Digitalkompetenz jenseits der Selfie- Geschwätzigkeit

Vom Komiker W. C. Fields stammt das Bonmot: „Wenn du sie nicht mit Genialität blenden kannst, überwältige sie mit Geschwätz.“ So etwas erleben wir jeden Tag bei Netzthemen. Um die Relevanz von digitaler Technologie für Unternehmen zu erfassen, reicht es aber nicht aus, irgendwelche Influencer-Märchen auf Instagram zu verbreiten. „Corona hat doch gezeigt, wie wichtig Lieferketten, Logistik, 3D-Druck, Industrieprozesse, Elektrifizierung und Automatisierung sind. Dahinter steht schwierige Technik, die sich nicht auf Selfie-Niveau vermitteln lässt. Solche Anwendungen sind leider nicht partytauglich. Zudem haben wir in den klassischen Medien kaum Fachjournalisten, die so etwas gut erklären können oder wollen. Eine rühmliche Ausnahme ist der Tagesspiegel“, sagt Technikjournalist Robert Weber im prmagazin-Interview.

Er verweist auf eine Mahnung von Professor Sepp Hochreiter – ein Vater des Long-short-term-memory-Algorithmus, ohne den Siri, Alexa und Co. stumm wären: „Verehrte Maschinenbauer – vermasselt den Vorsprung im Anlagenbau nicht. Wir sollten uns nicht an Google oder Baidu orientieren, auch wenn das in der Öffentlichkeit sehr attraktiv ist. Wir sollten in Europa, in Deutschland und Österreich unseren Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz im Maschinen- und Anlagenbau legen. Die sprechende Drehmaschine muss unser Ziel sein, nicht ein neues Smartphone.“ Die Ansätze seien da. „Doch wir müssen jetzt handeln, denn in den USA erklären mir die Firmen aus dem Silicon Valley: ‚Das bisschen Engineering kriegen wir hin oder kaufen wir uns dazu.’“

Der Umgang mit Social Web-Diensten ist noch keine Expertise für den digitalen Mittelstand. Das bestätigt Nathalie Kletti von MPDV. Das Unternehmen ist auf Software-Programme für die industrielle Fertigung spezialisiert. Wer hat sich denn in den vergangenen Jahren mit der Entwicklung von Managementsystemen in der Fertigung auseinander gesetzt? Verwalten von Produktionsmitteln in der Zuordnung zu Produkten; Wartungsarbeiten; Erfassen von Produktions- und Produktdaten zur statistischen Auswertung; Materialwirtschaft; Materialkunde; Einsatz von neuen Werkzeugen; Integration von 3D-Druck; Lieferketten-Monitoring und dergleichen mehr. All das kommt höchst selten vor auf Instagram, TikTok, Snapchat, Twitter, Facebook, YouTube oder Twitch.

All das hat aber mit KI und Digitalisierung zu tun und mit den Wissensvorsprüngen, die sich kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland erarbeitet haben – selbst bei der Remotefähikeit der Arbeitsplätze. Auf diesem Feld können die Vereinigten Staaten nicht mithalten. Dort dominieren immer noch Soja, Offshore-Geschäfte in Steueroasen und Lizenzen das Außenwirtschaftsgeschäft. Deshalb zetteln US-Präsidenten Handelskriege mit China an. Viel Blendwerk und Marktschreierei, wenig Wirkung auf die Volkswirtschaft und miserable industrielle Kompetenz.

2 Gedanken zu “Digitalkompetenz jenseits der Selfie- Geschwätzigkeit

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