#NextAct2020 Kamingespräch mit @ute_cohen – Neue Diskursfähigkeit vonnöten @winfriedfelser

Vor der großen Cocktail-Runde ab 20 Uhr gibt es auf der #NextAct2020 noch ein Kamingespräch mit Ute Cohen über die Notwendigkeit einer neuen Diskursfähigkeit im Social Web. Zu diesem Thema hatte ich im Sommer ein paar Zeilen beigesteuert in meiner Kolumne „Netzgedanken“ fürs prmagazin. Passt ganz gut zum Abendtalk mit Ute:

Objektivität und Pluralismus gelten in politischen Debatten wohl nicht mehr als oberste Ziele. In klassischen Medien und im Social Web ist ein Hang zur Gesinnungskommunikation wahrzunehmen.

„Nur was ‚wahr‘ ist, soll verbreitet werden. Allerdings wollen die jüngeren Kollegen selbst bestimmen, was Wahrheit ist. Das hat gefährliche Züge“, kritisiert Jacob Heilbrunn, Chefredakteur des Debattenmagazins „ The National Interest“ , im Interview mit dem Tagesspiegel.

Möchte man neue Themen aufspüren oder lieber missionarischen Eifer an den Tag legen? Das untersuchte vor 35 Jahren die heutige Allensbach-Chefin Renate Köcher in ihrer Dissertation an der Uni München unter dem Titel „Spürhund und Missionar“. Es geht dabei um eine vergleichende Untersuchung über die Berufsethik und das Aufgabenverständnis im britischen und deutschen Journalismus.

Ableitungen sind aber auch für Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in unseren Tagen sehr interessant. In öffentlichen Auseinandersetzungen ging und geht es in Deutschland nicht in erster Linie um einen Pro-und-Contra-Diskurs mit anschließender
Meinungsbildung: Es dominiert die Parteinahme. Schon direkt nach
Aufhebung der staatlichen Zensurbestimmungen 1848 entwickelte
sich die deutsche Presse zu einer auf die Beeinflussung und
Lenkung der allgemeinen Urteilsbildung bedachten
Meinungsmaschinerie.

Die publizistischen Organe verstanden sich nicht in erster Linie als Informationsübermittler, sondern als engagierte Verfechter politischer und weltanschaulicher Positionen. Das Selbstverständnis als Bannerträger politischer Positionen ließ Bemühungen um Objektivität und zurückhaltenden Skeptizismus kaum zu.

Die reine Meinungsäußerung stand im Vordergrund und nicht so sehr die Mitteilung von Tatsachen. Die Konsequenzen sind heute im Social Web jeden Tag zu beobachten: Die nüchterne oder sachliche Nachricht wird wenig geschätzt. Differenzierte Recherchen und die Untermauerung von Argumenten durch Fakten genießen weniger Anerkennung als Gesinnungsgesänge.

Die Folgen sind gravierend: Fakten stören eher den missionarischen Eifer. Die Versuchung ist also groß, nicht nur die Recherche und Faktenvermittlung zu vernachlässigen, sondern sie nur selektiv zur Unterstützung der eigenen Linie einzusetzen. Klagen über verzerrende Berichterstattung, die die Nachricht bewusst nur zur Stützung des eigenen Standpunkts einsetzt, sind seit dem 19. Jahrhundert ein Dauerbrenner in der Öffentlichkeit.

„In Deutschland wird die Nachricht in ungeheuer vielen Fällen nur veröffentlicht, um ein Urteil zu stützen; sie wird für einen politischen Zweck ausgespielt und zu diesem Zweck sehr häufig vergewaltigt“, klagte Wilhelm Schwedler, Chefredakteur der Nachrichtenagentur Transocean im Jahr 1927. Die Schwelle zu Fake News überschreitet man da sehr schnell.

In England stand ein anderes Ideal im Vordergrund. Man baute auf die Urteilskraft des Individuums. Jeder sollte sein eigenes Urteil bilden können durch freie Zugangschancen zu allen Informationen und Meinungen. Die Werke „Areopagitica“ von John Milton und „On Liberty“ von John Stuart Mill seien eindrucksvolle Deklarationen wider jede geistige Bevormundung; „ihre Überzeugung, dass für die Meinungsbildung der Gegensatz der Standpunkte wichtig, die falscheste und minderwertigste Ansicht zu kennen genauso notwendig sei wie die zutreffendste, wertvollste Einschätzung, entzieht einem einseitig selektierenden Journalismus die Begründung“, schreibt Köcher in ihrer Dissertation.

Für erzieherische Exkurse und stellvertretende Urteile ist da kein Platz. Gesinnungsbekundungen vertiefen die Gräben und stärken die radikalen politischen Kräfte. Mehr Gelassenheit im Geiste von Milton und Mill in der Netzkommunikation wäre wünschbar.

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