„Das warme Blut frisch auf den Händen, der süßlich metallene Duft, andachtsvolle Stille im Schlachthof. Und das Leben fordert Fleisch.“ #DasLiterarischeSommerinterview mit Klaus Weise in Bonn-Duisdorf

 „Das Licht wurde ausgeknipst, zwei kräftige Männerhände packten mich, hoben mich nach oben unter die Decke, als wäre ich leicht wie eine Feder, und ich, reflexartig den Schwung ausnutzend, streckte meine Arme aus, umfasste einen schwarzen Räucherspieß, hielt mich fest – und hing im Himmel. In einem Himmel aus Schinken, Wurst und Speck.“ Das Kind, das da aus Jux hoch oben zu den Würsten in der elterlichen Metzgerei gehängt wird, kommt auf naheliegende Gedanken: „Ich war allein. Verlassen. Eingesperrt. Wo war meine Mutter?“

Wenn ein Roman so beginnt, ist es wohl unmöglich, nicht weiter lesen zu wollen.

Der ehemalige Bonner General­intendant Klaus Weise, geboren am 9. Dezember 1951 in Gera, stimmt den Leser auf den ersten Seiten seines Buches „Sommerleithe: Wortbegehung einer Kindheit diesseits und jenseits der Zonengrenze“ (Elsinor, 311 S., 24 Euro) auf eine ereignisreiche, schonungslose und blutige Zeitreise in die 1950er und 1960er Jahre ein. Die Metzgerei ist in diesem Szenario realer Schauplatz und Symbol zugleich.

„Sprach- und bildermächtig rekonstruiert der Autor prägende Erfahrungen seiner Biografie. Die Flucht der Familie aus der DDR in die Bundesrepublik 1958 führt zur Begegnung mit einer fremden Welt“, schreibt der General Anzeiger in einer Rezension.

„Ich bin zwischen meinem Jetzt-Ich und meinem Damals-Ich hin- und hergeswitcht, und oft hatte ich das Gefühl, ich bräuchte nur die Haustür zu öffnen und wäre wieder mitten drin in der Welt der Kindheit und Jugend. Wenn man kein Theater-Ensemble mehr hat, auch das ein furchtbarer Riss, spiele ich eben – statt auf der Bühne mit den Menschen und einem Fremd-Text – mit den Menschen meiner Erinnerung und meiner Fähigkeit, sie und mich in einen Eigen-Text, in einen inneren Monolog, zu verwandeln. Insofern gibt es eine Analogie: der Verlust der Heimat der Kindheit und der Verlust der Heimat des Theaters“, so Weise im Interview mit dem General Anzeiger.

Die erste Schlachtung, wird im Roman von Weise so geschildert:

„Das warme Blut frisch auf den Händen, der süßlich metallene Duft, andachtsvolle Stille im Schlachthof. Und das Leben fordert Fleisch.“

Ich kann das nachvollziehen, weil ich als kleiner Junge mit meiner Oma „Urlaub“ machte bei Verwandten, die eine Metzgerei in Cuxhaven hatten. Fast jeden Tag wurden Schweine geschlachtet. Ab und zu ein Rind. All das neugierig verfolgt. Die Nervosität der Tiere, das Drama der Rinderschlachtung.

Sinnliche und verstörende Erfahrungen der Kindheit sind zentrale Erzählstränge des Romans von Klaus Weise, Theater- und Filmregisseur, Theaterintendant, Dramatiker und Drehbuchautor, wurde 1951 in Gera geboren. 1958 flieht die Familie aus der DDR und gelangt über Aachen, Frankfurt am Main und Wuppertal nach Mülheim an der Ruhr. Weise studiert an der Hochschule für Fernsehen und Film München. 1986 wird er nach einer Regieassistenz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Leitender Regisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus, 1989 Schauspieldirektor am Staatstheater Darmstadt, 1991 Intendant und Regisseur in Oberhausen; von 2003 bis 2013 leitet er das Theater Bonn als Generalintendant und Regisseur für Oper und Schauspiel. Weise lebt mit seiner Frau, der Malerin Johanna Hess, in Bonn. 

Heute Abend sprechen wir – also der Verleger Paul Remmel und ich – mit Klaus Weise. #DasLiterarischeSommerinterivew in Bonn-Duisdorf.

Man sieht sich in Bonn-Duisdorf. Oder man hört, sieht und streamt sich im Netz 🙂

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.