#Notizzettel Schumpeter-Session an der Uni Bonn

Vergangene Woche angefragt, heute der Termin. Fragen zu meinem Beitrag im Schumpeter-Buch „Schöpferische Zerstörung“.

Wie biographisch bekannt ist, hat J. A. Schumpeter, als er im Sommer 1932 Deutschland verließ, um dem Ruf an die Harvard-University zu folgen, 28 Koffer im Jülicher Elternhaus seiner Lebenspartnerin Mia Stöckel deponiert und schließlich dort zurückgelassen. Mit ihnen „ … ließ (er) auch die meisten seiner auf Deutsch geschriebenen Arbeiten zurück“.

„Wenn diese Koffer zwar nicht der Bombardierung Jülichs – wie bisher angenommen wurde –, sondern überwiegend kriegsbedingten Plünderungen zum Opfer gefallen sind, so hat die Werkforschung angesichts dieses Verlustes wohl zu fragen, ob wir uns Schumpeters Wirken in der Bonner Jahren 1925-1932 schon hinreichend erschlossen haben. Ich habe hierzu in Jahren 1996 und 1997 recherchiert und damals zunächst mit Interesse festgestellt, dass Schumpeter in seiner Bonner Zeit auch eine beachtliche soziologische Lehr- und Vortragstätigkeit entfaltet hat. Wie Arthur Spiethoff berichtet, hatte Schumpeter sich bei den Berufungsverhandlungen auch einen soziologischen Lehrauftrag ausbedungen“, schreibt Ulrich Hedtke.

Die nachstehende Tabelle informiert an Hand der Bonner Vorlesungsverzeichnisse über die entsprechenden Lehrveranstaltungen:

SoS 1926 Staat und Gesellschaft (Hauptprobleme der Gesellschaftslehre)

WS 1926/1927 Gesellschaftslehre

SoS 1927 Die sozialen Klassen

WS 1927/28 Soziologische Übungen über das Problem der sozialen Klassen

SoS 1928 Gesellschaftslehre

SoS 1928 Gesellschaftswissenschaftliches Seminar

WS 1928/29 Soziologie mit besonderer Berücksichtigung der Theorie der sozialen
Struktur

SoS 1929 Gesellschaftswissenschaftliches Seminar

WS 1929/30 Ausgewählte Probleme der Gesellschaftslehre

SoS 1930 Philosophisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit
den Herren Prof. Kern und Rothacker

WS 1930/31 Philosophisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit
den Herren Prof. Curtius, Kern und Rothacker

SoS 1931 Probleme und Methoden der Soziologie

SoS 1931 Philosophisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit
den Herren Prof. Kern und Rothacker

WS 1931/32 Philosophisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit
den Herren Prof. Kern und Rothacker

SoS 1932 Ausgewählte Probleme der Soziologie

SoS 1932 Philosophisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft gemeinsam mit
den Herren Prof. Kern und Rothacker

SoS 1932 Klassen und Klassenkampf (für Hörer aller Fakultäten)

„Wie aus den Vorlesungsverzeichnissen der Universität ersichtlich, hat Schumpeter etwa ein Drittel seiner Lehrkapazität der Soziologie gewidmet und sich im Sommersemester 1932 mit einer Lehrveranstaltung zum Thema Klasse und Klassenkampf (für Hörer aller Fakultäten) soziologisch aus Bonn verabschiedet. W. F. Stolper hat in seinem Schumpeter-Buch ausgehend von seinen damaligen persönlichen Notizen auf einen Abschiedsvortrag Schumpeters bei der PAV zum Thema ‚Tendenz zum Sozialismus‘ hingewiesen. Da Stolper sich – 60 Jahre später – nicht mehr erinnern konnte, um welchen Gesprächskreis es sich dabei gehandelt hat, sei hier gesagt: PAV steht für Politisch-Akademische Vereinigung an der Universität Bonn. Die PAV wurde im Wintersemester 1928 unter Beteiligung einer großen Anzahl von Mitgliedern des Lehrkörpers gegründet und hat Diskussionsabende in den Räumen und mit den Mitteln des Instituts für internationales Recht und Politik an der Universität Bonn durchgeführt“, so Hedtke.

