Kukident-TV vor dem Aus und Texte in der Defensive: Cross-Over-Konzepte gefragt

Spontane Kulturberichterstattung in München – Ein kleines Studio ist schnell aufbaut. Auch am Kellereingang.


Nach der ARD-ZDF-Studie über die Trends der Massenkommunikation sind die treuesten und intensivsten Fernsehnutzer die über 70-Jährigen: Ein ehemaliger Intendant eines privaten TV-Anbieters bezeichnete diesen Status quo vor Jahren als Kukident-Syndrom des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. So ganz Unrecht hat er nicht.

Bei den 50- bis 69-Jährigen fällt die lineare Fernsehnutzung kaum geringer aus. Netflix, YouTube und Co. verbleiben in diesem Alterssegment bei einer Tagesreichweite von 10 Prozent. Mediatheken bewegen sich mit 3 Prozent auf einem ähnlichen Niveau wie selbst aufgenommene TV-Sendungen und tragen, da viele TV-Konsumenten am selben Tag auch linear fernsehen, nur marginal zur Vergrößerung der Tagesreichweite von Fernsehinhalten bei.

Von diesen Nutzungsmustern unterscheiden sich Menschen unter 50 Jahren deutlich: Nach wie vor werden 80 Prozent der 30- bis 49-Jährigen pro Tag mit Bewegtbildern erreicht – die Bedeutung des Live-Fernsehens nimmt aber von Jahr zu Jahr ab: Aktuell wird nur noch etwas mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe mit dem linearen Fernsehprogramm erreicht.

Der schleichende Rückgang der Tagesreichweite aller Fernsehinhalte wird nicht gestoppt. Die großen Gewinner bei der Verschiebung der Sehgewohnheiten sind Streamingdienste wie Netflix und Amazon, die ihre Tagesreichweite in dieser Altersgruppe innerhalb eines Jahres erheblich ausbauen konnten: Mit 23 Prozent liegen sie 8 Prozentpunkte über dem Wert des Vorjahres.

Bei den unter 30-Jährigen öffnet sich die Schere zwischen TV-Inhalten und den weiteren Angeboten im Internet viel weiter: 2019 hatten Videos und Filme aus dem Netz bereits eine höhere Tagesreichweite als das Fernsehen – inklusive der Mediatheken. Die Reichweite des Fernsehens sinkt um 7 Prozentpunkte auf 38 Prozent – gleichzeitig vergrößert sich die Tagesreichweite der Streamingdienste, YouTube und anderer Video Angebote im Netz um 12 Prozentpunkte auf 63 Prozent. Mit dem linearen Fernsehen wird nur noch jeder dritte unter 30- Jährige erreicht.

Auch das Lesen von Texten erzielt immer geringere Tagesreichweiten. Besonders bedauerlich für Verleger: Die Nutzung von gedruckten Zeitschriften und Zeitungen nimmt in allen Altersgruppen kontinuierlich ab: Sie sinkt von 24 auf 22 Prozent Tagesreichweite. Das Lesen von Zeitschriften und Zeitungen hat abgenommen auf aktuell noch 13 Prozent Tagesreichweite.

Das lässt auch bei Tageszeitungen ablesen:

Die verkaufte Auflage erzielte 1991 noch einen Wert von 27,3 Millionen Exemplaren. In 30 Jahren schrumpfte das auf 12,5 Millionen.

Aber auch digitale Texte verzeichnen Rückgänge von 25 auf 21 Prozent Tagesreichweite, vor allem bedingt durch die geringere Nutzung von Artikeln im Social Web. Gleiches gilt für die unter 30-Jährigen, bei denen die Reichweite von redaktionell erstellten Social-MediaI-Inhalten von 20 auf 16 Prozent abgenommen hat.

Die Ursachen nach Auffassung der Studienautoren?

Neben den Anpassungen bei Facebook zugunsten nicht-nachrichtlicher Inhalte dürfte auch eine Rolle spielen, dass redaktionelle Inhalte häufig nicht mehr als reine Text-, Bild- oder Video-Formate angeboten und rezipiert werden, sondern vielmehr in einer Kombination dieser Darstellungsformen – deshalb sind Cross-Over-Konzepte so wichtig!

Außerdem kann es Ausdruck einer stärkeren Nutzung von Video- und Bildinhalten sein, getrieben insbesondere durch Instagram und einhergehend mit einer geringeren Bedeutung von Inhalten in Schriftform. Die ebenfalls rückläufigen Reichweiten von digitalen Artikeln von Zeitschriften und Apps (von 12 auf 6%) führt in der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen insgesamt zu einer gesunken Reichweite bei Internet-basierten Texten von 32 auf 25 Prozent. Da können die Verlage noch so viele Plus Abo-Angebote ins Netz drücken. So etwas hat keine Zukunft.

Damit das keine Textwüste bleibt, folgen dazu noch Video-Runden, um neue Konzepte zu entwickeln.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Welche Auswirkungen das auf die öffentliche Meinung und die politische Willensbildung hat, erörtere ich in einem anderen Beitrag – Cross-Over.

Siehe auch:

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