher genau weiß, welche Fakto­ren wie stark zur momen­ta­nen Wirt­schafts­la­ge beitragen“, schreiben Baumeister und Holtemöller in einem FAZ-Gastbeitrag. „Durch die Globa­li­sie­rung haben welt­wei­te Entwick­lun­gen in den vergan­ge­nen Jahr­zehn­ten deut­lich an Stel­len­wert gewon­nen, da sie die natio­na­len Wirt­schafts­ab­läu­fe erheb­lich mitbe­stim­men. Auch Inlands­pro­gno­sen profi­tie­ren deshalb von der Einbe­zie­hung globa­ler Indikatoren.“

In kaum einen anderen Land ist die internationale Ausrichtung der Unternehmen so ausgeprägt wie in Deutschland. Etwa bei den mittelständisch geprägten Hidden Champions, die rund 90 Prozent ihrer Umsätze im Ausland erzielen.

Die Störungen des globalen Handels, die wir zur Zeit erleben, lassen sich nicht mit simplen staatlichen Ausgabenprogrammen oder einer weiteren Lockerung der Geldpolitik lösen. Jetzt müssen die Makroökonomen aufpassen, nicht prozyklisch die Krise im internationalen Geschäft zu verschärfen. Die Angebotsseite muss zur Zeit massive Probleme lösen: Vom Chipmangel, über fehlende LKW-Fahrer bis hin zu generellen Schieflagen im Logistikprozess.

Hier passieren Dinge im betriebswirtschaftlichen Maßstab, die aber die Weltwirtschaft im Ganzen betreffen.

Mit den unpräzisen Instrumenten der Geld- und Fiskalpolitik läuft man zur Zeit ins Leere. Hier sehen die Makroökonomen die Bäume vor lauter Wald nicht mehr. Und das wird einigen Wirtschaftsforschern und wirtschaftspolitischen Beratern noch kräftig auf die Füße fallen.


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