Wie aktivistisch darf Wissenschaft sein?

Obwohl vielen Vertretern der Wirtschaftswissenschaften klar ist, dass man politisch nicht im luftleeren Raum operiert und es in sozialwissenschaftlichen Themen fast immer um normative Fragen geht, sehen sich die viele Ökonomen dennoch als politisch neutral. Dazu führte ich vor einiger Zeit mit Rüdiger Bachmann, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana, ein längeres Interview.

Man würde das komplette parteipolitische Spektrum auch bei den Ökonomie-Professoren finden. „Der akademische Mainstream ist bei normativen Fragen zurückhaltender. Man kann Modelle oder Daten erst einmal sprechen lassen ohne direkt abzutesten, welche politischen Implikationen das nach sich zieht“, so Bachmann in einem Streitgespräch mit dem Autor der Notiz-Amt-Kolumne.

Auf meine Intervention, ob das nicht pharisäerhaft sei, sich hinter Modellen zu verstecken, antwortete Bachmann, das habe mit Pharisäertum nichts zu tun, das ist wissenschaftlich. „Ich habe da keine politische Agenda.“ Man könne Ökonomik betreiben mit einem Minimum an normativer Ausrichtung. Protagonisten, die sich von der herrschenden Lehre abwenden, werden aber nicht als Methoden-Kritiker gewertet, sondern vom Mainstream abgewatscht. Bachmann sprach von politischer Agitation. Der frühere Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, Professor Achim Wambach, sieht das ähnlich. „Der pluralen Ökonomenbewegung geht es vielfach mehr um Politik als um Wissenschaft, da schwingt oft eine markt- und kapitalismuskritische Agenda mit.“

Sind dann die Mainstream-Ökonomen rechts und reaktionär, wenn das andere Lager doch angeblich links ist? Diese Stigmatisierungen führen zu nichts. So wertet Professor Lutz Becker, Studiendekan der Hochschule Fresenius in Köln, die Disputation mit Bachmann:

„Da wird, wenn es um die Pluralen geht, in politischen Kategorien wie rechts und links argumentiert, die in meinen Augen – trotz einer aktuellen Renaissance – historisch obsolet sind.“ Dann gehe es in den Antworten des Mainstream-Ökonomen direkt wieder auf eine empiristische Argumentationslinie. Das sei auch nicht schlüssig, weil beispielsweise mit der Gewichtung von Faktoren riesige Hintertüren offen bleiben. „Oder anders: Man beruft sich auf Daten, verfolgt aber de facto und durch die Hintertür interpretative Zugänge, die aber dann ausgeblendet oder gar scharf zurückgewiesen werden.“

Becker fehlen in den Aussagen von Bachmann sowohl die Verortung der Mainstream-Ökonomik als auch der schlüssige rote Faden in der Argumentation. Bleibt das Argument von Wambach und Co. übrig, dass es ja mit der Verhaltensökonomie in Kombination mit neurowissenschaftlicher Kleckskunde, mit Institutionenlehre, Spieltheorie und finanzwissenschaftlichen Modellen genügend Ansatzpunkte für Methodenvielfalt im Mainstream gibt.

Rechtfertigungserzählungen der herrschenden Lehre

Aber auch das ist eine dürftige Replik. Es sind Rechtfertigungserzählungen. Bei den verhaltensökonomischen Laborexperimenten denkt man, den homo oeconomicus besser zu verstehen. Man hat ein wichtiges Defizit im klassischen Ansatz gekittet und alles ist wieder in bester Ordnung.

„Die Ökonomie hat ihr Standardmodell, dann wirft man ihr irgendetwas vor: Kein Problem, das kriegen wir gefixt. Jetzt machen wir Experimente, jetzt haben wir doch einen sehr viel differenzierteren homo oeconomicus. Aber was sie eben nicht leistet in einer Zeit des massiven Umbruchs, ist Orientierung.  Diese Welt, in der wir heute leben, ist ja in einer ganz massiven Form durch die Ökonomie geprägt. Jetzt merken wir, dass ganz viele Dinge auf uns zukommen, die eine gewaltige neue Herausforderung darstellen“, so Professor Uwe Schneidewind in einer Diskursreihe der D2030-Initiative. 