Agrargesellschaft, Industriekapitalismus, Deindustrialisierung seit den 1960er Jahren, Dienstleistungen, Niedriglohnsektor, Wissensökonomie, digitaler Plattform-Kapitalismus.

Rolle der Unternehmerin, des Unternehmers. Man sieht die Bäume vor lauter Wald nicht.

Innovationsfaktoren.

Grenzen der Makroökonomie. Keynes versus Schumpeter.

Neue Theorie der Innovation.

Mehr Schöpfer denn Zerstörer.

Schumpeter sieht sicherlich Tendenzen zur Bürokratie und zu Machtverkrustungen in großen Organisationen. Dafür gibt es ja eine Vielzahl von empirischen Befunden. Wichtiger im Werk von Schumpeter ist jedoch die Identifikation von Typologien und Eigenschaften, um Innovationen hervorzubringen. Ausführlich nachzulesen in meinem Beitrag „Wenn Volkswirtschaften in Routinen ersticken“ für den Band „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums“, erschienen im Metropolis Verlag.

Letztlich ist es der Urtypus des Schumpeterschen Entrepreneurs, der näher betrachtet werden sollte und nicht die Betriebsgröße eines Unternehmens. Jesko Dahlmann ist dieser Frage in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters“ nachgegangen.

Urtypus für Innovationen

Der von Dahlmann beleuchtete Urtypus ist anti-hedonistisch, Antreiber eines kreativen Kapitalismus, gepaart mit höheren Ambitionen, die nicht dem Diktat des Profits folgen. Solche Persönlichkeiten sind mehr Schöpfer als Zerstörer. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen, denn ein langfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch neuartige und qualitativ bessere Produkte, neue Produktionstechniken“, schreibt Dahlmann.

Wer sich durch innovatives Wirken einen Vorsprung erarbeitet hat, kann auch seine Belegschaft besser entlohnen. Ein Mensch mit tatkräftiger Vision könne bereits hinreichend sein, um andere mitzuziehen und die Wirtschaftswelt nachhaltig zu verändern. Um das zu erreichen, müsse eine außergewöhnliche Phantasie mit Scharfsinn gepaart sein, um die günstigen Umstände, den passenden Moment und vor allem die richtige Idee zu erkennen. Hinzu kommt Wissen, wie man eine geeignete Idee umsetzt, wozu nicht nur Talent gefordert ist, sondern auch Verstand. Dazu zählen tiefe Erkenntnisse über den Gegenstand des Anwendungsgebietes. 

Schumpeter war bestrebt, die Wirtschaftstheorie zu revolutionieren, ihr einen Weg aus der Enge der ökonomischen Statik zu weisen und sie in Richtung Dynamik zu öffnen. Dies verlangte die Aufgabe zahlreicher überlieferter Denkgewohnheiten und Glaubenssätze. Wie der Keynes der General Theory versuchte er die Mainstream-Doktrin seiner Zeit zu überwinden und an ihre Stelle eine Analyse zu setzen, die das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Ökonomie aufspürt und analytisch erfasst.

