Über die liebwertesten Gichtlinge der Esoterik: Es gibt sie wieder, meine Gichtlingskolumne

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur in seinem Sinn. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen. Auch heute noch.

Irgendwie fehlt mir die Liebwerteste Gichtlings-Kolumne, die ich über einen sehr langen Zeitraum für das Debattenmagazin „The European“ geschrieben habe. Der eine oder andere Abonnent von ichsagmal.com wird sich vielleicht erinnern. Mit dem Eigentümer-Wechsel ist ja dann die Mehrzahl der Kolumnisten abgehauen. Ich zählte zu den Flüchtlingen.

Auf ichsagmal.com werde ich diese Kolumne einfach wieder aufleben lassen. Immer am Montag nach dem Motto:

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik brauchen eine neue Innovationskultur in seinem Sinn. Wir brauchen freche Spinner, die für frischen Wind sorgen. Auch heute noch.

Warum sind liebwertesten Gichtlinge der Esoterik so anfällig für Verschwörungs-Schwurbeleien, totalitäre Ideologien und Sündenbock-Denunziantentum? Der Hauptgrund liegt wohl in der Esoterik: Der Abtrennung von Ursache und Wirkung sowie die Sehnsucht nach einer Vereinfachung der Welt. Für alles muss es doch einen Grund geben. Warum gibt es Erdbeben oder Vulkanismus? Sind das alles Symptome des Niedergangs der Menschheit oder schlichtweg chaotisch verlaufende Phänomene, ohne die eine Entstehung der Erde gar nicht möglich gewesen wäre. Evangelikale Extremisten ballerten mir schon das Alte Testament an den Schädel, weil ich allzu beflissen meine Erkenntnisse aus dem Leistungskurs Biologie zum Besten gab. Wer Monokausalität in Frage stellt, wird von den Vereinfachern sofort mit Verdächtigungen überzogen. Es sind immer irgendwelche abstrakten Interessen der Allgemeinheit, des „Volkes“, einer Gruppe oder von Grüppchen, die unter dem Joch eines vernetzten und undurchsichtigen Syndikats leiden. Erinnert sei an die Kampfschriften von Mathilde Ludendorff, Ehefrau des prominenten Generals Erich Ludendorff.

Sie rührt Freimaurer, Illuminaten, Juden und Jesuiten zu einem antideutschen Verschwörungsbrei zusammen und pfeift auf jegliche Sachkenntnis in historischen Fragen. Zu den diversen Geheimbünden gesellen sich in wildem Anachronismus auch noch Kommunisten, also die 1917 gegründete russische Staatssicherheit namens Tscheka. Nachzulesen bei Markus Wallenborn über Verschwörungstheorien zu Goethe und Schiller.  Die absurden Thesen von Frau Ludendorff über die angebliche Ermordung Friedrich Schillers stießen auf so starken Anklang, dass sich die Weimarer Goethe-Gesellschaft genötigt sah, sämtliche Quellen zu Schillers Tod zwecks Gegendarstellung zu prüfen. 

Bis heute sind die Texte der Generalsgattin in den sumpfigen Niederungen der völkischen und nationalistischen Publizistik verfügbar. Seit dem es Möglichkeiten der mechanischen Reproduzierbarkeit gibt, wimmelt es von Falschmeldungen, undurchsichtigen Verdächtigungen und Scheinwahrheiten. Die Geschwindigkeit und Exaktheit digitaler Reproduktions-Technologien wirkt dabei nur als Teilchenbeschleuniger eines alten Phänomens. Es geht um die Formierung von Gesinnungsgemeinschaften, in denen kein Platz ist für empirische Evidenz, für politische Regeln und checks and balances. Die Gläubigen einer neo-esoterischen Bewegung von Querdenker bis Impfgegner  bewegen sich nahe am politischen Okkultismus des Dritten Reiches: Man distanziert sich von der strikt analytischen Perspektive, die für die „alte“ Wissenschaft kennzeichnend sei. Man operiert mit Verdächtigungen und Fundamentalkritik. 

Sachdebatten, Primärquellen, nachvollziehbare Daten, Fakten-Check oder gar ein Wettbewerb der politischen Ideen stören die Vereinfacher. Führerkult, die Sehnsucht nach der ultimativen sowie endgültigen Entscheidungsschlacht, der Ernstfall, die systemzerstörende Krise und die darauf folgende Erlösungsideologie werden von Crash-Propheten ersehnt, nicht das Bohren dicker Bretter, offene Debatten oder rechtsstaatliche Verfahren. 

Meinen Großvater haben sie für diese „heilige“ Idee der Volksgemeinschaft im KZ verhungern lassen. Ohne medizinische Versorgung ist er vor dem Abtransport nach Auschwitz an den Folgen eines barbarischen Kerker-Regimes zu Grunde gegangen. Eine unheilige Allianz von barfüssigen Propheten und extremistischen Verführern demontierte die Weimarer Verfassung. Deshalb schufen die Mütter und Väter des Grundgesetzes ein robustes System gegen Heilslehren jeglicher Coleur. Als Kind der Bundesrepublik verteidige ich diese freiheitlich-demokratische Grundordnung. Nicht fürs Vaterland, sondern für meinen Vater und für meinen Großvater. 

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