„Die ökonomischen Dynamiken treiben die ökologische Sache immer noch in die falsche Richtung. Aber auch Fragen wie die Digitalisierung. Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten zu tun, wir haben mit Produktivitätssprüngen zu tun, die vermutlich das Maß vorangegangener technologischer Wenden noch mal überwinden. Jetzt würde man sich ja eine Ökonomie wünschen, die vor denkt. Was heißt das? Auch so etwas wie Grundeinkommen, wie organisieren wir unseren Sozialstaat? Das sind ganz neue Formen. Was ist denn eigentlich mit der Geldwirtschaft in einem Zeitalter von Bitcoin? Also wenn es vielleicht gar keine Zentralbanken mehr gibt und braucht. Also ganz viele Fragen.“

Experimente in Boxen

Mainstream-Ökonomen wirken nicht als öffentliche Intellektuelle. Sie versagen als Orientierungskompass und verkriechen sich mit ihren teilweise irrelevanten Experimenten in Boxen und kanzeln Kritiker als linke Spinner ab, die mit statistischen Verfahren und Mathematik auf Kriegsfuß stehen. Wenn man tradierte Ökonomen mit empirischen Methoden in ihrem Modellplatonismus zerlegt, reden sie sich mit Rechenfehlern heraus oder verweisen auf notwendige Vereinfachungen in den Berechnungen.

Dahinter stecken Immunisierungsstrategien, um sich einer  wissenschaftstheoretisch sauberen Überprüfung zu entziehen. Hans Albert hat das in seiner Schrift „Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen“ ausführlich dargelegt: 

„Eines der beliebtesten Mittel, ökonomische Aussagen zu tautologisieren und sie damit empirischer Überprüfung zu entziehen, ist die Verwendung der so genannten ceteris-paribus-Klausel. Wenn ein ökonomisches ‚Gesetz‘ unter Anwendung dieser Klausel formuliert wird, dann ist der mehr oder weniger offenkundige Zweck dieser Einschränkung der, dieses Gesetz vor Falsifikation zu schützen. Wenn ein dem ‚Gesetz‘ widersprechender Fall aufgezeigt werden kann, dient die Klausel sozusagen seiner ‚Rettung‘ durch Aufweis eines Faktors, der nicht konstant geblieben ist.“ Beim so genannten Vorsorge-Paradoxon muss ma auch aufpassen, nicht in eine beliebige Teflon-Strategie abzurutschen. In der profanen Variante wird häufig behauptet, dass das Ausbleiben einer Katastrophe der Beweis für den Erfolg von Schutzmaßnahmen ist, niemals ein Beleg für deren Überflüssigkeit. Das hat schon eine theologische Dimension: Wenn ich die Nichtexistenz von Gott nicht belegen kann, ist es der Beweis für die Existenz Gottes. Dieser Gipfel der Unlogik hat sehr viele Vorteile: Man kann damit alles beweisen: Ufos, die heilende Kraft von Schlümpfen, Stimmen aus dem Jenseits oder Engel. Ihr könnt diese Reihe nach Eurem Gusto fortschreiben.

Wann stellt die Wirtschaftswissenschaft wieder spannende Fragen?

Kommen wir zur Ökonomik zurück: Man kann normativ, plural oder heterodox unterwegs sein und gleichzeitig etwa in der Bewertung von Szenarien mit statistischen Verfahren arbeiten. Was generell fehlt, ist nach Meinung von Schneidewind eine Ökonomie, die spannende Fragen stellt: „Das ist der Grund, warum ich gerne an die Uni gehe, weil ich merke: Wow, die behandeln da genau die richtigen Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Von dorther wird man dann sehen, dass die Ökonomie automatisch pluraler und sehr viel interdisziplinärer sein muss. Etwa beim digitalen Wandel. Das bekommt man nur in den Griff, wenn ich auch ein technologisches Verständnis habe, wenn ich mich mit den sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen Dynamiken auseinandersetze. Dadurch wird das also sehr viel multidisziplinärer und es findet idealerweise auch ein ganz intensiver Austausch mit Leuten statt, die diese Prozesse gestalten. Plötzlich kommen auch Unternehmen und Unternehmer gerne in Unis, um mitzudiskutieren, weil sie merken: Das hilft ihnen.“ Das sei heute alles nicht gegeben, weil sich das Fach nur über seine Methode definiert.