O-Ton Schumpeter: „In der großen Einheit, in der Trustorganisation, zeigt sich nun eine Erscheinung, welche die Unternehmerfunktion zwar nicht in ihrem Wesen verändert, wohl aber in ihrer Bedeutung einschränkt: die Mechanisierung und Bureaukratisierung der Willensbildung. Erfolg und Mißerfolg des Unternehmers der Konkurrenzwirtschaft, Leben und Tod seiner Unternehmung, hingen ab von seinem richtigen »Blick«, von der klaren Erfassung der Gestaltung der relevanten Dinge in der nächsten Zukunft, und von der Promptheit, mit der er daraufhin handelte. Entscheidung in immer neuer Situation ist auch die Grundfunktion des »Industriekapitäns« von 93heute. Aber immer mehr wird diese Entscheidung ihm dargeboten. Es geht ihm ähnlich wie dem modernen Feldherrn, der nicht mehr napoleonischen Spielraum für Blick und Willenskraft hat, sondern im wesentlichen nur ratifizieren kann, was ihm ein ungeheurer Apparat von spezialisierten Arbeitern vorlegt. Ergreifen der technischen Erfindung war eine der Hauptaufgaben des Unternehmers von ehemals –heute wird ihm die technische Neuerung, durchgerechnet bis in Einzelheiten, von seinen Ingenieuren aufgedrängt. Jener »Blick«, jene Divinationsgabe, ist durch den Rechenstift des Spezialisten ersetzt. Und das gilt nicht nur für die technische Seite der Sache. Es ist ebenso mit der kommerziellen. Reiz und Schwierigkeit richtigen Handelns lagen in der Unberechenbarkeit der Gestaltung der Daten. Heute, mit den Fortschritten des statistischen Materials und der statistischen Methoden, werden die Daten berechenbar.“

Finanzwissenschaftliche Vorlesung von Schumpeter in Bonn:

Die Umsatzsteuer /1-4/
Geschichte – die Umsatzsteuer in Deutschland – Ist die U. eine
direkte Steuer? – Überwälzung – Vor- und Nachteile –
Reformen

Die Erbschaftssteuer /4-12/
Geschichte – Die E. in Deutschland – englische Todessteuern–
Ökonomie und Soziologie der E. – die zehn Fragen Stamps –
E. und Sozialismus – soziales Prinzip – Gerechtigkeit – Rignanoplan
Die jüngste Finanzpolitik des deutschen Reiches und die Inflation /12-21/
Der Etat – Bismarck – Der Krieg – die Sanierung – Helfferich –
Rekapitalisierung – Staatsausgaben – Arbeitslosenfürsorge –
Gemeindeausgaben – Schliebenreform – Tabaksteuer
Vermögensteuer
Die Lehre von den Staatsausgaben /21-26/
Das Finanzwesen der Landesfürsten – der Liberalstaat – Wohlfahrtsstaat –
Grenznutzenniveau – produktive Staatsausgaben
Die Finanzpolitik einiger Großstaaten vor dem Kriege /26-54/
England – die Einkommensteuer – Frankreich – Italien–
USA – Japan – Russland – Österreich – Deutsches Reich–
Preußen
Kriegs- und Nachkriegspolitik der Großstaaten /54-56/
England – Frankreich – Italien – USA – Die Schulden des Weltkrieges –
Japan – Österreich
Kriegs- und Nachkriegspolitik Deutschlands /56-62/
Krieg – Vermögensabgabe – Kriegsgewinnsteuer – schwebende Schulden –
fundierte Schulden – Armortisationsmethoden – Konversionen
Anleihen und Papiergeldwirtschaft. Die Inflation /62-65/
Inflation – Darlehenskassenscheine
Der Finanzausgleich /65-69/
Verbrauchseinkommensteuer – wovon leben die Gemeinden?
Steuerwirkungen – Grundvermögensteuer
Begriff und Wesen der Gerechtigkeit im Steuerwesen /69-71/
Opfertheorien
Die Steuerüberwälzung /71-75/
Monopol – Rente und Quasirente – Elastizität– Konsumrente–
Arbeitslohnsteuer–Häusersteuer
Nachtrag: Einiges aus den Übungen /75-79/
Die Umsatzsteuer – die Überwälzung in der Praxis – Gesetz vom abnehmenden
Ertrag – Fixe und variable Kosten – Erbschaftsteuer – Böhm-Bawerks Zinstheorie – Kapitalexport und Arbeiterinteresse – Anleihen

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