„Allerdings gibt es gute Gründe zu vermuten, dass es mit der Prognosefähigkeit der Sozialwissenschaften nicht nur gegenwärtig und zufällig, sondern auch grundsätzlich nicht weit her ist“

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big-Data-Welterklärungsmaschinen sind sie zahlreich zu finden.

Auf dieser Basis leitet man Modelle für wirtschaftliche Entwicklungen ab und provoziert mit einer reduktionistischen Sichtweise die krisenhaften Verwerfungen, die man mit dem wirtschaftswissenschaftlichen Maschinisten-Handwerk eigentlich bekämpfen wollte. Professor Lutz Becker verweist auf den Philosophen und Nationalökonomen Friedrich Albert Lange, der schon 1866 das ideologische Grundgerüst der klassischen Wirtschaftstheorie in Frage stellte. Etwa das Konstrukt der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith.

Es biete keine Lösung gesellschaftlicher Probleme. So schrieb Lange: „Ihm (gemeint ist Adam Smith) war immerhin dieser Markt der Interessen nicht das ganze Leben, sondern nur eine wichtige Seite desselben. Seine Nachfolger jedoch vergaßen die Kehrseite und verwechselten die Regeln des Marktes mit den Regeln des Lebens, ja mit den Grundgesetzen der menschlichen Natur. Dieser Fehler trug übrigens dazu bei, der Volkswirtschaft einen Anstrich von strenger Wissenschaftlichkeit zu geben, indem er eine bedeutende Vereinfachung aller Probleme des Verkehrs mit sich brachte. Diese Vereinfachung besteht nun aber darin, dass die Menschen als rein egoistisch gedacht werden und als Wesen, welche ihre Sonderinteressen mit Vollkommenheit wahrzunehmen wissen, ohne je durch anderweitige Empfindungen gehindert zu werden.“

Der Kapitalismus sei vielleicht deshalb dominant, weil er uns handlungsleitende Konstruktionen von geradezu absurder Trivialität anbietet, so Becker. Dahinter stecke wohl auch ein menschliches Bedürfnis: Man möchte Komplexität mindern – auch wenn nur Scheinlösungen dahinter stecken. „Genau auf diesen evolutorischen Mechanismus scheint eine Ökonomie aufzusetzen, die uns ‚Konstruktion von Wirklichkeit durch Reduktion von Komplexität’ – wie Frank H. Witt es formuliert – anbietet. Ökonomische Konstruktionen sind vor allem triviale Konstruktionen: Damit gelingt es der Ökonomie, die Vielschichtigkeit des sozialen Lebens auf simpelste Algorithmen, auf Zahlungseingänge und -ausgänge, auf Zahlungserwartungen, Zinsfüße und Bilanzen zu reduzieren“, erläutert Becker. 

Und das gilt nicht nur für die wirtschaftswissenschaftliche Disziplin. Auch Informatik und Neurowissenschaften bieten ein ganzes Arsenal für die Vereinfacher von komplexen Systemen an. Wolfgang Streeck spricht von Hightech-Kaffeesatzlesern, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen. Entscheider in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwarten in erster Linie Vorhersagen. Und viele Wissenschaftler und Analysten halten die Fähigkeit zur Prognose für das eigentliche Merkmal einer guten Theorie. „Allerdings gibt es gute Gründe zu vermuten, dass es mit der Prognosefähigkeit der Sozialwissenschaften nicht nur gegenwärtig und zufällig, sondern auch grundsätzlich nicht weit her ist“, so Streeck in einem Beitrag für den Band „Wissenschaftliche Politikberatung“ (Wallstein Verlag). 

Sozialwissenschaftler – besonders die Politikberater in den Wirtschaftsforschungsinstituten – vertreten eine mechanistische Weltsicht, kritisiert Streeck. Sie blenden den Faktor Ungewissheit aus.

„Jede Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse hat es mit Fallzahlen zu tun, die niedriger sind als die Zahl der Faktoren, die als Erklärung in Frage kommen. Damit aber gibt es für jeden gegenwärtigen Zustand unvermeidlich mehr als eine gültige Erklärung, und jeder zukünftige Zustand erscheint als einmaliges Resultat eines einmaligen Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren, als Unikat, für das es keine Normalverteilung gibt und dessen Besonderheiten deshalb nicht auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten reduziert werden können.“

Wenn Menschen den Vereinfachern auf die Spur kommen, passiert allerdings genau das Gegenteil. Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Streeck verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände gelb anstreicht.

„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen wollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.

Die Geltung derartiger Modelle und Theorien könne durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden! Professor Becker verweist auf einen privaten Rat von Niklas Luhmann an den Ingolstädter Didaktiker Jean-Pol Martin:

„Am besten warten Sie vielleicht einfach ab, um wenigstens erleben zu können, wenn es explodiert. Oder anders gesagt: bei hoher Komplexität stellen sich ja im allgemeinen wie von selbst Selektionsmuster ein.“

Nach Ansicht von Streeck sollte man sich wenigstens an den Universitäten von der monokulturellen Gehirnwäsche verabschieden. Es sollte weniger um die Vermittlung von Verfügungswissen für Sozialingenieure gehen. Die menschliche Gesellschaft dürfe man nicht als passives Objekt betrachten. 

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