„Du kannst heute Karriere in dem Fach machen, wenn du die irrelevantesten Fragen ökonomisch sauber behandelst“, kritisiert der ehemalige Präsident des Wuppertal-Instituts und heutige Oberbürgermeister von Wuppertal. Da gebe es keine Inspiration – beispielsweise für die Politik. „Wenn die Merkel den Sachverständigenrat weglächelt, weil sie sagt: Hey, das kann ich sowieso gleich in die Kiste schmeißen, weil es mir für meine Wirtschaftspolitik keine Orientierung gibt. Und wenn du einen Management-Praktiker fragst, wann er zum letzten Mal aus der Management-Lehre der BWL-Fakultäten einen Impuls bekommen hat, dann muss der ganz lange überlegen, wenn ihm überhaupt irgendetwas einfällt. Diese komplette Inspirationslosigkeit des Faches kann ich nur dadurch drehen, indem ich wieder die richtigen Fragen stelle. Dann ergibt sich der Rest von selbst“sagt Schneidewind.

Die Ursache sieht Schneidewind im Reproduktionsmodus des akademischen Systems. Nach den Reformwellen in den 60er und 70er Jahren, die sehr stark sozialwissenschaftlich und kritisch geprägt waren, kam eine Gegenbewegung mit einem naturwissenschaftlichen Paradigma. Am Ende verödet halt die Ökonomik an Monotonie.

Bei all den Unmöglichkeiten, wirklich neutrale und werturteilsfreie Positionen zu beziehen, finde ich es dennoch wichtig, möglichst ohne Agitation oder Ideologie sozialwissenschaftlich zu arbeiten. Da bin ich zu sehr geprägt worden von Karl Popper und Hans Albert.

Bekenntnis zum kritischen Rationalismus

Was ich darzulegen versuchte ist die Unmöglichkeit, aus einer wertenden Sicht des Weltgeschehens herauszukommen. Jeder Mensch trägt sozusagen einen wertenden Rucksack mit sich herum via Erziehung, Prägung, Konditionierung, Lebenslauf, Begegnungen mit Menschen, Lektüre, Gespräche, Rituale, Ausblendungen, Verzerrungen, Rückschaufehler, Reduktion der Wirklichkeit, konstruierte Realitäten, Zufälle, falsche Gewichtung von Ursache und Wirkung, Verwechslung von Kausalitäten und Korrelationen, Unkenntnis, beschränkte Aufnahmefähigkeiten und dergleichen mehr. All das trübt unseren Blick und führt zu Werturteilen – manchmal bewusst, manchmal unbewusst.

Dennoch bekenne ich mich zum kritischen Rationalismus und zum antidogmatischen Wissenschaftsbegriff, den Hans Albert geprägt hat:

„Jegliche Geschlossenheit in Ideologien, jede Abschirmung des Denkens gegen systematische Prüfung, relevante Kritik, empirische Evidenz rationale Analyse und Dogmen wie Deutungsmonopole behauptete Erkenntnisprivilegien und absolute Wahrheitsansprüche, die Enge ideologischer Korridore, Letztbegründungen sowie jegliche ‚Konsensus-Euphorie‘ lehnt Albert ab“, schreibt Arpad-Andreas Sölter in seinem Beitrag „Philosophie ohne archimedischen Punkt“ im Band „Begegnungen mit Hans Albert“. Was folgt daraus nach Ansicht von Albert?

Ein Plä­doyer für präzise Begriffe (keine Phrasen), Thesen und Theorien (ökonomische Theoriear­beit), um Wissen immer wieder kritisch prüfen zu können (Falsifikations­prinzip).

„Bis heute finden diese Grundregeln des Kritischen Rationalismus in der sozialwissenschaftlichen Arbeit Verwendung: 1. Aufstellen von ab­strakten, präzisen Modellen, 2. Aufsuchen allgemeiner Kausalzusammen­hänge, 3. Verwendung möglichst realistischer Annahmen und präziser Be­griffe und Theorien, 4. Prüfung und Systematisierung von Theorien und 5. Unmöglichkeit letzter normative Aussagen in der wissenschaftlichen Arbeit (Albert 1956; 1957; 1965)“, erläutert Andrea Maurer zum 100. Geburtstag von Hans Albert.

In diesen fünf Schritten geht es eben nicht um die Suche nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise, sondern um Widerlegungen. Das ist ein hehres Ziel: Sollte aber auch in wichtigen politischen Fragen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Armut und vielen weiteren Punkten der Maßstab für wissenschaftliches Arbeiten und der Kompass für Politikberatung sein.

Mit Aktivismus und Gesinnungen hab ich meine Probleme. Da stecken zu viele Basta-Urteile drin und wenig Verständnis für die Komplexität unserer Welt.

Siehe auch:

Darf Wissenschaft aktivistisch sein?

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