Schumpeter und der transformative Kampf für das Bessere @MakronomMagazin @foresight_lab @AlexandVerne @EFI_Kommission

Wer sich bei Innovationen auf Joseph Schumpeter beruft, sollte dabei die Arbeiten des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers über die Erosion des Unternehmertums nicht außer Acht lassen. Erste Akzente setzte er bereits in seiner Zeit an der Bonner Universität im Jahr 1929. Etwa im Aufsatz „Unternehmer in der Volkswirtschaft von heute“:

So kritisierte Schumpeter die Mechanisierung und Bürokratisierung in großen Organisationen. Später schrieb er in Anlehnung an Karl Marx über die Folgen der Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Eine Heiligsprechung für kleine und mittelständische Unternehmen ist daraus allerdings nicht abzuleiten, wie es Timur Ergen und Sebastian Kohl in ihrem Makronom-Essay insinuieren:

„Kleine und mittelgroße Unternehmen gelten als agiler, menschlicher und rundherum sauberer als ihre größeren Pendants – und ihre Unterstützung somit als breit akzeptiertes Allheilmittel für die Lösung spätkapitalistischer gesellschaftlicher Probleme. Mit der Realität hat das allerdings nicht viel zu tun.“

Schumpeter sieht sicherlich Tendenzen zur Bürokratie und zu Machtverkrustungen in großen Organisationen. Dafür gibt es ja eine Vielzahl von empirischen Befunden. Wichtiger im Werk von Schumpeter ist jedoch die Identifikation von Typologien und Eigenschaften, um Innovationen hervorzubringen. Ausführlich nachzulesen in meinem Beitrag „Wenn Volkswirtschaften in Routinen ersticken“ für den Band „Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums“, erschienen im Metropolis Verlag.

Letztlich ist es der Urtypus des Schumpeterschen Entrepreneurs, der näher betrachtet werden sollte und nicht die Betriebsgröße eines Unternehmens. Jesko Dahlmann ist dieser Frage in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters“ nachgegangen.

Urtypus für Innovationen

Der von Dahlmann beleuchtete Urtypus ist anti-hedonistisch, Antreiber eines kreativen Kapitalismus, gepaart mit höheren Ambitionen, die nicht dem Diktat des Profits folgen. Solche Persönlichkeiten sind mehr Schöpfer als Zerstörer. „Ihre Innovationen haben ihren Unternehmen den wenig aussichtsreichen Kampf erspart, stets kostengünstiger als die Konkurrenz sein zu müssen, denn ein langfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch neuartige und qualitativ bessere Produkte, neue Produktionstechniken“, schreibt Dahlmann.

Wer sich durch innovatives Wirken einen Vorsprung erarbeitet hat, kann auch seine Belegschaft besser entlohnen. Ein Mensch mit tatkräftiger Vision könne bereits hinreichend sein, um andere mitzuziehen und die Wirtschaftswelt nachhaltig zu verändern. Um das zu erreichen, müsse eine außergewöhnliche Phantasie mit Scharfsinn gepaart sein, um die günstigen Umstände, den passenden Moment und vor allem die richtige Idee zu erkennen. Hinzu kommt Wissen, wie man eine geeignete Idee umsetzt, wozu nicht nur Talent gefordert ist, sondern auch Verstand.

Innovationen im Mikromanagement

Dazu zählen tiefe Erkenntnisse über den Gegenstand des Anwendungsgebietes. Ein ehemaliger Google-Manager sah das bei Amazon als riesigen Vorteil gegenüber dem eigenen Unternehmen: „Jeff Bezos ist ein berühmt-berüchtigter Mikro-Manager. Er ist zuständig für das Mikro-Management jedes einzelnen Pixels von Amazons gewerblicher Website.“ Google+ war ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt habe. Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung bis zur untersten Unternehmensebene der Arbeiter. „Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: ‚Essen Sie Ihr eigenes Hundefutter'“, so die Feststellung von Steve Yegge. 

Wer Kombinationen für das Neue zur Entfaltung bringen will, braucht dafür auch die technologische Kompetenz. Das gilt für Software, Hardware, für Plattformen und auch für Websites.

Um auf neue Ideen zu kommen, sind Klugheitsstrategien relevant. Darauf verweist Lars Immerthal auf der Next Economy Open.

Etwa die von meinem Lieblingsphilosophen Michel Serres dargestellte Kunst des Umherschweifens, die Randonnée.

„Interessanterweise lässt sich dieses Konzept in dem Geschäftsbericht von Amazon unter dem Begriff des ‚Wandering‘ entdecken“, so Immerthal:

„Sometimes (often actually) in business, you do know where you’re going, and when you do, you can be efficient. Put in place a plan and execute. In contrast, wandering in business ist not efficient…but it’s also not random. It’s guided – by hunch, gut, intuition, curiosity, and powered by a deep conviction that dthe prize for customers i big enough that it’s worth being a little messy an tangential to find our way there. Wandering ist an essential counter-balance to efficiency. You need to employ both. The outsized discoveries – the non-linear ones – are highly to require wandering.“

Und dieses Umherschweifen könne auch beim Finden und Erfinden von Neuem äußerst hilfreich sein, so Immerthal. Das gesamte Ökosystem sei dann aber für Tauglichkeitsprüfungen zuständig. Wie soll das aber gelingen, wenn man nicht das eigene Hundefutter kennt und verspeist. Soweit eine kleine Randnotiz. Lars Immerthal hat das übrigens ausführlich in der Sondernummer von Hohe Luft „Metanoia 2.0“ thematisiert.

Das Zerstörerische zerstören

Professor Reinhard Pfriem bringt Neugründungen ins Spiel, die die Welt wirklich besser machen. Nicht nur marktschreierisch, wie es Google & Co. im Gebetsmühlen-Jargon betonen. Pfriem setzt auf Social und Sustainable Entrepreneurship. Transformative Unternehmen sollten nicht-nachhaltiges Wirtschaften aus der Welt schaffen. „Das Zerstörerische muss zerstört werden, bessere additive Technologien reichen nicht aus“, kritisiert Pfriem. Diesem transformativen Kampf sollte sich auch die Agentur für Sprunginnovationen stellen.

Schließlich beruht die Schumpetersche Innovationstheorie nicht nur auf Technologie. Darauf verweist Immerthal. Die Arbeiten von Schumpeter seien tief in der europäischen Kultur verwurzelt. 

„Wer bei Schumpeter danach fragt, wird beispielsweise Nietzsche, Hölderlin oder Hegel finden, wenn er/sie sich mit der schöpferischen Zerstörung oder Kondratjew Zyklen auseinandersetzt. Also Philosophie und Literatur als Referenz. Der Begriff Disruption, so wie ihn Christensen nutzt, führt diese Fähigkeit nicht mit sich und fällt hinter Schumpeters Begriff der Innovation sogar zurück. Wenn wir also Träume, Poesie und Kunst als Basis unserer Imagination begreifen, dann kann etwas Wunderbares daraus entstehen. Sowohl theoretisch als auch ganz praktisch.“ Wir haben diese Form des Denkens, Handelns und Kommunizierens schon lange in unserer Kultur. 

„Und noch nie war die Gelegenheit und auch die Notwendigkeit größer, Mathe und Poesie, KI und Philosophie oder Open Source und soziale Verantwortung zusammen zu denken“, resümiert der Schumpeter-Forscher Immerthal.

Und nicht vergessen: Die großen Entdeckungen – die nicht-linearen – erfordern in hohem Maße das Umherschweifen. Das gilt für kleine und für große Organisationen. Heiligsprechungen von KMUs oder Konzernen helfen da nicht weiter.

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