Wie viel New Work steckt wirklich in der New Work-Szene? #Wirtschaftsethik #Macht #Unternehmen #Digitreff #Bonn

Aus dem Haufe-Band „Organisationsrebellen: Störenfriede, Hofnarren oder Treiber der Veränderung?“

Nachbetrachtung zu einer legendären Digitreff-Debatte in Bonn vor rund drei Jahren.

Cem Aslan hat die Disputation sehr schön auf den Punkt gebracht: Als Legitimationsgrundlage für das neue Geschäftsfeld #NewWork dienen neben den „Naturereignissen“ Digitalisierung, Industrie 4.0 und Automatisierung, der Neusprech von der human-/mitarbeiterzentrierten Unternehmensorganisation als ganzheitliche Transformation. Als wenn es wirklich um die Interessen der Arbeitenden gehen würde. Keine Frage, sollte als Abfallprodukt des aktuell gehypten Heilversprechens den arbeitenden Individuen mehr Freiraum, Selbstbestimmung und Autonomie einräumen, wäre dies zu begrüßen. Doch das wird nicht passieren, genauso wenig wie das Internet automatisch mehr Partizipation und Transparenz für die Bürger_innen gebracht hat. Ein Diskurs ohne Berücksichtigung der strukturellen Macht- und Herrschaftsstrukturen ist nichts Anderes als Ideologie. 

Mit dabei:

Tijen Onaran; Guido Bosbach; Ute Schulze; Johanna Schäfer; Franz-Peter Staudt; Dr. Nicolai Kranz. Moderiert wurde der Abend von Inga Ketels.

Den Zusammenschnitt findet Ihr auch auf LinkedIn.

Die Aufzeichnung der kompletten Runde findet Ihr auf Facebook.

Meine Position: Ausgeblendet wird in den New Work-Diskursen häufig die machtpolitische Komponente (nicht so beim Bonner Digitreff) – das gilt für Management-Plaudereien und das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaft. Das ist politisch naiv oder geht eben nicht genau den Schritt, den man benötigt, um den Kreisverkehr der Deutschland AG zu durchbrechen. Ich sehe mich nicht als Robin Wood oder gar als Stellvertreter für geschundene Seelen. Das wäre anmaßend. In meinen Recherchen lasse ich mich allerdings auch nicht blenden von Absichtserklärungen, sondern ich schaue hinter die Kulissen, wie bei meinen Berichten über Rorsted und Co., meinen Enthüllungen über Machenschaften der Firmenjäger (ARD-Film) oder den Interviews mit Protagonisten, die einen Einblick in die Mechanik der Psychopathen-Systeme gewähren, wo die Karrieren beim Pinkeln beschlossen werden. Gleiches gilt für Irrlehren der Ökonomik, die auf Maximierung ausgerichtet sind und sich hinter einem Schleier von „Naturgesetzen“ verstecken.

Folgt man dem New Work-Ansatz von Frithjof Bergmann, dann geht es vor allem um Autarkie und selbstbestimmtes Arbeiten. Das sagte er mir in einem Bonner Kamingespräch vor ein paar Jahren:

Die gute alte Zeit der industriellen Massenproduktion und damit auch die Zeit der Großkonzerne sei vorbei oder gehe ihrem Ende entgegen. Die Tendenz gehe hin zu dezentraler Produktion. Selbst Großkonzerne, so Bergmann, hätten erkannt, dass es sinnvoll ist, bestimmte Produktionsabläufe und Dienstleistungen an kleine Anbieter auszugliedern.

Das Ziel, welches er auch in seinem Opus „Neue Arbeit, neue Kultur“ vertritt, ist das „fröhliche und humane Leben“. Bergmann schwebt die dezentrale Produktion von Schuhen, Kleidung, Espressokochern und Autos in kleinen „Produktionsgenossenschaften“ selbst in den westlichen Industrieländern vor. Klingt utopisch und gelingt nur mit vielen neuen Unternehmensgründungen.

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