@gaborsteingart und die Regressionsfalle: Aussagen über die Bundestagswahl #btw21

Die politischen Positionen des Publizisten Gabor Steingart sind häufig nicht nach meinem Geschmack. Ist ja auch kein Beinbruch. Aber bei der Wahlanalyse zu Sachsen-Anhalt hat er auf einen wichtigen Punkt hingewiesen: Das Problem der Rückschaufehler.

„Das menschliche Gehirn spielt uns die größten Streiche. Es neigt dazu, Ereignisse im politischen, im wirtschaftlichen und privaten Leben zu extrapolieren, also das einmal GeseheneGemessene und Gefühlte in die Zukunft zu verlängern…..Wenn eine Partei in den Umfragen über einen längeren Zeitraum zulegt – wie die Grünen – oder über einen längeren Zeitraum abnimmt – wie die Union – dann prognostiziert eine Mehrheit der Kommentatoren, dass die Grünen bald das Kanzleramt übernehmen werden und die Union ihre besten Zeiten hinter sich hat. Genau das nennen die Psychologen die Regressionsfalle, in die unser Denken immer wieder tappt. 

Wenn ein durchschnittlicher Golfer bei einem zweitägigen Turnier einen überdurchschnittlichen Start hinlegt, gehen wir davon aus, dass er auch am zweiten Tag eine gute Leistung zeigt. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass er wohl eher wieder ein normales Ergebnis bringt, weil das außerordentliche Glück des ersten Tages nicht anhalten wird. Für Sportreporter ist das keine Neuigkeiten.

Was der Wirtschaftsnobelpreisträger Dan Kahneman als Regression zum Mittelwert bezeichnet, bringt keine Schlagzeilen. Die Headline muss daher anders lauten: “Der Golfer zeigte Nerven und konnte dem Druck nicht standhalten”. Oder: “XY ist kein Siegertyp”. Oder auch: “Der Gegner zermürbte den Champion des ersten Tages”. Mit folgender Schlagzeile geben wir uns nicht zufrieden: “Der Golfer hatte ungewöhnlich viel Glück”. Da fehlt die kausale Kraft, die unser Intellekt bevorzugt.

Schaut man sich die Sonntagsfrage bundesweit aus, sollten wir die Ausschläge in der Zeitreihe mit Vorsicht genießen. Auch was Medien vor der gestrigen Landtagswahl berichtet haben, war kalter Kaffee:

„Die AfD wurde nicht stärkste Partei in Sachsen-Anhalt, wie von manchen prognostiziert. Die CDU hat stark zugelegt und nicht verloren, wie von vielen erwartet. Die FDP verschwindet nicht aus dem Landtag und das Wahlergebnis der Grünen ging nicht durch die Decke. Nahezu alle Medien befinden sich seit Wochen in der Regressionsfalle.“

Wunschdenken deshalb nicht mit der Realität verwechseln. Die Union wird sich bei über 30 Prozent bundesweit einpendeln. Die Grünen können froh sein, über 20 Prozent zu kommen. Keine normative Aussage, sondern Erfahrungswerte eines alten Demoskopen.

Eure Prognosen zur Bundestagswahl würden mich interessieren.

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